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Was sich auf dem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten ändert?

Alles! Nichts bleibt wie es ist! Vor allem Sie selber nicht. Sie werden ein neuer Mensch, ein Jurastudent!

Wir sprechen häufig von „dem“ Studenten oder „den“ Studenten, vergessen dabei aber, dass es „den“ Studenten gar nicht gibt. Wie das Leben die sieben Lebensalter – das Kind, den Jugendlichen, den Heranwachsenden, den Erwachsenen, den reifen Älteren, den alten und den ganz alten, senilen Menschen – kennt, so durchläuft auch jeder Jurastudent ganz verschiedene Entwicklungsphasen: vom „kindlichen“ Anfang in der Studieneingangsphase, über die juristische „Jugend“, über die Studentenfiguren des erfahreren „Heranwachsenden“ bis hin zum mündigen und reifen „Erwachsenen“ und schließlich zum studentisch „hochbetagten“ juristischen Examenskandidaten. Die Unbedenklichkeit, mit der Dozenten in Bezug auf ihre Studenten von „den“ Studenten reden, unterschlägt die Stadien dieser „Entwicklung“. Auch übersieht man leicht die zwischen diesen studentischen Entwicklungsphasen liegenden typischen Krisen. Wie zwischen Kind und Jugendlichem die Krise der Pubertät, zwischen Jugend und Erwachsensein die Krisen der Erfahrung, der Grenzerlebnisse und der Loslösung liegen, so gibt es auch in den Studiengestalten der Studenten tiefgreifende Problemsituationen. Sie reichen vom Zweifel am richtigen Studium bis zur Verzweiflung vor der Klausur oder dem Examen, an der guten und schlechten Erfahrung mit Dozenten, Kommilitonen und Lehrstoff, über die Krise der akademischen und späteren beruflichen Desillusionierung, des Leidens an Stoff- und Arbeitsüberlastung bis hin zur Lebensfigur des ernüchterten, reifen Studenten, der erfährt, was Misserfolg und auch was eigene Grenzen heißen: Er erfährt die Eingeschränktheiten und Unzulänglichkeiten des einstigen akademischen Himmelsstürmers. Das Studium ist kein bloßes Anstückeln dieser Phasen, sondern ein evolutionäres Ganzes, bei dem eine jede Phase und eine jede Krise aus der vorherigen wachsen und positiv oder negativ auf das Ende des Studiums hin wirksam sind.

Sie verlassen jetzt die Phase des Schülers und wechseln in die Lebensphase des Jurastudenten. Sie charakterisieren sich mit dem Beginn Ihrer juristischen Ausbildung neu. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt von Schule zu Hochschule, von Geborgenheit in der Familie zu studentischer Freiheit. Sie sollten sich möglichst schnell in Ihrer neuen Lebensphase einrichten und sich zur Lebensgestalt des freien Studenten emanzipieren. Ihre neu beginnende jura-studentische Lebensphase ist als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet und Ihr Studium gewinnt seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann, wenn sie sich auch wirklich auf Ihr Leben hin auswirkt. Wahrscheinlich ist das juristische Studium der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament.

Ist im Anfang der juristischen Ausbildung dem Jurabeginner „Jurististan“ noch nicht einmal in Umrissen bekannt, so schrumpfen die Geheimnisse dieser Welt mit dem Fortschritt im Auffinden und Entblößen der unbekannten Juristerei auf ein Minimum zusammen. Mit der Bezwingung der juristischen Lerngegenstände BGB, StGB und GG, dem Erkunden der richtigen Lernwege und der Etablierung der gesetzesüberspannenden Rechtsanwendungs-Methodik werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die „Decke“ der Nichtkenntnis mit bleibendem Erfolg aufzuheben – Jura eben zu „entdecken“! Es ist eine schöne neue Welt, die Sie entdecken werden. Ich lade Sie ein zu entdecken, wozu Sie selbst in Wirklichkeit fähig sind, wenn Sie erst einmal entdeckt haben, dass hinter der Vielzahl der Paragraphen eine Einheit steht, die viel einfacher ist als ihre Vielheit.

Hier einige Gedanken zu Ihrem Übergang vom Schüler zum Jurastudenten:

● Der Student ist diejenige Person, die sich beim juristischen Lernen durch das hochschulbasierte juristische Lehren helfen lassen will. Er kommt mit bestimmten Erwartungen in die Hochschule: Er hofft auf gute Lehre, optimale Examensvorbereitung, didaktische Konzepte, bestmögliche Betreuung und Beratung, Mitsprache und eine gute Berufsorientierung. Der junge Student muss aber zunächst lernen, was es bedeutet, Jura zu studieren. Er kommt mit seiner schulischen Lernerfahrung, mit seiner bisherigen Lernbiographie und … mit keinerlei gegenwärtigem Vorverständnis des neuen Studienfaches in die juristische Ausbildung. Dort trifft er in seinem Bildungs- und Ausbildungsgang auf eine fremde Lernumgebung, die charakterisiert ist durch unbekannte „vorlesende“ Lehrveranstaltungen und Lehrmethoden, auf eine Art zu denken, die er so nicht kennt, und auf Klausuren in Form von Falllösungen, denen er noch nie begegnet ist. Im ungünstigsten Fall trifft er auf ein rein dozentenzentriertes, rechtsdidaktisch nicht bestelltes Lernumfeld, im günstigsten Fall auf ein solches, in dem Dozenten lehren, die rechtsdidaktisch gebildet sind und zu aktivem juristischem Lernen einladen.

● Abiturienten, die die juristische Ausbildung in Angriff nehmen wollen, sind zwar durch das Abitur akademisch geboren, aber noch nicht auf die juristische Welt gekommen. Unvorbereitet zu sein vor dem ersten Schritt in das Studium der Rechtswissenschaft, ist eines ihrer wesentlichsten Gattungsmerkmale. Der Übergang vom Schüler zum Jurastudenten ist nicht einfach ein bloßes Hinübergleiten von Schule zu Hochschule. Es handelt sich um etwas ganz Großes an der Schnittstelle zweier Lebensphasen: das zuversichtliche Hineingehen ins eigene Studium. Der Zustrom neuen Wissens im ersten Semester ist gewaltig. Sie haben die Lebensphase des Schülers verlassen und sind in die Lebensphase des Jurastudenten gewechselt. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt in dieser „Bildungspassage“. Sie werden zu einer neuen Person!

● Der Start in das Jurastudium soll ein ultimativer Neuanfang werden. In der neuen Lebensphase soll alles besser laufen als in der grauen Vorzeit: Neue Freunde, studentische Freiheit, viel Party, interessanter Lehrstoff und Autonomie stehen ganz oben auf der Wunschliste. Und am besten weit, weit weg von Zuhause. Aber Vorsicht! Alles Bisherige wird in einem solchen Rundumschlag für diese Illusion gekappt: Der soziale Rückhalt durch den langjährigen Freundeskreis, die direkte Beziehung zu den Eltern und meist auch Großeltern, natürlich auch die gewohnte Umgebung. Ich möchte Sie vor einer jedenfalls unkontrollierten Flucht von zu Hause direkt nach dem Abitur warnen. Beim Wechsel auf die Hochschule auf den Heimvorteil zu verzichten, ist eine riskante Strategie und nicht immer die beste Wahl. Die wertvolle Anfangseuphorie vieler Erstsemestler verpufft schon beim Versuch, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, Orientierung in einer fremden Stadt zu finden und mit der „großen Freiheit“ zurecht zukommen. Die Energie der ortstreuen Studenten kann dagegen ohne Nebenkriegsschauplätze auf sicherer Alltagsbasis direkt in die schwierigen Anfangsgründe der Juristerei eingesetzt werden. Eine heimatnahe Ortswahl ist auch keine verspielte Chance auf die große weite Welt: Haben Sie sich in Stoff und Studium eingelebt, können Sie immer noch „ausziehen“.

● Mit Ihrer juristischen Ausbildung beginnen Sie einen neuen, auf Jahre hin angelegten, einmaligen Lebensabschnitt. Die neue jura-studentische Lebensphase wird als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet sein. Die Zeit an der Uni kann eine der schönsten im Leben eines Menschen sein und man bekommt sie nie mehr zurück. Das Jura-Studium wird aber seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann gewinnen, wenn es sich auch wirklich auf Ihr Leben hin erfolgreich auswirkt. Wahrscheinlich wird es der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament. Gleichzeitig erwächst aber aus der Einmaligkeit des studentischen Erlebens auch die Schwere der Erkenntnis, dass Versäumtes nicht nachgeholt, Vergangenes nicht eingeholt werden kann und man im Falle des Scheiterns für immer an der Not des Verloren-Habens leiden wird.

● Wenn Sie sich bewusst machen, mit welchen juristischen Mängeln ein Abiturient als hilfloser Anfänger in die neue Welt seiner juristischen Ausbildung hineingeboren wird, dann wird die ungeheure Bedeutung des juristischen Anfangs erst deutlich. Welches Wissen und welche Erfahrungen sind erforderlich, um einer ersten juristischen Klausur erfolgreich zu trotzen? Noch fehlen die meisten derjenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kompetenzen also, die man für den juristischen Erfolg zur Verfügung haben muss. Gleichsam als Ersatz hierfür besitzt jeder Abiturient aber als „homo sapiens“ die unschätzbare menschliche Fähigkeit, lernen zu können. Er kann sein Verhalten jeweils den neuen Erfordernissen und Herausforderungen der Umwelt, d.h. jetzt konkret seiner juristischen Ausbildung, anpassen, um ein guter Jurastudent zu werden.

● Ihr juristischer Wissens- und Problemzuwachs in Vorlesungen und Literatur wächst schnell an. Er darf aber niemals schneller steigen als Ihre juristischen Problem- und Wissensverarbeitungskapazitäten. Es geht deshalb im Übergang vor allen Dingen darum, möglichst stufenweise methodischen und materiellen juristischen Sachverstand in Ihren Anfänger-Lern-Prozess einzubringen, um das notwendige juristische Denk-, Speicherungs- und Fassungsvermögen langsam aufzubauen. Dies ist notwendig, um den Problem- und Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten. Später kann dann alles offen und weit werden, der juristische Geist von der Kette gelassen werden. Aber erst dann!

● Lassen Sie sich bitte nichts von einem Jura-Gen erzählen, das man habe oder eben nicht habe! Eine angeborene Anlage für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ganz selten. Ungewöhnlich kluge und kreative Studenten haben einfach besser, disziplinierter, systematischer, geduldiger und fleißiger gelernt als die anderen. Sie verfügen schlicht über mehr erarbeitetes Wissen, Methodik, haben Falltraining und Systemkenntnis und den Mut, diese auch einzusetzen. Wissen, Systemkenntnis, Methodik und Übung teilen sich in die Klausurenherrschaft, und es gibt für Sie nur einen Weg zu ihrer Erkenntnis: den Weg des ernsthaften Studiums von Anfang an. Der Mythos vom „Jura-Gen“ ist eine irrige Vorstellung. Jeder der beginnenden Abiturienten hat das Zeug, ein guter Jurist zu werden. Es fallen weit mehr Studenten einem schleichenden Niedergang der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin zum Opfer als einer Minderbegabung für Jura.

● Sie betreten nun den offenen Raum des Jurastudiums und müssen sich darin einquartieren. Sie müssen sich dabei in eine Ihnen noch weitgehend unbekannte studentische Existenz neu eingewöhnen. Sie müssen lernen, akademisch selbst zu gehen. Der Schutz der Lehrer und Eltern, der zwischen Ihnen und der äußeren Welt stand, fällt langsam weg. Auch akademische Freiheit muss man lernen! Sie müssen dafür sorgen, Ihr Studentenleben nach Ihren Plänen entsprechend Ihren Lebensverhältnissen, Ihren Anforderungen an sich, Ihren Finanzen, Ihren Hobbys und Ihren Energieressourcen zu gestalten.

● Sie haben längst entdeckt, wie Sie sich als Individuum von den anderen unterscheiden. Die Verletzlichkeit Ihres jungen Selbstgefühls, die übersteigerte Selbstbetonung, das Misstrauen gegen das, was andere sagen, bloß weil es andere sind, haben Sie längst abgelegt. Noch nicht entdeckt haben Sie, als neue Person „Jurastudent“ in studentischer Freiheit und Selbstverantwortung dazustehen und ein eigenes Urteil über Ihre neue studentische Welt und Ihren eigenen Stand in ihr zu gewinnen. Sie werden diesen festen Stand bald finden, indem Sie beginnen, in Ihrer neuen Jurawelt Ihr erfolgreiches studentisches Werk zu tun.
● Sie dürfen nicht der Gefahr unterliegen zu meinen, für Sie sei die studentische Welt „unendlich“ offen, Ihre junge Vitalität sei „unbegrenzt“. Manchmal fehlt Ihnen noch die Kenntnis der Zusammenhänge, der Maßstab für das, was man selbst kann, aber auch der für das, was andere können. Es fehlt das Wissen von der ungeheuren Zähigkeit der Trägheit so mancher Studenten und vom Widerstand, den die Trägheit dem Willen zum Studium entgegensetzt. Sie werden bald entdeckt haben, wie man der Gefahr widersteht, sich in Fleiß und Disziplin zu überschätzen, sich zu täuschen, seinen Willen zum Studium mit der Kraft seiner Durchsetzung zu verwechseln. „Ich will das!“ heißt noch lange nicht „Ich kann das!“

● Sie werden schnell begreifen, dass Ihre neue Lebensphase als Jurastudent bestimmt wird durch eine ganz neue Wertmitte, eine alles beherrschende Dominante. Diese Dominante ist das disziplinierte, organisierte und planmäßige Lernen. Das Wort „Lernen“ ist schnell gesagt, aber sehr reich an Inhalt. In gewisser Weise bedeutet es Ihre ganze studentische Betätigung. Das Problem des richtigen Übergangs in die neue Jura-Welt ist eigentlich zunächst ein Problem Ihrer dozentischen Juravermittler. Studium aber bedeutet, dass es immer mehr zu Ihrem Problem wird. Der Dozent ist nur am Anfang der Sachwalter Ihres studentischen Anliegens, er kann Ihnen das Studieren nicht abnehmen. Sie werden Ihr juristisches Studium selbst in die Hand nehmen müssen. Da heißt es: Disco iura ergo studio iura, lat.: Ich lerne Jura, also studiere ich Jura!

● Eine der Schwierigkeiten des Übergangs vom Schüler zum Jurastudenten besteht in Ihrer inneren Unsicherheit, im Wissen und Doch-noch-nicht-Wissen, im Können und Doch-noch-nicht-Können. Der Übergang wird dann vollzogen sein, wenn Sie die nötige Erfahrung gesammelt haben, um mit juristischen Inhalten, fachlichen Kompetenzen und Falllösungstechniken juristisch zu denken, methodisch zu arbeiten und emanzipiert zu studieren. Dieser Übergang kann gelingen, aber auch misslingen. Ihr Schritt von der Schule zur Hochschule ist erst dann gelungen, wenn Sie eigene Erfahrungen in der neuen Welt gemacht, diese für sich ausgewertet und dann auch angenommen haben. Er wird gelingen, wenn Sie zu würdigen wissen, wie eine wirkliche juristische Lernleistung aussieht und nicht nur eine phantasierte.

● Zu Ihrem studentischen Wesensbild gehört der jugendlich-passionierte Elan des aufsteigenden Studiums. Die psychologische Wirkung dieses Elans, dieser Vitalität, ist das Gefühl unendlicher Möglichkeiten, das Vertrauen in das, was Sie sein werden und leisten und was das Studium Ihnen schenken mag. Dann aber tritt die jura-studentische Wirklichkeit allmählich ins Bewusstsein, vor allem dadurch, dass auch Misserfolge eintreten. Sie entdecken die elementare, aber anfangs nicht wahrgenommene Tatsache, dass die anderen Studenten ebenfalls ihr Können und ihre Fähigkeiten haben, dass sie ebenfalls vorstoßen in neue Räume und nicht bereit sind, sich von Ihnen übertrumpfen zu lassen. Sie entdecken, wie kompliziert die neue Jura-Welt ist, wie wenig Sie mit Ihrem Schulwissen durchkommen. Sie erfahren, was die Vorbedingung für alles ist, was Jura-Studium heißt: Geduldiges Lernen und lernende Geduld.

● Der erste Schritt zum erfolgreichen Wechsel hinüber zum Jurastudium fängt allerdings bei Ihnen selbst an: Sie sollten möglichst schnell den Entschluss fassen, von Anfang an etwas für Ihre juristisch-methodische Ausbildung zu tun. Dazu müssen Sie Ihren Gesichtskreis anfangs möglichst eng halten, innerhalb dessen sich jedoch die Grundstrukturen, Grundbegriffe und Grundmethoden der Juristerei deutlich und prägend beibringen (lassen).

Lassen Sie sich auf Ihrem entdeckenden Übergang in Ihre neue juristische Welt von niemandem entmutigen. Jedem Anfänger präsentiert sich das Recht mit seinen Gesetzen und Methoden als uneinnehmbare Wehrburg, deren Mauern scheinbar keinerlei Eindringen erlauben. Wenn Ihnen aber auf wundersame Weise mit den „Waffen“ der juristischen Denk- und Arbeitsweise, einer spezifischen juristischen Lernsystematik, einer Klausurentechnik, vor allem aber Ihrer Motivation und Beharrlichkeit der Zutritt gelungen ist, werden Sie die Erfahrung machen, dass die meisten Trakte der „Trutzburg Recht und Gesetz“ zwar hervorragend gebaut, aber durchaus „einnehmbar“ sind.

Seien Sie aber gewarnt: Viele Juraprofessoren meinen, es sei nicht Aufgabe der Universitäten – im Gegensatz zu Schule und Fachhochschule – den Stoff des Anfangs umfassend zu vermitteln. Die „vorlesenden“ Damen und Herren Ihrer Fakultät geben Ihnen keine Garantie für die vollständige Behandlung des relevanten und semesterbegleitenden Lehrstoffes. Sie sehen ihre Vorlesungen nur als Angebot, Anreiz, Hilfestellung, Leitfaden zur Vervollkommnung „Ihres“ Wissens. Seien Sie sich von Beginn an Ihrer Eigenverantwortung bezüglich der Aneignung der juristischen Inhalte immer bewusst. „Hat er nicht gebracht!“ geht nicht! Sie können tun und lassen, was Sie wollen an der Uni! Aber nur Sie allein haben ihr Studium auch zu „vertreten“ (juristischer Fachausdruck für „verantworten“). Nur Sie allein sind dafür verantwortlich, sich die zentralen juristischen Studienkompetenzen anzueignen. Übersetzt heißt das, die Fähigkeit zu erwerben, ungeheure juristische Stoffmengen zu verarbeiten, die Fähigkeit, Rechtswissenschaft zu betreiben, die Fähigkeit, juristische Klausuren erfolgreich zu schreiben und … irgendwann das Examen erfolgreich zu bestehen.

Ich weiß: Weit ist oft der Weg vom Hören oder Lesen zum Verstehen und noch weiter der zum veränderten Verhalten. Der Hoffnung, dass nicht allein dem Anfang, wie Hermann Hesse dichtete, „ein Zauber innewohne“, kann man optimistisch hinzufügen: Er wohnt, wenn der Student es klug anstellt, dem ganzen Jurastudium inne!

Warum so viele Jurastudenten bereits in den ersten zwei Semestern scheitern?

Weil sie die Studieneingangsphase leider nicht genutzt haben, um ihre Studienkompetenz aufzubauen. Viele trotten einfach zu oft der Herde der Vorlesungsschafe hinterher. Und: „Scheitern?“ – Das tun doch nur die anderen. Falsch! Auch Sie sind gefährdet. Der „Andere“ ist nämlich nicht anders als Sie. Verkrampfen, verbeißen, verzweifeln, verzagen – scheitern. Abbruch! Traurige Studenten! Dabei handelt es sich meist um solche Studenten, die zu lang am althergebrachten, disziplinlosen Schul- und Studienschlendrian festhalten und die Kurve zum Studium nicht kriegen. Sie werden gleich einem steuerlosen Schiff – anfangs langsam, später immer schneller – vom Sog des Wasserfalls angezogen. Der Sturz über das Kliff ist das Ende einer hartnäckigen Resistenz gegen die Ursachen des Scheiterns. Wenn der Student sich dem Kliff dann bedrohlich nähert, ist es bereits zu spät. Es gibt Gründe für ein Scheitern schon gleich im Anfang des Jurastudiums. Ihre Existenz zu leugnen, hilft nicht über die Tatsache ihres Daseins hinweg. Aber wer die häufigsten Gründe kennt, kann sie bekämpfen. In Ihnen darf das lähmende Gefühl, die Stufe der Inkompetenz, die zum Scheitern führt, erreicht zu haben, gar nicht erst aufsteigen.

Aber zunächst: Warum sollte es sich für einen jungen Jurastudenten überhaupt lohnen, sich mit „Gründen für ein Scheitern“ im Jurastudium herumzuschlagen?

Vielleicht deshalb, weil man vom Scheitern lernen kann, wie man nicht scheitert?
Vielleicht deshalb, weil man nicht nach zwei oder mehr Semestern wieder da ankommen will, wo man aufgebrochen ist?
Vielleicht deshalb, weil einem dann die Not des deprimierenden „Sich-für-dumm-Haltens“ erspart bleibt?
Vielleicht deshalb, weil man vor Sinnfragen im Studium bis auf Weiteres sicher ist?
Vielleicht deshalb, weil sich dadurch ein „langer Wille“ konstituiert, um ein hochkomplexes Jurastudium über weite Zeitstrecken erfolgreich zu bestehen?
Vielleicht deshalb, weil man befähigt wird, ohne Angst, aber mit klarem Blick, den langen Marsch auf den entdeckenden Wegen der Juristerei und ihrer juristischen Denk- und Arbeitsweisen erfolgreich anzutreten?
Oder vielleicht deshalb, weil die Kenntnis über Maßnahmen zur Abwendung oder zumindest Eindämmung schwebender Scheiterungsgründe zu den studentischen Klugheitsregeln eines geglückten Juraeinstiegs gehören?

Vielleicht? – Nein, ganz und gar nicht vielleicht, sondern gerade deshalb!

Beim Weiterlesen sollten wir folgende Unterschiede des Scheiterns im Hinterkopf behalten:
Etwas scheitert: ein Projekt, ein Vorhaben, es ist das Scheitern einer Sachlage, sie fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aber alles bleibt auf Distanz, rückt Ihnen nicht zu Leibe. Das Projekt „Jurastudium“ scheitert an anderen Umständen als an Ihnen.
Ich scheitere an etwas: an einem Ziel, einer Aufgabe, einer Idee oder der Durchführung eines bestimmten Plans. Vielleicht reicht meine Fähigkeit nicht hin, vielleicht ist auch die Zeit noch nicht reif. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht auch an den Umständen. Hier muss ich mich meiner Unzulänglichkeit stellen, meine eigene Verantwortlichkeit mit ins Spiel bringen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert.
Ich selbst bin gescheitert: mit meinem Leben, meinen Ideen, meinem Glauben an mich. Hier dehnt sich das Scheitern auf die ganze Existenz aus, es ist in das Innere meiner Persönlichkeit eingezogen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert und an Ihrem Leben.

Es gibt kaum ein Studium, ein studentisches Unterfangen, das mit so viel Erwartungen und Neugier begonnen wird und das mit solcher Häufigkeit fehlschlägt wie das juristische Studium. 50 % Abbrecher? – 30 % Durchfallquote? – In jeder anderen Fakultät würde man bei solchen Zahlen in der Luft zerlegt. In der juristischen nimmt man es einfach hin. Dies ist in allen drei Formen des Scheiterns ein fahrlässiger bis leichtfertiger Umgang mit der Lebensplanung und der Lebenszeit junger Menschen.

Student Eddie

8 Uhr
Eddie sitzt am Frühstückstisch, im Sender seine Lieblingsmusik. Gesundes Müsli, Kaffee – schmeckt und ist gesund. Er blättert die Zeitung durch und stellt fest, wie gut es ihm doch geht. Diese Momente vor dem Aufbruch am Morgen in den Jurastudenten-Alltag genießt er.

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni lacht die Sonne, Eddie flirtet in der U-Bahn mit einer Kommilitonin, er freut sich auf seine Jura-Vorlesungen, die vor ihm liegen, auf das Wiedersehen mit den Kommilitonen. Er hat Lust, loszulegen!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Eddie ist froh, sich gestern auf die neuen juristischen Themen der Vorlesungen durch leichte Einarbeitung im Lehrbuch vorbereitet zu haben. Er kann gut folgen, freut sich über sein Verstehen, vergnügt sich an der „Zeitgenossenschaft“ mit seinen Profs, hält den roten „Faden“ in der Hand und begnügt sich nicht mit der Rolle des passiven Zuhörers, sondern bringt sich aktiv in die Begegnung mit dem neuen Stoff ein.

Ganz anders ergeht es Student Vincent

8 Uhr
Vincent sitzt am Frühstückstisch. Neben sich ein Nutella-Weißbrötchen, mein Gott, wie ungesund ich lebe! Die Zeitungslektüre zieht ihn runter, wie böse die feindliche Welt doch ist. Seine schlechte Laune ist sicht-, spür- und greifbar. Was habe ich mit diesem Jura-Studium zu schaffen? Was verbindet mich mit den Kommilitonen, was mit dem juristischen Stoff?

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni scheint die Sonne. Vincent hasst nach durchzechter Nacht das grelle Licht. Missmutig sitzt er in der U-Bahn, glotzt vor sich hin, hat Angst vor der vor ihm liegenden Vorlesung, die wiederum nur an ihm vorbeirauschen wird, sieht nicht den kecken Blick seiner Kommilitonin. Mir reicht es schon, denkt er, die immer gleich dumpfen Gesichter seiner Kommilitonen, ihre immer gleich dummen Sprüche ertragen zu müssen. Wie ich das alles hasse!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Genau wie immer: Nichts verstanden. Als Alibi ein paar Satzfetzen mitgeschrieben, obwohl er genau weiß, nichts nacharbeiten zu wollen, weil das noch nie was gebracht hat. Zur Passivität verdammt, i-Pad raus und rumgedaddelt. Gott sei Dank! Es ist vorbei! Wenn das „ich“ bin und das so weitergeht, werde ich scheitern!

Scheitern ist immer der Endpunkt einer Fehlerkette. Fehler sind durch das Nichterfüllen bestimmter Anforderungen gekennzeichnet. Man muss sich also von Anfang an mit den Anforderungen auseinander setzen, die aus dem Umkehrschluss der folgenden „Zwölf Gründe für ein Scheitern“ herrühren. Nehmen Sie das „Auseinandersetzen“ mit den „Zwölf Gründen“ ruhig einmal wörtlich. Setzen Sie jeden der nachfolgenden Punkte auf einen Stuhl und sich selbst gegenüber und schauen Sie das Gegenüber genau und abspeichernd an! Zeigen Sie Ihre Klugheit und bringen Sie die „Zwölf Gründe“ jeweils in die Ich-Form mit zwölf Mal: „Ich nicht!“, um nicht auf dem „Scheiter“haufen Ihres Jurastudiums zu enden.

Die „Zwölf Gründe“ für ein frühes Scheitern im Jurastudium

1. Der Student („Ich nicht“) leidet an der Unfähigkeit, die außergewöhnliche Komplexität des rechtlichen Lernspektrums zu reduzieren und immer wieder auf einfache Alternativen zurückzuführen. Die Reduzierung ist mitnichten eine Banalisierung der Juristerei, sondern die via regis. Dem schlechten Beispiel mancher Lehrbücher folgend, drängt er danach, die juristische Komplexität immer komplexer und verwirrender zu machen, bis er aus dem Labyrinth nicht mehr herausfindet. Ein sicherer Weg zum Scheitern! Am Ende ist man nicht mehr in der Lage, irgendwelche entwirrenden Entscheidungsalternativen zu erkennen. Die juristische Welt ist mit wuchernder Komplexität überzogen.

2. Der Student („Ich nicht“) scheitert am Übergang vom Schüler zum Jurastudenten, weil er zu lange an der ausgelebten Schülergestalt festhält und die wichtige Studieneingangsphase verpasst. Er hat die Neigung zur Beibehaltung bestehender, oft antiquierter, schulischer Wissensaneignungsverfahren, statt sich von Anfang an eine moderne, völlig neue Lernorganisation durch spezifisch-juristische Lernregeln zu schaffen. Man versucht, seine angelernten Schuleigenheiten von einem System ins andere mitzunehmen. Diese erweisen sich aber im Hochschulsystem als höchst unzuverlässig.

3. Der Student („Ich nicht“) scheitert an dem notorischen Mangel von fundierter und vor allem fundierender Ausbildungsliteratur und rechtsdidaktisch qualifiziertem Lehrpersonal. Am Anfang müssten die besten Professoren lehren und schreiben, danach genügen auch die schlechteren. Der Student sucht sich die falschen Lehrmeister, auch und gerade in der wuchernden Literatur.

4. Der Student („Ich nicht“) strauchelt an der Schwierigkeit, den Nutzen von Vorlesungen und Lehrbüchern optimal für sich zu realisieren. Zu Deutsch: Der Dozent redet und schreibt vor sich hin und an den Studenten vorbei. Der Student sitzt die Zeit auf den Hörsaalbänken ohne Gewinn für sich ab. Er hat keine Anleitung, mit diesen Zeitfressern umzugehen, um aus manch einer „Leerveranstaltung“ eine „Lehrveranstaltung“ zu machen.

5. Der Student („Ich nicht“) verinnerlicht nicht die Erkenntnis, dass nicht das Wort des Professors sondern das des Gesetzes im Mittelpunkt des Interesses stehen muss. Die Primärliteratur ist und bleibt das Gesetz, das A und O der Juristerei; alles andere ist Bei- und häufig genug Blendwerk. Der Student geht zu selten den richtigen Weg vom Gesetz zur Literatur, vielmehr zu häufig den falschen in umgekehrter Richtung.

6. Dem Student(„Ich nicht“) mangelt es an dem Bewusstsein, wie man mit juristischen Gesetzen handwerklich umgeht und Probleme auseinander nehmen, strukturieren und Schwerpunkte setzen muss. Hinzu kommt eine unsystematische juristische Denk- und Arbeitsweise mit dem Gesetz und dem Fall. Er beherrscht seine methodischen Werkzeuge nicht.

7. Dem Student („Mir nicht“) fehlt eine Studienstrategie in Form kurz-, mittel- und langfristiger Studien- und Lernziele. Eine dauerhafte Analyse und Planung (das heißt Strategie) und eine notwendige Priorisierung werden vermisst. Er findet keine Antworten auf die Fragen „Wie bewältige ich die Stofffülle?“ – „Welche Vorlesungen erwarten mich?“ – „Wie ist mein Studium aufgebaut?“ – „Wie organisiere ich mein Studium?“ und „Wie teile ich meine Zeit ein?“ Er fühlt sich nackt, noch durch keinerlei Studienkonzept geschützt.

8. Der Student („Ich nicht“) scheitert an seiner fehlenden Klausurentechnik. Es mangelt an der notwendigen Umsetzungskompetenz von globalem Wissen auf lokales Anwenden in Klausuren. Der Student hat nicht gelernt, wie er sein Wissen klausurentechnisch auf den Fall lenken muss. Ihm fehlt die Rechtsanwendungsmethode! Er kann sein „Schreibwerk“ nicht gut genug „verkaufen“. Will man in einer Klausur nicht scheitern, muss man zunächst das juristische theoretische Wissen beherrschen. Das genügt aber nicht! Das wahre Können kennt nur einen Beweis: das Tun! Und das Tun besteht in der Juristerei in der Anfertigung von Klausuren und Hausarbeiten. Man wird erst dann die juristische Klausuren-Kunst beherrschen, wenn man die Ergebnisse seines theoretischen Wissens mit der praktischen Technik des Klausurenschreibens und des Hausarbeitenerstellens verschmelzen kann. Die „Theorie“ wird in der Vorlesung vermittelt, die „Praxis“ zu häufig mit „mangelhaft“ in der Klausur. Sie können noch so viel Wissen haben, wenn Sie es nicht in einer Klausur oder Hausarbeit zu Papier bringen können, werden Sie scheitern!

9. Der Student („Ich nicht“) ist den Weg zur flüssigen Darstellung und zur überzeugenden Präsentation seiner Gedanken nie zu Ende gegangen. Sprachlosigkeit und Konturlosigkeit in seinem juristischen Schreibwerk führen zu Erfolglosigkeit. Er ist zu wenig in der Lage, in Klausuren sein Wissen so aufzubereiten, dass es in „Form“ kommt und dem Korrektor gefällt.

10. Der Student („Ich nicht“) fällt seiner Ignoranz gegenüber den überlebensnotwendigen Sekundärtugenden zum Opfer: Ordnung, Fleiß und vor allem Disziplin. Er weiß nicht, dass diese Sekundärtugendresistenz noch verheerendere Folgen hat als fehlende Intelligenz. Sekundärtugendgesteuerte Studenten sind erfolgreicher als die nur Intelligenten. Sich ausschließlich auf die Intelligenz zu verlassen, ist der verlässlichste Ausgangspunkt des Scheiterns. Lernscheu und Trägheit sind keine Eigenschaften, sondern Entscheidungen, die nur durch den Studenten selbst revidiert werden können durch bewusste Stärkung der Gegenkräfte.

11. Der Student („Ich nicht“) merkt zu spät, dass die Anwendung des Gesetzes auch handwerkliche Tätigkeit ist und nur am Fall erfolgen kann. Das ewig wiederkehrende Spiegeln des Lebensausschnitts (Fall) im Gesetz, das methodische Spiel mit Gutachten und Subsumtion, Auslegungen und Definitionen, Analogien und Umkehrschlüssen kann der Student nicht mitspielen. Er scheitert im Chaos der methodischen Spielregeln, weil er nicht von Anfang an „am Fall“ arbeitet, und zwar am Normalfall und nicht professorenverführt am „Exoten“.

12. Der Student („Ich nicht“) schaut dem Korrektor niemals über die Schulter. Er gewinnt keine Klarheit über den Sinn der Leistungsnachweise und die Genealogie einer Note. Er entwickelt keine Vorstellungen über ihre Entstehung, die Bewertungskriterien, die ent-„scheidenden“ Maßstäbe der juristischen Benotung.

Seit es das Studium der Rechtswissenschaft gibt, gibt es das „Massensterben“ vieler Studenten gleich im Anfang. Das Unbehagen in der rechtswissenschaftlichen Nachwuchsgeneration über das „Unternehmen Jura“ ist so alt wie die rechtswissenschaftlichen Fakultäten. Sollten Sie also das Gefühl haben, die Anforderungen im ersten Semester des juristischen Studiums wüchsen Ihnen manchmal über den Kopf, dann sind Sie in bester vergangener wie gegenwärtiger studentischer Gesellschaft! Müssen Sie aber nicht sein, wenn Sie das Steuer Ihres Studiums selbst in die Hand nehmen, mit deren Hilfe Sie dorthin gelangen, wohin Sie vielleicht sonst nie gekommen wären: das 1. Semester mit aufbruchsfroher Lust und gelungenen Klausuren erfolgreich zu beenden.

Aber vielen Jurastudenten fehlt es gerade im Übergang an diesem Wissen und Können, weil es ihnen niemand erklärt hat, sie es nie so richtig gelernt und verstanden haben und die Ziele ihres Studiums nicht kennen. Also:

“Ich studiere Jura“ heißt für Sie ab sofort, folgende Studienziele ständig im Auge zu haben:

 Erstens: „Ich erlerne das rechtstheoretische Wissen des Juristen, zwischen strafbar oder nicht strafbar (Strafrecht), anspruchsbejahend oder anspruchsverneinend (Privatrecht), verwaltungsgemäß oder verwaltungswidrig (Öffentliches Recht), unterscheiden zu können.“

 Zweitens: „Ich lerne Jura als spannende Rechtsanwendung kennen. Ich lerne, die unzähligen denkbaren und undenkbaren rechtlich relevanten Probleme in menschlichen Situationen – der Jurist nennt sie Lebenssachverhalte – mit der großen, aber überschaubaren Zahl von Gesetzen aus Privatrecht, Strafrecht oder öffentlichem Recht unter Zuhilfenahme einer Handvoll juristischer Methoden (Gutachten-, Subsumtions- und Auslegungsregeln) in Klausuren in Einklang zu bringen.“

 Drittens – ganz wichtig: „Ich lerne, mich und mein Studium von Beginn an streng an den Sekundärtugenden Fleiß, Ordnung und Disziplin auszurichten.“

 Und viertens: „Ich werde mir vornehmen, mich vom 1. Tag meines Jurastudiums an den zehn Kriterien aller erfahrenen Prüfer zum juristischen Können der Examenskandidaten zu orientieren. Sie lauten (großes Geheimnis):
1. Der Kandidat kann die Besonderheiten der vorgegebenen Lebensausschnitte von Menschen (Sachverhalte) ausschöpfen.
2. Der Kandidat kann konkrete Probleme im menschlichen Zusammenleben erkennen und zielgenau ansprechen.
3. Der Kandidat kann die einschlägigen Gesetze auffinden.
4. Der Kandidat kann die juristischen Handwerkzeuge konsequent anwenden. Er kann sauber innerhalb des Gutachtens unter die jeweiligen Gesetze subsumieren. Er kann die Gesetze lückenlos und widerspruchsfrei auslegen.
5. Der Kandidat kann unter Konzentration auf die Schwerpunkte des konkreten Falles stimmig argumentieren.
6. Der Kandidat kann die erkannten und angesprochenen Probleme einer überwiegend am Gesetz orientierten, logisch aufgebauten tragfähigen und praktisch brauchbaren Lösung zuführen.
7. Der Kandidat kann neue Rechtsgebiete selbständig und zügig erarbeiten.
8. Der Kandidat kann seine Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeiten beweisen.
9. Der Kandidat kann die Gesetze in ihren gesellschaftlichen Bezügen kritisch reflektieren.
10. Der Kandidat kann mit der juristischen Sprache umgehen.“

Also von wegen: „Das Jurastudium ist ein Paukstudium!“ – „Ich studiere Jura“ – die „Jurisprudenz“ – ist immer spannende Rechtsanwendung. Rechtsanwendungsfragen entstehen immer dann, wenn einzelne Menschen oder Zusammenschlüsse von Menschen sich eigensüchtig nicht an die Gesetze halten, wenn jemand die Gültigkeit eines Gesetzes bestreitet oder Streit darüber entsteht, wie ein abstraktes Gesetz in einem konkreten Fall zu interpretieren ist. Das ist spannend! Da lohnt es doch, sich daran mitzubeteiligen. Oder?

Warum ist die Studieneingangsphase der wichtigste Teil der Examensvorbereitung?

Erfolgreich ist der Jurastudent, der sich klar definierte End- und Zwischenziele setzt, sich genau überlegt, in welcher Schrittfolge er sie wann erreichen will und welche Fehler es zu vermeiden gilt. Dazu gibt es viele Ansätze! Nur eines muss man eben immer: den ersten Schritt in die richtige Richtung tun. Und der liegt in der Studien-eingangsphase. Die Studieneingangsphase ist nicht zum Sich-mal-Umsehen da, sondern zum genauesten Hinsehen auf Studium und Examen. Sie werden es kaum glauben: Es ist der wichtigste Teil Ihrer Examensvorbereitung! Sie müssen den Anfang Ihres Studiums mehr vom Ende Ihres Studiums her denken, einem erfolgreichen Examen, und klar stellen, welch überragend wichtige Anteile davon in der Studieneingangsphase erreicht werden sollen. Das Planungsmotto: „Wir fangen erst mal mit Jura an, dann sehen wir weiter“ mag sich für die Planung eines kreativen Events eignen, nicht aber für die Strategie eines Jurastudiums. Es gibt zu viele, die scheitern. Die Ursachen lassen sich fast immer auf Fehler zurückführen, die in den ersten 90 Tagen gemacht worden sind, eben in der Studieneingangsphase.

Und deshalb gleich zu Beginn die sechs Hauptfehler in der Studieneingangsphase, die man für einen gelungenen Anfang unbedingt kennen muss, um sie zu vermeiden.

1. Der Student fängt zu spät mit dem disziplinierten „Studieren“ an. Der Studienbeginn mit seinem juristischen Denken und Arbeiten muss vorverlagert werden auf den ersten Tag des ersten Semesters. Der Berg darf sich gar nicht erst aufbauen. Der Student erfasst nicht, dass das 1. Semester bereits ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Teil seiner Examensvorbereitung ist.

2. Der Student begreift sich selbst nicht als verantwortlich für seine Lernerfolge. „Irgendwann werde ich es schon packen, dafür sind die Professoren doch da!“ Nein, Sie sind auch dafür da! Schuld sind nicht immer die Anderen.

3. Der Student erkennt – wenn überhaupt – zu spät die Kernbereiche und das für das Examen Relevante, verliert sich in den Weiten des Nebensächlichen und hält sich für dumm. Die Dissoziierung tut dem Studenten des Anfangs besonders weh.
4. Der Student beherrscht nicht das Lernen des juristischen Lernens. Das wäre aber angesichts der unfassbaren Stoffmengen besonders wichtig. Ohne das gelernte Lernen „säuft“ er ab.

5. Dem Studenten fällt die Wissensübertragung auf unbekannte Fälle schwer. Er beherrscht nicht den Blick für den Transfer von abstraktem Wissen auf den konkreten Fall. Ihm fehlt die Klausurentechnik!

6. Der Student unterschätzt die alles ent-„scheidende“ Bedeutung der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin und glaubt zu lange, mit schulischen Lerngewohnheiten durchzukommen.

Und damit wird der Berg dann unbezwingbar.

Was in den Juristischen Fakultäten fehlt, ist das „Missing Link“ zwischen der „Schul-Welt“ der frischen Abiturienten und der „Hochschul-Welt“ der jungen Jurastudenten. Der juristische Geist wird viel zu früh von der Kette gelassen und irrt in den ersten Klausuren ziellos umher. Das Allmähliche ist die passende Gangart für das Orientierungswissen des ersten Semesters, nicht der Galopp. Schritt vor Schritt, der Aufbau des Studiums entwächst aus der Logik der Schritte.

Das 21. Jahrhundert wird von Algorithmen beherrscht. Auch die Studieneingangsphase in das juristische Studium ist ein solcher Algorithmus. Ein Algorithmus ist eine methodische Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe Berechnungen angestellt, Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können.

Eine algorithmische Schrittfolge für die Studieneingangsphase könnte in etwa so aussehen:
1. Schritt: Ich muss feststellen, ob ich für Jura motiviert und geeignet bin.
2. Schritt: Ich muss mich über die Länge des Jurastudiums, seine Inhalte, seine Anforderungen, seinen Ablauf und seine Leistungskontrollen umfänglich vorab informieren.
3. Schritt: Ich muss mir klar darüber werden, was sich auf meinem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten für mich persönlich ändert.
4. Schritt: Ich muss wissen, was die Vielfältigkeit der Juristen ausmacht und wie man ein solcher Jurist wird.
5. Schritt: Ich muss den Studienaufbau kennen, einen Überblick über die Vorlesungen, deren Inhalte und deren Quantitäten gewinnen und wissen, was mich an Professoren, Kommilitonen und Curricula erwartet.
6. Schritt: Ich muss eine individuell angepasste Studienstrategie entwickeln, mir meinen ganz persönlichen Studienplan zusammenstellen und beides mit meinen privaten Freizeitbeschäftigungen abgleichen.
7. Schritt: Ich muss entdecken, was es mit den juristischen Gegenständen „Recht“, „Gesetz“, „Rechtssprache“ und „Rechtswissenschaft“ auf sich hat.
8. Schritt: Ich muss das System der Rechtsordnung erfassen und die ersten Studieninhalte aus BGB, StGB und GG darin einordnen können.
9. Schritt: Ich muss die Paragrafen aus den Gesetzen BGB AT, StGB AT und die Artikel der Grundrechte auseinandernehmen und wieder zusammenbauen können.
10. Schritt: Ich muss einüben, juristisch zu denken und zu arbeiten, also lernen, mit den Antwortnormen der Anspruchsgrundlagen und Straftatbeständen umzugehen, sie zu erschließen und in Fällen zu bearbeiten.
11. Schritt: Ich muss das Handwerk der juristischen Methodik in Gestalt von Gesetzeskunde, Auslegung, Gutachten und Subsumtion beherrschen.
12. Schritt: Ich muss Definition definieren, Tatbestandsmerkmale nach allen Richtungen hin auslegen und gutachtliche Präsentationen in BGB und StGB inszenieren können.
13. Schritt: Ich muss wissen, wie ich Vorlesungen optimieren, die Literaturlawine bändigen und juristische Texte individuell erarbeiten kann.
14. Schritt: Ich muss lernen, juristisch zu lernen, indem ich meinen Studienalltag plane, Lerneinheiten intensiviere, das Assoziations- und Baumdiagrammlernen schule, die Komplexität reduziere und … mir die Erfahrungen Erfahrener zu eigen mache.
15. Schritt: Ich muss ständig die Klausurentaktik und Klausurentechnik erst am Normalfall, dann erst am Exoten erproben.
16. Schritt: Ich muss die Sekundärtugenden Fließ, Disziplin und Ordnung aufbauen.
17. Schritt: Ich muss der Rechtswirklichkeit bei einem Gang durch die Gerichtstempel einen Besuch abstatten, um auch die Praxis einmal zu schauen.

Es gibt Tausende von Juraeinsteigern an Hunderten von Universitäten und Hochschulen. Der Algorithmus der Studieneingangsphase aber bleibt für alle der gleiche! Und genau den werden wir ab jetzt einhalten!
Ein wesentliches Merkmal des misslungenen Studieneingangs ist das Hineinstolpern in diese beschriebene Schrittfolge. Wenn der juristische Problemzuwachs schneller steigt als die juristischen Problemverarbeitungskapazitäten des Studenten, ist die methodische Abfolge missglückt. Eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten erlebt man im Hörsaal: Der juristische Stoff bewegt sich viel schneller als das jurastudentische Bewusstsein. Weite Kreise der jungen Juraeinsteiger sind deshalb gerade im Anfang ständig Misserfolgserlebnissen ausgesetzt. Sie fühlen sich geradezu überrumpelt. Sie verstehen wenig und werden mutlos. Hinzu kommt, dass die Anfänger sich meist selbst für dumm halten, so dass schwer verständliche, ja geradezu vorbeifliegende Informationen in Vorlesung und Literatur sie nicht nur nicht informieren, sondern darüber hinaus ihr Selbstwertgefühl beschädigen. Die Verzweiflung wächst! Manch einer scheitert! Das muss keineswegs so sein. Es ist eben nicht normal, nach dem 1. Semester überhaupt keinen Durchblick zu haben.

Nach den ersten 90 Tagen des Jurastudiums (Studieneingangsphase) müsste jeder Jurastudent sagen können:
„Ich kann mir das juristische Wissensangebot aus Vorlesung und Literatur selbstständig und individuell aneignen!“ (Juristische Lerntechnik)
„Ich kann einen juristischen Fall mit meiner Klausurentechnik methodisch sicher und angstfrei angehen!“ (Juristische Klausurentechnik)
„Ich habe das juristisch-subsumierende Denken und gutachtliche Arbeiten im Prinzip begriffen!“ (Juristische Denk- und Arbeitsweise)
„Ich kann die wesentlichen Inhalte des GG, BGB und StGB jeweils in einen Gesamtzusammenhang stellen und blicke durch deren allgemeine Teile durch!“ (Juristisches Wissen)

Das kann aber leider kaum einer sagen! Denn es fehlt schlicht eine propädeutisch-juristische Orientierungsphase als erfolgreiche Studieneingangsphase. Der Studierende findet oft auf seine Frage „Wo und wie, bitte, geht’s zur Juristerei?“ nicht die richtige Antwort. Der erste Elan ist schnell verpufft. Seine Bereitschaft, kluge Gedanken anderer über das Jurastudium als klug zu erkennen und den Rat und die Erfahrung dieser anderen anzunehmen, ist da, aber findet zu wenig Gegenliebe.

Zusammenfassend lassen sich m.E. sechs Funktionen dieser den Anfang fundierenden Studieneingangsphase für das Jurastudium ausmachen.

1. Funktion: Orientierung an der Universität

Der Jurastudent muss seine neue Rolle an der Uni kennenlernen und annehmen. Dazu muss er seine Universität als Organisation, sich als „freien“ Studenten, seinen individuellen Studienaufbau an seine Uni und seine Wissenschaft der Jurisprudenz wahrnehmen. Eine wesentliche Aufgabe kommt dabei dem Hineinwachsen in die Hochschulgemeinschaft (Sozialisation), der allmählichen Vereinigung mit dem Fach Jura (Integration), der Begegnung mit den Lehrinhalten in Vorlesung und Literatur (Lehr-Lern-Kultur) und der Art und Weise der Präsentation und Darstellung in Klausuren (Klausurentechnik) zu.

2. Funktion: Einführung in die Studiengegenstände

Hier geht es um die Überblicke und Einblicke in den juristischen Lehrstoff des ersten Semesters, nämlich die drei Säulen Bürgerliches Recht, Strafrecht und Verfassungsrecht, und speziell um tiefere Ein- und Durchblicke in deren allgemeine Teile BGB AT, StGB AT und die Grundrechte.

3. Funktion: Erlernen der juraspezifischen Denk- und Arbeitsweise

Dieser Teil des Studienanfangs dient dem Erlernen der juristischen Handwerkskunst, hochtrabender: der Methodik, um Lebenssachverhalt und Gesetz in problemlösende Stellung bringen zu können. Zu Deutsch: Fälle lösen zu können. Die unsichtbaren Methoden des Gutachtens und der Subsumtion machen diese Frontstellung erst sicht-bar.

4. Funktion: Selektion

Man muss sich in dieser Statuspassage zwischen Schüler und Jurastudent kritisch überprüfen, ob die Erwartungen, die man an sich und das Jurastudium gestellt hat, der vorgefundenen Realität entsprechen. Man muss testen, ob die Vorstellungen zum Jurastudium eingelöst worden sind. Die rationale Welt, wie sie unsere Juristerei beherrscht, ist nicht jedermanns Sache.

5. Funktion: Juristisches Verständnis anstreben

Das „Juristische Verständnis“ geistert als verwaschener Standardbegriff bis ins Examen um den Studenten herum, ohne dass er jemals weiß, was damit genau gemeint ist. Juristisches Verständnis bedeutet, den Inhalt einer Norm oder einer Normengruppe erkannt, die dahinter stehenden Interessen, Zwecke und gesellschaftlichen Kompromisse ihrer Entstehung hinterfragt, einen Überblick über die Gesetzessystematik erworben und Andockstellen im Langzeitgedächtnis für neue Informationen geschaffen zu haben. Es ist die Überwölbung der Fachsäulen: BGB, StGB, Öffentliches Recht und kann auf sämtliche jurafachbezogenen Bereiche übertragen werden. Um dieses Verständnis muss man sich frühzeitig bemühen.

6. Funktion: Erlernen des juristischen Lernens

Alle Juristen wissen, wie schwer das Erlernen dieser „Juristerei“ ist und wie leicht man scheitern kann. Vielen Studenten fehlt es an einer klaren kurz-, mittel- und langfristigen Konzeption des Lernens und damit an einem sicheren Fundament für ihr juristisches Studium. Studienstrategien für die Juristerei und „fundiertes fundierendes“ Wissen sind aber kein Naturprodukt, das man hat oder nicht hat. Man kann es sich aneignen! Das juristische Studium funktioniert nicht von selbst. Man muss in ihm mit viel Fleiß und viel Disziplin üben, planen, organisieren, variieren, optimieren, trainieren – kurz: viel lernen. Das Jurastudium ist eine Freude für den, der seine Ziele, Arbeitsweisen und Methoden von Beginn an gelernt hat, und es ist eine Qual für den, der ihnen widerstrebt.

Was Sie heute in Hochschulen sofort vermittelt bekommen, ist viel abstraktes Wissen, meist Spezialwissen. –Das juristisch unvorbereitete studentische Gehirn vermag so viele Gesetze, Paragraphen, ihre Absätze, Sätze und Wörter, ihre Ziele und Bedeutungen, ihre Kombinationen und Verweisungen, gar nicht einzeln zu speichern, geschweige denn bei Bedarf in der Klausur ins Bewusstsein zu holen. Was es aber leisten kann, ist, die generellen Weisen der Verknüpfung, die Knoten der Fäden, die die konkrete Methodik unter diesen Gesetzen und für die zu entscheidenden Fälle herstellen kann, zu verstehen. Damit kann der Student, der diese Kompetenzen früh beherrscht, jederzeit erkennen, dass jedes ihm neu begegnende Gesetz immer nach derselben Methodik (Konditionalprogramm) gebildet und nach derselben Methodik (Subsumtion) auf einen Lebenssachverhalt, einen Fall nämlich, sinnvoll anwendbar sind.

Die wahrhaft staunenswerte Fähigkeit des Juristen ist es
aus einem endlichen Reservoir von Gesetzen
unter Benutzung einer relativ kleinen Anzahl von methodischen Regeln,
eine unendliche Zahl von Fällen zu lösen.

Diese Fähigkeit ist das wahrhaft Bewunderungswerte an der Juristerei. Das Geheimnis der Juristen besteht eben in der Beherrschung dieser Formel.

Und diese spezifischen Fähigkeiten muss man sich möglichst früh im Jurastudium aneignen, „zu eigen“ machen, um ein guter Jurist zu werden. Und das passiert in der Studieneingangsphase!

Die anfängliche enorme Breite und Tiefe von juristischen Wissens- und Paragrafenangeboten aus BGB und StGB stiftet ständig neue Verwirrungen in den Studentenköpfen. Im raschen Pulsieren des juristischen Anfangs verlieren sie immer mehr den Überblick, wenn sie diese wuchernde Komplexität nicht durch ein fundierendes Orientierungswissen und einen systematischen Orientierungsrahmen reduzieren würden. Ich werde Ihnen beim Aufräumen des anfänglichen Durcheinanders ab jetzt helfen. Gesetze überleben sich. Die Sternbilder der Methodik und Systematik aber schimmern in ewiger Unvergänglichkeit über den Friedhöfen der Paragraphen, Gesetze und Entscheidungen. Aber nur an ihnen kann man sich orientieren.

Die fundierende Herstellung klarer Stufungen und methodischer Ordnungsstrukturen hat die Bedeutung einer Schutzmaßnahme gegen psychische und kognitive Des-organisation bei allen Nachfragern von juristischem Ausbildungswissen. Deshalb müssen wir jetzt den juristischen Anfängerstoff methodisch aufbauen und für Sie systematisch ordnen, um ihn dann für Ihre juristisch geschärften Augen sehen zu machen.

Das Ganze der juristischen Anfangs-Welt ist ohne Hilfe für den Anfänger ganz einfach nicht mehr zu fassen, es ist zuviel geworden. Die zunehmende Stofffülle und zunehmende Kompliziertheit des Rechts lassen sich ohne Fremderfahrung nicht bewältigen. Im Anfang der juristischen Ausbildung gibt es – so wie in der Kindheit auch – bestimmte „Entwicklungsfenster“, d.h. optimale Zeitpunkte für den Erwerb bestimmter kognitiver Grundfähigkeiten und eines Wissens, auf dem man aufbauen muss. Diese „Fenster“ muss man nutzen! Nach Ablauf bestimmter Zeitintervalle schließt sich nämlich ein solches Fenster, und der junge Student läuft ohne diese schützenden juristischen Prägungen seiner Studienzeit hinterher. Entwicklungsfenster für den Anfang der juristischen Ausbildung sind Entwicklungsfenster mit der Aufschrift „Juristische Denk- und Arbeitsweise“, „Juristische Wissensinhalte“, „Juristisches Lernen“ und „juristische Klausurentechnik“. Die Traumstraßen und Irrwege zigtausender frustrierter Studienabbrecher in Jura haben mir die Erkenntnis hinterlassen, dass ganz am Anfang das Fundament gebaut werden muss, um darauf die Säulen der Juristerei zu errichten.

Wie kann man feststellen, ob man für Jura überhaupt geeignet ist?

Von bösen Zungen wird der juristische Erstsemesterhörsaal oft als Biotop für Studenten bezeichnet, die nirgendwo wirkliches Talent hätten, Party machen wollten oder von Mama und Papa hiereingesetzt worden wären. Okay, es gibt keine typisch Berufenen für Jura, kein talenttreibendes Schulfach „Jura“ und keine absoluten Alleinstellungskriterien, um die Begabung für das Studium der Rechtswissenschaft exakt beurteilen zu können. Aber es gibt einige Indizien. Die jungen Studenten wissen zu wenig über ihre Eignung für das Jurastudium. Was sind ihre Stärken für Jura, was ihre Schwächen für die Juristerei? – Die Tragik eines Lebens ist die nicht erkannte Begabung. Da sie allerdings ein Leben lang verborgen bleibt, hält sich die Tragik in Grenzen. Schlimmer ist die erkannte, aber nicht ausgelebte Begabung. Deshalb testen Sie sich!

Gibt es ein jurastudentisches Profil, in dem man sich wiederfinden kann?

Ja, das gibt es!

Hier aber zunächst die von Professoren empfohlenen Voraussetzungen und Fähigkeiten für ein Studium im Fach Jura. (Quelle: Professor(inn)enbefragung im Rahmen des CHE Rankings 2014/2015.):

Kommunikationsfähigkeit – Sprachkompetenz – Ausdrucksfähigkeit – Argumentations- und Diskussionsfähigkeit – Lese- und Schreibkompetenz – Textverständnis – Freude am Lesen – abstraktes, logisches, analytisches Denkvermögen – selbstständiges, selbstorganisiertes und -diszipliniertes Lernen und Arbeiten – Selbstmanagement – Bereitschaft zum Selbststudium – Lernbereitschaft – Einsatz- und Leistungsbereitschaft – Belastbarkeit – Ausdauer – Durchhaltevermögen – gute Deutsch- und Fremdsprachenkenntnisse – gute Allgemeinbildung.

Okay!? Peinliche Frage: Welches Studium kann man mit dieser Rundum-Sorglos-Palette von abstrakten Super-Ideal-Eigenschaften eigentlich nicht studieren? – Und was ist daran typisch für ein Jurastudium?

Wir machen es jetzt genauer! Hier sind meine sieben Eignungskriterien, um eine fast verlässliche Vorhersage für Ihr Jurastudium treffen zu können. Sie müssen werden, was in Ihnen steckt. Überschätzen Sie sich, wird es peinlich, unterschätzen Sie sich, ist es schade. Auch hier gilt der weise Spruch des Orakels: Erkenne Dich selbst! Spiegeln Sie sich doch mal!

1. Schulische Voraussetzungen

In einer einschlägigen Studie des Landesjustizprüfungsamtes München wurde vor Jahren einmal versucht, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Abiturnoten und Examensergebnissen des ersten juristischen Staatsexamens aufzuzeigen. Prämisse war die Annahme, dass spezielle Noten in bestimmten Fächern für ein juristisches Studium besonders bedeutsam sind, dass es also schulische Noten-Markierungen auf dem Weg zum Juristen gibt. Die Fächer sind: Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen.

  • Was liegt dieser Annahme zugrunde?
    Die Fähigkeit zum abstrakten logischen Denken wird in der juristischen Ausbildung immer in besonderem Maße gefordert (Mathematik). Die Korrelation von guten mathematischen und herausragenden juristischen Leistungen ist sicher nicht von der Hand zu weisen.
  • Die Fähigkeit, sich in der Juristensprache „Deutsch“ klar, verständlich, knapp, präzise und orthografisch und grammatikalisch sicher auszudrücken, „Fälle“ vernünftig aufzubauen und zu gliedern, Gedanken stringent zu entwickeln, ist bei der gutachtlichen Fallbearbeitung im Jurastudium gefordert (Deutsch). Sprachliche, rhetorische Ausdrucksfähigkeit, Grammatik, Orthographie, Darstellungskunst, Diktion, Stil und Form nehmen einen immer höheren Stellenwert bei der Beurteilung juristischer Arbeiten ein. Sprache ist und bleibt nun einmal das Medium jedes Juristen, manche sagen, die „Waffe“ des Juristen für seine Argumentationskünste.
  • Die Fähigkeit, Gedanken aus der eigenen Sprache zutreffend und unzweideutig in eine andere Sprache, die Juristensprache, zu übertragen – und umgekehrt -, erfordert sprachliches Einfühlungsvermögen und Phantasie, Fähigkeiten, über die ein Jurist ebenfalls verfügen muss. Die Umsetzung der Gesetzessprache in die Alltagssprache und der Alltagssprache in juristische Gutachten, Hausarbeiten, Referate, später in Relationen und Urteile, Schriftsätze und Anklagen, ist in der Tat ein mit der Fremdsprachentechnik vergleichbarer Vorgang (Fremdsprachen).

Die Ergebnisse der Studie waren verblüffend: Je schlechter die Abiturnote in den erwähnten Fächern war, desto länger war die Studiendauer und um so höher war die Misserfolgsquote im Examen (die Abbruchquote wurde zwar nicht untersucht, würde die Prämisse aber mit Sicherheit ebenfalls bestätigen). Natürlich wäre es Unsinn, wenn Sie jetzt Ihr Abiturzeugnis zur Hand nähmen und die entsprechenden Noten aufaddierten, um sich anschließend als hoffnungslosen oder hoffnungsvollen Fall einzustufen. Man sollte aber die Tendenz ernst nehmen.

2. Juristische Intelligenz

Einer der umstrittensten Begriffe in der Psychologie, Didaktik und Pädagogik ist „Intelligenz“! Als Fremdwort bedeutet Intelligenz ganz allgemein: rasche Auffassungsgabe, Klugheit, geistige Begabung, Scharfsinn, Verstandeskraft und leitet sich ab von lat.: intelligentia, d.h. Einsicht, Verständnis.

Gibt es nun eine juraspezifische Intelligenz, die mit der allgemeinen Intelligenz korrespondiert? Die sehr große Anzahl vorliegender abstrakter theoretischer Definitionen der Intelligenz sollte nicht hindern, dem Begriff für die Juristerei eine mehr pragmatische Zuschreibung zu geben. Es ist nämlich zu fragen, ob die juristische Intelligenz überhaupt ein stabiles Merkmal ist (Macht der Gene) oder ob sie sich nicht vielmehr durch die kumulative Wirkung von juristischer Lernerfahrung, durch die Entwicklung effektiver Lernstrategien und durch die richtige, weil lerndidaktisch logische Abfolge der juristischen Lernschritte (Algorithmus) steigern lässt, ob also die juristische Intelligenz nicht von Lernprozessen abhängig ist (Macht des Lernens). Juristische Intelligenz ist dann nicht nur Voraussetzung für das Studium, sondern mehr dessen Wachsen im Studium. Kurz: Das ganze Jurastudium ist für Sie ein einziger Intelligenztest! Und anders als bei der allgemeinen Intelligenz ist die juristische Intelligenz auch klar messbar: durch die Noten im Examen!

Intelligenz lässt sich allgemein als die „Fähigkeit zum Problemlösen“ definieren.
Etwas salopp: Ein intelligenter Mensch ist ein Mensch, der (schnell) sieht, was Sache (Problem) ist, und dem (schnell) einfällt, was jetzt zu tun ist (Problemlösung) … und dabei meist Erfolg hat.
Übertragen auf einen Jurastudenten: Ein intelligenter Jurastudent ist ein Mensch, der (schnell) sieht, wo das Problem im Fall steckt und dem (schnell) einfällt, wie das Problem juristisch zu lösen ist … und dabei in Klausuren gute Noten schreibt.

Man könnte auch argumentieren, dass mit juristischer Intelligenz Fertigkeiten gemeint sind, die in den Ablauf des juristischen Denkens eingehen. Juristische Intelligenz wäre dann mehr die Summe spezifischer juristischer Fertigkeiten (Begabungen).

1. Es ist die Fertigkeit, abstrakte oder konkrete Probleme in Gestalt komplexerer Lebenssachverhalte (Klausur) unter Zeitdruck lösen zu können und damit eine schnelle Bewältigung neuer Fallkonstellationen zu ermöglichen. (What is the problem? What is to be done?)
2. Es ist die Fertigkeit zu optimaler Wissensaneignung. Das bloße Herumprobieren und das herumstochernde Lernen an sich zufällig einstellenden Erfolgen wird damit minimiert, wenn nicht erübrigt. (Keine bloße Trial-and-Error-Methode)
3. Es ist die Fertigkeit, juristische Systeme und übergreifende Sinnzusammenhänge assoziativ zu erfassen, anzuwenden, zu deuten und selbst herzustellen. (Nennt man klassisch: juristisches Verständnis)
4. Es ist die Fertigkeit, die Sekundärtugenden von Disziplin, Fleiß und Geduld für den Studienalltag aufzubauen. (Nennt man gehoben: Dekomposition der Sekundärtugendresistenz)

Und das kann fast jeder Abiturient schaffen, denn es geschieht (fast) ausschließlich durch Training. Juristische Fertigkeiten sind anders als vielleicht mathematische, naturwissenschaftliche, sportliche oder künstlerische Begabungen durchaus erlernbar. Überprüfen Sie immer wieder die Passung zwischen Ihrem Studienstand und diesen vier im Jurastudium geforderten Fertigkeiten zur fundierten Überprüfung Ihrer Studienwahlentscheidung.

3. Bestimmte Interessen und Vorlieben

Viele Juristen haben in ihren Berufen Verantwortung für Staat und Gesellschaft. Wer glaubt, ihn gingen die öffentlichen Belange nichts an, sollte sich nach einem anderen Studium umsehen. Unpolitisch, ahistorisch, uninteressiert sind juristische Antieigenschaften.
Ein wenig Sinn für Recht und Gerechtigkeit, ein Interesse an Fragen nach Freiheit, Staat, Gemeinwohl und Ethik sollte man schon mit in das Studium bringen, auch wenn man deren Kern noch nicht erfasst, aber doch erahnt.
Da es ein Jurastudent, wie später der Jurist, sein ganzes berufliches Leben lang, mit Rechtsfällen zu tun hat, muss er ständig Entscheidungen treffen. Dass es von den vier Möglichkeiten: „Ja“ – „Ja, aber“ – „Nein, aber“ – „Nein“ nur noch „Ja“ oder „Nein“ gibt, beruhigt nur auf den ersten Blick. Denn eine davon muss er wählen. Wer sich gern um Entscheidungen drückt, wird es als Jurist nicht sehr weit bringen.
Ganz entscheidend ist die Lust zum logischen Denken. Man muss ein Interesse am Knobeln und Tüfteln, eine Neigung zum Grübeln und Klügeln haben. Bei jedem noch so kleinen Rechtsfall muss der Jurist den Sachverhalt zum einen in einem logisch geordneten, methodisch geregelten Verfahren zum Gesetz in Stellung bringen (das nennen wir später Subsumtion) und dabei zum anderen in einem erneuten logisch geordneten, methodisch geregelten Verfahren (das nennen wir später Gutachten) folgerichtige Schlüsse ziehen.
Die Sprache ist ein wichtiges Instrument der Juristerei: Der Jurist muss vortragen, begründen, plädieren, Gesetze allgemeinverständlich machen, streiten, Recht behalten wollen, diskutieren. Wer mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht, wer bei Fachdiskussionen Langeweile verspürt, Argumentieren hasst, Rhetorik als Rabulistik verteufelt, sollte von Beginn an ein anderes Pferd satteln.

4. Handwerkliche Fertigkeiten

Gute Juristen verfügen über eine Freude an den handwerklichen juristischen Fertigkeiten. – Handwerk? – In den USA herrschte bis 1870 ein erbitterter Kampf um die Fragen: „Wie lehrt man Recht am besten?“ – „Wie, von wem und wo werden Juristen am besten ausgebildet?“ Bis zu diesem Zeitpunkt galt Jura in Amerika als ein Handwerk – „Law is a craft“ – und also in Universitäten „theoretisch“ schlicht nicht erlernbar und folglich nicht lehrbar, vielmehr ausschließlich „praktisch“ vermittelbar in einer Lehre bei einem Rechtsanwalt. Erst allmählich setzte sich in der Eliteuniversität Harvard der kontinentaleuropäische Gedanke durch (Exportschlager war zu dieser Zeit nicht das Auto, sondern die deutsche Universitätsverfassung), dass Jura eine Wissenschaft sei und von den praktischen Lehrwerkstätten der Kanzleien in die wissenschaftlichen Lehrwerkstätten der Universitäten verlegt werden müsse. Aber egal! Ob Lehre oder Studium, immer bleibt das wesentliche Werk der Juristen der zu lösende „Fall“, und der muss auch handwerklich bearbeitet werden mit den Werkzeugen der Gesetze, den Instrumenten der Methoden und der Arbeitshilfe der Sprache.

Der Jurist ist einerseits ein „Sprachwerker“, andererseits ein „Methodenwerker“. Sprache und Methode sind nichts weiter als juristische „Werkzeuge“ zur „Bearbeitung“ von Gesetzen und Lebenssachverhalten (Fällen). So wie es für die unterschiedlichen handwerklichen Gewerke „Hand“-Werkzeuge gibt, so gibt es für die juristischen Gewerke „Kopf“-Werkzeuge zur Anwendung und Auslegung von Gesetzen und zur praktischen Fallbearbeitung. Hier nennt die Wissenschaft sie nur hochfliegend Methoden. Man muss als Jurist folglich eine Liebe zum Handwerklichen, zur Konstruktion, zur Genauigkeit und zum Tüfteln mitbringen.

Die handwerkliche Aufbereitung des abstrakten Gegenstandes „Gesetz“ und des konkreten „Falles“ auf der einen Seite und ihre konkrete methodische Gegenüberstellung im „Gutachten“ durch die handwerkliche Operation der „Subsumtion“ auf der anderen Seite sind eine juristisch-handwerkliche Kunstfertigkeit. Je besser das Handwerk gelernt ist, desto leichter fällt Ihnen der Weg zum Erfolg. Das muss man können und mögen!

In der juristischen Ausbildung geht es immer und immer wieder um Falllösungen, also um die Anwendung, Auslegung, Erklärung von Gesetzen und die Unterordnung von Sachverhalten unter Gesetze. Dieses ewige Spiegeln des Lebensausschnitts im Gesetz, dieses Spiel mit der Subsumtion bewältigt man nur mit dem gekonnten Handwerk des fallorientierten, beispielorientierten und gesetzesorientierten Arbeitens. Auch das muss man können und mögen!

Alles globale juristische Wissen im Kopf nützte letztendlich nichts, wenn es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt fallbezogen umgesetzt und handwerklich sauber lokal angewendet werden könnte. Wer sich auf das Jurastudium einlässt, wacht eben schnell in Klausurensälen wieder auf. Jede „Klausuren- und Hausarbeitsteufelei“ findet ein jähes Ende, wenn man das Handwerk des Klausuren- und Hausarbeitenschreibens gelernt und verinnerlicht hat. Insbesondere das muss man können und mögen!

5. Ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale

Wie jemand studiert, wird auch durch seine Persönlichkeit bestimmt. Studieren findet immer im Rahmen der Persönlichkeit des Jurastudenten statt. Gesucht ist eher der lebhafte Sanguiniker als der träge Phlegmatiker oder der trübsinnige Melancholiker, eher der auf die Außenwelt gerichtete Extrovertierte als der scheue, zurückgezogene Introvertierte, mehr der Gewissenhafte als der leichtsinnig Sorglose und ganz besonders der offene, breit interessierte, wissbegierige, geistreiche, einfallsreiche, erfinderische Jurastudent. – Weniger erfolgreich ist der ängstliche, entscheidungsschwache, verschlossene, nur einseitig interessierte, verzagte, sich häufig selbst bemitleidende Student. Ein gewisser Erlebnishunger nach Neuem und Neuartigem (Neugier) sollte ihm ebenso zu Eigen sein wie eine Empfänglichkeit für Lern- und Studienerfolge (Ehrgeiz), ein entsprechendes hohes Durchhaltevermögen (Geduld) und eine starke Resistenz dieser Eigenschaften gegen eine Löschung durch Misserfolge, gegen ein Aufgeben, wenn sich der Erfolg nicht einstellt (Frustrationstoleranz).

6. Lust am Argumentieren

Zu einem Großteil besteht professionelle juristische Arbeit aus Argumentieren (lat.: argumentum, stichhaltige Entgegnung, Beweisgrund).
Argumentieren, um Streit zu schlichten
Argumentieren, um einen Streit anzuheizen

Argumentieren, um einen Angeklagten zu entlasten
Argumentieren, um einen Angeklagten zu belasten

Argumentieren, um eine Forderung durchzusetzen
Argumentieren, um eine Forderung abzustreiten

Argumentieren, um ein Gesetz zu verteidigen
Argumentieren, um ein Gesetz anzugreifen

Argumentieren, um einer Mindermeinung zur Mehrheitsmeinung zu verhelfen
Argumentieren, um den Angriff einer Mindermeinung abzuwehren

Argumentieren, um ein Urteil zu begründen
Argumentieren, um ein Urteil zu Fall zu bringen
Aber nicht erst der Berufsjurist wird mit solcher Argumentationskunst konfrontiert, sondern schon der Jurastudent wird dazu herausgefordert. Daran sollten Sie Spaß haben. Das Argumentieren stellt den Höhepunkt jeder juristischen Tätigkeit dar. Sie sind hier in Ihren schöpferischen Fähigkeiten und Ihrer Rhetorik angesprochen. Zahl und Art von Argumentationsqualitäten sind unbegrenzt: kreative Qualitäten, Fantasie, die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und die vielen Facetten komplexer Sachverhalte zu erkennen, Urteile oder Sachthemen von allen Seiten auszuleuchten, pointiert zu formulieren, zu analysieren und argumentativ wieder zu synthetisieren. All das spielt beim Argumentieren eine entscheidende Rolle. Und ganz wichtig: Sich vom Schwätzer, Wichtigtuer und Phrasendrescher abzugrenzen.

7. Sie sollten Gefallen am Denken finden.

Denken bedeutet allgemein, geistig zu arbeiten. Juristisches Denken ist die geistige Arbeit an der Beziehung zwischen Gesetz und Fall und an der Reflexion über das Gesetz. In der Juraausbildung kommt es zu einer Menge juristischer Denkableitungen:

  • Durchdenken: Das systematische Durchdringen und Ergründen juristischer Institute, Gesetze und Netzwerke.
  • Eindenken: Die forschende, neugierige Arbeit am Anfang eines zu erarbeitenden Falles mit einem Schuss von Motivationsfunktion.
  • Erdenken: Die Aufgabe, Assoziationsketten zu knüpfen, Baumdiagramme zu entwickeln und Kreativität zu entfalten.
  • Herausdenken: Der Mut, eingefahrene juristische Wege zu verlassen.
  • Hineindenken: Das Einbuchstabieren in juristische Probleme sowie das Einfühlen in juristische Autoritäten.
  • Mitdenken: Die notwendige überlebenswichtige, begleitende Tätigkeit beim „Vorlesen“ des Dozenten oder beim „Selbstlesen“ der juristischen Autoren.
  • Nachdenken: Der Vorgang des schleichenden Nachgehens schon durch Gerichte und Wissenschaftler vorgedachter juristischer Gedanken.
  • Querdenken: Die innovative, Alternativen suchende, kreative Fähigkeit, juristisch Neues im juristisch Alten zu finden.
  • Teildenken: Die Fähigkeit, juristische Systeme zu reduzieren und die Einzelteile wieder zu synthetisieren (Puzzle-Technik).
  • Überdenken: Die sinnierende Arbeit am Ende eines Erarbeitungsabschnitts mit einem Schuss von Sicherungsfunktion.
  • Umdenken: Das Übersetzen fremder juristischer Gesetzes-, Literatur- und Rechtsprechungstexte in die eigene Sprachwelt.
  • Vorausdenken:
    Das planmäßige, zeitlich und räumlich organisierte und systematische Herangehen an die juristischen Arbeiten.
  • Weiterdenken: Das Schließen von Gesetzeslücken auf der Fährte der Analogie, des Umkehrschlusses und der teleologischen Reduktion.
  • Zerdenken: Das immer wieder neue Sezieren der Gesetze in ihre Konditionalprogramme und das Herausstanzen der Tatbestandsmerkmale und Rechtsfolgen.
  • Zurückdenken: Das reproduzierende Erinnern juristisch gespeicherter Stoffgebiete und das Memorieren gemachter Erfahrungen.
  • Zusammendenken: Das Zusammenstellen juristischer Einzelheiten zu einem juristischen Ganzen.

Laufen Sie nicht gleich weg! Es gibt Tausende von exzellenten Juristen, die über das viele „Geeignetsein“ und „Nichtgeeignetsein“ am Anfang genauso verzweifelt waren wie manch einer der Jurabeginner. Das nur zum Trost! Auch kann niemand einen mittelmäßigen Schüler hindern, als exzellenter Jurastudent sein Lernverhalten zu ändern. Alle stehen am jurastudentischen Start unter den gleichen Bedingungen! Selbstdisziplin, Selbstschulung, Ausdauer, Ehrgeiz und konzentriertes Training sind für den Erfolg im Jurastudium bedeutsamer als (vermeintlich?) angeborene Begabungen oder Geeignetheiten, Intelligenz oder Nichtintelligenz. Und, ganz wichtig: Intelligenz, Begabungen, Fertigkeiten und Kompetenzen sind nicht stabil, sie wachsen! Und jeder Jurastudent kann von Beginn an aus dem noch mehr machen, was Umwelt, Erziehung und Schule schon aus ihm gemacht haben, jenseits aller Verdrängungen und Verklemmungen.

Welche Fragen muss man sich von Anfang an stellen?

Aus Ihrem Interesse an Jura wird ab jetzt schnell Neigung werden! Die magische Zeit zwischen Abitur und Studiumsbeginn, die Zeit der unbekümmerten Planlosigkeit ist durchlebt. Die einzige Zeit im Leben, in der alles offen steht! Eine Zeit, in der aber auch wichtige Entscheidungen reifen mussten, sonst säßen Sie heute nicht hier, wo Sie sitzen. Irgendwann auf der Überlegungsschiene von Pläne-Machen und Pläne-über-den-Haufen-werfen haben Sie dann die Weiche für das Jurastudium gestellt, für ein klassisches Studium, das Ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

Hier die wichtigen 10 Fragen, denen Sie sich von Anfang an gestellt haben sollten, sich aber spätestens nach dem 1. Semester in einem „Reality Check“ gewissenhaft stellen müssen. Mit denen sollten Sie ehrlich und ernsthaft mit sich selbst zu Rate gehen. Entwickeln Sie Ihren ganz persönlichen individuellen Plan, das heißt, eine dauerhafte und tragende Strategie für Ihren juristischen Anfang.

1. Warum will ich Jura studieren? – Es sind die Fragen nach den Motiven.

Einige Stichpunkte: Sozialprestige, breites Betätigungsfeld, gutes Geld, günstige Berufsaussichten, „Was anderes fällt mir nicht ein“, Wunsch der Familie, Macht.

2. Passt Jura überhaupt zu mir? – Es sind die Fragen nach Ihren Eignungen und Fähigkeiten.

Einige Stichpunkte: Was bin ich für ein Persönlichkeitstyp? Was bin ich für ein Lerntyp? – Welche Eignungskriterien gibt es für Jura? – Welche bringe ich davon mit? – Kann ich mich an einem Anforderungsprofil messen?

3. Ist das Jurastudium mein Wunschstudiengang, oder was kommt sonst noch in Frage? – Die Fragen nach den Alternativen.

Einige Stichpunkte: Habe ich ein bestimmtes Talent, bin ich ein Gerechtigkeitsfanatiker, wie stand ich in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen, ein schon lange gehegter Wunsch?
4. Weiß ich, welchen juristischen Beruf ich nach dem Juraabschluss ergreifen kann und will? – Die Frage nach den Perspektiven.

Einige Stichpunkte: Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Richter, Verwaltungsjurist, Wirtschaftsjurist, Polizei oder sonstige Behörde, Notar?

5. Wie stelle ich mir meine Studienbedingungen vor? Wie lange will ich studieren? – Die Frage nach den Situativen.

Einige Stichpunkte: „Stromlinienförmig“ oder breit angelegt? Freischuss oder zehn und mehr Semester? Wo will ich studieren, Massenuni oder kleine Universitätsstadt, zu Hause oder außerhalb, wie und wo kann ich wohnen, wie finanziere ich mein Studium?

6. Wie will ich mein Studium organisieren? – Die Frage nach den Regulativen.

Auch hier einige Stichpunkte: Studienplan, akademische Freiheit oder strenge Disziplin? – Eigene Planung? –Repetitor ja oder nein – Wenn ja, ab wann? – Wann mache ich welche Scheine? – Wie halte ich es mit dem Freischuss? – Hochschulwechsel ja oder nein? Wenn ja, wann? Auslandssemester? Wenn ja, wo und wann?

7. Welches Examensergebnis will ich erzielen? – Die Frage nach den Berufsabsichten.

Reicht mir für die väterliche oder mütterliche Kanzlei ein „ausreichend“ aus? Oder strebe ich in eine Unternehmensberatung, internationale Wirtschaftskanzlei oder in den Richterberuf?

8. Was spricht gegen das Jurastudium? – Die Frage nach den negativen Seiten.

Stichpunkte: Dominanz des Staatsexamens, Zweistufigkeit (weil in Studium und Referendarzeit gesplittet), fehlender Praxisbezug, Vermassung, Trennung von Theorie und Praxis, Juristenschwemme, zu schweres Examen, teurer Repetitorwahn, fehlendes Propädeutikum im Anfang des Studiums, Fehlen einer begleitenden Kontrolle, Klausurenteufelei, viel zu lange Ausbildung.

9. Was spricht für das Jurastudium? – Die Frage nach den positiven Seiten.

Denken Sie in Ruhe nach! Ihnen fällt bestimmt eine Menge ein, ganz individuell. Und wenn nicht, lesen Sie langsam weiter. Haben Sie die letzte Seite gelesen, aber erst dann, wissen Sie mehr über die „Positiven“. „Jura“ kann echt Spaß machen! Das begehrteste Bildungsangebot unserer Gesellschaft ist ein Studium. Nehmen Sie ihr Angebot in Form eines Jurastudiums an!

10. Was zehrt am meisten an den Nerven? – Die Frage nach den Stressoren.

Folgende Stichpunkte sollten Sie kennen:
Das Notensystem: Juranoten sprechen für sich, aber nur wenn man deren Vergabepraxis kennt. In juristischen Prüfungen kann man bis zu 18 Punkte erreichen. Ab 4 Punkte gelten Klausuren als bestanden. Danach staffelt es sich: bis 6 Punkte „ausreichend“ (ca. 50 % aller Studenten), 7 bis 9 Punkte „befriedigend“ (ca. 30 % der Kandidaten) und von 10 bis 12 Punkte ein „vollbefriedigend“, eine Notenstufe, die fast alle anstreben, gerade noch erreichbar erscheint, aber nur von ca. 10 % tatsächlich erreicht wird. Darüber wird es extrem dünn: 13 bis 15 Punkte „gut“ (ca. 2 % aller Studenten), eine Bewertung, die nicht nur „gut“ ist, sondern „hervorragend“, 16-18 Punkte bleibt den Genies vorbehalten, einer von 1000!!! Passen Sie auf: Wer diese Note erreicht, gilt als zumindest verhaltensgestört, wenn nicht schon als geistig behindert. Versuchen Sie einmal, Ihren Mitabiturienten aus anderen Fakultäten klar zu machen, warum Sie bei 10 von 18 Punkten jubeln. Abfälliges Abwinken erwartet Sie. Dieses Notensystem macht Stress: Die Erkenntnis, dass man voraussichtlich allenfalls mit „vollbefriedigend“ abschneiden wird, kränkt das von der Schule verwöhnte Ego und bedarf eines langen Denkprozesses. Ein ungesunder Noten-Konkurrenzdruck entsteht innerhalb der Kommilitonenschaft wie außerhalb mit Freunden. Diese Juranoten sind nämlich nicht vermittelbar.

Die Stofffülle: Eine Unmenge von Stoff muss verarbeitet werden. Sie werden sehr bald zu der Erkenntnis kommen: „Ich werde niemals alles wissen können!“ Sie sehen es auf sich zukommen: „Es kann in den Klausuren alles dran kommen!“ Folge: Sie sind ständig unsicher. Das stresst ungemein!

Der Vergleich: Irgendeiner ist immer besser, hat mehr Punkte in den Klausuren, vielfältigere Zusatzqualifikationen, bringt bessere „soft kills“ mit, ist weiter im Studium und hat schon Auslandssemester hinter sich. Diese Sorgen kennt jeder Jurastudent: Die Topleistungen des Mensa- oder Hörsaalnachbarn bereiten Stress. Sie kennen aber auch die wichtigtuerische Selbstreklame: „Meine Noten, meine Stärken, meine Scheine, mein Fleiß“.

Es stimmt schon: Jura ist ein hartes Studium. Ihre überschaubare Schülerwelt wird geflutet von einer zuvor nicht für denkbar gehaltenen Menge an Informationen und Möglichkeiten, die zu hoher seelischer und körperlicher Belastung führen, die einfach stressen. Mit diesen stressigen Verunsicherungsfaktoren der Außenwelt müssen Sie umzugehen lernen und sich gegen sie wappnen.

Gerade zu Beginn des Studiums wird vieles auf Sie einstürmen, auf das Sie niemand vorbereitet hat und was Ihnen Angst macht.

  • Stofffülle
  • Alleskönner
  • Panikkommilitonen (Furcht steckt an)
  • Zeitdruck
  • Informationslawine der Ausbildungsliteratur
  • Vorlesungsunverständnis
  • Selbstüberforderung
  • Curriculare Unübersichtlichkeit
  • Hörsaalüberfüllung
  • Dozentendrohungen
  • Klausurengespenster
  • Bücherprobleme
  • Einschreibeformalitäten
  • Finanzierungsfragen
  • Nebenjobs
  • Studienplan
  • Infos en masse
  • Hörsaalsuche
  • Massenansturm
  • Mensaschlangen
  • Ein neues soziales Umfeld
  • Keine Ahnung von der Studienliteratur
  • Fehlende eigene Studienplanung
  • Horrorerzählungen der Altsemester
  • Anonymität
  • Isolationsangst
  • Ein Vorbeirauschen der Vorlesungsmonologe
  • Keine Lernkontrollen
  • Keine Lernstrategien
  • Akademische Freiheit oder Repetitorverlockungen
  • Keine Strukturierungen
  • Zeitdruck
  • Stoffdruck

Aber getrost! Die meisten Probleme lassen sich lösen! Machen Sie alles „nach und nach“ und nicht „alles gleichzeitig“ und „sofort“. Für den Studienanfänger ist das Studium gerade dann, wenn man am Anfang der juristischen Leiter steht, am härtesten. Dass im Anfang Zweifel an der Wahl auftauchen, Ängste vor den Klausuren, dem Lernstoff, manch einer Doppelbelastung, schlechten Noten bestehen oder Sorgen über die Finanzen oder beruflichen Chancen aufkommen, ist nur allzu verständlich. Unser Blog hilft Ihnen über diese Anfängerbefürchtungen hinweg und hält sie in Schach.

Allerdings sollten Sie sich mit meinem nächsten Beitrag zunächst einmal durch den Kopf gehen lassen, ob Sie für Jura überhaupt geeignet sind.