Jurastudium, wie geht das eigentlich genau? – Die Vermessung des Jurastudiums

Wie man ein Jurist wird? – Ganz einfach! Als Jurastudent durch ein Jurastudium!

Klingt so banal und ist doch leider komplizierter als manch einer es sich wünschen würde! Lesen Sie sich deshalb diesen Beitrag gewissenhaft durch! Es lohnt! Um Jurist zu werden, bedarf es eines langen Atems. Die meisten Jurastudenten wissen, warum sie die Juristerei gewählt haben. Meist deshalb, weil die breit angelegte Juraausbildung zum „Einheitsjuristen“ formal den Zugang zu allen volljuristischen Berufen in dem geschilderten weiten Berufsfeld des vorangegangenen Beitrags eröffnet. Was sie nicht wissen, ist erstens, wie das Studium genau abläuft, und zweitens, dass für die meisten Absolventen die Examensurkunde mit ihrer Endnote eine Marke ohne Wert ist, wenn man nicht zu den Besten gehört. Zur Ehrlichkeit gehört der Anfangsschock: Von 100 Examinierten fallen 30 durch! Von den restlichen 70 geht einer nur zur Justiz als Richter oder Staatsanwalt, sechs zur staatlichen Verwaltung, elf in die Wirtschaft. Zweiundfünfzig werden Anwalt. Für 75 % der Absolventen bleibt der Weg in die Rechtsanwaltschaft als einzige Chance zum Aufbau einer beruflichen Existenz. Hier ist eine dramatische Steigerung festzustellen. In Deutschland sind mehr als 160.000 Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen zugelassen, weit mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1999.

Ihr Ziel ist es, „Jura“ zu studieren und zu den Besten zu gehören. Moderne Gesellschaften brauchen generell Institutionen, die als Teil eines komplexen Ausbildungssystems amtliche Bescheinigungen, also Zertifikate, über die Qualifikation klassischer Professionen ausstellen, die den Berufszugang an akademische Fähigkeiten und Fertigkeiten anknüpfen. Das sind die Universitäten. Die Universitäten gibt es seit dem 13. Jahrhundert, aber erst seit ungefähr 200 Jahren sind sie für die Berufskompetenz wichtiger Träger der gesellschaftlich notwendigen Funktionssysteme zuständig: Sie bilden traditionell für Lehre und Forschung Wissenschaftler aus, unterrichten Lehrpersonal für das Bildungssystem, Ärzte und Apotheker für das Gesundheitssystem, Betriebs- und Volkswirte für die Wirtschaft, Theologen für die Kirchen und eben an den juristischen Fakultäten uns Juristen.

Antworten auf die Frage „Wie wird man ein Jurist?“ finden Sie zum Teil in bundesrechtlichen, landesrechtlichen und hochschuleigenen Normen. Generell regelt das Bundesrecht mit seinem sehr allgemein gehaltenen Deutschen Richter Gesetz (DRiG) die Juraausbildung. Spezieller sind die Landesgesetzgeber mit ihren Ausführungsgesetzen zum DRiG in Form von Juristenausbildungsgesetzen oder Juristenausbildungsordnungen. Ganz speziell regeln die Satzungen Ihrer Universität das Studium und die Prüfungen im Detail. Diese Satzungen nennt man: Studienordnungen, Zwischenprüfungsordnungen, Prüfungsordnungen.

Aufgrund der Vorgaben des DRiG ähnelt sich die Ausbildung in allen Bundesländern irgendwie. – Wer „klassischer“ Jurist werden möchte, muss danach die „Befähigung zum Richteramt“ erwerben, auch dann, wenn er für sich ausschließt, jemals Richter werden zu wollen, sondern vielleicht viel lieber Rechtsanwalt werden will. Erworben wird diese „Befähigung zum Richteramt“ heute noch in einer komplizierten Studienarchitektur als zweistufige Juristenausbildung, die über Jahrhunderte tradiert ist und auffällig stabil und robust geblieben ist.

Ein realitätsnahes Studienbild vom Jurastudium zeigt ein stark reglementiertes und durchstrukturiertes Studium. Wie gesagt, den Rahmen steckt das Deutsche Richtergesetz ab, welches für diese „Befähigung zum Richteramt“ ein (mindestens) vierjähriges Universitätsstudium sowie eine daran anschließende zweijährige Referendarzeit vorschreibt (§§ 5, 5a DRiG). Also:

I. Phase: Das Universitätsstudium (theoretische Ausbildung)

Lassen Sie mich wegen der Wichtigkeit seines Gehalts den Kerngedanken der juristischen Ausbildung wiederholen! „Die Bewerber sollen in der Prüfung zeigen, dass sie das Recht mit Verständnis erfassen und anwenden können und über die hierzu erforderlichen Kenntnisse in den Pflichtfächern verfügen.“ – So heißt es in allen juristischen Prüfungsordnungen der Länder und menetekelhaft aus Dozentenmündern. Muss man das verstehen? – Das gesamte „Recht“? – Ist das alles überhaupt „studierbar“? – „Verständnis?“ – „erfassen und anwenden?“ – „erforderliche Kenntnisse?“ – „Pflichtfächer?“

Die juristischen Fakultäten mit ihren Professoren sehen das so! Sie sehen die Studierbarkeit der „Rechtswissenschaften“ ganz überwiegend ausschließlich durch das Medium ihrer schriftlich verfassten Curricula, diese wiederum verfasst aufgrund gesetzlicher Vorgaben. Für sie ist, was in den Studien- und Prüfungsordnungen verzeichnet ist, „real“. Es gibt aber keine „reale“ Studierbarkeit auf dem Papier. Nein, diese Inhaltsvorgaben sind einfach nicht studierbar!

Aber langsam! Um was geht es genau?

Gegenstände des Universitätsstudiums sind:
die Pflichtfächer, das sind die, die in der Staatsprüfung abverlangt werden, und
die Schwerpunktbereiche, das sind die, die in der Universitätsprüfung verlangt werden.
Daneben sollen Ihnen die Kenntnisse der rechtsberatenden Berufe, sprich Anwaltschaft, vermittelt werden, § 5a Abs. 1 S. 1 DRiG.
Weiterhin sollen Sie mit den Schlüsselqualifikationen vertraut gemacht werden, welche allen juristischen Professionen gemeinsam sind und die sämtlich etwas mit Kommunikationskompetenz zu tun haben, § 5a Abs. 3 DRiG.
§ 5 a Abs. 3 Deutsches Richtergesetz lautet dazu: Die Inhalte des Studiums berücksichtigen die rechtsprechende, verwaltende und rechtsberatende Praxis einschließlich der hierfür erforderlichen Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsmanagement, Gesprächsführung, Rhetorik, Streitschlichtung, Mediation, Vernehmungslehre und Kommunikationsfähigkeit. Während der vorlesungsfreien Zeit finden praktische Studienzeiten von insgesamt mindestens drei Monaten Dauer statt. Das Landesrecht kann bestimmen, dass die praktische Studienzeit bei einer Stelle und zusammenhängend stattfindet.
Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? – Und wo soll das alles von wem, wann, wie vermittelt werden? Zu welcher Vorlesung und bei welcher Gelegenheit baut welcher Professor in welchem Fach solche Inhalte und Fähigkeiten ein und auf, von denen er selbst gar nicht so genau weiß, was damit gemeint ist? Leider typisch: Wenn es ernst wird, schweigt sowohl der Gesetzgeber als auch der Professor

Vorweg: An den juristischen Fakultäten der Universitäten werden die Voraussetzungen für die „Zulassung zur Ersten Juristischen Prüfung“ unterschiedlich beschrieben. Fast jede Fakultät macht es anders, nur der „Pool“ ist identisch: Er besteht aus Leistungsnachweisen in Form von „Scheinen“ und „Nachweisen“ und vorgeschriebenen „Veranstaltungsformen“. Scheine sind die Bestätigung der Teilnahme durch einen benoteten Leistungsnachweis in Form von Klausuren, Hausarbeiten oder Referaten. Nachweise sind lediglich Belege über die Teilnahme:
Scheine aus den Übungen für Anfänger, manchmal ersetzt durch Vorlesungsabschlussklausuren
Scheine aus den Übungen für Fortgeschrittene
Nachweis einer Zwischenprüfung
Scheine aus den Grundlagenfächern
Seminarscheine
Scheine aus den Lehrveranstaltungen zur Vermittlung der Schlüsselqualifikationen
Scheine aus fremdsprachlichen Veranstaltungen
Nachweis praktischer Studienzeiten

Die Veranstaltungsformen dafür sind:
Vorlesungen: Es handelt sich um systematische, meist monologische Darlegungen des Stoffes durch Professoren und Dozenten.
Arbeitsgemeinschaften: Das sind im Idealfall gutachtliche Fallbearbeitungen. Tutoring, Monitoring, Mentoring finden hier leider kaum statt.
Übungen: Hier werden die für das Examen notwendigen Scheine im „Do-it-yourself-Verfahren“ erworben. (Nicht an allen Unis mehr üblich)
Seminare (seminarium, lat.: Pflanzschule): Hier begegnet man der Wissenschaft im Schwerpunktstudium unter vertiefender selbstständiger Erörterung juristischer Problemstellungen meist in Form von Hausarbeiten und Referaten.

Zu Beginn des Studiums ist es für Sie äußerst schwer, einen entsprechenden Überblick darüber zu gewinnen, was man wann wofür an Prüfungsstoff lernen muss. Ein Blick ins Gesetz, der ja manchmal klärend wirken soll, genügt leider auch hier nicht, da die Prüfungsfächer nur stichwortartig, manchmal zu detailverliebt, benannt werden und folglich keine Rückschlüsse auf Stoffumfang und Schwerpunkte für Sie zulassen.

Werden wir genauer! Das Universitätsstudium gliedert sich „offiziell“ in das Grundstudium (1.) und das Hauptstudium (2.). Beide sind jeweils auf vier Semester angelegt.

Versuchen wir es zunächst mit zwei Diagrammen: Wie ist mein Studium aufgebaut? – Welche Leistungsnachweise müssen von mir wann erbracht werden? – Welchem Semester ordne ich welche Rechtsgebiete zu?

1. Diagramm

 

1. Das Grundstudium – 1. bis 4. Semester
Es führt in die bis ins Examen tragenden Pflichtfächer Zivilrecht, Verfassungs- und Verwaltungsrecht sowie Strafrecht ein, wobei auch die internationalen, wirtschaftlichen und politischen Bezüge des Rechts berücksichtigt werden sollten (sic!). Das Grundstudium umfasst normalerweise eine Dauer von 4 Semestern (Regelstudienzeit). In dieser Zeit sollten Sie die für den Nachweis der Zwischenprüfung erforderlichen Studienleistungen erbringen. Dazu müssen Sie:
eine Arbeitsgemeinschaft regelmäßig besuchen,
15 Klausuren schreiben und bestehen
zwei Hausarbeiten anfertigen und bestehen
und alles mit mindestens 4 (ausreichend untere Grenze) Punkten bewältigen. Dann haben Sie die Zwischenprüfung geschafft! Ihr Nachweis ist ausdrücklich Zulassungsvoraussetzung zu Ihrem Examen.

Die folgende Tabelle gibt Ihnen eine Übersicht über die Fächer und die Anzahl der zu erbringenden Scheine für die Zwischenprüfung nach dem Grundstudium:

 

Bitte beachten Sie die Anmeldungsformalitäten zu Klausuren: Sie müssen sich online anmelden. Ansonsten können Sie die Klausur nicht mitschreiben. Erscheinen Sie zu einer angemeldeten Klausur nicht, wird diese mit 0 Punkten bewertet! Daher überlegen Sie sich gut, zu welchen Klausuren Sie sich anmelden (eine An- bzw. Abmeldung ist bis 7 Tage vor dem Klausurtermin online möglich). Bei Problemen können Sie sich an das Prüfungsamt wenden. Die Klausuren sind nicht uneingeschränkt wiederholbar! Die Anzahl der Versuche berechnet sich wie folgt: „Anzahl der erforderlichen Klausuren in dem jeweiligen Bereich x 2 + 1“.
Dazu ein kleines Rechenbeispiel: Im „Bürgerlichen Recht“ müssen Sie insgesamt 4 Klausuren bestehen. 4 x 2 + 1 = 9, d.h. Sie haben in diesem Bereich 9 Versuche, um die erforderliche Anzahl an Abschlusstests zu bestehen. Sollten Sie die erforderliche Anzahl an bestandenen Klausuren nicht erreicht haben, werden Sie exmatrikuliert, d.h. Sie können deutschlandweit keinen Abschluss mehr in Jura erwerben.

2. Das Hauptstudium – 5. bis 8. Semester

Das Hauptstudium beginnt, nachdem Sie die Zwischenprüfung bestanden haben. Es gliedert sich erstens in das Pflichtfachbereichsstudium und zweitens das Schwerpunktbereichsstudium.

  • Erstens: Das Pflichtfachbereichsstudium

Die Wiederholbarkeit im Pflichtfachteil: Die große Hausarbeit und die Übungen sind frei wiederholbar. Für die Klausur in den Grundlagen des Rechts II haben Sie drei Versuche.

  • Zweitens: Das Schwerpunktbereichsstudium

Vorlesungen aus einem gewählten Schwerpunktbereich der Fakultät
Sie müssen Kern- und Wahlbereichsvorlesungen besuchen, in welche Ihr Schwerpunktbereich geteilt ist.
Nachweis von insgesamt 16 SWS (Semesterwochenstunden) im gesamten Schwerpunktstudium

Die Wiederholbarkeit im Schwerpunktstudium: Die Schwerpunktseminararbeit muss mit mindestens 4 Punkten („ausreichend untere Grenze“) bewertet worden sein; bei Nichtbestehen gibt es eine Wiederholungsmöglichkeit. Für die Schwerpunktklausuren hat man 6 Versuche, zwei müssen mit mindestens „ausreichend“ bestanden sein, mindestens eine davon im Kernbereich.

Nach der Änderung des Deutschen Richtergesetzes aus dem Jahre 2002 hat dieser Ausbildungsabschnitt mit mindestens 16 SWS im Jurastudium
das Ziel, den Studenten möglichst früh die Möglichkeit zu geben, sich auf einem juristischen Gebiet zu spezialisieren,
den Sinn, eine frühzeitige Berufsorientierung zu ermöglichen und die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten zu vertiefen, ist also eine berufsbezogene wissenschaftliche Ergänzung der Pflichtfächer,
und die Absicht, den Universitäten verstärkte Verantwortung zu übertragen (30 % des Examens), ihnen die Möglichkeit der Profilierung in Spezialmaterien zu geben und ihre internationale Orientierung auch durch Einwerbung ausländischer Studenten zu stärken.

Es ist sicher von Vorteil, wenn der Student sich frühzeitig über seine juristischen Neigungen im Klaren ist und sich gezielt für bestimmte Fachgebiete qualifiziert. Hierzu bildet das Schwerpunktstudium die erste, aber keinesfalls die letzte Gelegenheit. Es erfolgt ab dem fünften Semester und wird mit dem universitären Teil (Universitätsprüfung) der Ersten Juristischen Prüfung (1. Examen) abgeschlossen. Mit 30 % fließt es in die Gesamtnote ein und ist von Universität zu Universität unterschiedlich mit Klausuren, Hausarbeiten, Seminaren und/oder Referaten ausgeformt. Der inhaltliche Gestaltungsraum unterliegt der Autonomie der Fakultäten, die über unterschiedliche Profile verfügen. Diese Profile bilden sich meist aus den Forschungsinteressen der Professoren und geben den Studenten eine Vielzahl möglicher Fächerkombinationen an die Hand. Die dafür vorgesehenen Wahlfächer bieten die Möglichkeit, einen fachlich-thematischen Schwerpunkt nach Ihren eigenen Interessen zu setzen, etwa im „Unternehmensrecht“, „Urheberrecht und Wettbewerbsrecht“, „Bankrecht“, „Arbeitsrecht“, in der „Rechtsgeschichte“, im „Völker- und Europarecht“, „Steuerrecht“, „Medienrecht“, in der „Kriminologie“ oder im „Jugendkriminalrecht“. Das mehr wissenschaftlich orientierte Schwerpunktbereichsstudium bietet dann eine große Gefahr, wenn man darüber den wichtigeren, mehr klausurenorientierten Pflichtfachbereich aus dem examensorientierten Auge verliert.

Im Gegensatz zum Staatsprüfungsteil setzt die Zulassung zum Schwerpunktstudium fast keine Leistungsnachweise voraus. Im Regelfall kann es nach Bestehen der Zwischenprüfung aufgenommen werden. Die Aufnahme erfolgt durch die Wahl des von Ihnen bestimmten Schwerpunktbereichs. Manche Unis haben als zusätzliche Voraussetzungen für die Universitätsprüfung festgelegt, dass man vorher erfolgreich an einem Seminar mit schriftlichem Referat teilnehmen muss.

Zusätzliche Voraussetzung zum erfolgreichen Abschluss des Studiums und für die Meldung zur staatlichen Pflichtfachprüfung ist noch der Nachweis einer praktischen Studienzeit in zwei sechswöchigen Praktika in der vorlesungsfreien Zeit, zum einen in der Rechtspflege und zum anderen bei einer Verwaltungsbehörde.

II. Phase: Referendarvorbereitungsdienst, sog. „Referendariat“ (praktische Ausbildung). Das liegt noch in weiter Ferne! (siehe nächsten Beitrag)

Beide Bildungsgänge werden jeweils durch Prüfungen abgeschlossen.
Das Abschlussexamen der gesamten Universitätsausbildung heißt „Erste Juristische Prüfung“ und besteht zu 70 % aus einem staatlichen Prüfungsteil (Staatsprüfung) und zu 30 % aus einer Universitätsprüfung (universitäre Schwerpunktbereichsprüfung).
Die Abschlussprüfung nach dem Referendariat bildet eine rein staatliche Prüfung, die sog. „Zweite Juristische Staatsprüfung“.
Die staatlichen Teile der Examina (Erstes Examen zu 70%; Zweites Examen zu 100 %) liegen in der Kompetenz der 16 Bundesländer. Hier werden sie von sog. „Landesjustizprüfungsämtern“, das sind Teile der jeweiligen Justizministerien, organisiert, die die Durchführung ihrerseits zum Teil auf die „Justizprüfungsämter“ der Oberlandesgerichte delegiert haben.
Die Universitätsprüfungen – Schwerpunktbereichsprüfungen – werden von eigenen Prüfungsämtern der jeweiligen Universitäten betreut.