Alle Beiträge von Professor Dyrchs

Das Hauptprogramm der Vorlesungen des Anfangs

Und jetzt zu Ihrer Frage, welche Vorlesungen mit welchen Inhalten auf Sie in Ihrem Grundstudium zukommen.

1. Das Strafrecht

Das erste Herzstück der Studieneingangsphase ist das StGB. Dem StGB als Kernbereich des Rechts kann man nicht entrinnen; man nähert sich ihm am Besten in drei Schritten.

1. Schritt: Die allgemeine Erscheinungsform

Richten Sie Ihren Blick auf diese erste große Dreiteilung:

 

Diese Struktur ist dazu geeignet, Ihnen folgende zentrale Überlegungen zu verdeutlichen:
1. Der Verbrechensaufbau oder der Deliktsaufbau oder der Aufbau einer Straftat ist immer dreistufig (dreigliedriger Deliktsaufbau; Trichotomie (griech: Dreiteilung)). Er zerfällt in Teil 1: Tatbestandsmäßigkeit, Teil 2: Rechtswidrigkeit und Teil 3: Schuld.

2. Der Tatbestand ist die Zusammenfassung derjenigen Tatbestandsmerkmale, die das verbotene Verhalten beschreiben und von nichtverbotenem Verhalten abgrenzen. Er setzt sich aus den geschriebenen Merkmalen des Gesetzes sowie den beiden nichtgeschriebenen, Handlung und Kausalität, zusammen. Er ist der erste große Filter vor der Strafbarkeit eines Täters und stanzt aus der Fülle der Lebensvorgänge diejenigen heraus, die der Gesetzgeber grundsätzlich für kriminell und deshalb strafbar hält.

3. Aus der Verwirklichung des Tatbestandes folgt nun aber noch nicht notwendig die Rechtswidrigkeit des Verhaltens, sondern nur ein Indiz (Anzeichen) für diese. Es gibt zahllose tatbestandsmäßige Handlungen, z.B. Körperverletzungen, die im konkreten Fall von der Rechtsordnung gebilligt werden, z.B. durch Notwehr, also nicht „rechts-widrig“ sind. Dass eine tatbestandliche Handlung von der Rechtsordnung missbilligt wird, bildet die Regel. Ihre Billigung stellt die Ausnahme dar. Die Billigungsgründe fasst der Strafrechtler unter dem Begriff Rechtfertigungsgründe zusammen. Sie beschreiben die Voraussetzungen, unter denen eine tatbestandsmäßige Handlung nicht „wider das Recht“ ist. Die Rechtswidrigkeit stellt das Unwerturteil über die Tat dar und wird „ohne Ansehen der Person“ festgestellt. Diese Billigung tatbestandsmäßigen Verhaltens durch die Rechtfertigungsgründe folgt daraus, dass der jedem Tatbestand zugrundeliegenden, ein bestimmtes Rechtsgut schützenden Verbots- oder Gebotsnorm eine andere Norm gegenübertritt, welche jene aufhebt. Diese Gegennormen, wie z.B. die Notwehr in § 32 Abs. 1, 2 StGB, stellen – gemessen an den allgemeinen Verbots- und Gebotsnormen – Rechtfertigungsgründe dar. Eine Tat, die durch eine solche Gegennorm gebilligt wird, verstößt nicht gegen die Rechtsordnung, ist also nicht rechtswidrig.

4. Tatbestandsmäßiges und rechtswidriges Verhalten führen nun noch immer nicht zur Bestrafung des Täters. Die Dritte im Bunde unserer Dreiteilung ist die Schuld. Jetzt wird nicht mehr die Tat „angesehen“, sondern der Täter. Es wird nunmehr geprüft, ob man gerade ihm das in die Welt gesetzte tatbestandliche und rechtswidrige Tun vorwerfen kann und muss. Erst mit ihrer Feststellung ist das Unwerturteil über den Täter gegeben. Soweit es um die Schuld geht, wird also wertend nach dem „Dafürkönnen“, der „Vorwerfbarkeit“, der „Verantwortung“ des Täters gefragt. Nach dem dreigliedrigen Verbrechensaufbau bedeutet die Feststellung der Tatbestandsmäßigkeit und Rechtswidrigkeit das Unwerturteil über die Tat; erst mit der Feststellung der Schuld ist das Unwerturteil über den Täter – genauer: über die Tat-Täter-Beziehung – gefällt. Das deutsche Strafrecht bekennt sich zum Schuldstrafrecht: Strafbar ist nur, wer schuldhaft handelt.

5. Letzte zentrale Überlegung: Die Tatbestandsmäßigkeit geht der Rechtswidrigkeit, beide gehen der Schuld voraus. Es gibt tatbestandliches Handeln (z.B. § 223 StGB) ohne Rechtswidrigkeit (z.B. Notwehr gem. § 32 StGB); es gibt aber niemals rechtswidriges Verhalten ohne Tatbestand. Es gibt tatbestandliches und rechtswidriges Verhalten ohne Schuld (z.B. §§ 19, 20 StGB); es gibt aber niemals strafrechtliche Schuld ohne Tatbestand und Rechtswidrigkeit. Daraus folgt die elementarste aller Aufbauregeln: Zunächst müssen Sie den Tatbestand, dann die Rechtswidrigkeit, dann erst die Schuld prüfen. Gegen diese Regel dürfen Sie niemals verstoßen!

2. Schritt; Die besonderen Erscheinungsformen

Das strafrechtliche Puzzlespiel ist damit aber noch nicht ganz vollständig. Was fehlt, sind einige Spezial-Erscheinungsformen der Straftat. Der Gesetzgeber musste sich noch folgende speziellen Fragen stellen:

  • Bestrafe ich nur die Vollendung einer Straftat oder auch schon den Versuch einer Rechtsgutverletzung? Siehe §§ 22, 23 StGB!
  • Bestrafe ich nur das aktive Handeln gegen eine Verbotsnorm oder auch das Unterlassen eines gebotenen Tuns? Siehe § 13 StGB!
  • Wie gehe ich vor, wenn mehrere Beteiligte auf der strafrechtlichen Bühne handeln und nicht nur ein Alleintäter auftritt? Siehe §§ 25, 26, 27 StGB
  • Was geschieht, wenn sich jemand irrt, weil er denkt, es sei etwas strafbar, was gar nicht strafbar ist, oder es sei etwas nicht strafbar, was strafbar ist oder weil er nicht weiß, dass er tatbestandlich, rechtswidrig und schuldhaft handelt? Siehe §§ 16, 17 StGB!

Der allgemeine Teil enthält somit zunächst die allgemeine Erscheinungsform einer Straftat, nämlich Tatbestand, Rechtswidrigkeit und Schuld, weiterhin die besonderen Erscheinungsformen einer Straftat, nämlich Versuch, Unterlassen, Täterschaft und Teilnahme und Irrtum. Der Allgemeine Teil ist hoch abstrakt und die allgemeinen Lehren nur fragmentarisch geregelt, was mindestens drei Theorien pro Paragraph zur Folge hat. Es gibt zu keinem Rechtsgebiet mehr Meinungsstreite als im Strafrecht AT.

Die so erarbeitete Systematik ermöglicht es, für alle denkbaren Fallgestaltungen gemeinsame und dadurch vergleichbare Lösungen zu entwickeln. Die allgemeine Erscheinungsform einer Straftat in Form einer Dreiteilung (Trichotomie) und die besonderen Erscheinungsformen werden von Theoretikern wie Praktikern gleichermaßen angewendet. Egal in welchem Amtsgericht in Deutschland oder in welchem Landgericht heute ein Strafrichter oder eine Strafkammer über einen oder mehrere Straftäter zu befinden hat, immer bewegt sich der Strafrichter bei der Fallprüfung auf einer der Ebenen unseres allgemeinen Deliktsaufbaus: entweder im Tatbestand oder in der Rechtswidrigkeit oder in der Schuld, wobei die besonderen Erscheinungsformen an bereiter Stelle in den Deliktsaufbau eingewoben werden müssen. Kommt er dabei zu dem Ergebnis, dass alle drei Ebenen erfüllt sind, so muss er bestrafen. Kommt er dagegen zu dem Ergebnis, dass irgendein Punkt in unserem dreigliedrigen Deliktsaufbau nicht erfüllt ist, so muss er freisprechen.

3. Schritt: Der besondere Teil des Strafrechts

Der allgemeine Deliktsaubau mit seinen besonderen Erscheinungsformen steht in der „Vor-die-Klammer-Ziehen-Technik“ natürlich im AT des StGB. Nunmehr musste sich der Gesetzgeber aber weiter entscheiden: Welche Rechtsgüter suche ich mir aus der Fülle der für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft notwendigen Werte aus, die mir so wichtig sind, dass ich den Angriff auf sie kriminalisiere, d.h. mit Kriminalstrafe bedrohe, um so (und nur so geht es) eine Mindestordnung aufrecht zu halten und ihre Beachtung für ein gedeihliches menschliches Zusammensein zu erzwingen?

Der besondere Teil des StGB enthält diesen konkreten Rechtsgüterschutz in Form mehr oder weniger anschaulicher Tatbestände (§ 123; § 211; § 223; § 242; § 263; § 267 etc.). Pflanzen wir einen Erkenntnisbaum!

 

Die Vorlesungen im Strafrecht teilen nun den skizzierten Überblick in drei Bereiche:
● Strafrecht I
Die Vorlesung ist die Einführung in den allgemeinen und den besonderen Teil des StGB. Der allgemeine Teil des StGB enthält die allgemeinen, d.h. gattungsmäßig für jede Art von Straftat geltenden Grundsätze über die Tatvoraussetzungen und die Strafen als Tatfolgen. Gewissermaßen die vor die Klammer des gesamten Strafrechts gezogenen Zankäpfel! Die Veranstaltung führt in die Methodik und Grundlagen des Strafrechts ein. Dabei geht es um die das Strafrecht charakterisierende Einteilung in Tatbestand, Rechtswidrigkeit und Schuld (Strukturaufbau einer Straftat). Demgegenüber werden im besonderen Teil die für ein gedeihliches gesellschaftliches Zusammenleben geschaffenen einzelnen Konditionalprogramme umschrieben, die im Interesse des Rechtsgüterschutzes erlassen und mit Strafdrohungen versehen worden sind, um diesen Schutz durch Abschreckung (Generalprävention) zu erreichen. Zunächst lernen Sie, welche Elemente im Tatbestand, für die Rechtswidrigkeit und die Schuld generell vorliegen müssen, damit ein Bürger vom Staat bestraft werden kann. Dazu kommen dann viele grundlegende Meinungsstreite zur Handlung und Kausalität, zu Abgrenzungsfragen von Vorsatz und Fahrlässigkeit, zu Irrtümern sowie zu der Versuchslehre und der Unterlassungsdeliktslehre. Anhand dieser Meinungsstreite erlernen Sie (hoffentlich-„kleinfallbezogen“), ein Problembewusstsein im Strafrecht zu entwickeln.

● Strafrecht II
Beleidigung, Brandstiftung, Mord! Strafrecht II ist vieles, nur nicht langweilig! Hat A den B angestiftet, Beihilfe geleistet oder war er gar Mittäter? Die Vorlesung behandelt intensiv die Tötungs-, Freiheits-, Ehr-, Brandstiftungs-, Straßenverkehrs- und Rechtspflegedelikte. Täterschaft und Teilnahme nehmen eine gewisse Zeit in Anspruch, bieten aber die Grundlage, um dem weiteren Verlauf einer Vorlesung folgen zu können. Klassiker, wie der „Sirius-Fall“ (BGHSt 32, 38), lassen Sie nicht nur darüber staunen, was alles möglich ist, sondern verdeutlichen die Problematik. Wer diesen Fall einmal gehört hat, wird ihn sicher nicht so schnell vergessen. Wann und warum spricht man überhaupt von Mord und Totschlag? Der Mord gem. § 211 StGB (oder doch nur Totschlag gem. § 212 StGB?) ist ein spannendes Thema, wofür jedoch ebenfalls die eine oder andere Theorie und Definition gelernt werden muss. Daneben bieten die anderen Delikte gute Möglichkeiten, miteingebaut zu werden. Kann man es als Einwilligung in eine Körperverletzung werten, wenn A weiß, dass B betrunken ist, in dessen Auto einsteigt, und es zu einem Unfall kommt? Wo liegt der Unterschied zwischen einer Brandstiftung, einer schweren Brandstiftung und einer besonders schweren? Mit diesen und anderen Fragen bietet Strafrecht II ausreichend Lern- und Diskussionsstoff für die Klausur.

● Strafrecht III
Bei Strafrecht III werden die Vermögensdelikte im engeren sowie im weiteren Sinne behandelt. Es werden also solche Straftaten erörtert, die die geldwerten Güter eines Rechtsgutträgers schützen. Da man sich ausschließlich im besonderen Teil des StGB befindet, wird der allgemeine Teil, der in den vorherigen Vorlesungen gelehrt wurde, als gegeben vorausgesetzt, so dass man sich diesen unbedingt noch einmal anschauen sollte. Im Rahmen der Vermögensdelikte im weiteren Sinne beschäftigt man sich mit Straftatbeständen, die spezielle Vermögensbestandteile schützen wie zum Beispiel die Verletzung des Eigentums, worunter der Diebstahl, die Unterschlagung, der Raub, die Sachbeschädigung und einige andere zu finden sind. Aber auch Straftaten gegen einzelne Vermögenswerte, wie der unbefugte Gebrauch eines Fahrzeuges, werden hierunter subsumiert. Unter Vermögensdelikten im engeren Sinne werden Vergehen gegen das Vermögen als Gesamtheit verstanden. Dazu zählen etwa Betrug, Untreue, Erpressung, Begünstigung, Hehlerei und vieles andere. Da die aufgezählten Straftatbestände so gut wie in jeder Examensklausur zu finden sind, bilden sie mit dem allgemeinen Teil den Pflichtfachstoff.

● Die Strafrechtsklausur
Für die „großfallbezogene“ Strafrechtsklausur kommt es vor allem in einer Gesamtschau darauf an, den strafrechtlichen Prüfungsaufbau zu verstehen und Problembewusstsein sowohl für die allgemeine Erscheinungsform einer Straftat (Tatbestand, Rechtswidrigkeit, Schuld) als auch für die besonderen Erscheinungsformen einer Straftat in Form von Irrtum, Unterlassen, Täterschaft und Teilnahme und Versuch zu entwickeln.
Der Einstieg in Ihre Strafrechtsklausur erfolgt immer über einen Straftatbestand des besonderen Teils. Der besondere Teil ist immer (!) der Aufhänger, der allgemeine Teil meist das Herzstück der Klausuren. So wie im Zivilrecht am Anfang jeder Falllösung die Suche nach einer An-spruchsgrundlage aus dem BGB stehen wird, so müssen Sie auch im Strafrecht nach einer Norm fahnden, die den rechtlichen Grund für die Strafbarkeitsfrage des Falles darstellen kann. Eine solche Norm findet man, lässt man einmal die strafrechtlichen Nebengesetze außer Betracht, nur im besonderen Teil des StGB. Eine Klausur im Strafrecht kann sich also niemals nur mit Vorschriften des allgemeinen Teils beschäftigen. Vielmehr lautet die in strafrechtlichen Arbeiten immer wieder gleich gestellte Frage – „Haben sich A, B oder C oder alle drei wegen eines oder mehrerer tatsächlicher Lebensausschnitte – zusammengeschlossen im Sachverhalt – strafbar gemacht?“, – immer gleichlautend mit der Frage – „Finden Sie im besonderen Teil des StGB eine Antwort-Norm auf die für diese oder jene Handlung im Sachverhalt aufgeworfene Frage nach dem staatlichen Strafanspruch gegen einen Täter oder Teilnehmer?“

2. Das Bürgerliche Recht – BGB

Das zweite Herzstück neben dem StGB der Studieneingangsphase ist das BGB.
Die erste Konfrontation mit dem BGB ist für die Studenten deshalb so hart, weil das BGB mit seiner abstrahierend-generalisierenden Gesetzessprache, seiner begrifflichen Gliederung des Gesetzesstoffes, seinem Abstraktionsprinzip und seinen gedanklichen Trennungen zwischen allgemeinen und besonderen Teilen dem Anfänger häufig die frustrierende Erkenntnis vermittelt, in dem Paragraphendschungel ständig die Orientierung zu verlieren. Hinzu kommt die rechtsdidaktisch leidvolle Erfahrung, dass die jeweiligen allgemeinen Teile des BGB nicht ohne die ihnen nachfolgenden besonderen Teile und diese wiederum nicht ohne sie gedacht und erfahren werden können.

Der erste Blick in das BGB wirft die Frage auf: Kann man das alles in einem einzigen Menschenleben begreifen? – Man kann! Und Tausende haben es schon mit Bravour begriffen. Es ist die Welt der Verträge und ihrer Leistungsstörungen durch Nicht-, Zuspät- oder Schlechterfüllung (Schuldrecht, allgem. Teil), die Welt des Eigentums an beweglichen und unbeweglichen Sachen (Grundstücke) und ihren möglichen Belastungen (Sachenrecht), die Welt des Rechts auf Schadenersatz bei der Verletzung von Verträgen, des Eigentums oder des Körpers (Schuldrecht, bes. Teil), die Welt der Familie, der Kinder, der Ehe und der Partnerschaft, der Betreuung und Vormundschaft (Familienrecht) sowie der Rechte nach dem Tod einer Person, die Welt des Erbrechts. Es gilt als eines der besten Gesetze der Welt. Seine Paragraphenwelt ist eine Zauberwelt der Logik, Systematik, Dogmatik und Methodik. Deshalb haben es viele Länder übernommen. Es diente z.B. als Vorbild für die Schweiz, die Türkei, Japan und Brasilien. Leider wird es nicht für den Rechtsraum Europa Modell sein können (falls dieser jemals zustande kommt) – dafür ist es zu kompliziert und zu abstrakt. Kein anderes Land will etwa das Abstraktionsprinzip haben!
Das Leitbild des BGB – und das ist für Ihre künftigen Auslegungsfragen ganz wichtig – ist der vernünftige, aufgeklärte, selbstverantwortliche, mündige und urteilsfähige Bürger, der seine Lebensverhältnisse in freier Selbstbestimmung ordnet und seine Interessen nachdrücklich und geschickt selbst wahrnimmt (allgemeines Privatrecht). Für Bürger, die das nicht können, oder für „Spezialisten“ müssen Sonderrechte geschaffen werden (Sonderprivatrecht).
So geschehen in den Paragraphen über Minderjährige (AT), Vormundschaft, Betreuung und Pflegschaft (FamR).

So geschehen für Bürger, die auf speziellen Rechtsfeldern tätig werden. Für sie müssen ebenfalls Sonderrechte geschaffen werden, so in dem Recht für Kaufleute – HGB – und im Recht für Unternehmen – AktG, GmbHG.

So geschehen für Bürger, die vor „Haien“ geschützt werden müssen. Für sie gibt es Spezialgesetze in Form von Verbraucher- und Mieterschutzgesetzen. Auch hier weicht der Gesetzgeber von seinem Leitbild zu Gunsten der Schwächeren etwas ab.

So geschehen für Bürger, die einen Arbeitsvertrag geschlossen haben, die also Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind. Für sie gibt es heute gleichermaßen eine etwas schwer zugängliche Spezialmaterie, nämlich das Arbeitsrecht.

Das Privatrecht stellt sich danach wie folgt dar:

 

Den besten Zugang zum BGB verschafft man sich, indem man zunächst einmal in der Fundgrube des Inhaltsverzeichnisses stöbert. Sie sehen, dass der BGB-Organismus äußerlich in fünf große Hauptgebiete gegliedert ist, die vom „Gesetzgebergott“ – wie die Abschnitte in der Bibel – „Bücher“ genannt werden.
1. Buch: Der Allgemeine Teil
2. Buch: Das Schuldrecht
3. Buch: Das Sachenrecht
4. Buch: Das Familienrecht
5. Buch: Das Erbrecht

Die Vorlesungen im bürgerlichen Recht teilen sich genau in diese fünf Bücher des BGB:

1. Buch: Allgemeiner Teil des Bürgerlichen Rechts
Die Vorlesung gehört zum unverzichtbaren Basiswissen des Zivilrechts. Hier sollten methodische Grundkenntnisse über das juristische Denken (die Fähigkeit „juristisch–logische Schlüsse zu ziehen“) und Arbeiten (juristische Problemlösungssysteme) vermittelt werden, die nicht nur einen Einstieg in den großen Bereich des Zivilrechts gewähren, sondern ferner auch das „juristische Handwerks-zeug“ darstellen, mit dem Sie bis zum Examen arbeiten müssen. Das Erlernen des Gutachten-stils und der Subsumtionstechnik anhand von Fallbeispielen gehört zu den essentiellen Aufgaben im Grundstudium, an die diese Veranstaltung Sie heranführen müsste. Die Teilnahme an dieser Vorlesung ist also für den Verlauf und das Gelingen Ihres rechtswissenschaftlichen Studiums von zentraler Bedeutung. Die Vorlesung behandelt neben der Methodik inhaltlich den sogenannten „Allgemeinen Teil“ des Bürgerlichen Gesetzbuchs (§§ 1 – 240 BGB). Der Gesetzgeber nahm sich Vorschriften vor, die für sämtliche nachfolgenden Rechtsgebiete gelten. Es ist das „Buch der Bücher“ und enthält die Grundlagen für alle bürgerlich-rechtlichen Rechtsverhältnisse. Er regelt die Antworten auf die Fragen:

  • Wer kann rechtlich handeln und wer nicht? (Frage nach den Rechtssubjekten)
  • Mit was kann man handeln und mit was nicht? (Frage nach den Rechtsobjekten)
  • Wie kann man handeln und wie nicht? (Frage nach den Rechtsgeschäften)

2. Buch: Das Schuldrecht
● Allgemeine Teile des Schuldrechts
Die Vorlesung schließt nahtlos an die BGB AT-Vorlesung an. Nachdem in der vorangegangenen Vorlesung Grundlagen des Vertragsschlusses am Beispiel des Kaufvertrags behandelt wurden, bezieht sich diese nun auf mögliche Probleme, die ein wirksamer Vertragsschluss nach sich ziehen kann. Zunächst wird Ihnen ein Überblick über Haupt- und Nebenleistungspflichten aus wirksamen Verträgen für die am Vertrag beteiligten Parteien gegeben. Im allgemeinen Teil des Schuldrechts geht es nun vor allem um die Beziehung zwischen Schuldner und Gläubiger, wie zum Beispiel um den Austausch der Leistungen und die daraus resultierenden Konsequenzen für das bestehende Schuldverhältnis bei Nicht-, Zuspät- oder Schlechterfüllung. Hier werden beispielsweise Verzug, Pflichtverletzungen und Unmöglichkeit angesprochen. Die daraus entstehenden Schadenersatzansprüche und Rücktrittsmöglichkeiten sowie deren Folgen werden näher beleuchtet wie auch aus dem Schuldverhältnis resultierende Pflichten und Obliegenheiten. Weiterhin befasst sich Schuldrecht AT mit Sonderfällen, wie Drittschadensliquidation, culpa in contrahendo und Verträgen mit Schutzwirkung zu Gunsten Dritter.

● Besonderer Teil des Schuldrechts
Das Schuldrecht teilt sich im besonderen Teil in zwei Bereiche:
Vertragliche Schuldverhältnisse
Hier werden zu den Vorschriften des allgemeinen Teils über das Zustandekommen des Vertrags und neben den Vertragsstörungen im allgemeinen Teil des Schuldrechtes einzelne Vertragstypen behandelt. Kaufvertrag, Darlehen, Schenkung, Mietvertrag, Dienst- und Reisevertrag sowie die Leihe sind sicherlich die bekanntesten Vertragstypen, mit denen jeder schon in Kontakt gekommen ist, sei es beim Kauf von Brötchen, dem Verleih einer DVD an Freunde oder dem Geschenk unter dem Tannenbaum. Darüber hinaus werden aber auch die Pflichten und Rechte der einzelnen Personen näher dargestellt, was einen umfassenden Einblick in die geschäftlichen Tätigkeiten des täglichen Lebens ermöglicht. Jedoch sind die dort genannten besonderen Schuldverhältnisse nicht als abschließend anzusehen. Denn das Schuldrecht ist ständig in gesellschaftlicher Bewegung. Kaufrecht gibt es schon seit Jahrtausenden, aber „Mechandising“, „Factoring“, „Franchise“, „Internet- und Online-Recht“? Auch ist z.B. „Leasing“ ein besonderes Schuldverhältnis. Die Frage ist immer, welcher Vertragstyp aus den Grundformen des Leih-, Pacht-, Kauf- und Mietvertrages näher zu beachten ist oder ob sie als neue Mischverträge betrachtet werden müssen. Gleiches gilt für die ganz neu entstandene Medienrechts- und Internetrechtswelt.

Gesetzliche Schuldverhältnisse
Diese Vorlesung behandelt, anknüpfend an die im Rahmen der Vorlesungen BGB AT und Schuldrecht AT erworbenen Kenntnisse, folgende gesetzlichen Schuldverhältnisse, als Gläubiger-Schuldner-Beziehungen, die der Gesetzgeber „ex cathedra“ anordnet:
Unerlaubte Handlungen, §§ 823-853 BGB – Diese Bestimmungen stellen darauf ab, dass einer Person in rechtswidriger Weise meist vorsätzlich oder fahrlässig Schaden zugefügt worden ist und wollen einen Ausgleich dieses Schadens herbeiführen.
Ungerechtfertigte Bereicherung – In § 812 ff. BGB ist ein gesetzliches Schuldverhältnis geregelt, das ungerechtfertigte Vermögenszuwächse rückgängig machen soll, d.h. dem wieder zukommen lassen soll, dem der Vermögensvorteil von Rechts wegen gebührt.
Geschäftsführung ohne Auftrag, § 677 ff. BGB – Ein drittes gesetzliches Schuldverhältnis erfasst Lebenssituationen, in denen jemand im Interessenbereich eines anderen tätig wird, ohne hierzu aufgrund eines Vertrages oder einer gesetzlichen Regelung, etwa elterlicher Sorge oder Betreuung, verpflichtet und berechtigt zu sein.

3. Buch: Das Sachenrecht
Die Vorlesung „Sachenrecht“ befasst sich mit dem 3. Buch des BGB. Obwohl ein Teil des Sachenrechts in einer separaten Vorlesung unter der Bezeichnung „Kreditsicherungsrecht“ (Grundpfandrechte, Bürgschaft, Sicherungseigentum) behandelt wird, ist der in der Vorlesung zu behandelnde Stoff noch ausgesprochen umfangreich. Während das Schuldrecht die Beziehungen zwischen mehreren Personen (Gläubiger-Schuldner) regelt, ordnet das Sachenrecht die Rechtsbeziehungen von Personen zu Sachen. Mit Personen sind dabei nicht nur Menschen gemeint (natürliche Personen), sondern auch juristische Personen, z.B. eingetragene Vereine, Aktiengesellschaften. Unter Sachen versteht das BGB körperliche Gegenstände. Zu diesen gehören sowohl bewegliche Sachen (Mobilien) als auch unbewegliche Sachen, also Grundstücke (Immobilien), sowie grundstücksgleiche Rechte, sog. dingliche Rechte (z.B. Hypothek, Grundschuld).

Das Sachenrecht regelt zunächst klipp und klar, welche Rechte es an Sachen gibt (sog. numerus clausus der Sachenrechte), und dann immer die gleichen Fragen, nämlich
wie entstehen diese Rechte,
was beinhalten diese Rechte,
wie werden diese Rechte übertragen oder belastet
und wie gehen diese Rechte unter.

Der dafür vom Dekanat meist festgesetzte Lehrumfang von 2 Semesterwochenstunden ist im Hinblick auf die enorme Bandbreite der Materie sehr gering. Das Sachenrecht selbst stellt keine allzu schwierige Materie dar; das Meiste ergibt sich ohnehin zwingend aus dem vertraglich nicht abwandelbaren Gesetz. Die größte Schwierigkeit für die Studenten stellt oftmals das Zusammenspiel zwischen dem Sachenrecht und dem allgemeinen Teil des BGB bzw. Schuldrecht dar. Denn das Sachenrecht ist sehr stark mit diesen Materien verzahnt. Wer Defizite in diesen Bereichen des BGB hat, wird es nicht einfach haben, den Einstieg in die Materie des Sachenrechts zu finden. Der klausurrelevante Stoff umfasst das Besitzrecht, den rechtsgeschäftlichen Eigentumserwerb von beweglichen und unbeweglichen Sachen, den gesetzlichen Eigentumserwerb sowie das Eigentümer-Besitzer-Verhältnis (sog. EBV).

4. Buch: Das Familienrecht

Die Vorlesung hat zum Inhalt, wie eine Ehe geschlossen und wie und mit welchen Folgen sie wieder geschieden und aufgelöst wird (Eherecht), welche Nachnamen gewählt werden dürfen und wie die Kinder heißen (Namensrecht), welche Rechte und Pflichten zwischen den Eheleuten bestehen (persönliche und vermögensrechtliche Rechtsfolgen); weiter geht es um die Rechtsbeziehungen der ehelichen und nichtehelichen Kinder zu ihren Eltern (Kindschaftsrecht), die Adoption („künstliche Verwandtschaft“), die Unterhaltspflichten zwischen Verwandten und Ehegatten (Unterhaltsrecht) sowie letztlich, wegen der Ähnlichkeit des Kindschaftsrechts mit dem Vormundschaftsrecht, um die Betreuung und die Pflegschaft Hilfsbedürftiger.

5 . Buch: Das Erbrecht

Die Vorlesung befasst sich mit dem letzten zu regelnden Gebiet im menschlichen Zusammenleben: seinem Ende, dem Tod. Damit schließt sich der rechtliche Kreislauf. § 1 BGB – der BGB-Mensch beginnt sein Leben mit Vollendung der Geburt – und beendet es mit dem Tod, § 1922 ff BGB. Regelungsgegenstand: Der Tod des Rechtsgenossen! Was gibt es da zu ordnen? Das Wichtigste überhaupt: sein Eigentum und Vermögen. Das Erbrecht hat die Funktion, das Eigentum und das Vermögen mit dem Tod des Eigentümers (Erblasser) nicht untergehen zu lassen, sondern seinen Fortbestand im Wege der Rechtsnachfolge zu sichern. Es garantiert, grundgesetzlich in Art. 14 GG abgesichert, die Weitergabe des Eigentums von Menschen (natürlichen Personen) in private Hand – und nicht etwa an den Staat. Die Testierfreiheit berechtigt den Erblasser zu beliebigen Verfügungen über sein Vermögen. Sie ist bestimmendes Element des Erbrechts als unbeschränkbares Verfügungsrecht über den Tod hinaus. Man kann jede beliebige Person durch Testament einseitig zu seinem Erben einsetzen: die Ehefrau, die Kinder, die Kirche, den Staat, den Tennisclub oder die Freundin (gewillkürte Erbfolge). Sofern man von seiner Testierfreiheit keinen Gebrauch gemacht hat, geht das Vermögen kraft gesetzlicher Erbfolge auf die Familie über, nämlich auf den Partner und die nächsten Verwandten, meist die Kinder. Wenn gar niemand mehr auffindbar ist, erbt der Staat, aber nur das aktive Vermögen, nicht die Passiva.

Und was es sonst noch an Vorlesungen gibt? Davon mehr im nächsten Beitrag!

 

Ein Überblick über den examensrelevanten Stoff

Es gilt ja der alte studentische Erfahrungssatz: Gelernt wird, was geprüft wird. Folglich müssen wir schon jetzt einmal die Prüfungsanforderungen anpeilen. Das Jurastudium vom Ende her denken! Deshalb stelle ich Ihnen anhand der Prüfungsordnungen die gesamten Prüfungsfächer vor, die sich auf Grund- und Hauptstudium aufteilen, nicht um Ihnen einen Schrecken einzujagen, sondern um Ihnen die Augen zu öffnen für die gesamte vor Ihnen liegende Wegstrecke. Man ist als Studienanfänger noch nicht in der Lage, den Examensstoff nach inhaltlichen Kriterien zu ordnen. Lesen Sie sie sich in Ruhe durch, auch wenn manches noch ferne Zukunftsmusik zu sein scheint. Ich teile den Stoff in sechs Kategorien ein:
(Legende: „von Grund auf“, d.h. komplett; „mit Einschränkungen“, d.h. in Grundzügen; „Überblick“, d.h. in groben Zügen)

1. Kategorie: Zivilrecht

●Allgemeiner Teil BGB (von Grund auf)
●Schuldrecht Allgemeiner Teil (von Grund auf)
●Schuldrecht Besonderer Teil
●● Typische Verträge (von Grund auf)
●● Gesetzliche Schuldverhältnisse (von Grund auf)
●Sachenrecht
●● Bewegliche Sachen (Mobiliarrecht) (von Grund auf)
●● Unbewegliche Sachen (Immobiliarrecht) (mit Einschränkungen)
●Familienrecht (mit Einschränkungen)
●Erbrecht (mit Einschränkungen)
●HGB (Überblick)
●Personengesellschaften (Überblick)
●GmbH-Recht (Überblick)
●Arbeitsrecht (mit Einschränkungen)
●Internationales Privatrecht (mit Einschränkungen)
●Zivilprozessrecht (Überblick)
●Zwangsvollstreckungsrecht (Überblick)

2. Kategorie: Strafrecht

●Allgemeiner Teil StGB (ohne Rechtsfolgenrecht): (von Grund auf)
●Besonderer Teil StGB (von Grund auf)
●● Straftaten gegen die Person und andere Nichtvermögensdelikte
●● Vermögensdelikte
●● Urkundsdelikte
●Strafprozessrecht (Überblick)

3. Kategorie: Öffentliches Recht

●Staatsrecht
●● Grundrechte (von Grund auf)
●● Staatsorganisationsrecht (von Grund auf)
●● Allgemeine Staatslehre (mit Einschränkungen)
●Allgemeines Verwaltungsrecht (von Grund auf)
●Staatshaftungsrecht (Überblick)
●Verwaltungsverfahrensrecht (mit Einschränkungen)
●Verwaltungsvollstreckungsrecht (Überblick)
●Polizeirecht
●Baurecht
●Kommunalrecht
●Verwaltungsprozessrecht

4. Kategorie: Europarecht

●Europäisches Organisationsrecht
●Materielles Europarecht

5. Kategorie: Grundlagenfächer

Zu den Pflichtfächern gehören ihre jeweiligen Bezüge zu folgenden Grundlagenfächern:
●Rechtsgeschichte,
●Rechtsphilosophie,
●Rechtssoziologie,
●Methodenlehre,
●Rechtsvergleichung.

6. Kategorie: Grundlagen (Grundlagen heißt hier nicht ●„Grundlagenfächer“, sondern nennen wir sie treffender ●Sockelfächer)
●Verständnis der Rechtsordnung
●Kenntnis der Rechtsdogmatik
●Argumentationstechnik
●Transferfähigkeit
●Wissenschaftliches Arbeiten
●Juristisches Denken und Arbeiten
●●Gutachtentechnik
●●Subsumtionstechnik
●●Auslegungsmethoden
●Lernen des juristischen Lernens

Basis müssen für Sie unbedingt jetzt schon diese Grundlagen der „Sockelfächer“ der 6. Kategorie sein, darauf erst aufbauend die drei klassischen Säulen der Fakultätskultur: BGB, StGB und ÖR und darauf aufbauend dann Europarecht und die Grundlagenfächer. Grundlagenfächer müssten zum Selbstverständnis der Fakultäten werden, auch um die andrängenden Fachhochschulen abzuwehren, wenn man das überhaupt wollen sollte.

Fazit: Es muss eine Menge beherrscht werden! – Folgerung für Sie? – Es hilft nur erstens eine exzellente Planung Ihres Studiums, zweitens ein systematisches, diszipliniertes Lernen im ständigen Ist-Soll-Vergleich und drittens eine begleitende Rentabilitätsprüfung von Einsatz und Erfolg. Und das von Anfang an!

Wie baut sich der Studienverlauf auf?

Die Verteilung dieses im vorgehenden Blog dargestellten gewaltigen Examensstoffes auf das gesamte Studium ist von den juristischen Fakultäten jeweils in Studienplänen festgelegt. Sie sind aber selbst von einem genialen Studenten kaum, von einem normal begabten gar nicht durchzuhalten. Mein dringender Rat: Halten Sie sich nicht an den „offiziellen“, sondern machen Sie sich schnell, wie alle Studenten, Ihren eigenen „inoffiziellen“ Studienplan.

Den rechten Studienverlauf teilt man sich am besten in vier Etappen auf. Sie sind sämtlich hart, kurvenreich und steil. Und lassen Sie sich nichts Studienglorifizierendes von Altvorderen erzählen: Das süße Studentenleben von vor 30, 40 oder 50 Jahren hat mit der rauen, modernen Studentenwirklichkeit der Massenfakultäten „Jura“ nichts zu tun. Alle vier Etappen unterliegen der Wirksamkeitsprüfung der auf das komplette Jurastudium ausgedehnten rechtsdidaktisch logischen Examensvorbereitungsphase. Denn das ist die Wirklichkeit: Vom ersten Tag an sollte Ihr Studium in Gänze Examensvorbereitung sein (siehe meinen Beitrag über die Wichtigkeit der „Studieneingangsphase“).

1. Etappe:
Sie umfasst das wichtige erste Semester, die entscheidenden ersten 90 Tage, Ihre Studieneingangsphase, unser Blog. Ein guter Jurist wird man vor allem im 1. Semester, hier wird unterkellert.

Sie haben noch nie eine Ruder- oder Segelregatta oder einen 100 Meter-Lauf gesehen, bei dem der gewonnen hat, der am Start hängen geblieben ist. Vergeuden Sie also nicht das 1. Semester. Es ist kein Schnupperkurs. Es besteht die große Gefahr, die alles entscheidenden Grundlagen während des Einstiegssemesters zu versäumen und dadurch lange Zeit – wenn nicht für immer – keinen Überblick und kein ausreichendes Grundwissen zu besitzen. Die Universitäten verweisen auf die Eigenverantwortung der Studenten in einem „bewusst“ nicht verschulten Universitätssystem und entlassen sich so aus ihrer Mitverantwortung. Aber: Humboldt ist tot! Die „Zweckfreiheit“ des Studiums ist eine Chimäre. Der Zweck Ihres Jurastudiums ist es, ein gut ausgebildeter Jurist zu werden. Punkt.
Auf dieser nachhaltigen 1. Etappe werden die Grundlagen für das gesamte Studium gelegt. Hier stehen der allgemeine Teil von BGB (in manchen Unis in völliger Verkennung studentischer Aufnahmekapazitäten auch der allgemeine Teil des Schuldrechts) und StGB im Zentrum des Interesses sowie die Grundrechte des Verfassungsrechts. Daneben sollten die drei kleinen Scheine in diesen Fächern angegangen werden. Denken Sie in dieser Phase noch an keine Schwerpunktbildung, die Chance zur Profilierung kommt noch. Das juristisch Kleingedruckte braucht man erst nach dem 1. Semester. Besuchen Sie auch keine „Bindestrichfächer“ – im Studienplan fälschlich „Grundlagenfächer“ genannt -, wie Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Kriminologie. Sie verstehen einfach nichts ohne Grundkenntnisse in der Dogmatik. Die Dissoziierung tut gerade den Studenten des Anfangs besonders weh. Auch Europarecht ohne Kenntnisse vom deutschen Recht ist ebenso vertane Zeit wie Wirtschaftsrecht ohne BGB. Auf der 1. Etappe sind Sie gefordert, sich die Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die Sie in die Lage versetzen, juristisch zu denken und zu arbeiten. Dieses Denken und Arbeiten besteht in der kreativen Übertragung erworbener Rechtskenntnisse und zu lernender Methoden auf einen feststehenden Sachverhalt. Sollten Sie damit gar nicht zurechtkommen, ist ein früher souveräner Abbruch auf dieser Etappe nach „geteichten“ Scheinen besser als sich bis zum Examen zu schleppen.

Die Strategie für die außerordentlich wichtige 1. Etappe zielt erstens auf die Festlegung von fachlichen Lernzielen, zweitens deren Verknüpfung mit den dafür erforderlichen Methoden und drittens auf die Bereitstellung von Instrumenten für die Realisierung.
Fachliche Lernziele des 1. Semesters sind:
Überblicke über das BGB, StGB und GG
Gründliche Kenntnisse der Regelungskomplexe des allgemeinen Teils BGB, des allgemeinen Teils StGB und der Grundrechte
Befähigung zur Lösung einfacher zivilrechtlicher und strafrechtlicher Fälle mit Hilfe des BGB und StGB sowie zur Bearbeitung einer kleineren Verfassungsbeschwerde

Verknüpfungen mit Methoden heißt:
Sie müssen immer den Anspruch an sich stellen, einen begründeten Zusammenhang von den fachlichen Lernzielen der juristischen Wissensinhalte BGB AT, StGB AT, GG mit den anzuwendenden handwerklichen Methoden des Gutachtenstils, der Subsumtionstechnik, der Auslegungs- und Definitionslehre, des Falltrainings und der Klausurentechnik herzustellen.
Instrumente der Realisierung sind:
Neben diesem Begründungszusammenhang sollten Sie sich auch die Werkzeuge für die Realisierung Ihrer Lernziele und der Verknüpfungsvorgaben in Gestalt von Vorlesungen, Übungen, Lehrbüchern und … Falltraining und nochmal Falltraining zusammenstellen. Ihre konkrete Strategie legt dann die aktuelle Wochen- und Tagesplanung fest. „Wie verteile ich die Lernziele auf meine individuelle Lernzeit?“ – „Welche Vorlesungen und Übungen werden konkret wozu, wann, von wem angeboten?“ – „Wann gehe ich ins Klausurentrainingslager?“

2. Etappe:
Die besonderen Teile von StGB und BGB rücken im 2., 3. und 4. Semester in den Mittelpunkt des Studienverlaufs sowie das allgemeine und besondere Verwaltungsrecht.

Daneben tauchen auch die Umsetzungsrechte von BGB und StGB, nämlich Zivilprozessrecht und Strafprozessrecht auf. Es müssen zwölf (!) Klausuren bewältigt werden. Eine recht schwere Etappe, da man neben der neuen Stoffbewältigung die Zusammenhänge mit dem alten Stoff aus der 1. Etappe wahren und deren ununterbrochene Fortdauer zeigen muss, um nicht immer wieder bei null anzufangen. Die allgemeinen Teile und die Methodik der Gesetzesanwendung, des Gutachtens und der Falltechnik müssen also ständig beibehalten und für die Klausuren gepflegt werden. Die 2. Etappe schließt ab mit der Zwischenprüfung.

3. Etappe:
Das Hauptstudium nimmt im 5. und 6. Semester seine Fahrt auf.

Hier machen Sie die großen BGB-, StGB- und ÖR-Scheine. Aber Vorsicht! Die Scheine verführen zu Schwerpunktdenken und -arbeiten. Danach die große Pause, und dann ist plötzlich alles weg. Auch schreiben Sie auf dieser Etappe Ihre Große Hausarbeit, müssen einen Schein in „Grundlagen des Rechts II“ machen und bestreiten Ihr selbst gewähltes Schwerpunktstudium. Dieser Schwerpunktbereich frisst sehr viel Ihres ohnehin knappen Zeitbudgets. Auf dieser Etappe steht oft auch ein Seminar an mit einem Seminarschein im Schwerpunktbereich. Hier schreiben nicht mehr alle ein- und dieselbe wissenschaftliche Arbeit, sondern nur Sie selbst! Und Sie referieren auch selbst darüber!

4. Etappe:
Das 7. und 8. Semester stehen ganz im Zeichen des Examens.

Das Ziel dieser Königs-Etappe erreichen Sie nur mit eiserner Disziplin, viel Schwung und kompaktem Wissen aus den ersten drei Etappen und exzellenter Strategie, sonst verhungern Sie auf dieser Etappe. Nichts mehr nebenbei machen, alles abschalten, nur noch den Stoff „kneten“. Spätestens jetzt gehört ein Großteil dieser Etappe bei über 90 % der Studenten dem Repetitor. Für die meisten ist er der erste und beste, nicht der erstbeste, juristische Instrukteur und Motivator. Es ist die Zeit der „1000-Aha-und-Ach-so-Erlebnisse“ durch echte juradidaktische Profis. Irgendwann auf dieser Strecke kommt dann der Punkt, wo Sie das Gefühl haben, die Materie durchdrungen zu haben. Es ist Zeit, ins Examen zu gehen! Aber Vorsicht beim Freischuss: Länger und gut ist für manchen besser als kurz und mittelmäßig.

Ein Auslandsstudium ist dringend zu empfehlen! Wo, ist fast egal, Hauptsache machen! Es winkt ein nicht zu überschätzender Kompetenzzuwachs an Selbständigkeit, Sprache, Kommunikation. Man muss sich in einer fremden Kultur und Lebenswelt bewegen. Und: Die Auslandssemester werden nicht auf die für den Freischuss begrenzte Zeit von acht Semestern angerechnet.
Dagegen ist von einem inländischen Studienortwechsel eher abzuraten! Trotz denkbarer neuer Eindrücke, Impulse und Abwechslung ist er letztlich wegen zu vieler Reibungsverluste gut zu überdenken. Ganz anders verhält es sich eben mit einem Auslandsstudium.

Und endlich das Examen
Das Studium der Rechtswissenschaft wird mit der „Ersten Juristischen Prüfung“ abgeschlossen. Sie besteht aus einer universitären, studienbegleitenden Schwerpunktbereichsprüfung durch die Fakultätsprüfungsämter und fällt mit 30 % in das Gewicht der Gesamtnote und einer staatlichen Pflichtfachprüfung, die vor den Justizprüfungsämtern der Oberlandesgerichte abgelegt wird und mit 70 % in die Examensnote eingeht. Die heiße Phase des 1. Examens ist diese staatliche Pflichtfachprüfung. Sie besteht aus einer je nach Bundesland unterschiedlichen Anzahl von Klausuren im BGB, StGB und Öffentlichem Recht, als dessen Kulminationspunkt die mündliche Prüfung der staatlichen Pflichtfachprüfung empfunden wird. Sie ist der zweite Teil der Staatsprüfung. Sie macht, an nur einem Tag von 9 Uhr bis 16 Uhr durchgeführt, 40 % der Pflichtfachprüfung aus. Ein eingeführtes Novum in der mündlichen Prüfung ist in vielen Bundesländern der sog. „Kurzvortrag“. Hierin sollten Sie sich früh üben durch die Lektüre über und das Halten von Referaten. Der Vortrag eröffnet das mündliche Examen. Hier müssen Sie einen kurzen Fall, dessen Lösung Sie in einem abgeschlossenen Raum ganz alleine erarbeitet haben, rhetorisch ansprechend, frei und natürlich rechtlich zutreffend in nur zwölf Minuten darstellen. Es ist Ihre Visitenkarte für den Rest des Prüfungstages (vgl. „Juristische Entdeckungen“, Band V, Stichwort: Referate).

Was noch folgt, ist die schwierige Frage nach dem „Freischuss“.

Alle Bundesländer haben in ihren Prüfungsordnungen die Freischussregelung eingeführt, um die Studiendauer zu verkürzen und die Angst vor dem Examen zu mildern. Der Freischuss ermöglicht es dem Studenten, nach dem 8. Semester einmal versuchsweise am Examen teilzunehmen. Nehmen wir an, der Student wählt den „Freischuss“.
Jetzt bestehen zwei Möglichkeiten:
● Der Schuss trifft, d.h. es ist gut gegangen. Der Versuch wird als Ernstfall gewertet, das Examen ist bestanden. Ist der Kandidat mit der Note unzufrieden (statt des erhofften „vollbefriedigend“ nur „befriedigend“) kann er einen zweiten Versuch unternehmen mit der Möglichkeit zur Verbesserung der Note, nicht zur Verschlechterung.
● Der Schuss ging daneben, d.h. es ist schlecht ausgegangen, der Kandidat ist durchgefallen. Der Versuch wird nicht gewertet, der Student kann beim nächsten Mal normal antreten, bestehen oder durchfallen. Fällt er durch, bleibt der Wiederholungsversuch, man hat Erfahrungen gesammelt!
Wichtig: Auslandsstudien und ärztlich bescheinigte längere Krankheiten sind übrigens „Freischuss-unschädlich“.
Achtung Frist: Zum Freischuss muss man sich spätestens nach dem achten Semester anmelden. Also müssen Sie sich frühzeitig auf ihn vorbereiten, am besten von Anfang an in die Studienplanung einbeziehen.

Schockiert über den Studienverlauf? – Ja, ja, ein Studium der Rechtswissenschaft lässt nicht so viel Freiräume, wie auf den Schulbänken erträumt.

Noch in weiter Ferne liegt das Referendariat

Und es geht nach dem Studium ja noch weiter. Was folgt ist das Referendariat, der Vorbereitungsdienst. In den Vorbereitungsdienst wird man aufgenommen, wenn man diese „Erste Juristische Prüfung“ bestanden hat. Sie ist nämlich Abschlussprüfung für das Jurastudium und gleichzeitig Eingangsprüfung in das Referendariat. Beendet man die juristische Ausbildung ohne den Vorbereitungsdienst als Referendar, ist man „Diplom-Jurist“.

Der Vorbereitungsdienst endet nach zwei Jahren Referendariat mit der „Zweiten Juristischen Staatsprüfung“, dem sog. Assessorexamen. Hier taucht wieder das Präfix „Staat“ auf, denn dieses Examen liegt ausschließlich in staatlicher Hand, die Uni hat sich längst verabschiedet. Wer dieses Assessorexamen bestanden hat, dem bescheinigt der Staat per Gesetz die Befähigung zum Richteramt. Man darf sich jetzt „Assessor“ nennen. Die so erworbene Befähigung zum Richteramt ist zugleich Zugangsvoraussetzung zum höheren Verwaltungsdienst, zur Rechtsanwaltschaft, zur Staatsanwaltschaft und zum Notariat und ist das Markenzeichen des „Volljuristen“ schlechthin. Deshalb wird von der „Ausbildung zum Einheitsjuristen“ gesprochen. Zielvorstellung war es, bei allen so examinierten Juristen ein Leitbild herzustellen.

Jurastudium, wie geht das eigentlich genau? – Die Vermessung des Jurastudiums

Wie man ein Jurist wird? – Ganz einfach! Als Jurastudent durch ein Jurastudium!

Klingt so banal und ist doch leider komplizierter als manch einer es sich wünschen würde! Lesen Sie sich deshalb diesen Beitrag gewissenhaft durch! Es lohnt! Um Jurist zu werden, bedarf es eines langen Atems. Die meisten Jurastudenten wissen, warum sie die Juristerei gewählt haben. Meist deshalb, weil die breit angelegte Juraausbildung zum „Einheitsjuristen“ formal den Zugang zu allen volljuristischen Berufen in dem geschilderten weiten Berufsfeld des vorangegangenen Beitrags eröffnet. Was sie nicht wissen, ist erstens, wie das Studium genau abläuft, und zweitens, dass für die meisten Absolventen die Examensurkunde mit ihrer Endnote eine Marke ohne Wert ist, wenn man nicht zu den Besten gehört. Zur Ehrlichkeit gehört der Anfangsschock: Von 100 Examinierten fallen 30 durch! Von den restlichen 70 geht einer nur zur Justiz als Richter oder Staatsanwalt, sechs zur staatlichen Verwaltung, elf in die Wirtschaft. Zweiundfünfzig werden Anwalt. Für 75 % der Absolventen bleibt der Weg in die Rechtsanwaltschaft als einzige Chance zum Aufbau einer beruflichen Existenz. Hier ist eine dramatische Steigerung festzustellen. In Deutschland sind mehr als 160.000 Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen zugelassen, weit mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1999.

Ihr Ziel ist es, „Jura“ zu studieren und zu den Besten zu gehören. Moderne Gesellschaften brauchen generell Institutionen, die als Teil eines komplexen Ausbildungssystems amtliche Bescheinigungen, also Zertifikate, über die Qualifikation klassischer Professionen ausstellen, die den Berufszugang an akademische Fähigkeiten und Fertigkeiten anknüpfen. Das sind die Universitäten. Die Universitäten gibt es seit dem 13. Jahrhundert, aber erst seit ungefähr 200 Jahren sind sie für die Berufskompetenz wichtiger Träger der gesellschaftlich notwendigen Funktionssysteme zuständig: Sie bilden traditionell für Lehre und Forschung Wissenschaftler aus, unterrichten Lehrpersonal für das Bildungssystem, Ärzte und Apotheker für das Gesundheitssystem, Betriebs- und Volkswirte für die Wirtschaft, Theologen für die Kirchen und eben an den juristischen Fakultäten uns Juristen.

Antworten auf die Frage „Wie wird man ein Jurist?“ finden Sie zum Teil in bundesrechtlichen, landesrechtlichen und hochschuleigenen Normen. Generell regelt das Bundesrecht mit seinem sehr allgemein gehaltenen Deutschen Richter Gesetz (DRiG) die Juraausbildung. Spezieller sind die Landesgesetzgeber mit ihren Ausführungsgesetzen zum DRiG in Form von Juristenausbildungsgesetzen oder Juristenausbildungsordnungen. Ganz speziell regeln die Satzungen Ihrer Universität das Studium und die Prüfungen im Detail. Diese Satzungen nennt man: Studienordnungen, Zwischenprüfungsordnungen, Prüfungsordnungen.

Aufgrund der Vorgaben des DRiG ähnelt sich die Ausbildung in allen Bundesländern irgendwie. – Wer „klassischer“ Jurist werden möchte, muss danach die „Befähigung zum Richteramt“ erwerben, auch dann, wenn er für sich ausschließt, jemals Richter werden zu wollen, sondern vielleicht viel lieber Rechtsanwalt werden will. Erworben wird diese „Befähigung zum Richteramt“ heute noch in einer komplizierten Studienarchitektur als zweistufige Juristenausbildung, die über Jahrhunderte tradiert ist und auffällig stabil und robust geblieben ist.

Ein realitätsnahes Studienbild vom Jurastudium zeigt ein stark reglementiertes und durchstrukturiertes Studium. Wie gesagt, den Rahmen steckt das Deutsche Richtergesetz ab, welches für diese „Befähigung zum Richteramt“ ein (mindestens) vierjähriges Universitätsstudium sowie eine daran anschließende zweijährige Referendarzeit vorschreibt (§§ 5, 5a DRiG). Also:

I. Phase: Das Universitätsstudium (theoretische Ausbildung)

Lassen Sie mich wegen der Wichtigkeit seines Gehalts den Kerngedanken der juristischen Ausbildung wiederholen! „Die Bewerber sollen in der Prüfung zeigen, dass sie das Recht mit Verständnis erfassen und anwenden können und über die hierzu erforderlichen Kenntnisse in den Pflichtfächern verfügen.“ – So heißt es in allen juristischen Prüfungsordnungen der Länder und menetekelhaft aus Dozentenmündern. Muss man das verstehen? – Das gesamte „Recht“? – Ist das alles überhaupt „studierbar“? – „Verständnis?“ – „erfassen und anwenden?“ – „erforderliche Kenntnisse?“ – „Pflichtfächer?“

Die juristischen Fakultäten mit ihren Professoren sehen das so! Sie sehen die Studierbarkeit der „Rechtswissenschaften“ ganz überwiegend ausschließlich durch das Medium ihrer schriftlich verfassten Curricula, diese wiederum verfasst aufgrund gesetzlicher Vorgaben. Für sie ist, was in den Studien- und Prüfungsordnungen verzeichnet ist, „real“. Es gibt aber keine „reale“ Studierbarkeit auf dem Papier. Nein, diese Inhaltsvorgaben sind einfach nicht studierbar!

Aber langsam! Um was geht es genau?

Gegenstände des Universitätsstudiums sind:
die Pflichtfächer, das sind die, die in der Staatsprüfung abverlangt werden, und
die Schwerpunktbereiche, das sind die, die in der Universitätsprüfung verlangt werden.
Daneben sollen Ihnen die Kenntnisse der rechtsberatenden Berufe, sprich Anwaltschaft, vermittelt werden, § 5a Abs. 1 S. 1 DRiG.
Weiterhin sollen Sie mit den Schlüsselqualifikationen vertraut gemacht werden, welche allen juristischen Professionen gemeinsam sind und die sämtlich etwas mit Kommunikationskompetenz zu tun haben, § 5a Abs. 3 DRiG.
§ 5 a Abs. 3 Deutsches Richtergesetz lautet dazu: Die Inhalte des Studiums berücksichtigen die rechtsprechende, verwaltende und rechtsberatende Praxis einschließlich der hierfür erforderlichen Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsmanagement, Gesprächsführung, Rhetorik, Streitschlichtung, Mediation, Vernehmungslehre und Kommunikationsfähigkeit. Während der vorlesungsfreien Zeit finden praktische Studienzeiten von insgesamt mindestens drei Monaten Dauer statt. Das Landesrecht kann bestimmen, dass die praktische Studienzeit bei einer Stelle und zusammenhängend stattfindet.
Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? – Und wo soll das alles von wem, wann, wie vermittelt werden? Zu welcher Vorlesung und bei welcher Gelegenheit baut welcher Professor in welchem Fach solche Inhalte und Fähigkeiten ein und auf, von denen er selbst gar nicht so genau weiß, was damit gemeint ist? Leider typisch: Wenn es ernst wird, schweigt sowohl der Gesetzgeber als auch der Professor

Vorweg: An den juristischen Fakultäten der Universitäten werden die Voraussetzungen für die „Zulassung zur Ersten Juristischen Prüfung“ unterschiedlich beschrieben. Fast jede Fakultät macht es anders, nur der „Pool“ ist identisch: Er besteht aus Leistungsnachweisen in Form von „Scheinen“ und „Nachweisen“ und vorgeschriebenen „Veranstaltungsformen“. Scheine sind die Bestätigung der Teilnahme durch einen benoteten Leistungsnachweis in Form von Klausuren, Hausarbeiten oder Referaten. Nachweise sind lediglich Belege über die Teilnahme:
Scheine aus den Übungen für Anfänger, manchmal ersetzt durch Vorlesungsabschlussklausuren
Scheine aus den Übungen für Fortgeschrittene
Nachweis einer Zwischenprüfung
Scheine aus den Grundlagenfächern
Seminarscheine
Scheine aus den Lehrveranstaltungen zur Vermittlung der Schlüsselqualifikationen
Scheine aus fremdsprachlichen Veranstaltungen
Nachweis praktischer Studienzeiten

Die Veranstaltungsformen dafür sind:
Vorlesungen: Es handelt sich um systematische, meist monologische Darlegungen des Stoffes durch Professoren und Dozenten.
Arbeitsgemeinschaften: Das sind im Idealfall gutachtliche Fallbearbeitungen. Tutoring, Monitoring, Mentoring finden hier leider kaum statt.
Übungen: Hier werden die für das Examen notwendigen Scheine im „Do-it-yourself-Verfahren“ erworben. (Nicht an allen Unis mehr üblich)
Seminare (seminarium, lat.: Pflanzschule): Hier begegnet man der Wissenschaft im Schwerpunktstudium unter vertiefender selbstständiger Erörterung juristischer Problemstellungen meist in Form von Hausarbeiten und Referaten.

Zu Beginn des Studiums ist es für Sie äußerst schwer, einen entsprechenden Überblick darüber zu gewinnen, was man wann wofür an Prüfungsstoff lernen muss. Ein Blick ins Gesetz, der ja manchmal klärend wirken soll, genügt leider auch hier nicht, da die Prüfungsfächer nur stichwortartig, manchmal zu detailverliebt, benannt werden und folglich keine Rückschlüsse auf Stoffumfang und Schwerpunkte für Sie zulassen.

Werden wir genauer! Das Universitätsstudium gliedert sich „offiziell“ in das Grundstudium (1.) und das Hauptstudium (2.). Beide sind jeweils auf vier Semester angelegt.

Versuchen wir es zunächst mit zwei Diagrammen: Wie ist mein Studium aufgebaut? – Welche Leistungsnachweise müssen von mir wann erbracht werden? – Welchem Semester ordne ich welche Rechtsgebiete zu?

1. Diagramm

 

1. Das Grundstudium – 1. bis 4. Semester
Es führt in die bis ins Examen tragenden Pflichtfächer Zivilrecht, Verfassungs- und Verwaltungsrecht sowie Strafrecht ein, wobei auch die internationalen, wirtschaftlichen und politischen Bezüge des Rechts berücksichtigt werden sollten (sic!). Das Grundstudium umfasst normalerweise eine Dauer von 4 Semestern (Regelstudienzeit). In dieser Zeit sollten Sie die für den Nachweis der Zwischenprüfung erforderlichen Studienleistungen erbringen. Dazu müssen Sie:
eine Arbeitsgemeinschaft regelmäßig besuchen,
15 Klausuren schreiben und bestehen
zwei Hausarbeiten anfertigen und bestehen
und alles mit mindestens 4 (ausreichend untere Grenze) Punkten bewältigen. Dann haben Sie die Zwischenprüfung geschafft! Ihr Nachweis ist ausdrücklich Zulassungsvoraussetzung zu Ihrem Examen.

Die folgende Tabelle gibt Ihnen eine Übersicht über die Fächer und die Anzahl der zu erbringenden Scheine für die Zwischenprüfung nach dem Grundstudium:

 

Bitte beachten Sie die Anmeldungsformalitäten zu Klausuren: Sie müssen sich online anmelden. Ansonsten können Sie die Klausur nicht mitschreiben. Erscheinen Sie zu einer angemeldeten Klausur nicht, wird diese mit 0 Punkten bewertet! Daher überlegen Sie sich gut, zu welchen Klausuren Sie sich anmelden (eine An- bzw. Abmeldung ist bis 7 Tage vor dem Klausurtermin online möglich). Bei Problemen können Sie sich an das Prüfungsamt wenden. Die Klausuren sind nicht uneingeschränkt wiederholbar! Die Anzahl der Versuche berechnet sich wie folgt: „Anzahl der erforderlichen Klausuren in dem jeweiligen Bereich x 2 + 1“.
Dazu ein kleines Rechenbeispiel: Im „Bürgerlichen Recht“ müssen Sie insgesamt 4 Klausuren bestehen. 4 x 2 + 1 = 9, d.h. Sie haben in diesem Bereich 9 Versuche, um die erforderliche Anzahl an Abschlusstests zu bestehen. Sollten Sie die erforderliche Anzahl an bestandenen Klausuren nicht erreicht haben, werden Sie exmatrikuliert, d.h. Sie können deutschlandweit keinen Abschluss mehr in Jura erwerben.

2. Das Hauptstudium – 5. bis 8. Semester

Das Hauptstudium beginnt, nachdem Sie die Zwischenprüfung bestanden haben. Es gliedert sich erstens in das Pflichtfachbereichsstudium und zweitens das Schwerpunktbereichsstudium.

  • Erstens: Das Pflichtfachbereichsstudium

Die Wiederholbarkeit im Pflichtfachteil: Die große Hausarbeit und die Übungen sind frei wiederholbar. Für die Klausur in den Grundlagen des Rechts II haben Sie drei Versuche.

  • Zweitens: Das Schwerpunktbereichsstudium

Vorlesungen aus einem gewählten Schwerpunktbereich der Fakultät
Sie müssen Kern- und Wahlbereichsvorlesungen besuchen, in welche Ihr Schwerpunktbereich geteilt ist.
Nachweis von insgesamt 16 SWS (Semesterwochenstunden) im gesamten Schwerpunktstudium

Die Wiederholbarkeit im Schwerpunktstudium: Die Schwerpunktseminararbeit muss mit mindestens 4 Punkten („ausreichend untere Grenze“) bewertet worden sein; bei Nichtbestehen gibt es eine Wiederholungsmöglichkeit. Für die Schwerpunktklausuren hat man 6 Versuche, zwei müssen mit mindestens „ausreichend“ bestanden sein, mindestens eine davon im Kernbereich.

Nach der Änderung des Deutschen Richtergesetzes aus dem Jahre 2002 hat dieser Ausbildungsabschnitt mit mindestens 16 SWS im Jurastudium
das Ziel, den Studenten möglichst früh die Möglichkeit zu geben, sich auf einem juristischen Gebiet zu spezialisieren,
den Sinn, eine frühzeitige Berufsorientierung zu ermöglichen und die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten zu vertiefen, ist also eine berufsbezogene wissenschaftliche Ergänzung der Pflichtfächer,
und die Absicht, den Universitäten verstärkte Verantwortung zu übertragen (30 % des Examens), ihnen die Möglichkeit der Profilierung in Spezialmaterien zu geben und ihre internationale Orientierung auch durch Einwerbung ausländischer Studenten zu stärken.

Es ist sicher von Vorteil, wenn der Student sich frühzeitig über seine juristischen Neigungen im Klaren ist und sich gezielt für bestimmte Fachgebiete qualifiziert. Hierzu bildet das Schwerpunktstudium die erste, aber keinesfalls die letzte Gelegenheit. Es erfolgt ab dem fünften Semester und wird mit dem universitären Teil (Universitätsprüfung) der Ersten Juristischen Prüfung (1. Examen) abgeschlossen. Mit 30 % fließt es in die Gesamtnote ein und ist von Universität zu Universität unterschiedlich mit Klausuren, Hausarbeiten, Seminaren und/oder Referaten ausgeformt. Der inhaltliche Gestaltungsraum unterliegt der Autonomie der Fakultäten, die über unterschiedliche Profile verfügen. Diese Profile bilden sich meist aus den Forschungsinteressen der Professoren und geben den Studenten eine Vielzahl möglicher Fächerkombinationen an die Hand. Die dafür vorgesehenen Wahlfächer bieten die Möglichkeit, einen fachlich-thematischen Schwerpunkt nach Ihren eigenen Interessen zu setzen, etwa im „Unternehmensrecht“, „Urheberrecht und Wettbewerbsrecht“, „Bankrecht“, „Arbeitsrecht“, in der „Rechtsgeschichte“, im „Völker- und Europarecht“, „Steuerrecht“, „Medienrecht“, in der „Kriminologie“ oder im „Jugendkriminalrecht“. Das mehr wissenschaftlich orientierte Schwerpunktbereichsstudium bietet dann eine große Gefahr, wenn man darüber den wichtigeren, mehr klausurenorientierten Pflichtfachbereich aus dem examensorientierten Auge verliert.

Im Gegensatz zum Staatsprüfungsteil setzt die Zulassung zum Schwerpunktstudium fast keine Leistungsnachweise voraus. Im Regelfall kann es nach Bestehen der Zwischenprüfung aufgenommen werden. Die Aufnahme erfolgt durch die Wahl des von Ihnen bestimmten Schwerpunktbereichs. Manche Unis haben als zusätzliche Voraussetzungen für die Universitätsprüfung festgelegt, dass man vorher erfolgreich an einem Seminar mit schriftlichem Referat teilnehmen muss.

Zusätzliche Voraussetzung zum erfolgreichen Abschluss des Studiums und für die Meldung zur staatlichen Pflichtfachprüfung ist noch der Nachweis einer praktischen Studienzeit in zwei sechswöchigen Praktika in der vorlesungsfreien Zeit, zum einen in der Rechtspflege und zum anderen bei einer Verwaltungsbehörde.

II. Phase: Referendarvorbereitungsdienst, sog. „Referendariat“ (praktische Ausbildung). Das liegt noch in weiter Ferne! (siehe nächsten Beitrag)

Beide Bildungsgänge werden jeweils durch Prüfungen abgeschlossen.
Das Abschlussexamen der gesamten Universitätsausbildung heißt „Erste Juristische Prüfung“ und besteht zu 70 % aus einem staatlichen Prüfungsteil (Staatsprüfung) und zu 30 % aus einer Universitätsprüfung (universitäre Schwerpunktbereichsprüfung).
Die Abschlussprüfung nach dem Referendariat bildet eine rein staatliche Prüfung, die sog. „Zweite Juristische Staatsprüfung“.
Die staatlichen Teile der Examina (Erstes Examen zu 70%; Zweites Examen zu 100 %) liegen in der Kompetenz der 16 Bundesländer. Hier werden sie von sog. „Landesjustizprüfungsämtern“, das sind Teile der jeweiligen Justizministerien, organisiert, die die Durchführung ihrerseits zum Teil auf die „Justizprüfungsämter“ der Oberlandesgerichte delegiert haben.
Die Universitätsprüfungen – Schwerpunktbereichsprüfungen – werden von eigenen Prüfungsämtern der jeweiligen Universitäten betreut.

Was macht die bunte Vielfältigkeit der Juristen aus?

Zunächst sollten Sie immer der Tatsache eingedenk sein, dass es den „Juristen“ als Beruf bis auf die drei Klassiker: Richter, Staatsanwalt und Rechtsanwalt gar nicht gibt. Das Berufsbild ist unscharf und diffus. Der streng einheitlichen Ausbildung folgt eine völlig uneinheitliche, aber juristisch vielfältige Berufswelt. Die Palette ist weit bunter als die ziemlich eindeutig eingefärbter Berufe, wie Arzt, Lehrer, Pfarrer oder auch Betriebswirt. Mit diesen Berufsbezeichnungen verbindet sich eine fest umrissene Vorstellung. Ganz anders bei dem „Beruf Jurist“. Dieser kann verschiedenen Professionen nachgehen.

Da liest und hört man auf dem Entscheidungsweg zum Jurastudium in Zeitungen und Fernsehsendungen oft von Rechtsanwälten in einer deutschen, gar ausländischen Großkanzlei mit horrenden Einstiegsgehältern, aber auch von Anwälten in einer kleineren, mehr auf Vielfältigkeit ausgerichteten „Anwalts-Boutique“ oder von Einzelkämpferkanzleien. Man erfährt von Verfassungsrichtern, Zivil- und Strafrichtern, Staatsanwälten, von weittragenden Verwaltungs-, Finanz-, Arbeits- und Sozialgerichtsentscheidungen, die ja immer von Richtern fabriziert worden sein müssen. Man bekommt Kenntnis von Wirtschafts- und Versicherungsjuristen, von Bankern, Unternehmensberatern und Vorständlern, von Schwurgerichten und Wirtschaftsstrafkammern, von Verbandsjuristen, Verlagslektoren, Mediatoren, von Mitarbeitern bei supranationalen Organisationen, Verbraucherschutzverbänden. Juristen arbeiten in der einen und anderen NGO, in einem internationalen, führenden Großkonzern, sind Personalchefs, EU-Beamte und Ministerialbeamte. Nun – gerade diese Starparade, die uns über die Medien erreicht, reizt heute viele Abiturienten zur Nachahmung.

Viele entschließen sich auch deshalb zu einem Jurastudium, weil sie „für Gerechtigkeit“ und „für Menschen“ kämpfen wollen. Sie haben den Film Der Regenmacher gesehen! Darin kämpft ein Junganwalt für eine Mutter, deren Kind an Leukämie erkrankt ist, gegen die übermächtige Krankenversicherung, gegen eine Phalanx eiskalter Kollegen. Er gewinnt und erstreitet 50 Millionen Dollar für Mutter und Kind. Ja, das wär es! Solche und ähnliche Filme stehen allerdings im gewaltigen Gegensatz zum Berufsalltag vieler Juristen.
Knapp zweihunderttausend Juristen in Deutschland aus den unterschiedlichsten Disziplinen, wie Verwaltungsrecht, Strafrecht, Zivilrecht, Steuerrecht, Medienrecht, Freiwillige Gerichtsbarkeit, in den unterschiedlichsten Professionen, wie Richter, Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Rechtspfleger, Amtsanwalt, Finanzbeamter, Syndikus, Vorstand, auf den verschiedensten Tätigkeitsfeldern arbeitend, wie streitentscheidend, streitschlichtend, streitvermeidend, sind zusammengefasst unter der Benennung „Jurist“. Da wollen Sie hin!

Was verbindet sie alle?

Zum einen, dass sie sämtlich eine gemeinsame Juristensprache sprechen, die abstraktesten Abstrakta beherrschen, die Rechtssprache als ihre Waffe benutzen, eine einheitliche Ausbildung zum sog. Einheitsjuristen durchlaufen haben, dadurch einen gewissen Korpsgeist entwickeln und gemeinsame zeremonielle und prozessuale Rituale in Behörden, Gerichten und Verwaltungen betreiben.

Zum anderen, dass sie beeindruckt und beherrscht sind von Methoden und Ordnungssystemen, von einer ganz speziellen, nur ihnen eigenen gutachtlichen Arbeitsweise und von ihren geheimnisvollen „subsumierenden“ Denkstrategien. Sie lieben das „Klein-Klein“, das Trennende, das haargenaue Unterscheiden nach ihrem Motto: „Jeder Fall ist anders!“ Die Gesetze werden zerlegt, zerdacht, es wird eliminiert, interpretiert und definiert, und alles wieder im Schlusssatz ihres „heiligen“ Gutachtens zusammengefügt. Dies alles werfen sie wie Netze über die Gesetze, das ständig neue juristische Sachverhalte produzierende Leben, über ihr Arbeiten, ihr Denken, Sprechen und Schreiben und fangen darin alle, aber auch alle Fälle.

Zum Dritten, dass sie dank ihrer schweren beiden Examina durch eine geistig-seelische Grenzerfahrung miteinander verbunden sind, die durch ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertsein und der Unterlegenheit gekennzeichnet ist. Die traumatisierenden gemeinsamen Examenserfahrungen aller Juristen schmieden die professionelle Einheit zusammen, stiften Identität und ermöglichen eine recht wirksame soziale Grenzziehung von Zugehörigen und Nichtzugehörigen zu der Profession. Was diese juristischen Examina von anderen unterscheidet ist die Länge der Prüfungen, eine fehlende Abstufung und Abschichtung der Fächer, das Wissen der gesamten Ausbildung punktgenau in einer Woche (schriftlich) und an einem Tag (mündlich) abrufbereit zur Verfügung haben zu müssen. Infolge dieser Aussichtslosigkeit haben Juristen ständige Selbstzweifel und erfahren die Verkümmerung sozialer Kontakte während der intensiven und langen, ca. einjährigen Vorbereitungsphase allein für das 1. Examen. Die Examina sind prägende Lebensepisoden aller Juristen.

Und viertens, dass sie über ganz bestimmte Schlüsselqualifikationen verfügen, denen Sie hier schon einmal begegnen sollen:

  • Gekonnte Sprache und Argumentationskunst, Sprachfähigkeit:
    Es ist aber nicht nur Sprachkompetenz im Alltag, mehr eine spezifische Bildungssprachkompetenz.
  • Textsicherheit:
    Das schriftliche Verfassen von Texten, also Sicherheit in Orthographie und Grammatik, ist in jeder juristischen Berufsrolle erforderlich.
  • Rhetorik:
    Sie ist kein (!) Schnickschnack, sondern die Fähigkeit, mit Argument und Gegenargument Meinungen zu bewegen und Einverständnisse herzustellen.
  • Informationsmanagement:
    Um von den Rechtsprechungs-, Zeitschriften- und Literaturlawinen nicht erschlagen zu werden.
  • Sachlichkeit und Fairness:
    Beide begründen Vertrauen in die Kompetenz von Juristen.

 Die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden:
Nicht alle Meinungen sind wichtig, nicht alle Gesetzesvarianten von Bedeutung. Nur so kann sich der Jurist sowohl in der realen Welt wie auch in der Gesetzeswelt orientieren.

 Die Reduktion von Komplexität auf einfache Elemente:
Wer die Komplexitätstreiber liebt, sollte Wissenschaftler, aber kein praktizierender Jurist werden.

 Kommunikative Kompetenz:
Wie Freundlichkeit, Redekunst, Empathie, Einfachheit, Klarheit, Zuhören können, Abwägen, Echtheit, Mut zur Korrektur, um andere zu überzeugen von seinen Standpunkten, letztlich auch manchmal sich selbst.

 Analyse- und Strukturfähigkeit:
Um Sachverhalte, die das Leben schreibt, und Gesetze, die der Gesetzgeber schreibt, zerlegen zu können. Der gute Jurist ist ein „Zerlegungskünstler“.

 Selbstdisziplin:
Eine Sekundärtugend, über die nichts geht.

Im öffentlichen Ansehen ist das Berufsbild der Juristen nicht ganz einheitlich.

Einerseits gelten die Juristen als autoritätshörig, weil sie immer von der Autorität „Gesetz“ abhängig seien, haarspalterisch, weil sie einem das Wort im Munde herumdrehen könnten, was sie bei ihren Gesetzesinterpretationskunststücken und Argumentationstricks geübt hätten, wertfrei, weil sie sich jedem neuen Gesetz schnell anpassten, ohne Moral, Kultur, Religion oder Parteigrundsätze zu achten, pessimistisch, weil sie immer schon den Konflikt mit Gegner und Gesetz antizipierten und bei Verträgen immer an das Scheitern statt an den Bestand dächten, arrogant, weil sie ständig alles besser wissen wollten.

Andererseits sagt man ihnen genau das Gegenteil nach, sie seien gesetzestreu, weil sie sich an Recht und Gesetz ausrichteten, gute Rhetoriker, weil sie gelernt hätten, ihren Standpunkt und den des Gesetzes zu vertreten und argumentativ zu verteidigen, neutral, weil sie keiner Instanz unterworfen und nur der Freiheit des Einzelnen und dem Gesetz verpflichtet seien, optimistisch, weil sie wüssten, dass das Gesetz im Einzelfall immer Freiheit, Recht und Gleichheit schaffen könnte, arrogant, weil sie zwar die Besser- und Bescheidwisser seien, aber nur deshalb, weil sie nun einmal aufgrund ihrer Gesetzeskunde besser Bescheid und vieles tatsächlich besser wüssten.

Wenn Sie noch kein konkretes Berufsziel vor Augen haben, ist es hilfreich, sich die Juristenberufe einmal anzusehen. Ein „Traumberuf“ motiviert und lässt den begonnenen Weg unerschrocken weitergehen.

Und das ist sie nun, die bunte Schar unserer Juristen, die die Fahne des Rechts in die täglichen „Rechtsschlachten“ tragen. Juristen arbeiten meistens:

  • Als Richter: Die Befähigung zum Richteramt erlangt nach § 5 DRiG (Deutsches Richtergesetz), wer ein rechtswissenschaftliches Studium an einer Universität mit der ersten juristischen Staatsprüfung und einen anschließenden Vorbereitungsdienst (Referendariat) mit der zweiten juristischen Staatsprüfung abschließt. Laut Artikel 92 und 97 GG (Grundgesetz) ist die rechtsprechende Gewalt den Richtern anvertraut, die unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen sind. Der Richter ist damit an keinerlei Weisungen gebunden und nur seinem Gewissen verantwortlich, unversetzbar und unabsetzbar. Er muss entscheiden, versuchen, eine intersubjektive Verbindlichkeit in seinen Urteilen herzustellen, wenn möglich auch noch zu überzeugen und Rechtsfrieden herzustellen.
  • Als Staatsanwalt: Der Aufbau der Staatsanwaltschaft als wesentliches Organ der Strafrechtspflege ist in § 141 ff. GVG (Gerichtsverfassungsgesetz) geregelt. Sie ist streng monokratisch und hierarchisch organisiert, die Beamten der Staatsanwaltschaft haben den dienstlichen Weisungen ihrer Vorgesetzten nachzukommen. Der Staatsanwalt ist Beamter, also versetzbar und weisungsgebunden. „Staatsanwalt“ ist sicher der juristische Beruf, der in der Öffentlichkeit die kontroversesten Meinungen auslöst. Einerseits wird er als konsequenter Strafverfolger gefürchtet, andererseits als Vertreter von Recht und Ordnung gewünscht.
  • Als Rechtsanwalt: Er ist gem. § 1 BRAO (Bundesrechtsanwaltsordnung) ein unabhängiges Organ der Rechtspflege. Jeder, der die Befähigung zum Richteramt nach § 5 DRiG erworben hat, kann den Antrag auf Zulassung zum Rechtsanwalt stellen. Zur Zeit (1.1.2014) bewegen wir uns in der Bundesrepublik auf die Zahl von über 160.000 zugelassenen Rechtsanwälten zu. (Jeder 500. Bundesbürger ist Rechtsanwalt!) Für den Rechtsanwalt ist als dienstleistender Freiberufler der Umgang mit und das Verhältnis zu seinen Mandanten von herausragender Bedeutung, da sein Einkommen von deren Zufriedenheit abhängig ist.
  • Als Notar: Gem. § 1 BNotO (Bundesnotarordnung) werden Notare als unabhängige Träger eines öffentlichen Amtes „für die Beurkundungen von Rechtsvorgängen und andere Aufgaben auf dem Gebiete der vorsorgenden Rechtspflege in den Ländern“ bestellt. Anders als der Rechtsanwalt ist der Notar kein Vertreter einer Partei, sondern unparteiischer Betreuer aller Beteiligten. Er ist nicht freiberuflich tätig, sondern nimmt staatliche Aufgaben in Form eines öffentlichen Amtes wahr. Seine Mitwirkung und die Form seiner Mitwirkungshandlung sind jeweils gesetzlich ausdrücklich vorgeschrieben. Sie sollen dazu beitragen, dass Rechtsklarheit herrscht und Fehler bei Geschäften von endgültiger oder weitreichender Bedeutung, z.B. bei Testamenten, Gesellschaftsverträgen oder Grundstücksübertragungen, vermieden werden. Voraussetzung auch für diesen Beruf ist die Befähigung zum Richteramt. Darüber hinaus wird eine Bedürfnisprüfung von der Landesjustizverwaltung durchgeführt, um eine Notarschwemme im jeweiligen Bundesland (wie etwa bei den Rechtsanwälten) zu vermeiden.
  • Als Verwaltungsjurist: Er hat kaum ein typisches Berufsbild. Das öffentliche Recht besteht aus unzähligen von einander unabhängigen Bereichen, die wegen ihrer vermeintlichen Unüberschaubarkeit schon in der Ausbildung resignierende Seufzer, wenn nicht gar Ablehnung hervorrufen. Dementsprechend vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten für Juristen, die mit bestandenem Assessorexamen auch die Befähigung zum höheren allgemeinen Verwaltungsdienst erworben haben. Beispiele für Beschäftigungsbehörden auf staatlicher Ebene sind etwa die Ministerien von Bund und Ländern, Sondereinrichtungen wie Finanzverwaltung, Bundeswehr, Arbeits- und Sozialverwaltung. Auf der kommunalen Ebene kommen als Dienstherren die Gemeinde-, Stadt- und Kreisverwaltungen und alle übrigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts in Betracht. Viele Verwaltungsgesetze räumen den betreffenden Behörden einen Entscheidungsspielraum ein, z.B. „kann“ eine bestimmte Genehmigung erteilt werden, im Gegensatz zu „muss“. Die Verwaltungsjuristen sorgen insoweit für den zweck- und rechtmäßigen Gebrauch von Ermächtigungsnormen für hoheitliches Handeln.
  • Die freie Wirtschaft bietet dem Juristen ein vielfältiges, z.T. von den Anforderungen her sehr unterschiedliches Tätigkeitsfeld. Als Arbeitgeber kommen Wirtschaftsunternehmen jeder Art und Größe in Betracht, die einer dauernden rechtlichen Beratung und Interessenwahrnehmung bedürfen. Der Jurist arbeitet als Justitiar in der hauseigenen Rechtsabteilung oder in der arbeitsrechtlich ausgerichteten Personalabteilung und beschäftigt sich im Wesentlichen mit den durch Art und Aufgabenstellung des Unternehmens entstehenden Rechtsfragen. Er ist in der Position eines innerbetrieblichen Hausanwalts, der nur noch einseitig die Interessen eines einzigen Klienten, nämlich seines Unternehmens, wahrnimmt. In der Hauptsache handelt es sich um eine beratende Tätigkeit für den Arbeitgeber. Justitiare werden besonders von Banken, Versicherungen, Verbänden, wie Arbeitgeber- und anderen Berufsverbänden, sowie von Gewerkschaften gesucht.

Neben dem Volljuristen gibt es im Justizwesen den Diplom-Rechtspfleger. Maßgebend für die Stellung des Rechtspflegers ist das Rechtspflegergesetz (RPflG). Der Aufgabenkreis des Rechtspflegers umfasst nach § 3 RPflG vorwiegend Bereiche der freiwilligen Gerichtsbarkeit und der Zwangsvollstreckung: so das Grundbuchwesen, die Registersachen, die Immobiliarzwangs-vollstreckung, die Forderungspfändung, Vormundschafts-, Betreuungs- und Nachlasssachen. Daneben sind dem Rechtspfleger einzelne Aufgaben auf dem Gebiet des Zivil- und Strafprozesses und im Rahmen der Strafvollstreckung übertragen. Er hat als sog. „Spezialist der freiwilligen Gerichtsbarkeit“ eine richterähnliche, sachlich unabhängige Stellung.

Zur Aufmunterung: Juristische Berufe sind „globalisierungssicher“. Deutsches Recht lässt sich nicht nach China auslagern, und indische Juristen können kein deutsches Recht.

Na, was Gutes dabei? – Wie man ein solcher Jurist wird? Das sehen wir uns im nächsten Beitrag an.

Was Rechtswissenschaft bedeutet?

Bekommt man es wie Sie mit der Rechtswissenschaft zu tun, können damit drei verschiedene Dinge gemeint sein, durch die wir jetzt gemeinsam durch müssen:

1. Rechtswissenschaft heißt zunächst das Resultat wissenschaftlichen juristischen Arbeitens.
Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Tätigkeit schlägt sich dann in schriftlicher Form, z.B. in juristischen Aufsätzen, Büchern, Zeitschriften und Urteilskritiken nieder. Bei uns heißt das Resultat „Die juristische Literatur“ und findet sich seriös in den Bibliotheken der Unis und Gerichte wieder.

2. Rechtswissenschaft bezeichnet aber auch die organisatorische Zusammenfassung von lehrenden Personen (Jura-Dozenten und Jura-Professoren), lernenden Personen (Jura-Studenten) und Institutionen (juristische Fakultäten an Universitäten, Fachhochschulen, Institute).
In der Alltagssprache findet man die Aussage: „Es ist Aufgabe der Rechtswissenschaft …“. Diese Art der Rechtswissenschaft teilt sich in zwei Bereiche:
Zum einen das Sammeln, Vergleichen, Auswerten und Verwerfen von juristischem Wissen und seine didaktisch geschulte Weitergabe an die Jura-Studenten – also Sie (juristische Lehre).
Und zum anderen das Erschließen neuen theoretischen oder empirischen juristischen Wissens, das Vergleichen mit altem und benachbartem juristischem Wissen und die kritische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung. Hier ist die Jurisprudenz auf Erkenntnissuche (juristische Forschung).
Beide Teilbereiche sollten von jeder rechtswissenschaftlichen Hochschule gleichermaßen (!) bedient werden. Werden sie aber nicht, da die Forschung zu stark die Lehre dominiert!

3. Rechtswissenschaft ist aber vor allem die Tätigkeit wissenschaftlich-juristischen Arbeitens. Darunter versteht man alle Bemühungen, um in organisierter, methodisch abgeleiteter Form systematisch Kenntnisse über „Gesetz und Recht“ zu sammeln, zu erforschen und auszuwerten. Dazu gehört das Erarbeiten eines vorgefundenen Stoffgebietes, wie bei uns das Recht und das Gesetz. Dazu gehört aber auch die kritische Auseinandersetzung mit den Aussagen und Ergebnissen dieser Disziplin – etwa denen der Rechtsprechung und juristischen Literatur – und schließlich die Weiterentwicklung dieser Erkenntnisse auch und gerade durch Studenten in Klausuren, Hausarbeiten und Referaten.

Unsere Rechtswissenschaft sollten wir zunächst in das allgemeine Bild der Wissenschaften eintäfeln. Ganz allgemein ist Wissenschaft das Streben nach Erkenntnis über einen bestimmten Gegenstand dieser Welt. Diese Erkenntnis kann man auch als „Wahrheit“ bezeichnen (ironisch: Wahrheit ist immer nur der vorläufig letzte gültige Irrtum). „Jede Tätigkeit, die nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit angesehen werden kann“, ist nach BVerfG 90, 1 (12) Wissenschaft. Da niemand alles wissen kann, ergab sich schon früh der Zwang, Teilbereiche des Strebens nach Erkenntnis über die Welt abzugrenzen. Auf diese Weise wurden die Felder einzelner Wissenschaften abgesteckt. Die exakte Abgrenzung ist freilich oft schwer, da die Übergänge fließend sind. Obwohl es keine allgemein anerkannte Systematik der Wissenschaft gibt, haben sich doch zwei verschiedene Einteilungen durchgesetzt:

  • Eine erste Unterteilung grenzt die Formalwissenschaften von den Realwissenschaften ab.
    Gegenstand der Formalwissenschaften, Mathematik und Logik sind die wichtigsten Beispiele, ist die Bildung und Verknüpfung von theoretischen Aussagen und das Ziehen von Schlüssen. Sie beschäftigen sich als theoretische oder „reine“ Wissenschaft mit abstrakten Aussagen ohne Bezug auf reale Erscheinungen.
    Die Realwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik, Psychologie, Soziologie) beschäftigen sich dagegen mit realen, also der Beobachtung prinzipiell zugänglichen, Erscheinungen als angewandte oder „praktische“ Wissenschaft.
    Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Rechtswissenschaft, die sich um das Streben nach Wahrheit über den beobachtbaren Gegenstand „Recht“ bemüht, eher den Realwissenschaften zuzurechnen ist, wobei sie sich allerdings häufig der Formalwissenschaft „Logik“ bedient.

 Eine zweite Unterscheidung grenzt die Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften ab.
Als Naturwissenschaften bezeichnet man alle Wissenschaften von der anorganischen und organischen Natur einschließlich der Naturbezogenheit von uns Menschen, also all das, was die „Natur“ erschaffen hat.
Ihnen werden die Geisteswissenschaften gegenüber gestellt. Gegenstand dieser Wissenschaften sind die verschiedenen Bereiche geistigen und kulturellen Lebens, also all das, was der „Geist“ erschaffen hat.
Zu den Geisteswissenschaften gehört auch die Rechtswissenschaft, da ihr Gegen-stand, das Recht, nach moderner Auffassung vom Menschen gesetzt wird.

Was macht die juristische Wissenschaft aus?

Angesichts der Unmöglichkeit, den scheinbar unumstößlichen, ewigen Naturgesetzen vergleichbare unumstößliche, ewige Rechtsgesetze entgegen zu setzen, will niemand (manche tun es doch) so vermessen sein, gleich der ganzen juristischen Disziplin, unserer Juristerei, den Wissenschaftscharakter abzusprechen. Obwohl – ein wenig entmutigen sie schon, die nicht immer einheitlichen Urteile der Gerichte quer durch die Republik und die sich schnell überholenden und manchmal auch sich widersprechenden Gesetze. Man blickt angesichts der Unmöglichkeit sicherer juristischer Urteile neidvoll auf die unvergänglichen, ewigen Gesetze der Naturwissenschaftler.

Jeder, der einmal mit einem Naturwissenschaftler darüber gesprochen hat, weiß, wie schwer es ist, diesem zu erläutern, was juristische Wissenschaft beinhaltet. Die Diskussion um die Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft existiert seit langem und ist ebenso wenig neu wie die Frage nach der Ausrichtung der rechtswissenschaftlichen Ausbildung hin zu mehr Wissenschaftlichkeit oder eher zu mehr Rechtsanwendung. Die Zeitgebundenheit und Relativität des Rechts sind allerdings von vornherein ein Problem der Rechtswissenschaft („Drei Worte des Gesetzgebers machen Bände von Rechtswissenschaft zur Makulatur“, v. Kirchheim). Auch die Fülle an Entscheidungen und die rasante Geschwindigkeit der Gesetzesänderungen, die die Rechtswissenschaft manchmal an der systematischen Ordnung hindern, stellen ein Problem für die Rechtswissenschaft dar. Dennoch dürfen die gewaltige Dynamik des internationalen, europäischen und nationalen Gesetzesausstoßes sowie die Explosion der gerichtlichen Entscheidungen die Rechtswissenschaft nicht in die Knie zwingen.

Die Rechtswissenschaft gliedert sich nach ihren unterschiedlichen Gegenständen und Inhalten in folgende zwei Unterbereiche:

  • Die Rechtswissenschaft im engeren Sinn:

Was die Anforderungen anbelangt, lassen sich drei mögliche Funktionen der Rechtswissenschaft im engeren Sinn herausstellen:

Die normbeschreibende Funktion: Hierbei geht es vor allem darum, die Gesetze des materiellen Rechts auszulegen, darzustellen, zu systematisieren, zu kommentieren und zu zeigen, dass die bisherigen Normen einen (nicht) logischen, sich (nicht) widersprechenden Zusammenhang bilden.
Die normvorschlagende Funktion erfüllt eine soziale Steuerungsleistung, indem sie bei entstehenden gesellschaftlichen Fragestellungen dem Gesetzgeber Vorschläge für Regelungsmodelle durch Gesetze unterbreitet.
Die normkontrollierende Funktion der Rechtswissenschaft besteht darin, Gesetzgebung und Rechtspraxis durch Schaffung objektiver Maßstäbe kritisch zu bewerten und somit auch Aussagen über die Güte und Beständigkeit von Gesetzen und Urteilen zu treffen.

Leider begnügt sich die Rechtswissenschaft in aller Regel damit, das zu interpretieren und zu kontrollieren, was der Gesetzgeber und die Gerichte produzieren. In dieser rein deskriptiven Interpretation der Rechtswissenschaft haben sich die juristischen Fakultäten in Forschung und Lehre gut eingerichtet. Auf die Gesetzgebung nimmt die Rechtswissenschaft (normvorschlagende Funktion) leider ebenso wenig Einfluss wie auf die Beobachtung der Entstehung der sozialen Konflikte, auf die die Gesetze dann wirken sollen. Sie sollte ihrem eigenen Anspruch folgend mehr im ständigen „Dialog“ mit der Rechtsprechung, mit der Gesetzgebung und der gelebten sozialen Wirklichkeit stehen.

  • Die Rechtswissenschaft im weiteren Sinn:
  • Sie fächert sich auf in:
    Rechtsgeschichte, die die Ursprünge des Rechts und seine geschichtliche Entwicklung behandelt. Aufgabe der Rechtsgeschichte ist es, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, Rechte und normativen Sätze für die unterschiedlichen Geschichtsepochen zu erforschen, darzustellen und zu erklären. Im Gegensatz zur Rechtsvergleichung stellt sie nicht die horizontalen, sondern die vertikalen Vergleiche an.
  • Rechtsvergleichung, die unterschiedliche Rechtssysteme auf internationaler Ebene gegenüberstellt. Ohne eine Grenzen überschreitende Rechtsvergleichung besteht die Gefahr der nationalen Engstirnigkeit.
  • Rechtssoziologie, die feststellt, wie das Recht in der Realität ankommt und gelebt wird.
  • Rechtsphilosophie, die das Wesen des Rechts zu erforschen versucht. Ein noch zu weites Feld! Im Zentrum der Rechtsphilosophie stehen Versuche, die „menschlichen“ Gesetze in einer übergeordneten Geltungssphäre zu verankern.

Sie haben es im Anfang Ihrer juristischen Ausbildung ganz überwiegend mit der „Rechtswissenschaft im engeren Sinn“ zu tun, da Sie sich mit der Anwendung und Auslegung von Gesetzestexten für das Gebiet BGB, StGB und Staats- und Verfassungsrecht sowie den entsprechenden Urteilen und der entsprechenden Literatur beschäftigen.

Auch die Bereiche der „Rechtswissenschaft im weiteren Sinn“ sollten Basisfächer für den Jurastudenten sein, die man zwar nicht zur Lösung von Klausuren benötigt, die man aber zum tieferen Verständnis des deutschen und des europäischen Rechts braucht, um rechtliche Fragen und Antworten weiterzuentwickeln. Ohne die Wurzeln der Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte besteht die Gefahr, zum technokratischen Rechtsanwender zu degradieren (Stichwort: „Rechtsingenieur“). Es besteht die Gefahr, dass sich keine gemeinsame Schnittmenge über die Grundlagen und das Wesen des Rechts mehr im gemeinsamen Bewusstsein aller das Recht Anwendenden findet.

Leider sieht die Praxis anders aus! Alle Studenten fokussieren ihren Blick sehr schnell ausschließlich auf die Lösung von Fällen und das positive vorgefundene Recht. Von den durch Professoren und Altstudenten kommunizierten schweren Anforderungen der Semesterklausuren und des Examens geht eine erhebliche Sogwirkung auf ihr Lernverhalten aus. Die überragende Relevanz der Examensnote zwingt die Studenten dazu, Lehrveranstaltungen in Frage zu stellen, deren Inhalte mit dem Examen als nicht kompatibel wahrgenommen werden. Wichtig sind für die Studenten die Grundlagen für die Fallbearbeitungen der ersten Klausuren, nicht die Grundlagenfächer, deren Bezeichnung ohnehin verwirrend wirkt, da sie eben gerade nicht die notwendigen Grundlagen für die Rechtsanwendung legen und die man besser deshalb als Quellenfächer bezeichnen sollte.

Häufig werden Sie dem Begriff der Rechtsdogmatik begegnen. Rechtsdogmatik ist die wissenschaftliche Behandlung und Darstellung des geltenden Rechts. (griech.: dógma, Meinung, Lehrsatz). Sie legt die geltenden Rechtsgrundsätze fest. Das geltende Recht umfasst dabei nicht nur die Gesetze mit Geltungsanspruch, also die Gesetzestexte, sondern auch deren Konkretisierung in der Anwendung durch Rechtsprechung und Rechtswissenschaft. Das geltende Recht zu kennen und zu verstehen, ist die Aufgabe der Rechtsdogmatik. Kurz: Die Rechtsdogmatik ist die juristische Arbeit am vorgefundenen Gesetz. Die Dogmatik hat zwei wichtige Funktionen:
Sie hat eine Stabilisierungsfunktion für die Rechtsanwendung, da alle Gesetze mit gleichen Methoden und im gleichen Geist anzuwenden sind.
Sie hat eine Entlastungsfunktion, damit man das juristische Rad nicht immer wieder neu erfinden muss.
Die Rechtsdogmatik mit ihrer Falllösungstechnik hat die Monopolstellung für Ihr „Lernziel Staatsexamen“. Rechtswissenschaft ist für Sie überwiegend eine Rechtsanwendungswissenschaft. Bewährt sich nicht vielleicht in der Falllösung die eigentliche Wissenschaftlichkeit der Jurisprudenz?

Mein Rat: Sie sollten am Anfang Ihres Jurastudiums eine mehr geschlossene Orientierung an der juristischen Form der Fallbearbeitung und am dogmatischen Rechtswissen anstreben. Um den Rest der „Grundlagenfächer“ kümmern Sie sich später auf sicherer „Grundlage“ der ersten Semester. Es muss nicht alles zugleich und an (noch) nicht dazu bereiter Stelle studiert werden.

Welche Kommilitonen neben einem auf den Hörsaalbänken sitzen?

Schauen Sie einmal schmunzelnd nach links und rechts! Kann man sie vielleicht da sitzen sehen? – Erkennen Sie sie? – Und welchem Exemplar entsprechen Sie selbst am ehesten? Hier nun einige Proto-Kommilitonen, mit denen Sie es nach meinen Erfahrungen im Laufe Ihres Studiums neben sich auf den harten Hörsaalbänken, im Seminar, beim Repetitor oder in der Bibliothek bald zu tun bekommen. Einige Urbilder– ohne eine Garantie für die Vollständigkeit und Richtigkeit zu übernehmen. Studenten sind eben nicht „so“, sie sind auch so und so und so wieder nicht und auch nicht so und wieder ganz anders.

Der Bösartige – sitzt bildlich immer mit einem Messer zwischen den Zähnen im Studentenraum. Er fühlt sich durch jede Bemerkung angegriffen und wird leicht ausfallend.

Der Alleswisser – hat geistig immer einen Doktorhut auf. Er weiß nicht nur alles, sondern alles besser und muss das an den Dozenten und die Kommilitonen bringen.

Der Schwätzer – stellen Sie sich ihn immer mit einem riesigen Schnabel vor. Er hört sich gerne reden, auch wenn er nichts zu sagen hat und findet kein Ende.

Der Schüchterne – immer in Deckung, verborgen und vergraben hinter seinem Schönfelder. Er traut sich trotz guter Kenntnisse nicht, vor den anderen seine Meinung zu sagen. Er leidet an Kontaktscheu und Hierarchie-Scham.

Der Widerspenstige – fährt immer die Stacheln aus. Er hat gegen alles Bedenken, ist misstrauisch und voreingenommen gegenüber neuen Ideen.

Der Uninteressierte – blickt den Dozenten nie an, sondern immer woanders hin. Er beteiligt sich nicht, fühlt sich durch das Thema nicht angesprochen, spielt immer den Beleidigten.

Der Vorsichtige – hockt in einem großen Schneckenhaus. Er hört immer erst einmal, was die anderen sagen, ohne sich selbst festzulegen. Meist ein guter Jurist, traut sich aber nichts zu und schämt sich seiner Fehler.

Der Hochnäsige – sein Kopf ragt über die Wolken der prophanen juristischen Welt. Er will nur „beobachten“, um dann hinterher die Besprechungsergebnisse zu kritisieren, lässt sich aber nicht herab, selbst mit zu arbeiten.

Der Positive – von Dozenten bekränzt mit einem Heiligenschein. Er macht gut mit, sucht ehrlich nach Lösungen der juristischen Probleme, ist sachlich und aufgeschlossen. Der ideale Partner für einen partizipativen Lehrstil.

Der Ehrgeizige – studiert Jura nur aus Karrieregründen; sein Blick ist starr auf das Punkten gerichtet. Folgt keinen Interessen, sondern nur der Frage: „Was bringt mir das für das Examen?“

Der Perfektionist – wird mit dem Fall, dem Arbeitspensum nie fertig, sieht nur Bäume, aber keinen Wald. Zerbröselt jedes Problem in fünfzig Unterprobleme und trifft nur selten den Punkt.

Der Generalist – Gegenspieler des Perfektionisten. Der Wald hat für ihn keine Bäume, ein Fall kaum Probleme. Liebt die Stammtischargumentation, denkt nicht ableitend, sondern mehr aus dem Bauch.

Der BGH-Gläubige – zitiert im Überfluss Leitsätze, die sein eigenständiges Urteilsvermögen stark eintrüben. Schlägt immer mit der Autoritätsklatsche zu und empfindet Kritik am BGH als Gotteslästerung.

Der Nicker – autoritätssuchender, ausschließlich den Dozenten durch beifälliges Nicken bestätigender Ja-Sager. Eckt nie an, weil er nie Kritik äußert. Fragt man ihn, weiß er trotz Nickens meist keine Antwort. Hat eine Senk- und Hebevorrichtung im Nacken installiert.

Der Gerechtigkeitsfanatiker – gefährliche Abart des juristischen Hartholzbohrers. Muss allen Dingen auf den ethischen Grund und den Mitstudenten auf den Zeiger gehen. Die knüppelharte juristische Dogmatik mag er gar nicht, ihn interessieren die Trias des Wahren, Guten und Gerechten, die großen Fragen von Schuld und Sühne, Menschenwürde und Freiheit. Der Rest ist für die juristisch Niederen da.

Der Morgen-geht-es-richtig-los-Typ – verfehlt das richtige juristische Lernen todsicher, weil er ständig neue, bessere Lern- und Arbeitspläne macht und dabei keine Zeit zum Lernen findet.

Der Selbstbetrüger – fürchtet nichts mehr als Fehler. Löst Übungsfälle nie selbst, sondern schreibt ab oder schaut in die Lösungsskizze. Tröstet sich anschließend mit dem Satz: „Hätte ich auch so gemacht!“

Der Verströmer – Opfer seiner Talente. Kann Vieles und macht Vieles und nichts richtig. Sein Pech: multibegabt zu sein, mühelos durch die Schule gekommen zu sein, erfolgsverwöhnt, locker, von allem eine Ahnung – reicht für den harten juristischen Alltag leider nicht aus.

Der Abenteurer – wissbegierig und neugierig dringt er in juristisches Neuland vor. Entdeckt neue juristische Kontinente. Alte Routen sind unter seiner Würde. Vergisst nur leider meist, seine neuen Entdeckungen zu kartografieren, so dass er sich mangels wiederholbarer Lern- und Methodenwege häufig verirrt. Idealer Referat’ler und Hausarbeit’ler, schlechter Klausurenschreiber.

Der Verdrießliche – arbeitet freudlos, lustlos und erfolglos. Nur mit Verdruss, Widerwillen gegen alles, was mit „Jura“ anfängt, und grimmiger Wut gegen die Besseren kommt man nicht weiter. Solche Masochisten sollten über den Abbruch nachdenken. Es gibt andere Studien!

Der Minimalist – meist kluger Studentenkopf, der sich aber leider durch Trägheit nur zu einem Minimum an juristischem Aufwand hinreißen lässt. Schade! Kann durch gewecktes Interesse und spannende Lehre aus seiner Minimum-Mentalität geweckt werden. Geschieht das nicht, sieht er regelmäßig keine Veranlassung, mehr zu arbeiten. „Befriedigend“ ist ja auch eine Note!

Am besten gefällt der „Blended Student“, diese feine Mischung aus Ehrgeiz und Minimalismus, aus Perfektionismus und Generalismus, aus Multitalent und Nickertum, aus Hochnäsigkeit und Vorsicht. Aber er ist nur schwer zu finden! Vielleicht werden Sie ja ein solcher?! Wer weiß!

Wie man sich für das Jurastudium motivieren kann?

Indem Sie sich selbst motivieren und nicht vergeblich auf die Motivation von außen warten.
Der allererste Schritt zu Ihrem erfolgreichen Studium führt über Ihre Selbstmotivation für Jura, zu Ihrer Freude an Jura und damit auch zu Ihrer Freude am erfolgreichen Jurastudium. Die Selbstmotivation zu aktivieren, zeugt von einem hohen Maß an emotionaler Intelligenz. Wer weiß, was er tut und warum er es tut, gewinnt Sicherheit. Denn die „Warum-Was-Frage“ ist immer die eigentliche Frage nach dem Grund!
Sie müssen sich fragen:
„Warum will ich eigentlich die juristische Ausbildung betreiben?“ –
„Warum will ich das machen und wozu?“ –
„Was treibt mich an?“ –
„Was mag ich an dem Jurastudium?“ –
„Was kann ich tun, um es noch mehr, noch intensiver zu mögen?“ –
„Was macht mein Jurastudium besonders interessant für mich?“ –
„Was stärkt mein Vertrauen, dass das Jurastudium für mich erfolgreich wird?“

Die Motivation ist als Treibstoff für den Studienbeginn von besonderem Interesse für Sie. Gerade sie ist eine starke Verbündete im Anfang des Anfangs des juristischen Lernens zur Ankurbelung Ihrer Studierlust und zur Überwindung Ihrer Angst vor der unbekannten Juristerei.

Ihre jurastudentische Motivation muss allerdings mehr sein als nur ein Strohfeuer. Sie muss Sie auch über mögliche Motivationslöcher im Anfang hinweg tragen:
„Mir sind Zweifel daran gekommen, ob ich zum Jurastudium wirklich tauge.“ – „Ich bin weder von meinen Fähigkeiten recht überzeugt noch von meiner Inspiration und Motivation genügend beseelt zum Jurastudium.“ – „Ich sehe bei meinen ehemaligen Mitschülern, die ebenfalls Jura studieren, dass alle viel besser, klüger und fleißiger sind als ich.“ – „Eigentlich wollte ich ja etwas anderes studieren, Jura war ja nur mein Zweite-Wahl-Studium“.

Der unmotivierte Träge hat immer eine Entschuldigung. Der motivierte Wache hat immer eine Lösung für seine Probleme.

Nicht diese schwarzseherischen Gedanken! Unglücklicherweise gibt es keine magische Formel, um Studenten zu motivieren. Hier käme der Förderung Ihrer Motivation durch Ihre Professoren in den Vorlesungen eine herausragende Bedeutung zu. Professoren aber, die Probleme mit ihrer Lehre haben, selbst freudlos unterrichten und deren Lehrveranstaltungen deshalb immer mehr zu Leerveranstaltungen verkommen, können nicht motivieren. Sie neigen dazu, die mangelnde Motivation auf das Totschlagargument der fehlenden Studierfähigkeit ihrer Studenten zurückzuführen. Sie übersehen dabei, dass vielmehr ihr fehlender Enthusiasmus, der oft viel zu hohe Schwierigkeitsgrad ihrer Vorlesungen, ihr fehlendes Verständnis für die studentischen Lernschwierigkeiten, die fehlende Offenlegung der Klausurenkriterien und die fehlende Entschleierung der juristischen Notengebung wenig motivierend wirken auf ihre Studenten, wenn nicht sogar demotivierend.

Während Sie also auf die Motivation durch die Dozenten nicht allzu sehr vertrauen sollten, sollten Sie umso mehr auf Ihre eigene bauen. Machen Sie sich also möglichst schnell auf die Suche nach Ihren eigenen Motiven, befragen Sie sich selbst nach dem Warum und Was Ihres Studierens!

Es gibt zwei unterschiedliche, grundlegende Motivbündel zum Studium:
Die Motive von innen her (intrinsische), sie sind selbstbelohnend: Das Studium wird aus eigenem Antrieb durch natürliches, echtes Interesse an der Sache, am aktiven Lernen selbst betrieben. Es wird hier aus Freude um seiner selbst willen ausgeführt und selbstbestimmt erlebt.
Die von außen gesetzten (extrinsische) Motive, sie sind fremdbelohnend: Das Studium wird hier durchgeführt, um damit positive, belohnende Folgen herbeizuführen (gute Klausurenergebnisse) oder negative, bestrafende Folgen zu vermeiden (Nichtbestehen der Prüfung).

Wozu neigen Sie? – Meist sind die Jurastudenten eher extrinsisch motiviert, auf das Erzielen von Prädikatsnoten und auf die Erfüllung sozialer Erwartungen („Ich muss das tun, weil …“) ausgerichtet. Je mehr Sie sich mit dem Grund Ihres Jurastudiums identifizieren und je intrinsischer Sie motiviert sind, desto besser wird Ihre Studienleistung.

Ihre Motivation wird größer, wenn zu den intrinsischen verstärkend und absichernd extrinsische Motive hinzutreten. Die Belohnung in den vielen Gesprächen mit Freunden über Ihr Jurastudium und seine Inhalte, ihre Anerkennung über Ihre juristischen Erklärungen, die Beachtung in Ihrer Familie durch Ihre rechtlichen Beiträge, die Bewunderung durch Ihre Bekannten, wenn Sie über Notwehr- und Notstandfälle philosophieren, der Neuzugang zu Kriminal-Literatur und Film und nicht zuletzt ein gewisser Ehrgeiz nach einer guten Note in der Klausur, durch die Sie Ihren Mitstudenten und Ihren Dozenten „gefallen“ wollen. All das gehört zu einer Untergruppe der extrinsischen Motive, den sozialen Motiven.

Nehmen wir drei Beispiele:

Beispiel 1 – StGB:

Beim Strafrecht schieben Sie schon bald starke Anreize von innen, nämlich das durch diese spannende Materie selbst bedingte Interesse, über Ihre Lernanstrengungen und Schwierigkeiten beim Lernen hinweg: das allgemeine Interesse an „Mord und Totschlag“, die Verbindung zu Ihrer Vorliebe für Krimis und zu Ihren eigenen Beobachtungen in Strafprozessen, die unmittelbare Umsetzung des Gelernten auf aktuelle Zeitungsberichte über laufende Strafverfahren und Straftaten, das Wiedererkennen der Lerninhalte in Kriminalreihen des Fernsehens, die Möglichkeit der Diskussion über Teilgebiete auch mit Nichtjuristen, die Freude an neuen Einsichten über „Schuld und Sühne“, „Sinn der Strafe“, „Aufbau des Verbrechens“, „Ethik und Strafe“.

Solche Motive von innen sind uns gerade in der Juristerei häufig gar nicht bewusst, wir bemerken nur, dass wir etwas „ganz von selbst tun“, dass uns das damit verbundene Lernen angenehm scheint und dass wir uns selbst belohnen durch das Verstehen von bisher unverstandenen Vorgängen. Man muss sich selbst nicht nach dem „Warum“ seiner Begeisterung für das Strafrecht fragen. Sie ist einfach da! Der Nachteil dieser intrinsischen Motive ist allerdings, dass man nicht beschließen kann: „Ab jetzt interessiert mich BGB wahnsinnig!“ Man kann sie nur sehr schwer beeinflussen. Sie sind auch unbeständig, flüchtig, man kann sich nicht langfristig auf sie verlassen. Das ist aber auch eine Chance für den Wechsel. Ein plötzliches Interesse oder Spaß von innen kann man zwar nicht herbeizaubern, aber durch Willensanstrengung und Ideen anregen!
Beispiel 2 – BGB:

Kann man intrinsische Motive nicht auch auf das weniger geliebte BGB übertragen? Nur scheinbar nicht! Es scheint nun einmal „anerkanntermaßen“ niemanden besonders zu interessieren, wie ein Vertrag zustande kommt, wie man eine Anfechtung durchführt, wie eine Aufrechnung klappt. Es scheint aber nur so! Bald werden Sie Ihrer Großmutter anlässlich eines Brötchenkaufs das Abstraktionsprinzip und die Anzahl der vorzunehmenden drei Rechtsgeschäfte mit ihren sechs Willenserklärungen erklären können. Sie werden ihr erklären, dass Télos keine griechische Insel ist, sondern das Ziel eines Gesetzes. Sie werden die Diskussion auf die Frage: „Was passiert eigentlich mit eurem Vermögen bei der gesetzlichen Erbfolge, was bei der gewillkürten?“ bringen können. Zugegeben: Das Eigentümer-Besitzer-Verhältnis und die Bereicherungsansprüche werden kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, aber eine arglistige Täuschung beim Autokauf, ein Irrtum über die Eigenschaften einer Einbauküche, die Konstruktion des „Leasings“ eines PKW oder die Finanzierung eines Häuschens oder einer Eigentumswohnung mittels eines Darlehns, das durch Grundpfandrechte gesichert ist? Grundbuch – in welcher Buchhandlung gibt’s das? Eine Sicherungsübereignung – was ist das eigentlich? „Bürgen ist erwürgen?“ – warum diese Volksweisheit? „Augen auf beim Kauf“ – warum? Ein Vertrag ist auch ohne Form wirksam? Eheschließung ist der weitesttragende und gefährlichste Vertrag überhaupt – wieso? Warum dann keine notarielle Beurkundung, warum nur Standesamt? Scheidung und ihre rechtlichen Folgen? Warum hier Richter und nicht auch nur Standesamt? Ehevertrag: Aha! „Vertrag“ kommt von „vertragen“? Testament ohne Notar, das geht? Üben Sie sich in der Fähigkeit, Vorlesungs- und Lehrbuchwissen mit dem „Leben draußen“ zu verknüpfen! Überall wird geheiratet und geschieden, gekauft und gemietet, geleast, gebürgt, angefochten und erfüllt, geerbt, vererbt und verpfändet. Und das alles soll keinen interessieren?

Beispiel 3 – Öffentliches Recht:

Das alles gilt auch für das öffentliche Recht. Auch hier kann man eine rationale Motivation erzeugen. Flachen Sie von Anfang an die oft bei Anfängern zu beobachtende Unwilligkeit gegen das öffentliche Recht ab! Übertragen Sie mögliche negative Erfahrungen aus der Schule nicht zu Unrecht auf diese neue Studienrichtung. „Grundgesetz, Staat, Stadtverwaltung, Politik überhaupt – interessieren mich nicht.“ Doch, tun sie! Sie sind schließlich ein Mitglied dieser staatlichen Gemeinschaft, die sich Bundesrepublik Deutschland nennt. Wollen Sie da nicht wissen, wie sie funktioniert? Tausende von Beamten wenden täglich Gesetze an. Sind Sie da gar nicht neugierig, wie sie entstehen? Verwaltungsrecht ist nicht das Recht der Verwaltung, sondern überwiegend das Recht des Bürgers gegen die Verwaltung. Polizeirecht, Sozialrecht, Ausbildungsförderung, Daseinsvorsorge in Form von Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen, Unis, Friedhöfen – alles, alles ist öffentliches Recht. Das interessiert Sie nicht?

Ihre gesamte Motivation können Sie selbst entscheidend steuern, indem Sie Ihre bestehenden positiven Motive verstärken (welche bringen Sie mit?), Ihren alten Motiven neue Motive hinzufügen (welche gewinnen Sie an der Uni hinzu?), Ihre entgegengesetzt wirkenden negativen Motive abbauen (welche sind das bei Ihnen überhaupt?).

Wie das geht? – Fangen wir gemeinsam an mit der Suche! Hier ein paar Motivationstipps für Sie:

 Warum lohnt es sich eigentlich, Jura zu studieren? Machen Sie sich öfter als bisher klar, warum Sie eigentlich ein Jurastudium betreiben: „Ich will einen guten, sicheren Beruf haben, Sozialprestige und Unabhängigkeit im weiteren Leben erlangen.“ „Ich will mit meinem Studium ein großartiges Bildungsabenteuer erleben mit einem prestigeträchtigen Abschluss.“ „Ich will meine Persönlichkeit zumindest bereichern, wenn nicht formen.“ – „Ich will mich für den Kampf um Gerechtigkeit vorbereiten.“ Verstärken Sie diese Motive! Beim Berufswunsch spielen rationale, ebenso wie moralische, soziale und emotionale Beweggründe eine Rolle. Manche tragen durchs ganze Leben, manche zerplatzen wie Seifenblasen schon im ersten Semester. Wichtig ist, dass Sie Ihre Motive öfter überdenken, nachjustieren oder sich auch eingestehen müssen, dass Sie einem Irrtum aufgesessen sind. Denn: Viele haben Jura auch mangels besserer Alternativen gewählt.

 Suchen Sie nach neuen Motiven! Häufig ist das unmittelbare Anwenden des Erlernten eine gute Chance, um kleinere Erfolge und Belohnungen für sich zu schaffen. Lösen Sie mehr kleine Fälle, diskutieren Sie mehr auch über privatrechtliche, strafrechtliche oder öffentlich-rechtliche Themen mit Freunden, lesen Sie eine überregionale Tageszeitung, sehen Sie die Tagesschau und politische Sendungen mehr und mehr unter juristischen Blickwinkeln, versuchen Sie Ihre Familie in erbrechtlichen Fragen zu beraten, bilden Sie mit Kommilitonen eine Lern- und Diskutiergruppe.
Wozu man vom Erlebnis her keinen Zugang hat, dafür hat man meist keine Lust. Schaffen Sie sich bald solche vergnüglichen Erlebnisse! Gehen Sie einmal in eine strafrechtliche und zivilrechtliche Hauptverhandlung. Die sind öffentlich und es ist nicht „peinlich“, einfach „hinein“ zu gehen. Ich werde Sie am Ende des Blogs dahin begleiten.

 Bauen Sie die Abneigungen gegen das BGB mehr und mehr ab! Diese Abneigung hat wahrscheinlich eine lange Vorgeschichte. Analysieren Sie ihre Entstehung! Ihre Eltern waren auch schon immer gegen den „Papierkrieg“, den „Geschäftskram“, das verdammte „Kleingedruckte“? Forschen Sie nach, ob Sie nicht deren Vorurteile einfach nur übernommen haben, die für Sie heute aber nicht mehr gelten. Alles, was Sie an Aversionen abbauen können, verstärkt automatisch Ihre Lernmotivation.

 Auch die Neugier auf das, was alles Recht ist und die immer wiederkehrende Spannungssuche im „System Jura“, das Aufspüren der Gerechtigkeit und der Moral in „Recht und Gesetz“, die detektivische Erkundungsfreude im Lösen von Fällen, das Spielerische im Gutachtenstil und das Logische in der Subsumtionstechnik, der sportliche Wettkampfcharakter in Klausuren können motivieren.

 Der Triumph des ersten Verstehens der oft schwierigen, zu einem komplexen Gesetzestext zusammengesetzten Wortzeichen bringt ebenso Motivation wie die erste erfolgreiche Klausur. Verstehen und Erfolg bereiten ein unerhörtes Vergnügen, das Ihr Geist Ihrem Körper immer häufiger bereiten wird und sind eine starke Motivation.

 Die Angst vor der Langeweile, vor dem Gefühl des Nichtausgefülltseins jetzt und im ganzen Leben – ohne den vorgenommenen Abschluss – erzwingt ebenfalls starke Lernmotive. Mit Begeisterung zu studieren, heißt, sich nie wieder zu langweilen.

 Machen Sie aus jedem juristischen Fall, den Sie lösen, eine Denksportaufgabe! Auch bei ihr ist sowohl die Erkenntnis das Vergnügen (Das Ziel ist das Ziel), als auch der Weg des Erkennens (Der Weg ist das Ziel). Legen Sie beide Ziele frei!

 Ein idealistisches Motiv: Die jungen Jurastudenten können sich zwar die Traditionen der Juristen, die noch nie die Speerspitze der Revolution waren, nicht aussuchen, aber sie könnten als die neue Generation von Jurastudenten wissen, dass es an ihnen liegt, ob und wie sie sie fortsetzen.

 Das Motiv der Motive ist und bleibt aber: Vergessen Sie nie, dass Sie etwas Besonderes werden wollen! Dass das Jurastudium die Basis für Ihr weiteres Leben in Staat und Gesellschaft ist, Ihnen eine große Lebenschance eröffnet und das Studium ein Geschenk der Gesellschaft an Sie ist.
Ich weiß: Diese Motivationstipps genügen nicht immer für die tägliche Überwindung jenes gesunden Selbstmechanismus, den man in gutem altem Soldatendeutsch den „inneren Schweinehund“ nennt. Aber eines hilft schon mal: Stecken Sie sich einen Zettel hinter Ihren Badezimmer-Spiegel mit dem Satz: „Vergiss nie, dass du Jurist werden willst!“ – dann müssen Sie sich vielleicht die tägliche Arbeit am juristischen Stoff in Zukunft weniger als „Gewaltakt“ abringen. Die Zugkraft von Zielen wächst, wenn man sie aufschreibt und sichtbar macht. Das weckt Optimismus, der das zieldienliche Erlernen des Brückenwissens vom Abiturienten zum Jurastudenten erleichtert und die Motivation stärkt.

Es wird sich nie ganz verhindern lassen, dass im Laufe des Studiums immer mal wieder leichte Aversionen gegen die Erkenntnismethoden der juristischen Wissenschaft, ihre manchmal motivationshemmende Rationalität und Abstraktion, ihren Reduktionismus und gestelzten Stil, ihre Methodik, ihre Pedanterie und ihre aufgeblähten Vertreter auftauchen. Auch wird sich nicht verhindern lassen, dass sich irgendwann stumme Ängste einstellen. Ängste vor unverstandenen Vorlesungen und Lehrbüchern. Ängste vor einer manchmal als unüberschaubar erscheinenden Flut von gesagten und gelesenen juristischen Dingen. Ängste vor dem Auftauchen all jener Aussagen, die dunkel und zwielichtig sind und im Nachfassen leider auch bleiben. Ängste vor allem davor, was es im Anfang der juristischen Ausbildung da alles Neues, Plötzliches, scheinbar Ordnungsloses und undurchschaubar Komplexes gibt. Ängste vor jenem großen und unaufhörlichen Rauschen der Paragraphen.

Gegen diese Aversionen, Demotivationsschübe und stummen Ängste setzen Sie Ihre Antriebe, Ihren Willen und ab heute Ihr Können! Ihre juristischen Lernerfolge werden Sie beflügeln. Wie schön, wenn man mit Mut, Schwung und hoher Motivation ein Studium anpackt. Und wie schade wäre es, schon am Anfang des Studiums im „Legehennenbatteriedasein“ der Lehr- und Hörsäle motivationslos und ängstlich stecken zu bleiben, nur weil man allein ist und keiner einem sagt, wie die Studieneingangsphase geht, wie man juristisches Verstehen erzeugt und wie man die Feuertaufe der ersten Juraklausur übersteht.

Was sich auf dem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten ändert?

Alles! Nichts bleibt wie es ist! Vor allem Sie selber nicht. Sie werden ein neuer Mensch, ein Jurastudent!

Wir sprechen häufig von „dem“ Studenten oder „den“ Studenten, vergessen dabei aber, dass es „den“ Studenten gar nicht gibt. Wie das Leben die sieben Lebensalter – das Kind, den Jugendlichen, den Heranwachsenden, den Erwachsenen, den reifen Älteren, den alten und den ganz alten, senilen Menschen – kennt, so durchläuft auch jeder Jurastudent ganz verschiedene Entwicklungsphasen: vom „kindlichen“ Anfang in der Studieneingangsphase, über die juristische „Jugend“, über die Studentenfiguren des erfahreren „Heranwachsenden“ bis hin zum mündigen und reifen „Erwachsenen“ und schließlich zum studentisch „hochbetagten“ juristischen Examenskandidaten. Die Unbedenklichkeit, mit der Dozenten in Bezug auf ihre Studenten von „den“ Studenten reden, unterschlägt die Stadien dieser „Entwicklung“. Auch übersieht man leicht die zwischen diesen studentischen Entwicklungsphasen liegenden typischen Krisen. Wie zwischen Kind und Jugendlichem die Krise der Pubertät, zwischen Jugend und Erwachsensein die Krisen der Erfahrung, der Grenzerlebnisse und der Loslösung liegen, so gibt es auch in den Studiengestalten der Studenten tiefgreifende Problemsituationen. Sie reichen vom Zweifel am richtigen Studium bis zur Verzweiflung vor der Klausur oder dem Examen, an der guten und schlechten Erfahrung mit Dozenten, Kommilitonen und Lehrstoff, über die Krise der akademischen und späteren beruflichen Desillusionierung, des Leidens an Stoff- und Arbeitsüberlastung bis hin zur Lebensfigur des ernüchterten, reifen Studenten, der erfährt, was Misserfolg und auch was eigene Grenzen heißen: Er erfährt die Eingeschränktheiten und Unzulänglichkeiten des einstigen akademischen Himmelsstürmers. Das Studium ist kein bloßes Anstückeln dieser Phasen, sondern ein evolutionäres Ganzes, bei dem eine jede Phase und eine jede Krise aus der vorherigen wachsen und positiv oder negativ auf das Ende des Studiums hin wirksam sind.

Sie verlassen jetzt die Phase des Schülers und wechseln in die Lebensphase des Jurastudenten. Sie charakterisieren sich mit dem Beginn Ihrer juristischen Ausbildung neu. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt von Schule zu Hochschule, von Geborgenheit in der Familie zu studentischer Freiheit. Sie sollten sich möglichst schnell in Ihrer neuen Lebensphase einrichten und sich zur Lebensgestalt des freien Studenten emanzipieren. Ihre neu beginnende jura-studentische Lebensphase ist als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet und Ihr Studium gewinnt seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann, wenn sie sich auch wirklich auf Ihr Leben hin auswirkt. Wahrscheinlich ist das juristische Studium der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament.

Ist im Anfang der juristischen Ausbildung dem Jurabeginner „Jurististan“ noch nicht einmal in Umrissen bekannt, so schrumpfen die Geheimnisse dieser Welt mit dem Fortschritt im Auffinden und Entblößen der unbekannten Juristerei auf ein Minimum zusammen. Mit der Bezwingung der juristischen Lerngegenstände BGB, StGB und GG, dem Erkunden der richtigen Lernwege und der Etablierung der gesetzesüberspannenden Rechtsanwendungs-Methodik werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die „Decke“ der Nichtkenntnis mit bleibendem Erfolg aufzuheben – Jura eben zu „entdecken“! Es ist eine schöne neue Welt, die Sie entdecken werden. Ich lade Sie ein zu entdecken, wozu Sie selbst in Wirklichkeit fähig sind, wenn Sie erst einmal entdeckt haben, dass hinter der Vielzahl der Paragraphen eine Einheit steht, die viel einfacher ist als ihre Vielheit.

Hier einige Gedanken zu Ihrem Übergang vom Schüler zum Jurastudenten:

● Der Student ist diejenige Person, die sich beim juristischen Lernen durch das hochschulbasierte juristische Lehren helfen lassen will. Er kommt mit bestimmten Erwartungen in die Hochschule: Er hofft auf gute Lehre, optimale Examensvorbereitung, didaktische Konzepte, bestmögliche Betreuung und Beratung, Mitsprache und eine gute Berufsorientierung. Der junge Student muss aber zunächst lernen, was es bedeutet, Jura zu studieren. Er kommt mit seiner schulischen Lernerfahrung, mit seiner bisherigen Lernbiographie und … mit keinerlei gegenwärtigem Vorverständnis des neuen Studienfaches in die juristische Ausbildung. Dort trifft er in seinem Bildungs- und Ausbildungsgang auf eine fremde Lernumgebung, die charakterisiert ist durch unbekannte „vorlesende“ Lehrveranstaltungen und Lehrmethoden, auf eine Art zu denken, die er so nicht kennt, und auf Klausuren in Form von Falllösungen, denen er noch nie begegnet ist. Im ungünstigsten Fall trifft er auf ein rein dozentenzentriertes, rechtsdidaktisch nicht bestelltes Lernumfeld, im günstigsten Fall auf ein solches, in dem Dozenten lehren, die rechtsdidaktisch gebildet sind und zu aktivem juristischem Lernen einladen.

● Abiturienten, die die juristische Ausbildung in Angriff nehmen wollen, sind zwar durch das Abitur akademisch geboren, aber noch nicht auf die juristische Welt gekommen. Unvorbereitet zu sein vor dem ersten Schritt in das Studium der Rechtswissenschaft, ist eines ihrer wesentlichsten Gattungsmerkmale. Der Übergang vom Schüler zum Jurastudenten ist nicht einfach ein bloßes Hinübergleiten von Schule zu Hochschule. Es handelt sich um etwas ganz Großes an der Schnittstelle zweier Lebensphasen: das zuversichtliche Hineingehen ins eigene Studium. Der Zustrom neuen Wissens im ersten Semester ist gewaltig. Sie haben die Lebensphase des Schülers verlassen und sind in die Lebensphase des Jurastudenten gewechselt. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt in dieser „Bildungspassage“. Sie werden zu einer neuen Person!

● Der Start in das Jurastudium soll ein ultimativer Neuanfang werden. In der neuen Lebensphase soll alles besser laufen als in der grauen Vorzeit: Neue Freunde, studentische Freiheit, viel Party, interessanter Lehrstoff und Autonomie stehen ganz oben auf der Wunschliste. Und am besten weit, weit weg von Zuhause. Aber Vorsicht! Alles Bisherige wird in einem solchen Rundumschlag für diese Illusion gekappt: Der soziale Rückhalt durch den langjährigen Freundeskreis, die direkte Beziehung zu den Eltern und meist auch Großeltern, natürlich auch die gewohnte Umgebung. Ich möchte Sie vor einer jedenfalls unkontrollierten Flucht von zu Hause direkt nach dem Abitur warnen. Beim Wechsel auf die Hochschule auf den Heimvorteil zu verzichten, ist eine riskante Strategie und nicht immer die beste Wahl. Die wertvolle Anfangseuphorie vieler Erstsemestler verpufft schon beim Versuch, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, Orientierung in einer fremden Stadt zu finden und mit der „großen Freiheit“ zurecht zukommen. Die Energie der ortstreuen Studenten kann dagegen ohne Nebenkriegsschauplätze auf sicherer Alltagsbasis direkt in die schwierigen Anfangsgründe der Juristerei eingesetzt werden. Eine heimatnahe Ortswahl ist auch keine verspielte Chance auf die große weite Welt: Haben Sie sich in Stoff und Studium eingelebt, können Sie immer noch „ausziehen“.

● Mit Ihrer juristischen Ausbildung beginnen Sie einen neuen, auf Jahre hin angelegten, einmaligen Lebensabschnitt. Die neue jura-studentische Lebensphase wird als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet sein. Die Zeit an der Uni kann eine der schönsten im Leben eines Menschen sein und man bekommt sie nie mehr zurück. Das Jura-Studium wird aber seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann gewinnen, wenn es sich auch wirklich auf Ihr Leben hin erfolgreich auswirkt. Wahrscheinlich wird es der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament. Gleichzeitig erwächst aber aus der Einmaligkeit des studentischen Erlebens auch die Schwere der Erkenntnis, dass Versäumtes nicht nachgeholt, Vergangenes nicht eingeholt werden kann und man im Falle des Scheiterns für immer an der Not des Verloren-Habens leiden wird.

● Wenn Sie sich bewusst machen, mit welchen juristischen Mängeln ein Abiturient als hilfloser Anfänger in die neue Welt seiner juristischen Ausbildung hineingeboren wird, dann wird die ungeheure Bedeutung des juristischen Anfangs erst deutlich. Welches Wissen und welche Erfahrungen sind erforderlich, um einer ersten juristischen Klausur erfolgreich zu trotzen? Noch fehlen die meisten derjenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kompetenzen also, die man für den juristischen Erfolg zur Verfügung haben muss. Gleichsam als Ersatz hierfür besitzt jeder Abiturient aber als „homo sapiens“ die unschätzbare menschliche Fähigkeit, lernen zu können. Er kann sein Verhalten jeweils den neuen Erfordernissen und Herausforderungen der Umwelt, d.h. jetzt konkret seiner juristischen Ausbildung, anpassen, um ein guter Jurastudent zu werden.

● Ihr juristischer Wissens- und Problemzuwachs in Vorlesungen und Literatur wächst schnell an. Er darf aber niemals schneller steigen als Ihre juristischen Problem- und Wissensverarbeitungskapazitäten. Es geht deshalb im Übergang vor allen Dingen darum, möglichst stufenweise methodischen und materiellen juristischen Sachverstand in Ihren Anfänger-Lern-Prozess einzubringen, um das notwendige juristische Denk-, Speicherungs- und Fassungsvermögen langsam aufzubauen. Dies ist notwendig, um den Problem- und Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten. Später kann dann alles offen und weit werden, der juristische Geist von der Kette gelassen werden. Aber erst dann!

● Lassen Sie sich bitte nichts von einem Jura-Gen erzählen, das man habe oder eben nicht habe! Eine angeborene Anlage für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ganz selten. Ungewöhnlich kluge und kreative Studenten haben einfach besser, disziplinierter, systematischer, geduldiger und fleißiger gelernt als die anderen. Sie verfügen schlicht über mehr erarbeitetes Wissen, Methodik, haben Falltraining und Systemkenntnis und den Mut, diese auch einzusetzen. Wissen, Systemkenntnis, Methodik und Übung teilen sich in die Klausurenherrschaft, und es gibt für Sie nur einen Weg zu ihrer Erkenntnis: den Weg des ernsthaften Studiums von Anfang an. Der Mythos vom „Jura-Gen“ ist eine irrige Vorstellung. Jeder der beginnenden Abiturienten hat das Zeug, ein guter Jurist zu werden. Es fallen weit mehr Studenten einem schleichenden Niedergang der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin zum Opfer als einer Minderbegabung für Jura.

● Sie betreten nun den offenen Raum des Jurastudiums und müssen sich darin einquartieren. Sie müssen sich dabei in eine Ihnen noch weitgehend unbekannte studentische Existenz neu eingewöhnen. Sie müssen lernen, akademisch selbst zu gehen. Der Schutz der Lehrer und Eltern, der zwischen Ihnen und der äußeren Welt stand, fällt langsam weg. Auch akademische Freiheit muss man lernen! Sie müssen dafür sorgen, Ihr Studentenleben nach Ihren Plänen entsprechend Ihren Lebensverhältnissen, Ihren Anforderungen an sich, Ihren Finanzen, Ihren Hobbys und Ihren Energieressourcen zu gestalten.

● Sie haben längst entdeckt, wie Sie sich als Individuum von den anderen unterscheiden. Die Verletzlichkeit Ihres jungen Selbstgefühls, die übersteigerte Selbstbetonung, das Misstrauen gegen das, was andere sagen, bloß weil es andere sind, haben Sie längst abgelegt. Noch nicht entdeckt haben Sie, als neue Person „Jurastudent“ in studentischer Freiheit und Selbstverantwortung dazustehen und ein eigenes Urteil über Ihre neue studentische Welt und Ihren eigenen Stand in ihr zu gewinnen. Sie werden diesen festen Stand bald finden, indem Sie beginnen, in Ihrer neuen Jurawelt Ihr erfolgreiches studentisches Werk zu tun.
● Sie dürfen nicht der Gefahr unterliegen zu meinen, für Sie sei die studentische Welt „unendlich“ offen, Ihre junge Vitalität sei „unbegrenzt“. Manchmal fehlt Ihnen noch die Kenntnis der Zusammenhänge, der Maßstab für das, was man selbst kann, aber auch der für das, was andere können. Es fehlt das Wissen von der ungeheuren Zähigkeit der Trägheit so mancher Studenten und vom Widerstand, den die Trägheit dem Willen zum Studium entgegensetzt. Sie werden bald entdeckt haben, wie man der Gefahr widersteht, sich in Fleiß und Disziplin zu überschätzen, sich zu täuschen, seinen Willen zum Studium mit der Kraft seiner Durchsetzung zu verwechseln. „Ich will das!“ heißt noch lange nicht „Ich kann das!“

● Sie werden schnell begreifen, dass Ihre neue Lebensphase als Jurastudent bestimmt wird durch eine ganz neue Wertmitte, eine alles beherrschende Dominante. Diese Dominante ist das disziplinierte, organisierte und planmäßige Lernen. Das Wort „Lernen“ ist schnell gesagt, aber sehr reich an Inhalt. In gewisser Weise bedeutet es Ihre ganze studentische Betätigung. Das Problem des richtigen Übergangs in die neue Jura-Welt ist eigentlich zunächst ein Problem Ihrer dozentischen Juravermittler. Studium aber bedeutet, dass es immer mehr zu Ihrem Problem wird. Der Dozent ist nur am Anfang der Sachwalter Ihres studentischen Anliegens, er kann Ihnen das Studieren nicht abnehmen. Sie werden Ihr juristisches Studium selbst in die Hand nehmen müssen. Da heißt es: Disco iura ergo studio iura, lat.: Ich lerne Jura, also studiere ich Jura!

● Eine der Schwierigkeiten des Übergangs vom Schüler zum Jurastudenten besteht in Ihrer inneren Unsicherheit, im Wissen und Doch-noch-nicht-Wissen, im Können und Doch-noch-nicht-Können. Der Übergang wird dann vollzogen sein, wenn Sie die nötige Erfahrung gesammelt haben, um mit juristischen Inhalten, fachlichen Kompetenzen und Falllösungstechniken juristisch zu denken, methodisch zu arbeiten und emanzipiert zu studieren. Dieser Übergang kann gelingen, aber auch misslingen. Ihr Schritt von der Schule zur Hochschule ist erst dann gelungen, wenn Sie eigene Erfahrungen in der neuen Welt gemacht, diese für sich ausgewertet und dann auch angenommen haben. Er wird gelingen, wenn Sie zu würdigen wissen, wie eine wirkliche juristische Lernleistung aussieht und nicht nur eine phantasierte.

● Zu Ihrem studentischen Wesensbild gehört der jugendlich-passionierte Elan des aufsteigenden Studiums. Die psychologische Wirkung dieses Elans, dieser Vitalität, ist das Gefühl unendlicher Möglichkeiten, das Vertrauen in das, was Sie sein werden und leisten und was das Studium Ihnen schenken mag. Dann aber tritt die jura-studentische Wirklichkeit allmählich ins Bewusstsein, vor allem dadurch, dass auch Misserfolge eintreten. Sie entdecken die elementare, aber anfangs nicht wahrgenommene Tatsache, dass die anderen Studenten ebenfalls ihr Können und ihre Fähigkeiten haben, dass sie ebenfalls vorstoßen in neue Räume und nicht bereit sind, sich von Ihnen übertrumpfen zu lassen. Sie entdecken, wie kompliziert die neue Jura-Welt ist, wie wenig Sie mit Ihrem Schulwissen durchkommen. Sie erfahren, was die Vorbedingung für alles ist, was Jura-Studium heißt: Geduldiges Lernen und lernende Geduld.

● Der erste Schritt zum erfolgreichen Wechsel hinüber zum Jurastudium fängt allerdings bei Ihnen selbst an: Sie sollten möglichst schnell den Entschluss fassen, von Anfang an etwas für Ihre juristisch-methodische Ausbildung zu tun. Dazu müssen Sie Ihren Gesichtskreis anfangs möglichst eng halten, innerhalb dessen sich jedoch die Grundstrukturen, Grundbegriffe und Grundmethoden der Juristerei deutlich und prägend beibringen (lassen).

Lassen Sie sich auf Ihrem entdeckenden Übergang in Ihre neue juristische Welt von niemandem entmutigen. Jedem Anfänger präsentiert sich das Recht mit seinen Gesetzen und Methoden als uneinnehmbare Wehrburg, deren Mauern scheinbar keinerlei Eindringen erlauben. Wenn Ihnen aber auf wundersame Weise mit den „Waffen“ der juristischen Denk- und Arbeitsweise, einer spezifischen juristischen Lernsystematik, einer Klausurentechnik, vor allem aber Ihrer Motivation und Beharrlichkeit der Zutritt gelungen ist, werden Sie die Erfahrung machen, dass die meisten Trakte der „Trutzburg Recht und Gesetz“ zwar hervorragend gebaut, aber durchaus „einnehmbar“ sind.

Seien Sie aber gewarnt: Viele Juraprofessoren meinen, es sei nicht Aufgabe der Universitäten – im Gegensatz zu Schule und Fachhochschule – den Stoff des Anfangs umfassend zu vermitteln. Die „vorlesenden“ Damen und Herren Ihrer Fakultät geben Ihnen keine Garantie für die vollständige Behandlung des relevanten und semesterbegleitenden Lehrstoffes. Sie sehen ihre Vorlesungen nur als Angebot, Anreiz, Hilfestellung, Leitfaden zur Vervollkommnung „Ihres“ Wissens. Seien Sie sich von Beginn an Ihrer Eigenverantwortung bezüglich der Aneignung der juristischen Inhalte immer bewusst. „Hat er nicht gebracht!“ geht nicht! Sie können tun und lassen, was Sie wollen an der Uni! Aber nur Sie allein haben ihr Studium auch zu „vertreten“ (juristischer Fachausdruck für „verantworten“). Nur Sie allein sind dafür verantwortlich, sich die zentralen juristischen Studienkompetenzen anzueignen. Übersetzt heißt das, die Fähigkeit zu erwerben, ungeheure juristische Stoffmengen zu verarbeiten, die Fähigkeit, Rechtswissenschaft zu betreiben, die Fähigkeit, juristische Klausuren erfolgreich zu schreiben und … irgendwann das Examen erfolgreich zu bestehen.

Ich weiß: Weit ist oft der Weg vom Hören oder Lesen zum Verstehen und noch weiter der zum veränderten Verhalten. Der Hoffnung, dass nicht allein dem Anfang, wie Hermann Hesse dichtete, „ein Zauber innewohne“, kann man optimistisch hinzufügen: Er wohnt, wenn der Student es klug anstellt, dem ganzen Jurastudium inne!

Warum so viele Jurastudenten bereits in den ersten zwei Semestern scheitern?

Weil sie die Studieneingangsphase leider nicht genutzt haben, um ihre Studienkompetenz aufzubauen. Viele trotten einfach zu oft der Herde der Vorlesungsschafe hinterher. Und: „Scheitern?“ – Das tun doch nur die anderen. Falsch! Auch Sie sind gefährdet. Der „Andere“ ist nämlich nicht anders als Sie. Verkrampfen, verbeißen, verzweifeln, verzagen – scheitern. Abbruch! Traurige Studenten! Dabei handelt es sich meist um solche Studenten, die zu lang am althergebrachten, disziplinlosen Schul- und Studienschlendrian festhalten und die Kurve zum Studium nicht kriegen. Sie werden gleich einem steuerlosen Schiff – anfangs langsam, später immer schneller – vom Sog des Wasserfalls angezogen. Der Sturz über das Kliff ist das Ende einer hartnäckigen Resistenz gegen die Ursachen des Scheiterns. Wenn der Student sich dem Kliff dann bedrohlich nähert, ist es bereits zu spät. Es gibt Gründe für ein Scheitern schon gleich im Anfang des Jurastudiums. Ihre Existenz zu leugnen, hilft nicht über die Tatsache ihres Daseins hinweg. Aber wer die häufigsten Gründe kennt, kann sie bekämpfen. In Ihnen darf das lähmende Gefühl, die Stufe der Inkompetenz, die zum Scheitern führt, erreicht zu haben, gar nicht erst aufsteigen.

Aber zunächst: Warum sollte es sich für einen jungen Jurastudenten überhaupt lohnen, sich mit „Gründen für ein Scheitern“ im Jurastudium herumzuschlagen?

Vielleicht deshalb, weil man vom Scheitern lernen kann, wie man nicht scheitert?
Vielleicht deshalb, weil man nicht nach zwei oder mehr Semestern wieder da ankommen will, wo man aufgebrochen ist?
Vielleicht deshalb, weil einem dann die Not des deprimierenden „Sich-für-dumm-Haltens“ erspart bleibt?
Vielleicht deshalb, weil man vor Sinnfragen im Studium bis auf Weiteres sicher ist?
Vielleicht deshalb, weil sich dadurch ein „langer Wille“ konstituiert, um ein hochkomplexes Jurastudium über weite Zeitstrecken erfolgreich zu bestehen?
Vielleicht deshalb, weil man befähigt wird, ohne Angst, aber mit klarem Blick, den langen Marsch auf den entdeckenden Wegen der Juristerei und ihrer juristischen Denk- und Arbeitsweisen erfolgreich anzutreten?
Oder vielleicht deshalb, weil die Kenntnis über Maßnahmen zur Abwendung oder zumindest Eindämmung schwebender Scheiterungsgründe zu den studentischen Klugheitsregeln eines geglückten Juraeinstiegs gehören?

Vielleicht? – Nein, ganz und gar nicht vielleicht, sondern gerade deshalb!

Beim Weiterlesen sollten wir folgende Unterschiede des Scheiterns im Hinterkopf behalten:
Etwas scheitert: ein Projekt, ein Vorhaben, es ist das Scheitern einer Sachlage, sie fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aber alles bleibt auf Distanz, rückt Ihnen nicht zu Leibe. Das Projekt „Jurastudium“ scheitert an anderen Umständen als an Ihnen.
Ich scheitere an etwas: an einem Ziel, einer Aufgabe, einer Idee oder der Durchführung eines bestimmten Plans. Vielleicht reicht meine Fähigkeit nicht hin, vielleicht ist auch die Zeit noch nicht reif. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht auch an den Umständen. Hier muss ich mich meiner Unzulänglichkeit stellen, meine eigene Verantwortlichkeit mit ins Spiel bringen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert.
Ich selbst bin gescheitert: mit meinem Leben, meinen Ideen, meinem Glauben an mich. Hier dehnt sich das Scheitern auf die ganze Existenz aus, es ist in das Innere meiner Persönlichkeit eingezogen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert und an Ihrem Leben.

Es gibt kaum ein Studium, ein studentisches Unterfangen, das mit so viel Erwartungen und Neugier begonnen wird und das mit solcher Häufigkeit fehlschlägt wie das juristische Studium. 50 % Abbrecher? – 30 % Durchfallquote? – In jeder anderen Fakultät würde man bei solchen Zahlen in der Luft zerlegt. In der juristischen nimmt man es einfach hin. Dies ist in allen drei Formen des Scheiterns ein fahrlässiger bis leichtfertiger Umgang mit der Lebensplanung und der Lebenszeit junger Menschen.

Student Eddie

8 Uhr
Eddie sitzt am Frühstückstisch, im Sender seine Lieblingsmusik. Gesundes Müsli, Kaffee – schmeckt und ist gesund. Er blättert die Zeitung durch und stellt fest, wie gut es ihm doch geht. Diese Momente vor dem Aufbruch am Morgen in den Jurastudenten-Alltag genießt er.

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni lacht die Sonne, Eddie flirtet in der U-Bahn mit einer Kommilitonin, er freut sich auf seine Jura-Vorlesungen, die vor ihm liegen, auf das Wiedersehen mit den Kommilitonen. Er hat Lust, loszulegen!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Eddie ist froh, sich gestern auf die neuen juristischen Themen der Vorlesungen durch leichte Einarbeitung im Lehrbuch vorbereitet zu haben. Er kann gut folgen, freut sich über sein Verstehen, vergnügt sich an der „Zeitgenossenschaft“ mit seinen Profs, hält den roten „Faden“ in der Hand und begnügt sich nicht mit der Rolle des passiven Zuhörers, sondern bringt sich aktiv in die Begegnung mit dem neuen Stoff ein.

Ganz anders ergeht es Student Vincent

8 Uhr
Vincent sitzt am Frühstückstisch. Neben sich ein Nutella-Weißbrötchen, mein Gott, wie ungesund ich lebe! Die Zeitungslektüre zieht ihn runter, wie böse die feindliche Welt doch ist. Seine schlechte Laune ist sicht-, spür- und greifbar. Was habe ich mit diesem Jura-Studium zu schaffen? Was verbindet mich mit den Kommilitonen, was mit dem juristischen Stoff?

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni scheint die Sonne. Vincent hasst nach durchzechter Nacht das grelle Licht. Missmutig sitzt er in der U-Bahn, glotzt vor sich hin, hat Angst vor der vor ihm liegenden Vorlesung, die wiederum nur an ihm vorbeirauschen wird, sieht nicht den kecken Blick seiner Kommilitonin. Mir reicht es schon, denkt er, die immer gleich dumpfen Gesichter seiner Kommilitonen, ihre immer gleich dummen Sprüche ertragen zu müssen. Wie ich das alles hasse!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Genau wie immer: Nichts verstanden. Als Alibi ein paar Satzfetzen mitgeschrieben, obwohl er genau weiß, nichts nacharbeiten zu wollen, weil das noch nie was gebracht hat. Zur Passivität verdammt, i-Pad raus und rumgedaddelt. Gott sei Dank! Es ist vorbei! Wenn das „ich“ bin und das so weitergeht, werde ich scheitern!

Scheitern ist immer der Endpunkt einer Fehlerkette. Fehler sind durch das Nichterfüllen bestimmter Anforderungen gekennzeichnet. Man muss sich also von Anfang an mit den Anforderungen auseinander setzen, die aus dem Umkehrschluss der folgenden „Zwölf Gründe für ein Scheitern“ herrühren. Nehmen Sie das „Auseinandersetzen“ mit den „Zwölf Gründen“ ruhig einmal wörtlich. Setzen Sie jeden der nachfolgenden Punkte auf einen Stuhl und sich selbst gegenüber und schauen Sie das Gegenüber genau und abspeichernd an! Zeigen Sie Ihre Klugheit und bringen Sie die „Zwölf Gründe“ jeweils in die Ich-Form mit zwölf Mal: „Ich nicht!“, um nicht auf dem „Scheiter“haufen Ihres Jurastudiums zu enden.

Die „Zwölf Gründe“ für ein frühes Scheitern im Jurastudium

1. Der Student („Ich nicht“) leidet an der Unfähigkeit, die außergewöhnliche Komplexität des rechtlichen Lernspektrums zu reduzieren und immer wieder auf einfache Alternativen zurückzuführen. Die Reduzierung ist mitnichten eine Banalisierung der Juristerei, sondern die via regis. Dem schlechten Beispiel mancher Lehrbücher folgend, drängt er danach, die juristische Komplexität immer komplexer und verwirrender zu machen, bis er aus dem Labyrinth nicht mehr herausfindet. Ein sicherer Weg zum Scheitern! Am Ende ist man nicht mehr in der Lage, irgendwelche entwirrenden Entscheidungsalternativen zu erkennen. Die juristische Welt ist mit wuchernder Komplexität überzogen.

2. Der Student („Ich nicht“) scheitert am Übergang vom Schüler zum Jurastudenten, weil er zu lange an der ausgelebten Schülergestalt festhält und die wichtige Studieneingangsphase verpasst. Er hat die Neigung zur Beibehaltung bestehender, oft antiquierter, schulischer Wissensaneignungsverfahren, statt sich von Anfang an eine moderne, völlig neue Lernorganisation durch spezifisch-juristische Lernregeln zu schaffen. Man versucht, seine angelernten Schuleigenheiten von einem System ins andere mitzunehmen. Diese erweisen sich aber im Hochschulsystem als höchst unzuverlässig.

3. Der Student („Ich nicht“) scheitert an dem notorischen Mangel von fundierter und vor allem fundierender Ausbildungsliteratur und rechtsdidaktisch qualifiziertem Lehrpersonal. Am Anfang müssten die besten Professoren lehren und schreiben, danach genügen auch die schlechteren. Der Student sucht sich die falschen Lehrmeister, auch und gerade in der wuchernden Literatur.

4. Der Student („Ich nicht“) strauchelt an der Schwierigkeit, den Nutzen von Vorlesungen und Lehrbüchern optimal für sich zu realisieren. Zu Deutsch: Der Dozent redet und schreibt vor sich hin und an den Studenten vorbei. Der Student sitzt die Zeit auf den Hörsaalbänken ohne Gewinn für sich ab. Er hat keine Anleitung, mit diesen Zeitfressern umzugehen, um aus manch einer „Leerveranstaltung“ eine „Lehrveranstaltung“ zu machen.

5. Der Student („Ich nicht“) verinnerlicht nicht die Erkenntnis, dass nicht das Wort des Professors sondern das des Gesetzes im Mittelpunkt des Interesses stehen muss. Die Primärliteratur ist und bleibt das Gesetz, das A und O der Juristerei; alles andere ist Bei- und häufig genug Blendwerk. Der Student geht zu selten den richtigen Weg vom Gesetz zur Literatur, vielmehr zu häufig den falschen in umgekehrter Richtung.

6. Dem Student(„Ich nicht“) mangelt es an dem Bewusstsein, wie man mit juristischen Gesetzen handwerklich umgeht und Probleme auseinander nehmen, strukturieren und Schwerpunkte setzen muss. Hinzu kommt eine unsystematische juristische Denk- und Arbeitsweise mit dem Gesetz und dem Fall. Er beherrscht seine methodischen Werkzeuge nicht.

7. Dem Student („Mir nicht“) fehlt eine Studienstrategie in Form kurz-, mittel- und langfristiger Studien- und Lernziele. Eine dauerhafte Analyse und Planung (das heißt Strategie) und eine notwendige Priorisierung werden vermisst. Er findet keine Antworten auf die Fragen „Wie bewältige ich die Stofffülle?“ – „Welche Vorlesungen erwarten mich?“ – „Wie ist mein Studium aufgebaut?“ – „Wie organisiere ich mein Studium?“ und „Wie teile ich meine Zeit ein?“ Er fühlt sich nackt, noch durch keinerlei Studienkonzept geschützt.

8. Der Student („Ich nicht“) scheitert an seiner fehlenden Klausurentechnik. Es mangelt an der notwendigen Umsetzungskompetenz von globalem Wissen auf lokales Anwenden in Klausuren. Der Student hat nicht gelernt, wie er sein Wissen klausurentechnisch auf den Fall lenken muss. Ihm fehlt die Rechtsanwendungsmethode! Er kann sein „Schreibwerk“ nicht gut genug „verkaufen“. Will man in einer Klausur nicht scheitern, muss man zunächst das juristische theoretische Wissen beherrschen. Das genügt aber nicht! Das wahre Können kennt nur einen Beweis: das Tun! Und das Tun besteht in der Juristerei in der Anfertigung von Klausuren und Hausarbeiten. Man wird erst dann die juristische Klausuren-Kunst beherrschen, wenn man die Ergebnisse seines theoretischen Wissens mit der praktischen Technik des Klausurenschreibens und des Hausarbeitenerstellens verschmelzen kann. Die „Theorie“ wird in der Vorlesung vermittelt, die „Praxis“ zu häufig mit „mangelhaft“ in der Klausur. Sie können noch so viel Wissen haben, wenn Sie es nicht in einer Klausur oder Hausarbeit zu Papier bringen können, werden Sie scheitern!

9. Der Student („Ich nicht“) ist den Weg zur flüssigen Darstellung und zur überzeugenden Präsentation seiner Gedanken nie zu Ende gegangen. Sprachlosigkeit und Konturlosigkeit in seinem juristischen Schreibwerk führen zu Erfolglosigkeit. Er ist zu wenig in der Lage, in Klausuren sein Wissen so aufzubereiten, dass es in „Form“ kommt und dem Korrektor gefällt.

10. Der Student („Ich nicht“) fällt seiner Ignoranz gegenüber den überlebensnotwendigen Sekundärtugenden zum Opfer: Ordnung, Fleiß und vor allem Disziplin. Er weiß nicht, dass diese Sekundärtugendresistenz noch verheerendere Folgen hat als fehlende Intelligenz. Sekundärtugendgesteuerte Studenten sind erfolgreicher als die nur Intelligenten. Sich ausschließlich auf die Intelligenz zu verlassen, ist der verlässlichste Ausgangspunkt des Scheiterns. Lernscheu und Trägheit sind keine Eigenschaften, sondern Entscheidungen, die nur durch den Studenten selbst revidiert werden können durch bewusste Stärkung der Gegenkräfte.

11. Der Student („Ich nicht“) merkt zu spät, dass die Anwendung des Gesetzes auch handwerkliche Tätigkeit ist und nur am Fall erfolgen kann. Das ewig wiederkehrende Spiegeln des Lebensausschnitts (Fall) im Gesetz, das methodische Spiel mit Gutachten und Subsumtion, Auslegungen und Definitionen, Analogien und Umkehrschlüssen kann der Student nicht mitspielen. Er scheitert im Chaos der methodischen Spielregeln, weil er nicht von Anfang an „am Fall“ arbeitet, und zwar am Normalfall und nicht professorenverführt am „Exoten“.

12. Der Student („Ich nicht“) schaut dem Korrektor niemals über die Schulter. Er gewinnt keine Klarheit über den Sinn der Leistungsnachweise und die Genealogie einer Note. Er entwickelt keine Vorstellungen über ihre Entstehung, die Bewertungskriterien, die ent-„scheidenden“ Maßstäbe der juristischen Benotung.

Seit es das Studium der Rechtswissenschaft gibt, gibt es das „Massensterben“ vieler Studenten gleich im Anfang. Das Unbehagen in der rechtswissenschaftlichen Nachwuchsgeneration über das „Unternehmen Jura“ ist so alt wie die rechtswissenschaftlichen Fakultäten. Sollten Sie also das Gefühl haben, die Anforderungen im ersten Semester des juristischen Studiums wüchsen Ihnen manchmal über den Kopf, dann sind Sie in bester vergangener wie gegenwärtiger studentischer Gesellschaft! Müssen Sie aber nicht sein, wenn Sie das Steuer Ihres Studiums selbst in die Hand nehmen, mit deren Hilfe Sie dorthin gelangen, wohin Sie vielleicht sonst nie gekommen wären: das 1. Semester mit aufbruchsfroher Lust und gelungenen Klausuren erfolgreich zu beenden.

Aber vielen Jurastudenten fehlt es gerade im Übergang an diesem Wissen und Können, weil es ihnen niemand erklärt hat, sie es nie so richtig gelernt und verstanden haben und die Ziele ihres Studiums nicht kennen. Also:

“Ich studiere Jura“ heißt für Sie ab sofort, folgende Studienziele ständig im Auge zu haben:

 Erstens: „Ich erlerne das rechtstheoretische Wissen des Juristen, zwischen strafbar oder nicht strafbar (Strafrecht), anspruchsbejahend oder anspruchsverneinend (Privatrecht), verwaltungsgemäß oder verwaltungswidrig (Öffentliches Recht), unterscheiden zu können.“

 Zweitens: „Ich lerne Jura als spannende Rechtsanwendung kennen. Ich lerne, die unzähligen denkbaren und undenkbaren rechtlich relevanten Probleme in menschlichen Situationen – der Jurist nennt sie Lebenssachverhalte – mit der großen, aber überschaubaren Zahl von Gesetzen aus Privatrecht, Strafrecht oder öffentlichem Recht unter Zuhilfenahme einer Handvoll juristischer Methoden (Gutachten-, Subsumtions- und Auslegungsregeln) in Klausuren in Einklang zu bringen.“

 Drittens – ganz wichtig: „Ich lerne, mich und mein Studium von Beginn an streng an den Sekundärtugenden Fleiß, Ordnung und Disziplin auszurichten.“

 Und viertens: „Ich werde mir vornehmen, mich vom 1. Tag meines Jurastudiums an den zehn Kriterien aller erfahrenen Prüfer zum juristischen Können der Examenskandidaten zu orientieren. Sie lauten (großes Geheimnis):
1. Der Kandidat kann die Besonderheiten der vorgegebenen Lebensausschnitte von Menschen (Sachverhalte) ausschöpfen.
2. Der Kandidat kann konkrete Probleme im menschlichen Zusammenleben erkennen und zielgenau ansprechen.
3. Der Kandidat kann die einschlägigen Gesetze auffinden.
4. Der Kandidat kann die juristischen Handwerkzeuge konsequent anwenden. Er kann sauber innerhalb des Gutachtens unter die jeweiligen Gesetze subsumieren. Er kann die Gesetze lückenlos und widerspruchsfrei auslegen.
5. Der Kandidat kann unter Konzentration auf die Schwerpunkte des konkreten Falles stimmig argumentieren.
6. Der Kandidat kann die erkannten und angesprochenen Probleme einer überwiegend am Gesetz orientierten, logisch aufgebauten tragfähigen und praktisch brauchbaren Lösung zuführen.
7. Der Kandidat kann neue Rechtsgebiete selbständig und zügig erarbeiten.
8. Der Kandidat kann seine Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeiten beweisen.
9. Der Kandidat kann die Gesetze in ihren gesellschaftlichen Bezügen kritisch reflektieren.
10. Der Kandidat kann mit der juristischen Sprache umgehen.“

Also von wegen: „Das Jurastudium ist ein Paukstudium!“ – „Ich studiere Jura“ – die „Jurisprudenz“ – ist immer spannende Rechtsanwendung. Rechtsanwendungsfragen entstehen immer dann, wenn einzelne Menschen oder Zusammenschlüsse von Menschen sich eigensüchtig nicht an die Gesetze halten, wenn jemand die Gültigkeit eines Gesetzes bestreitet oder Streit darüber entsteht, wie ein abstraktes Gesetz in einem konkreten Fall zu interpretieren ist. Das ist spannend! Da lohnt es doch, sich daran mitzubeteiligen. Oder?