Bitte! Kein Abbruch vor dem Aufbruch!

„Jura und ich haben uns auseinandergelebt und sind jetzt geschiedene Leute!“ hört man so oft nach dem 1. oder 2. Semester. Selbstverständlich kann man seine angedachte „Jura-Ehe“ jederzeit beenden. Die methodisch-logische Welt, wie sie unsere Juristerei beherrscht, ist nun mal nicht jedermanns Sache. Bevor Sie sich aber scheiden lassen, sollten Sie gut überlegen, ob Sie nicht doch noch bei Ihrer Partnerin „Jura“ bleiben, solange Sie keine neue konkrete Vorstellung von einem anderen Studium oder einer anderen Ausbildung haben. Wahrheiten, die Sie über Ihr begonnenes Studium zu sagen versuchen, können nur das Produkt einer gewissenhaften längeren Selbstprüfung sein, kein Schnellschuss. Erforderlich ist eine genaue Analyse und Beschreibung der Situation. Den typischen „Jurabegeisterten“ gibt es mangels schulischer Vorkenntnisse ebenso selten wie den typischen „Juraabbrecher“. Jura zu studieren verlangt nun einmal, sich einem Risiko auszusetzen. Und Sie tun es, weil ein Jurastudium zwar bedrohlich, aber gleichzeitig verlockend ist und viele Chancen eröffnet.

Nach meiner Erfahrung ist ein Abbruch des Jurastudiums meist der Schlusspunkt einer durch Enttäuschung und Nichtverstehen der juristischen Materie entstandenen Resignation. Ein Abbruch des Jurastudiums, meist schon vor dem eigentlichen richtigen Aufbruch, ist immer die Folge des Zusammenwirkens mehrerer Faktoren, die Sie kennen müssen, um ihnen entgegentreten zu können.

1. Diskontinuität zwischen Gymnasium und Juristischer Fakultät
2. Große Zweifel an persönlicher Eignung und Befähigung
3. Furcht vor Misserfolgen in den ersten Klausuren, Versagensängste
4. Fehlende Anschaulichkeit in Lehrbuch und Vorlesung infolge zu hoher Abstraktion
5. Schlechtes soziales Klima in den Massenfakultäten der Juristerei
6. Scheinbar verpasster Anschluss an Mitstudenten auf den Hörsaalbänken
7. Keine greifenden Lernstrategien gegen diese verdammt komplexe Juristerei
8. Defizitäre Rechtsdidaktik in den juristischen Hörsälen
9. Erhebliche Beratungs- und Betreuungsdefizite durch die Profs
10. Ausbleiben von Erfolgserlebnissen im ersten Semester
11. Finanzielle Schwierigkeiten
12. Jurastudium war nur Ausweichfach – nicht Wunschfach
13. Zu hoher Leistungsdruck an der Uni
14. Interessen, vielleicht Erfolge oder attraktive Angebote auf anderen Gebieten
15. Frustration durch fehlenden Praxisbezug bei Gerichten oder Kanzleien
16. Angst vor schlechten Berufsaussichten bei fehlendem Prädikatsexamen, Perspektiven-Pessimismus
17. Erkenntnis, dass Prädikatsexamina nur sehr schwer zu erreichen sind
18. Vermisste Befriedigung bei einem „durchgezogenen“ Jura-Studium im Freischussstress
Damit der Studienbeginn nicht schon das Ende vom Anfang ist, nun ein paar Ratschläge für denjenigen, der trotz der bisherigen Beiträge zweifelt:

 Denken Sie nicht immer: „Die anderen sind besser!“ Es sieht bei den „anderen“ vielleicht alles leicht und lässig aus. In Wirklichkeit fällt auch ihnen nichts in den Schoß. Sie arbeiten vielleicht härter für ihren Erfolg, lassen sich ihre Anstrengungen aber häufig nicht anmerken. Sie sind nicht „juristisch begnadeter“, sie sind wahrscheinlich einfach fleißiger. Ein erfolgreiches Jurastudium gibt es nicht zum Nulltarif. Aber jeder kann das schaffen, wenn er seine Energie mehr als bisher konzentriert in das Projekt „Jurastudium“ steckt. Sie müssen mehr als bisher verinnerlichen: „Du schaffst es! Du kannst es! Du taugst!“ – dann wird es Ihnen zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Das Leben ist nun einmal ein Konkurrenzkampf: Gewinnen oder verlieren. Sie wollen gewinnen! Sie wollen Jura studieren und werden es dann mit diesem Vorsatz auch weit bringen. Im Jurastudium ist geduldige Klein-Klein-Arbeit notwendig, es warten keine schnellen Resultate auf Sie. Es verwandelt sich nicht alles gleich in Gold, schon gar nicht im Jurastudium. Ihre Gefühle und Hobbys müssen Sie allerdings im Anfang ein wenig suspendieren können, wenn eine solch schwere Aufgabe zu erledigen ist, und die ist mit Beginn des Studiums zu erledigen. Um so schöner ist der Erfolg nach dem Examen: Eine qualifizierte juristische Ausbildung in unserer wetterwendischen Arbeitswelt hat dann die Studentenjahre doch in Gold verwandelt.

 Brechen Sie nicht zu früh ab! Es ist nicht vorbei, ehe es vorbei ist. Aber dafür muss man erst mal anfangen. Eine Eingewöhnungsphase von einem Semester kann durchweg normal sein. Eine Studienkrise, ein Motivationsloch, das Schielen nach einer Alternative sind nichts Außergewöhnliches. Zwar gilt: Je früher ein Abbruch realisiert wird, um so weniger gravierend sind die hierbei entstehenden Folgen. Aber es gibt auch den zu frühen Zeitpunkt. Werfen Sie die juristische Flinte nicht schon vor dem Aufbruch ins Korn! Die ersten Monate an der Uni sind meist weniger fachlich als vielmehr persönlich hart. Man liegt mit sich oftmalig im Abwehrkampf.

Da Sie sich für Jura entschlossen haben, bleiben Sie noch eine Weile am Ball der Juristerei! Steigern Sie Ihre Leistungsbereitschaft, suchen Sie die Herausforderungen und schöpfen Sie Kraft aus Ihrer Motivation! Die „Flitterwochen“ mit der Uni sind aber nach dem ersten Semester vorbei. Es folgt der harte „Ehealltag“. Wem sein Studentenleben allerdings dann so vorkommt wie eine Variante von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, sollte über den „Ehealltag“ nachdenken.

Der Mangel an Selbstvertrauen, den der Student des Anfangs erfährt, führt nicht selten dazu, dass er sich vor den Portalen der Hochschulen nach „Autoritäten“ umsieht, nach jemandem, der Sicherheit bietet und sagen kann, wo es lang geht. Er sehnt sich nach einer Autorität mit unfehlbaren Antworten. Der Erstsemest(l)er in seiner misslichen Lage will sich nicht mit undurchsichtigen Meinungen und Grautönen auseinandersetzen: Er will eine studentische Welt, die in Schwarz oder Weiß aufgeteilt ist, und Wahrheiten, die er schwarz auf weiß nach Hause tragen kann. „Wie und wohin soll ich gehen?“ – „Wo ist die fehlerfreie Quelle der Wahrheit über das Jurastudium?“ – Seien Sie gewarnt: In dieser Welt tummeln sich viele Scharlatane.

Sie müssen sich jetzt klar machen, wer Sie sind und wer Sie gerne wären. Sie müssen eine eigene Entscheidung treffen. In dem Wort Entscheidung steckt das Wort „scheiden“: Wägen und gewichten nach Anhörung alles für Sie Maßgeblichen in einem inneren Dialog, um sich dann zu trennen von dem einen oder anderen. Der Mensch ist Mensch, weil er in der Lage ist, frei eine Entscheidung zu treffen. Also entscheiden Sie sich! Einmal kann man umsatteln, wenn sich das aufgeputzte und gestriegelte juristische Pferd als Mähre herausstellen sollte. Aber nur einmal! Dann muss entschieden sein. Die Unzufriedenheit manches höhersemestrigen Studenten resultiert häufig aus der einfachen Tatsache, dass er sich für Jura entschieden hat, aber ständig denkt: „Hätte ich doch …“ Nein: Entscheiden heißt scheiden! Entweder Jura oder Abschied von Jura!
Aus der Zwickmühle: „Jurastudium“ – „Ja!“ – „Ja, aber!“ – „Nein!“ – „Nein, aber!“ – zwei ganze und zwei halbe Möglichkeiten – müssen Sie früh raus. Bei jeder anstehenden Entscheidung gibt es zunächst immer diese zwei Optionen und diese zwei Wartestellungen. Entscheiden müssen Sie selbst, aber bitte auf solider Grundlage! Dumm ist es, die „Alternative Jura“ gewählt zu haben, ohne zu wissen, was eigentlich Inhalt dieser Alternative ist. Dümmer ist es, die „Alternative Jura“ gewählt, ohne die Alternativen „B“ und „C“ genau geprüft zu haben. Noch dümmer ist es, die „Alternative Jura“ gewählt zu haben, weil ein Dritter sie einem eingeredet hat oder einem nichts Besseres eingefallen ist.

Ihre Entscheidung für oder gegen Jura sollte auf sechs Erkenntnissen basieren:

Erkenntnis 1 Selbstanalytischer Faktor: „Was will ich selbst eigentlich genau?“

Erkenntnis 2 Horizont-absuch-Faktor! Nichts ist alternativlos!: Welche Alternativen gibt es für mich und mein Jurastudium?“

Erkenntnis 3 Zu-Ende-denk-Faktor: „Welche Alternative hat welche Konsequenzen?“
Erkenntnis 4 Weh-tun-Faktor: „Welche ‚Schmerzen‘ treten bei welcher Alternative auf?“

Erkenntnis 5 Interventionsfaktor: „Welche konsequenten Handlungsweisen erfordert welche Alternative von mir?“

Erkenntnis 6 Freud‘scher Faktor: „Was sind meine wahren, ganz ehrlichen Wünsche, Triebe und Instinkte?“

Ihre Aufgabe müsste jetzt eine ehrliche Analyse Ihrer „Wackel-Situation“ sein, um aus dem langgezogenen „Jein“ der halben Möglichkeiten ein knappes „Ja“ oder „Nein“ zu Jura zu machen. Sie sind kein gegängelter Schüler mehr. Sie müssen Ihre Rolle als freier Jurastudent neu lernen. Dabei müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass es bei wichtigen Entscheidungen, wie der Aufnahme oder der Fortsetzung eines Jurastudiums, niemals ein 90 : 10 oder gar ein 99: 1 gibt, sondern eher ein 51 : 49. Und: Dass der unterlegene Teil oft und lange, manchmal bis ins Examen, rebelliert. Wenn es allerdings nicht mehr passt: Finden Sie etwas Besseres! In jedem Menschen steckt mindestens ein zweiter, nämlich der, der er auch sein könnte. Bei einem Jurastu-diumabbruch scheitert nie der ganze Mensch, sondern immer nur ein Teil, nur der Student in seinem konkreten Vorhaben des Studiums von Jura.

Vielleicht hat es bei Ihnen aber auch juristisch richtig „Klick“ gemacht? – Der Weg zum „Klick“ kann manchmal ziemlich anstrengend sein. – Sind Sie der Kunst des Erlernens der juristischen Kompetenzen nach der Lektüre der vorangegangenen Beiträge“ näher gekommen? Hat sich Ihre locker daher gesagte Vorstellung „Ich mach dann mal Jura“ präzisiert? – Hat der Blog Ihnen geholfen? – Kontrollieren Sie sich mal!

Können Sie konkrete Probleme in Sachverhalten besser erkennen und zielgenauer ansprechen?

Können Sie einschlägige Antwortnormen, Anspruchsgrundlagen und Straftatbestände eher auffinden?
Können Sie gutachtlicher arbeiten und denken, sauberer subsumieren und Gesetze widerspruchsfreier auslegen als vorher?

Können Sie einer Vorlesung besser folgen?

Können Sie schon mit der Literatur einigermaßen klarkommen, stimmig argumentieren und Meinungen gegeneinander stellen?

Können Sie bereits Ihre erkannten Probleme, sprich Fragen, des Falles tragfähigen und „vertretbaren“ Lösungen zuführen?

Können Sie besser als vorher mit unserer juristischen Sprache umgehen?

Können Sie sich relativ angstfrei in einem Klausurensaal vorstellen?

Mit einem Wort: Haben Sie jetzt mehr Durchblick, Urteilsvermögen, Können und Methodik als vor der Lektüre? – Na also! – Wenn nicht, zurück auf Anfang! Lesen Sie den Blog in den Semesterferien (Sie wissen, es heißt vorlesungsfreie Zeit) nochmal von vorn!

Sagen Sie nicht: „Ich könnte es schaffen, aber es ist zu schwierig.“
Sagen Sie sich doch: „Es könnte schwierig sein, aber ich werde es jetzt schaffen!“