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Was steckt hinter dem berühmt-berüchtigten „Juristischen Denken und Arbeiten“?

Hinter dem großen und oft von Professoren wie eine Monstranz getragenen Begriff „Juristisches Denken und Arbeiten“ verbirgt sich etwas ganz Großartiges, nämlich die Methodik der Fallbearbeitung mit ihrem Gutachten und ihrer Subsumtion.

Vielleicht haben Sie seit den ersten Wochen Ihres Studiums bereits erkannt, wie wichtig Rechtsanwendung in einem Gutachten mit seinen Auslegungen von Tatbestandsmerkmalen, den daraus resultierenden Definitionen und den nachfolgenden Subsumtionen und Schlussfolgerungen für Ihre Falllösungen sind. Ohne das Bedingungsgefüge: Sachverhalt, gesetzliche Tatbestandsmerkmale, Auslegung, Definition, Subsumtion läuft in der Juristerei nichts zusammen. Das eliminierte Tatbestandsmerkmal wird im Gutachten erst durch die auslegende Interpretation und nachfolgende Definition für die Subsumtion „scharf“. Ohne die die Tatbestandsmerkmale aufschließenden Auslegungen ist der Subsumtionsvorgang im Gutachten ein reines Glücksspiel und damit für einen Juristen unmöglich, da es zu ungleichen Beurteilungen gleicher Sachverhalte führen kann.

Die Fallherangehensweise an ein Tatbestandsmerkmal erfolgt immer und ewig nach dem gleichen Gutachten-Programm:

  • Das konkrete Tatbestandsmerkmal

  • aus dem Gesetz herausstanzen, es eliminieren,

  • es begrifflich bestimmen, auslegen, interpretieren,

  • es begrifflich abgrenzen, definieren,

  • dann den Sachverhalt unter dieses „entfaltete“ Tatbestandsmerkmal subsumieren,

  • um am Ende die Schlussfolgerung (conclusio) zu ziehen, konkludieren.

Eliminieren, Interpretieren, Definieren, Subsumieren, Konkludieren! So werden Tatbestandsmerkmale „abgearbeitet“ und „Juristisches Denken und Arbeiten“ betrieben.

Diese Rechtsanwendungsmethode hat tragende Bedeutung für Ihr gesamtes Juristenleben! In der Juristerei müssen Sie, wie in der Architektur auch, zwischen tragenden und lastenden Teilen unterscheiden: Die methodische Rechtsanwendung mit ihrem Gutachten und ihrer Subsumtion gehört zu den tragenden Teilen! Jura ist eigentlich nichts anderes als eine durch Übung erarbeitete Rechtsanwendungskunst. Ein Geheimnis der Juristen: das Zurdeckungbringen von Sachverhalt und Gesetz in einem Gutachten. Ohne sie geht nichts in der Juristerei. Diese Kunst wird Ihnen als das Alleinstellungsmerkmal unserer Zunft zur Selbstverständlichkeit werden! Jeder pathologische Lebenssachverhalt kann mit der Universalkraft der Rechtsanwendung in einem Gutachten kuriert werden. Man erlernt allerdings die Rechtsanwendung nicht wie eine Sprache und die Grammatik so nebenbei, sondern nur durch langandauernde Übung.

Klausurenmethode, Methodik der Fallbearbeitung, Subsumtionsmethode, Technik der Fallbearbeitung, Gutachtenmethode – ein wildes Durcheinander an Termini. Der weiteste Begriff ist sicherlich der der Klausurentechnik. Er umfasst alles, was wir brauchen, nämlich

  • die Rahmenbedingungen, wo und wann wird die Klausur mit welchen Hilfsmitteln in welcher Zeitvorgabe, in welcher äußeren Form und in welcher Sprache geschrieben,

  • als die Technik der Fallbearbeitung, die nun ihrerseits die Gutachtentechnik, diese wiederum den Arbeitsschritt der Subsumtionstechnik umschließt.

Technik (techné) wird hier in der griechischen Bedeutung von Kunstfertigkeit verstanden.

Die Hochschulen übersehen häufig die „Allgegenwart“ dieser Methodik und versäumen oft sträflich, ihr die gebührende Stellung gleich im Beginn des Jurastudiums einzuräumen. Sie versteigen sich in die „Rechtswissenschaft“ unter Vernachlässigung des „Handwerklichen“. Gesetze überleben sich. Die Sternbilder juristischer Methodik im Umgang mit dem Fall und dem Gesetz aber – die Klausurentechnik – schimmern in ewiger Unvergänglichkeit über den Friedhöfen der Paragraphen, Gesetze und Entscheidungen.

Im Umgang mit Fall und Gesetz benötigen Sie zur Rechtsanwendung immer (!)

  • die Methoden der Auslegung,

  • die Methoden der Definitionsbildung,

  • die Methode der Subsumtion,

  • und hauptsächlich die Methode des Gutachtens.

Wer diese Methoden im studentischen Griff hat, meistert das „Juristische Denken und Arbeiten“. Das werden wir jetzt „angreifen“, um es zu „begreifen“.

Sie müssen wissen, dass die Juristen alle „Fälle“ mit ein und derselben Methode behandeln können, der Einheitsmethode des Gutachtens! Das Gutachten ist das wichtigste gemeinsame Gen in der kollektiven DNA aller Juristen.

Wer diese Rechtsanwendungsmethode nicht beherrscht, hat keine Aussicht auf juristischen Erfolg! Das Gutachten wird geformt im Geist einer logischen Artistik und ist ein juristisches Betriebsgeheimnis! Die geheimnisvolle Gutachtentechnik ist die Summe der Folgerungen und Denktätigkeiten, welche dem „Juristischen Denken und Arbeiten“ seine Richtigkeit sichert. Es ist das gutachtliche Handwerk, nach dem die Juristen mit der Unzahl von Gesetzen und Fällen fertig werden. Und: Es ist eine wissenschaftliche Methode, da sie vom Allgemeinen auf das Besondere herabgeht, da sie jeden vorliegenden Fall durch Anwendung derselben Regelmethode entscheidet und daher durch Anwendung ein und derselben Regel Tausende ähnlicher Fälle entscheiden kann. Diese Methode durchzieht wie ein goldener Faden die Juristerei, ist für Sie der treue Begleiter bis zum Examen und behauptet sich immer wieder aufs Neue gegen die Vielheit der Gesetze und Fälle. Sie verleiht das gleichmäßige und damit gerechte Vollziehen und die logische Richtung Ihrer Denkbewegungen und Arbeitsschritte um Gesetz, Sachverhalt, Auslegungen und fallbezogene Subsumtion. Das Gutachten liefert das Präzisionsinstrument zur Fallbearbeitung und die Präsentationsform der Darstellung. Es verbürgt damit insgesamt den Erfolg einer Klausur und Hausarbeit.

Damit haben Juristen Ordnung in das Chaos des Aufeinanderprallens von „lebendigem“ Leben und „totem“ Gesetz in der Fallbearbeitung gebracht. Das Bestaunenswerte, um das uns andere Wissenschaften beneiden, ist eine Methode zur Lösung von Fällen: die Einheitsmethode des Gutachtens! Überall, wo eine juristische Wahrheit gesucht wird, ist es das Gutachten, das da mitsucht.

Los geht’s! In der Juristerei hat man es immer mit zwei gegeneinander in Stellung gebrachten Denkgegenständen und einer Denkoperation zu tun, nämlich:

  • Denkgegenstand 1: das Gesetz, eingebunden in das Rechtssystem
  • Denkgegenstand 2: der Sachverhalt, eingebunden in das Alltagsleben.

Bei dieser Frontstellung von Denkgegenstand „Gesetz“ und Denkgegenstand „Sachverhalt“ bleibt es bei den Juristen aber nicht stehen. Das wichtigste Betätigungsfeld für einen Juristen ist das Auflösen dieser Frontstellung, die versöhnende Passung der zwei Denkgegenstände „Gesetz“ und „Sachverhalt“ durch eine

  • Denkoperation: die sog. Subsumtion, die in das Gutachten eingebettet ist.

Subsumtion ist das Fremdwort für das operative Zurdeckungbringen beider Denkgegenstände. Oder: die Unterordnung eines Sachverhaltes unter eine Rechtsnorm. Jura braucht erstens den Sachverhalt, zweitens das Gesetz und drittens das Gutachten mit seinen Auslegungen, Definitionen und seinem „Deckungsverfahren“ der Subsumtion!

Der Sachverhalt ist eine meist recht spannende Geschichte. Es ist ein Lebensausschnitt, bestehend aus Tatsachen, der einer juristischen Klärung bedarf. Ohne „Sachverhalt“, ohne „Fall“, gäbe es kein Recht! Was braucht ein Sachverhalt? Ein Sachverhalt braucht eine Geschichte – in Klausuren unstreitig, in der Praxis meist streitig –, im Regelfall mindestens zwei Personen, von denen die eine ein Rechtsgut der anderen oder der Allgemeinheit verletzt hat (StGB) oder die sich um ein Gut streiten (BGB), und jeweils ein Gesetz, mit dem die Zwei entweder den Streit um das Gut lösen können (BGB) oder das die Verletzung des Rechtsgutes mit Strafe bedroht und den Staatsanwalt auf den Plan ruft (StGB).

Beispiel: Max verprügelt Moritz aus Eifersucht und schlägt ihm dabei das Nasenbein ein.

  • Dieses Beispiel ist ein Lebensausschnitt zweier Menschen, Max und Moritz. Tatsachen sind hier „Verprügeln“ und „Einschlagen“.
  • Dieser Ausschnitt wird zum juristischen Sachverhalt, wenn er einer juristischen Klärung (Lösung) bedarf.
  • Er mutiert zum strafrechtlichen Sachverhalt, wenn er einer strafrechtlichen Lösung bedarf. Wenn man etwa fragt: „Hat Max sich strafbar gemacht?“
  • Er mutiert zum zivilrechtlichen Sachverhalt, wenn er einer bürgerlich-rechtlichen Klärung bedarf. Wenn man etwa fragt: „Kann Moritz von Max Schadenersatz verlangen?“
  • Dieser juristische Sachverhalt wechselt seine Bezeichnung erneut, wenn er von einem Studenten bearbeitet werden muss. Das Chamäleon heißt jetzt schlicht: „Der FALL“!

Der Fall war und ist der entscheidende Auslöser für Gesetz und Rechtsanwendung in Studium und Praxis. Die Fälle stammen aus dem Leben der Menschen, die Gesetze aus der Hand des Gesetzgebers. Da die Kombinationskunst des Lebens unerschöpflich ist, ist auch die Kombinationskunst mit den Gesetzen und folglich sind auch die Operationen der Rechtsanwendung unerschöpflich. Wegen der „ewig neuen Fälle“ ist ja auch die Schaffung eines „ewigen Rechts“ unmöglich. Die unzähligen Fälle sind gesetzlich nicht zu fassen, weder durch die reichste konkrete Kasuistik noch durch die abstrakteste sprachliche Verdichtung. Jeder Fall ist eben anders! Aber: Die Methode der gutachtlichen Rechtsanwendung ist immer gleich! Niemals wird in einer Ihrer juristischen Klausuren Wissen nur „abgeladen“, sondern Wissen wird immer „angewendet“. Und das geschieht mit der Methode des Gutachtens.

Diese juristische Einheitsmethodik wird Ihre Falllösung immer richtig steuern und Sie so zu vertretbaren Lösungen führen. Diese Methodik setzt anstelle eines ungeschulten, planlosen Verfahrens, einer ungerechten, weil ungleichmäßigen juristischen Behandlung – mehr einer Manier als einer Methode – das rationelle, rationale und ewig gültige Gutachten. Vom methodisch richtigen sezierenden Erarbeiten der Gesetze, vom methodisch richtig geschulten gutachtlichen Verarbeiten und vom sprachlichen Ausdruck des gutachtlich Präsentierten hängt das Ergebnis Ihrer Klausuren ab. Die Prädikatsnote ist das Produkt aus Gesetz, Sachverhalt, Ihrem erlernten juristischen Wissen und Ihrem in allen gutachtlichen Denk-Variationen „methodisch-geschulten“ hellen Köpfchen!

In keiner juristischen Klausur treten die Einzelteile unseres „Juristischen Denkens und Arbeitens“, nämlich das juristische Wissen, die juristischen Methoden und die Technik der Fallbearbeitung, voneinander getrennt auf, sondern mischen sich in verschiedenen, sehr wechselnden Mengenverhältnissen miteinander. Bei keiner juristisch-wissenschaftlichen Arbeit ist es möglich, aus der Aufgabenstellung heraus sofort den endgültigen Gedankengang zu erörtern. Alle juristischen Leistungskontrollen sind auf die praktische Rechtsanwendung in Form einer sich entwickelnden Fallbearbeitung ausgerichtet. Und dafür müssen Sie all Ihr „Juristisches Denken und Arbeiten“ aufbieten!

Eine juristische Klausur oder Hausarbeit besteht aus der Schilderung eines mehr oder weniger langen und mehr oder weniger komplizierten Lebensausschnitts – eben einer Geschichte -, an den sich eine Aufgabenstellung (sog. Bearbeitervermerk) anschließt. Um eine solche Leistung nun gut zu bestehen, sind juristische Kenntnisse zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Voraussetzung dafür ist neben dem Wissen dreierlei:

  • Im Sachverhalt diejenigen Passagen als Probleme (juristischer Ausdruck für Fragestellungen) zu erkennen, die gezielter rechtlicher Erörterung bedürfen. Man mag die Irrtumsanfechtung in all ihren Facetten beherrschen; wenn man aber nicht erkennt, dass sie konkret in Betracht kommt, bleibt Ihr Wissen über den Irrtum brach liegen. Der Student muss aus dem Sachverhalt detektivisch diejenigen Anknüpfungstatsachen herausfiltern, die anschließend mit der Methode des Gutachtens aufgegriffen werden müssen.
  • Die erkannten rechtlichen Probleme methodisch sauber unter Zeitdruck in einem rechtsanwendenden Gutachten auf den Sachverhalt anzuwenden. Hier bedarf es Ihres methodisch-handwerklichen Könnens.
  • Das Gutachten in Form, Sprache und Stil richtig zu präsentieren. Die Qualität eines Gutachtens steigt dadurch, dass es gut geschrieben und in Form gebracht ist. Hier bedarf es Ihres stilistisch-handwerklichen Könnens.

Der Kern jeder juristischen Arbeit ist das Gutachten! Der Kampf um Qualität ist in der Juristerei immer ein Kampf um das Gutachten. Das Gutachten ist das Immunsystem, um Fehler bei der Fallbearbeitung abzuwehren. Werden Sie schnell zum „Gutachtologen“!

  • Im juristischen Gutachten zu arbeiten – das heißt, juristisch zu denken und zu arbeiten!

  • Das juristische Gutachten zu beherrschen – das heißt, das juristische Denken und Arbeiten zu beherrschen!

  • Das juristische Gutachten zu verbessern – das heißt folglich, sein juristisches Denken und Arbeiten zu verbessern!

Ich wiederhole mich gerne: Die Juristerei ist auch ein Handwerk! Ein Handwerk erlernt man durch Übung. Und Übung erlernt man durch Üben. Sie können so viele Lehr- und Lernprogramme für juristisches Wissen haben, wie Sie wollen. Keines entlastet Sie vom Erlernen, Verstehen und handwerklichen Anwenden des Gutachtens.

Ab jetzt gilt: „Gut achten auf das Gutachten“?

Alle Ratschläge für diese juristische „Hebammenkunst“ der Rechtsanwendung hören sich in der abstrakten Beschreibung in Lehrbüchern und Vorlesungen immer so himmlisch einfach an, werden aber höllisch kompliziert, wenn der Student versucht, „Juristisches Denken und Arbeiten“ praktisch zu realisieren. Den dozentischen Fingerzeig „Sie müssen das Gutachten beherrschen lernen!“ in konkretes studentisches Handeln umzusetzen, das ist oft und gerade am Anfang immer ein schwieriges und umfangreiches Programm. Das Gesetz selbst bietet dazu keine und die Dozenten in ihrem Stoffdruck meist keine allzu große Hilfe an. Dabei bietet sogar der Alltag eine Fülle lehrhafter Beispiele.

Versuchen wir es einmal mit folgenden vier Holland-Wochenendplanungen der Freundinnen Sabine, Susanne, Sandra und Steffi.

Sabine:

Am Wochenende könnte ich nach Holland ans Meer fahren.

Das setzt voraus, dass ich Geld habe, dass ich Zeit habe und dass mein Freund mitfährt.

Mein Freund hat Lust, ich habe Zeit, da meine Klausuren gerade vorüber sind,
aber ich habe kein Geld mehr.

Also kann ich am Wochenende nicht nach Holland ans Meer fahren.“

Susanne:

Am Wochenende fahre ich nach Holland ans Meer.

Denn mein Freund hat Lust, ich habe Geld und Zeit.“

Sandra:

Am Wochenende fahre ich nach Holland ans Meer. Basta!“

Sandra:

Am Wochenende fahre ich nach Holland.“

Freund: „Ich würde ja mitfahren, aber hast du überhaupt Zeit?“

Steffi: „Ja, meine Klausuren sind gerade geschrieben.“

Freund: „Hast du denn auch Geld für eine solche Fahrt?“

Steffi: „Verdammt, nein, ich habe mir ja gerade den neuen Tennisschläger gekauft.“

Freund: „Dann kannst du auch nicht am Wochenende nach Holland fahren!“

Steffi: „Oh, das ist schade!“

Alle Vier hatten ein Problem: Sie wollten am Wochenende nach Holland. Dieses Problem musste gelöst werden. Eine Problemlösung hat zwei Elemente:

  • Sie enthält eine Begründung (Lust/Geld/ Zeit)
  • Sie führt zu einem Ergebnis (ich fahre / ich fahre nicht)

Zur Darstellung dieser Problemlösung gibt es drei Möglichkeiten

Erstens: Der Gutachtenstil

Das Gutachten folgt prinzipiell der Denkform, in der die Lösung erarbeitet wird, d.h. man geht von der Frage(Problem-)stellung aus („Kann ich am Wochenende nach Holland fahren?“) und entwickelt den Gedankengang zum Ergebnis hin. Der Gutachtentechnik liegt eine Funktionsweise juristischer Schlussfolgerungen zugrunde. Es handelt sich

  • um die Anwendung allgemeiner Sollens-Sätze („Gesetze und Normen“)
  • auf konkrete Lebensausschnitte („Fälle“).

Nehmen wir zwei Beispiele:

Beispiel 1: Muss Jupp bei einem Autounfall Hilfe leisten?

Beispiel 2: Muss Jupp Schmitz bei Ehestreitereien Hilfe leisten?

Der allgemeine Sollens-Satz steht im StGB und lautet: „Du sollst bei Unglücksfall Hilfe leisten.“

Um aus diesem allgemeinen Sollens-Satz auf einen konkreten Fall (Beispiel 1: „Autocrash“, Beispiel 2: „Ehestreit“) bezogene Folgerungen zu gewinnen („Muss Jupp Schmitz Hilfe leisten?“), hat man sich eines logischen Schlusses bedient, den man seit Aristoteles „Syllogismus“ nennt, weniger klassisch: Deckungsarbeit. Es ist ein handwerkliches (methodisches) Verfahren, mit dem man auf überzeugende Weise Antworten zu allen moralischen und rechtlichen Fragen findet.

Beispiel 1:

Bei Unglücksfällen sollst (musst) Du Hilfe leisten. (Sollens-Satz)

Jupp Schmitz erlebt einen Autounfall mit. (Lebensausschnitt)

Ein Autounfall ist ein Unglücksfall. (Deckungsarbeit ohne Definition)

Also soll (muss) Jupp Schmitz Hilfe leisten. (Schlussfolgerung)

Beispiel 2:

Bei Unglücksfällen sollst (musst) Du Hilfe leisten. (Sollens-Satz)

Jupp Schmitz erlebt einen Ehestreit mit. (Lebensausschnitt)

Ein Ehestreit ist kein Unglücksfall. (Deckungsarbeit ohne Definition)

Also soll (muss) Jupp Schmitz keine Hilfe leisten. (Schlussfolgerung)

Die gewonnenen Aussagen sind zwar trivial, das Verfahren dagegen genial! Nach diesem Verfahren läuft der größte Teil juristischer Arbeit ab.

Zurück nach „Holland“! Da zunächst nur die Fragestellung bekannt ist („Kann ich nach Holland fahren?“) und das Ergebnis noch gesucht wird („Ich fahre/ich fahre nicht“), verläuft der Gedankengang so, dass von der Fragestellung ausgegangen und Schritt für Schritt zum Ergebnis hin gefolgert wird. Würde man aufgefordert, dies schriftlich darzustellen, wäre der Leser sehr daran interessiert, die Gedankenfolge so dargelegt zu bekommen, wie sie sich im Kopf entwickelt hat. Der Leser ist bei dem entwickelnden Denken des gutachtlich arbeitenden Studenten gleichsam „live“ dabei. Dadurch kann er den Gedankengang des „Gutachters“ genau nachvollziehen. Das nennt man „ein Gutachten anfertigen“. Diesem gedanklichen Vorgehen entsprechen gewisse Eigenarten der sprachlichen Formulierung („es könnte“ – „also“), weshalb man vom „Gutachtenstil“ spricht.

Das Denken in der Form des Gutachtenstils vollzieht sich in folgenden vier Denkschritten (wir nennen das mal Vier-Takt-Motor):

1. Hypothese

Gutachtliche Zielformulierung: „Es könnte“

Es wird ein bestimmtes, die Fragestellung beantwortendes Ergebnis als möglich hingestellt (hypothetisches Ergebnis).

Am Wochenende könnte ich nach Holland fahren!“

2. Aufstellung eines Untersuchungsprogramms

Gutachtliche Strukturierung: „Das setzt voraus“

Es werden nunmehr die Voraussetzungen (sämtliche!) gesucht, bei deren Vorliegen man zu dem vorgeschlagenen Ergebnis (Holland) kommt.

Das setzt voraus, dass mein Freund Lust hat und ich Geld und Zeit habe.“

3. Subsumtion

Gutachtliche Inszenierung: „Hat mein Freund Lust? Habe ich Geld und Zeit?“

In Ausführung des bekannt gegebenen Untersuchungsprogramms wird jetzt geprüft, ob die Voraussetzungen auch tatsächlich vorliegen. Das Auge wandert hin und her zwischen den einzelnen Voraussetzungen des Untersuchungsprogramms und den tatsächlichen Gegebenheiten. Die Realität spiegelt sich in den Prämissen:

  • „Des Freundes Lust: ja/nein“
  • „Meine Zeit: ja/nein“
  • „Mein Geld: ja/nein“

Gelingt die spiegelnde Entsprechung – gelingt die Subsumtion (positive Subsumtion). Scheitert die Entsprechung – scheitert die Subsumtion (negative Subsumtion).

4. Ergebnis

Gutachtliche Zielkontrolle: „Also ja oder nein“. Der letzte Schritt besteht darin, das Ergebnis der Prüfung, der Subsumtion, festzustellen. Durch das Ergebnis wird die Ausgangshypothese, die Fragestellung, bestätigt (wissenschaftlich: verifiziert) oder widerlegt (wissenschaftlich: falsifiziert).

Also kann ich nach Holland fahren“ (alle Voraussetzungen passen), oder:

Also kann ich nicht nach Holland fahren“ (mindestens eine Voraussetzung passt nicht).

Für den Gutachtenstil ist symptomatisch:

  • Die Hypothese wird mit Wendungen vorgestellt wie:
  • könnte nach Holland fahren,
  • möglicherweise fahre ich nach Holland,
  • kommt eine Hollandfahrt in Betracht,
  • ist zu prüfen, ob ich nach Holland fahre,
  • fraglich ist, ob ich nach Holland fahren kann.

Das folgt daraus, dass man es bis zum vierten Denkschritt nur mit einem hypothetischen Ergebnis zu tun hat, ein Umstand, der bei der Formulierung des Gutachtens sprachlich deutlich gemacht werden muss.

  • Das Ergebnis wird eingeleitet durch:
  • also
  • somit
  • folglich
  • daraus folgt

Es ist der Schlussstein des Gutachtens.

Band III Seite 15

Zweitens: Der Urteilsstil

Im Urteilsstil wird ein feststehendes Ergebnis begründet. Das Ergebnis der Überlegungen wird vorangestellt und die Begründung nachgeliefert, aus der dann hervorgeht, warum das Ergebnis „Ich fahre“ – oder – „Ich fahre nicht“ richtig ist. Beim Urteil fällt die für das Gutachten typische Hypothese (Fragestellung) weg. Stattdessen wird sogleich das Ergebnis an die Spitze gestellt. Deshalb reichen beim Urteil drei Denkschritte aus (Drei-Takt-Motor):

Mitteilung des Ergebnisses:

Ich fahre am Wochenende nach Holland.“

Benennung der Voraussetzungen, aus denen das Ergebnis hergeleitet wird:

Denn mein Freund hat Lust, ich habe Zeit und Geld.“

Subsumtion unter die Voraussetzungen:

Zur Lust meines Freundes:

Denn mein Freund möchte gerne ans Meer und mit mir zusammen sein.“

Zum leidigen Geld:

Denn ich habe von meinem Monatswechsel noch 300 Euro übrig.“

Zur fraglichen Zeit:

Denn ich habe die letzte Klausur gerade hinter mich gebracht.“

Für den Urteilsstil ist symptomatisch, dass die Sätze mit „denn“ verbunden sind,
d e n n es wird ja nur begründet.

Drittens: Der Feststellungsstil

Eine Feststellung wird lediglich getroffen („Basta“), aber nicht begründet. „Ich fahre am Wochenende nach Holland“ – Fertig! Um beispielsweise festzustellen, dass ein Buch eine „bewegliche Sache“ im Sinne des Diebstahlstatbestandes des § 242 StGB ist, genügt ein einziger Satz: „Ein Buch ist eine bewegliche Sache“ (Ein-Takt-Motor) (Basta!). Man darf kein einziges Wort der Begründung hinzufügen. Die Präsentationsform im Feststellungsstil („Basta-Stil“) sollte man häufiger verwenden. Es ist eine normale Präsentationsform. Die meisten juristischen Dinge sind nämlich glücklicherweise unproblematisch. Entgegen der landläufigen Meinung gilt das auch für Klausuren.

Wenn man eine juristische Arbeit schreibt, muss man imstande sein, die jeweils richtige Auswahl unter diesen drei verschiedenen Präsentationsformen zu treffen:

Band III Seite 16

Aber: Das Ergebnis kann natürlich auch beim Urteil und der Feststellung erst dann an die Spitze gestellt werden, wenn die Begründung und das Ergebnis feststehen. Der gedankliche Weg hin zu dem Ergebnis ist nur in der methodischen Denkform des Gutachtens möglich. Jedem Urteil und jeder Feststellung ist deshalb notwendig ein – im Kopf wohl überlegtes – Gutachten vorausgegangen.

Gegenüberstellung von Gutachten und Urteil

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Zurück zu Sabine, Susanne, Sandra und Stefanie:

  • Sabine ist im Gutachtenstil zu Werke gegangen.
  • Susanne hat den Urteilsstil bevorzugt.
  • Sandra wandte den Feststellungsstil an.
  • Und Stefanie? Stefanie ist eine Chaotin! Sie hat das Ergebnis vorangestellt (Urteil), ohne zuvor ein gedankliches Gutachten angefertigt zu haben. Wenn sie sich nicht schleunigst um den vorwärtsentwickelnden Gutachtenstil bemüht, wird sie um viel Frust im Leben im Allgemeinen und im juristischen Leben im Besonderen nicht herumkommen. „Erst denken – dann sprechen“, sagt der weise Volksmund und trifft den Nagel auf den juristischen Kopf. Erst das Ergebnis herauszuposaunen, um dann feststellen zu müssen, dass es an allen Ecken und Enden an den Voraussetzungen hapert, ist eine Eselei. Erst das „denkende“ Gutachten – dann das „sprechende“ Ergebnis verkünden, nur das ist der rechte juristische Weg!

Was verbirgt sich hinter der Methodenszene der Juristerei?

Die Juristerei selbst! Methodik ist das, was übrig bleibt, wenn alles andere vergessen wird. Die Methodik bietet die Instrumente zu allen juristischen Fachdisziplinen. Die Juristerei zu beherrschen heißt, die juristische Methodik zu beherrschen. Deshalb ist das Erlernen der Methoden das Schlüsselmoment im 1. Semester. Wie vieles gibt es am Anfang des juristischen Studiums doch, was der Student bekommt, aber nicht nötig hat, und wie vieles gibt es, was er im Anfang nötig hat, aber nicht bekommt – dazu zählt eine entdeckende Wegbereitung in die Methodik! Die Juristerei wirkt häufig auf junge Jurastudenten labyrinthisch und verrätselnd. Das liegt nicht zuletzt daran, dass jeder Juraprofessor heute im Regelfall mit seinem Spezial-Fach nur einen ganz bestimmten Aspekt der außerordentlich vielgestaltigen Jurawelt erfasst, ohne immer aufs Neue von den Studenten die Methodik zu fordern. Es gibt nur ganz wenige Dozenten – aber das sind die besten -, die unter Beiseitelassen überflüssigen Detailwissens unerbittlich methodische Disziplin und die systematische Verknüpfung selbst demonstrieren und einfordern. Das Ganze der juristischen Welt ist ohne Methode nicht mehr zu fassen, es ist zu viel geworden. Die Methode ist für alle Rechtsgebiete gleich, deshalb ist sie als Fundament auch so wichtig. Wissen kommt – Wissen geht! Methode bleibt!

Das Wesentliche am juristischen Studium ist nicht nur, all die juristischen Institute, Paragraphen und verschiedenen juristischen Spezialmaterien als gewusste Einzelstücke wie in einem Museum nebeneinander zu reihen und mit gelehrter Sprache um sie herumzulustwandeln. Genauso wichtig ist es, sie immer wieder durch die Gemeinsamkeit der Methode und Systematik unterschiedlichst miteinander verbinden zu können. Je tiefer man in die fallbasierte Juristerei eindringt, desto klarer treten ihre alles verbindenden methodischen und systematischen Linien zutage, und desto mehr vereinfacht sich der Überblick über diese juristisch-strukturierte Gedankenwelt. Sie begreifen dann auch immer besser, dass die Methodik überall die gleiche ist und es schließlich nur wenige nicht weiter zerlegbare Grundstrukturen gibt, aus denen sich die unsere Jurawelt einende Ganzheit aufbaut. Nur wer im Haus der juristischen Methodik wirklich zu Hause ist, kann sich fundiert und vorbehaltlos dem juristisch Neuen, Tieferen, Komplexeren öffnen. Dafür müssen Sie schon früh den Bauplan für die Methodik in die Hand bekommen! Diesen gilt es nunmehr freizulegen!

Die Rechtsordnung ist ein sinnvoll in sich gegliedertes, geordnetes, systematisches, immer methodisch erschließbares Ganzes. Das juristische Universum ist ein festgefügter komplexer Regelraum mit immanenten Schichten, Schranken und Strukturen, letztlich ein durch Gesetze, Methodiken und Systeme gebändigtes Chaos. Diese Bändigung der für den Anfänger ungeordneten Urmasse der juristischen Welt gelingt nur mit Methode!

Ich sagte Ihnen bereits bei dem Thema „Leistungsnachweise“: Es gibt unendlich viele juristische Probleme. Ich sagte Ihnen auch: Der Student kann nur endlich viele lernen. Daraus folgt, dass irgendwann ein Problem auf ihn zukommt, das er nicht gelernt hat. Die zwingende Konsequenz aus dieser Überlegung: Der Student darf nicht ausschließlich die Probleme selbst lernen, sondern er muss die methodischen Wege erschließen,

  • die Probleme erstens aufzuspüren (Problemfindungskompetenz),

  • zweitens zu lösen (Problemlösungskompetenz),

  • drittens, sein Wissen und seine Problemlösungen in bestimmten oben dargestellten Leistungsnachweisen zu demonstrieren (Klausurentechnik),

  • viertens lernen, wie man dieses Problembewusstsein und Lösungswissen aufbaut (Juristisches Lernen).

Die systematische Methodik der Juristerei nimmt, wie jede andere wissenschaftliche Methode auch, das Merkmal der Allgemeingültigkeit für sich in Anspruch. So wie es in den Naturwissenschaften Grundgesetze gibt, so gibt es auch Allgemeingeltendes für den Umgang mit Gesetzen, so verschieden der Zusammenprall von Gesetz und Sachverhalt nach Zeit, Ort, Inhalt und Personen auch sein mag. Auch dort, wo die Gesetze auf moderne individuelle Menschen und moderne Gesellschaften mit ihren soziologisch unterschiedlichsten Gruppen treffen, begibt sich die Methodik in der Juristerei niemals ihres Anspruchs auf Allgemeingültigkeit. Dieser Anspruch hat den Sinn, dass unter gleichen Verhältnissen überall das Gleiche gilt, also Gerechtigkeit herrscht.

Die meisten juristischen Lehrmeister in Gestalt von Dozent oder Lehrbuch erwecken manchmal den falschen Eindruck: Das singuläre juristische Problem, der einzelne Paragraph, der einzelne Fall sei der Star. Nein! Paragraphen reicht dem Jurastudenten das „Gesetz“, den „Sachverhalt“ liefert der Dozent in der Klausur. Die braucht er jeweils nur zu lesen. Erst seine methodische Kunst – seine handwerkliche „Kunstfertigkeit“ – knüpft Sachverhalt und Gesetz zu einem reißfesten, klausurrestistenten Netzwerk. Nur sie ist in der Lage, das nahezu unüberschaubare, überquellende textuelle Jura-Wissen über die Gesetze und Paragraphen, ihre Interpreten in Literatur und Rechtsprechung zu bändigen.

Warum gibt es eigentlich so viele Probleme und ein solch verwirrendes „Durcheinander“ in der Juristerei?Machen wir uns möglichst schnell mit den drei charakteristischen Gründen für die Unübersichtlichkeit der juristischen Welt vertraut:

  • Zum einen breiten sich die Gesetze im Plural aus. Überall, bis in den letzten Winkel unserer Gesellschaft, unserer Familie, unseres Berufes und Staates regeln Gesetze das Zusammenleben der Menschen.

  • Der zweite Grund ist die Folge des ersten. Kaum sind die Gesetze mit ihren Geboten und Verboten in die Welt „gesetzt“, gibt es schon Streit darüber. Kleben doch verschiedene Juristen-Interpreten aus Gerichten und Hochschulen wie Spürhunde mit ihren richterlichen und wissenschaftlichen Nasen an den Texten.

  • Der dritte Grund für die Unübersichtlichkeit der juristischen Materie ist die Rechtsprechung, der Kern einer jeden auf Recht beruhenden Gesellschaft. Diese sog. Jurisdiktion versetzt der naiven Vorstellung des Anfängers von der einen Wahrheit hinter den Gesetzen schon früh den Todesstoß. Die Rechtsprechung entlässt jeden Tag Tausende von Urteilen in die juristische Welt. Die richterlichen Dompteure des gesetzgeberischen Sinns erheben ohne Scheu ihre eigene Perspektive zum Maßstab, und das nicht immer einheitlich.

Diese Unübersichtlichkeit kann man nur mit Methode übersichtlich machen! Sie ist heute weitgehend aus den Anfängervorlesungen verdrängt. Die methodische Aufbereitung des abstrakten Denkgegenstandes „Gesetz“ und des konkreten Denkgegenstandes „Sachverhalt“ mit Hilfe der Auslegungsmethoden, Seziertechnik und Definitionsmethodik auf der einen und ihre methodische Gegenüberstellung auf der anderen Seite durch die methodische Operation der „Subsumtion“ im methodischen „Gutachten“ liegen im toten Winkel des Studiums. Sie sind unter der Herrschaft jahrhundertealter juristischer Lehrtraditionen in den heutigen Hörsälen voneinander abgefallen. Eine Methode ist nichts weiter als ein „Werkzeug“. Sie wissen, dass es für die unterschiedlichen handwerklichen Arbeiten die unterschiedlichsten „Handwerkszeuge“ gibt. Genauso gibt es für die juristischen Arbeiten „Kopfwerkzeuge“ zum Umgang mit Gesetzen und zur Fallbearbeitung. Hier nennen wir sie nur „Methoden“. Man muss, mehr als in den wissenschaftlichen Hochschulseminaren eingestanden, zugeben, dass die Juristerei auch ein Handwerksberuf ist. Denn immer bleibt der wesentliche Gegenstand der Juristerei „der Fall“, und der muss eben auch handwerklich-methodisch bearbeitet werden. Methodik ist der Arbeitsmodus, der Modus operandi, aller tätigen Juristen in Beruf, Lehre und Studium. Und das Grundlagenfach „Methodenlehre“, was ist das? Praxisferne Abhandlungen über die Herstellung der Methoden, mit denen kein Student im Anfang was anfangen kann. Wir sollten den Mut haben, die Rechts-anwendungs-Methodik Rechtskunde, Rechtsklugheit oder ehrlicher juristische Handwerkskunst zu nennen. Diese Kompetenz wird leider weder explizit noch implizit im Hörsaal gelehrt. Der Student muss sie in einem ungesteuerten und oft über mehrere Semester persönlich frustierenden Irritationsprozess sich selbst beibringen.

Es gibt drei Kategorien von methodisch-juristischem Wissen für den Jurastudenten:

  • Methodisches „Know-how“ für den Umgang mit Gesetz und Fall (Auslegungs-, Gutachten- und Subsumtionsmethode als Rechtsanwendungsmethoden)
  • Methodisches „Know-how“ für den Erwerb juristischen Wissens (Lernmethoden)
  • Methodisches „Know-how“ zur Anfertigung juristischer Leistungskontrollen (wissenschaftliche Fallbearbeitungsmethoden).

Eine eingehende Beschäftigung mit diesen „Methoden“ ist schon deshalb zu empfehlen, weil die Methode – anders als das Einzelwissen – in der juristischen Ausbildung immer benötigt wird. Die Klausuren sind zum Beispiel immer sowohl methoden-kompetenzorientiert wie stichprobenwissenzentriert. Ob Ihnen Stichproben-Einzelwissen in einer Klausur hilft, hängt häufig vom Zufall ab, Ihre juristische Methodenkompetenz hilft Ihnen immer. In einer gelungenen Einführung müsste es deshalb vor allen Dingen darum gehen, methodisch-juristischen Sachverstand in den Anfänger-Lehr-Lern-Prozess einzubringen. Und zwar deshalb, um das notwendige Speicherungs- und Fassungsvermögen des Studentengedächtnisses aufzubauen, das notwendig ist, den Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten und … im Ernstfall der Klausur wiederzugeben. Die Methoden sind allgemeine juristische „Ewigkeits-Wahrheiten“, die auf alle juristische Wissensgebiete und alle Fälle anwendbar sind.

Das Wort „Methode“ bedeutet ein systematisches Vorgehen nach bestimmten Regeln und Grundsätzen. Die Methoden sind das „Gewusst-wie-gehe-ich-wohin-warum-den-Jura –entdeckenden-Weg-zum-Ganzen“! Die juristischen Methoden sind für den Studenten in seinem Studium ein folgerichtiges Herangehen an eine einzige Aufgabe. Die Aufgabe heißt: Juristische Probleme finden und lösen in Klausuren, Hausarbeiten und Referaten. Klausurtechnisch gesprochen: Die Methoden sind dazu eine handwerklich-wissenschaftliche Montageanleitung. Sie müssen nämlich wissen: Diesen Fall hat noch keiner vor Ihnen gelöst! Jeder Fall ist anders! Jeder Fall ist neu! Aber die Methode ist alt!

Alle Methoden haben eine wichtige Bedeutung als Schutzmaßnahmen gegen die psychische und kognitive Desorganisation des Studenten im Anfang des Jurastudiums. Was der Student heute in Hochschulen sofort vermittelt bekommt, ist viel abstraktes, theoretisches Gesetzes-wissen, meist Spezialwissen. – Sein juristisch unvorbereitetes Gehirn vermag so viele Gesetze, Paragraphen, ihre Absätze, Sätze und Wörter, ihre Ziele und Bedeutungen, ihre Kombinationen und Verweisungen gar nicht einzeln zu speichern, geschweige denn bei Bedarf ins Bewusstsein zu holen und konkret anzuwenden. Was das Gehirn aber leisten kann, ist zu erkennen, wie wichtig es ist, sich schon als junger Student ganz schnell methodische und strukturelle gedankliche Disziplin anzueignen, die es einem dann ermöglicht, die sich hinter den verschiedensten Aspekten eines juristischen Studiums verbergende Vielfalt überblicken, begreifen und anwenden zu lernen.

Die folgenden sechs Methoden bilden die Genstruktur für Ihre juristische Studienkompetenz. Nennen wir sie bescheidenerJuristische Handwerkskunst“. Alles juristische Wissen ist durch Gesetzgeber und Rechtsprechung revidierbar! Die juristischen Methoden nicht! Diese „Methodenszene“ zu beherrschen, ist die Basis für die gesamte juristische Ausbildung, ja das ganze juristische Leben.

  • Methode im Umgang mit dem Gesetz

Die Gesetze sind und werden immer lückenhaft bleiben. Auch der Gesetzgeber ist nur ein Mensch. Nur die richtige Methode im Umgang mit Gesetzen kann diese Unvollkommenheit überwinden. Damit kann der Student dann jederzeit erkennen, dass jedes ihm neu begegnende Gesetz immer nach derselben Methodik gebildet und nach derselben Methodik auf einen Lebenssachverhalt, in einem juristischen Fall, sinnvoll anwendbar ist.

  • Methode zum juristischen Lernen

Unsere deutsch-kontinentaleuropäische Kodifikationsgläubigkeit, d.h. die Überzeugung, dass „alles und jedes“ gesetzlich geregelt und in Gesetzessammlungen („Kodifikationen“) eingestellt werden müsse, hat zu einer Gesetzes- und Paragraphenflut geführt, die alle Dämme gesprengt hat. Nur auf der Flut mitzurudern, hilft nicht weiter. Allein die richtige Methode zum Lernen des juristischen Lernens kann die Flut bändigen.

  • Methode des Info-Managements

Niemand ist mehr in der Lage, die ganze Rechtsordnung zu überblicken. Es gibt inzwischen Spezialisierungen auf allen Gebieten, ständigen Wandel und Anpassung, Daten- und Meinungsfriedhöfe in Lehrbüchern, Kommentaren und Rechtsprechungsübersichten, Informationslawinen in Vorlesungen von allen Seiten. Begegnen kann man dieser Entwicklung nur mit einer Methode des Informationsmanagements.

  • Methode der Rechtsgewinnung

Drei berichtigende Wörter des Gesetzgebers verwandeln ganze Bibliotheken in Altpapier und machen Heere von Juristen zu Ignoranten. Altes Wissen vergeht, neues Wissen geht auf. Dem juristischen Prozess des Sterbens und Geborenwerdens von Gesetzen tritt man mit den Methoden der Rechtsgewinnung wirksam entgegen. Das „Chaos“ der Gesetze bewältigt man mit Methode.

  • Methode der Fallbearbeitung

In der juristischen Ausbildung geht es bis ins Examen nahezu ausschließlich um Falllösungen, also um die Anwendung und Auslegung von Gesetzen und die Unterordnung von „Leben“ unter Gesetze, schlicht – um den Umgang mit Gesetzen einerseits und Sachverhalten andererseits. Dieses Spiegeln des Lebensausschnitts im Gesetz, dieses wunderbare Spiel mit Gutachten und Subsumtion bewältigt man nur mit der gekonnten Methode der Fallbearbeitung.

  • Methode des Klausurenschreibens

Alle „Klausuren- und Hausarbeitsteufelei“ findet ein jähes Ende, wenn man durch die Methode des Klausuren- und Hausarbeitenschreibens mit dem Klausuren- und Hausarbeitenschreiben vertraut ist. Der einzige Beweis des juristischen Könnens ist das Tun! Alles globale juristische Wissen im Kopf nützt letztendlich nichts, wenn es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt lokal umgesetzt und angewendet werden kann. Es ist nicht nur wichtig, dass man von Jura etwas weiß, sondern es ist manchmal wichtiger, dass andere wissen, dass man etwas weiß!

Resümee: Um das juristische Denken zu generieren, gilt der Dreiklang:

  • juristisch zu denken, d.h. methodisch zu denken

  • juristisch zu lernen, d.h. methodisch zu lernen

  • juristisch zu arbeiten, d.h. methodisch zu arbeiten.

    Band III Seite 6

Wie steigert man den Gewinn aus den Vorlesungen? – 14 Tipps

Das Spiel ist partytauglich. Spielen Sie es einmal: Zwei sitzen mit dem Rücken zueinander. Der eine hat Papier und Bleistift. Der andere bekommt die Abbildung einer komplizierten geometrischen Figur aus Rechtecken, Vier- und Dreiecken. Die beschreibt er so präzise wie möglich seinem Mitspieler. Der wiederum muss, allein den Wörtern folgend, die Figur nachzeichnen. Was nachher auf dem Blatt zu sehen ist, entspricht manchmal den Notizen, die Studenten sich während einer Vorlesung machen.

Leider wird im Anfang der juristischen Ausbildung eine systematische Einführung in die Kunst der Optimierung einer Vorlesung nicht geliefert. Motto: „Friss Vogel oder stirb! Sieh, wie du klar kommst, Studentlein!“. Manche Dozenten scheinen sich erst dann wohl zu fühlen, wenn sie das Gefühl haben, zu weit gegangen zu sein, die Studenten verzweifelt zurückgelassen zu haben. Wäre das Ganze ein Comicstrip, erschienen über den Köpfen der meisten Studenten große Fragezeichen. Das Studentenfeindlichste kann man in dem Anfängersemester schnell lokalisieren. Die Feindaufklärung entdeckt die Vorlesung. Kein Jurastudent braucht eine Anfängervorlesung, die kein Abiturient versteht, die nur als das „Vorlesen“ eines Manuskripts oder als das „Herunterbeten“ eines zum xten Male gehaltenen Frontalvortrages daherkommt.

Warum schildern Studenten oft ihr Gefühl, am Anfang die juristischen Hörsäle gewonnen zu haben, am Ende, ihnen entronnen zu sein? – Dem Dozenten wird doch vor allem die Funktion zugeschrieben, seine Studenten in Vorlesungen zu unterrichten, zu informieren und strukturiert zu unterweisen. Der Informations- und Instruktionswert wird aber dadurch beeinträchtigt, dass die durch Dozenten vermittelten Informationen nicht selten an den Studenten in den Vorlesungen geradezu „vorbeifliegen“ und man ihnen nicht genügend Zeit lässt, sich intensiv mit dem Stoff und dem Nachlesen im Gesetz auseinander zu setzen. Hinzukommt, dass meistens der curriculare Stoff, der für die Klausuren vorausgesetzt wird, nicht zu Ende gebracht wird. Als Konsequenz stützen und ergänzen die Dozenten ihre „Informationsvermittlung“ zur Absicherung deshalb durch Verweise auf Printmedien in Form von Skripten oder empfehlen Lehrbücher. Es entsteht ein verwirrender Medienverbund zum Lernen aus Dozent, Skript und Lehrbuch. Welches Medium ist in diesem Medienverbund eigentlich tragend? – Welches überträgt die wesentlichen Informationen? – Welches unterstützt am wirkungsvollsten den Prozess des Wissenserwerbs? Es sollte der Dozent sein! Er müsste das alles entscheidende Medium sein. Die Skripten und Lehrbücher – übrigens auch die Gesetze – sind wie bemalte Fensterscheiben: Sie leuchten nur, wenn sie angestrahlt werden, angestrahlt durch des Dozenten lebendiges Wort. Anderenfalls sind sie fad, dunkel und wenig einladend. Man „blickt“ nicht „durch“!

Natürlich ist die Vorlesung keine Plauderei, aber sie muss auch kein Grabgesang sein. Auch ist es eine Fehlannahme vieler Dozenten, dass Gedanken umso gescheiter sind, je umständlicher sie formuliert sind. „How does law work“, und nicht nur „What is law“, müsste mehr unterrichtet werden. (Anm.: Das haben übrigens die Repetitoren erkannt!)

Viele Studenten klagen: „Eine von allen Studenten gemachte schlechte Lehr- und Lernerfahrung ist die häufig am Ohr vorbeirauschende Vorlesung.“ „Die Bedeutung der meisten Anfängervorlesungen ist, dass sie für die Studenten keine Bedeutung haben.“ „Katastrophale Vorlesung“, „Chaos“, „Verlorene Zeit“, „Da liest man besser gleich das Lehrbuch“. – Wirklich? Das sollte nicht so sein!

Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden wird leider von altersher von zwei scheinbar unumstößlichen Glaubensbekenntnissen zusammengehalten.

  • Dozenten glauben: Studenten sind dumm,

  • die Studenten glauben: Dozenten halten schlechte Vorlesungen.

Beide Glaubensbekenntnisse beruhen aber auf unausrottbaren Vorurteilen.

Im Regelfall können Sie sich darauf verlassen, dass alles, was Ihr Professor in der Vorlesung sagt, schon irgendwo gedruckt steht. Deshalb ist im Grunde die traditionelle Vorlesung seit Gutenbergs Erfindung der Buchdruckkunst im Jahre 1465 überflüssig. Bevor Bücher gedruckt werden konnten, musste sich jeder Student durch die Mitschrift der „Lesung“, bei der der Professor sein Buch „vorlas“, sein eigenes Lehrbuch erstellen. Wer ein Buch besitzen wollte, musste sich selbst eines schreiben. Die Zeiten sind längst vorbei – man muss kein neues Lehrbuch anhand der Vorlesung mehr erstellen. Und dennoch ist es in der juristischen Vorlesung leider auch heute oftmals noch so, dass die eigenen Bücher des Professors durch zwei Köpfe hindurch zu Büchern des Studenten werden: Vom Manuskriptbuch weg durch den Dozentenkopf und durch den rezeptiven Studentenkopf hin zu vollgeschriebenen Ringbüchern, neuerdings auch Tablets.

Die Vorlesung muss mehr bringen als ein Lehrbuch! Das tut sie aber nur dann, wenn man die Vorlesung nicht gedankenverloren, zur Passivität verdammt, sondern aktiv beteiligt besucht, wenn man die Passivität zur Aktivität ummünzt. Nur lieb lächeln, wenn man nichts versteht, ist nicht die effektivste Nutzung der Vorlesung. Aufmerksames Zuhören kann aktivere Arbeit sein als aktives Reden. Bienenfleißiges Mitpinnen, ungeordnetes in den Laptop Hämmern oder umtriebiges Notizenanfertigen ist eben keine Aktivität, sondern Scheinaktivität. Vorlesungen bringen den Effekt einer wirkungslosen Zuckerpille, eines Placebos, wenn man nicht ihre Wirksamkeit für sich erhöht. Und schlimmer: Ein diffuses Gefühl des Nichtverstehens, der eigenen Doofheit und eine daraus resultierende stumpfe Angst bleiben meist zurück. Wie ein leichter Kopfschmerz ist diese Regung immer da, wenn man nur zuhört und wenig versteht.

Man sollte sich an den juristischen Fakultäten eingestehen, dass so manche juristische Vorlesung im Vorlesungsverzeichnis des ersten Semesters Sirenengesängen gleicht und es leider nicht genügend Mastbäume gibt, die Jurastudenten daran festzubinden. Auch sollte man sich eingestehen, dass die ständig für die „Güte“ der Vorlesungen ins Feld geführte Überfüllung der Anfängervorlesungen auf Unwissenheit der Studenten über deren Nutzen und ihrer vermeintlichen Erwartung beruht, etwas „vom Prof“ über die Klausur zu erfahren. Fast immer eine Fehlannahme.

Die Verantwortung in der Vorlesung für das richtige Lernen ruht allerdings nicht einseitig auf den Professorenschultern, sondern liegt auch bei Ihnen. Diese Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen. Zum Lernen in der Vorlesung gehören eben immer zwei:

  • der Dozent, der die didaktisch aufbereitete Information gut verstehbar liefern sollte,

  • und der Student, der sich aktiv einschalten, aus den Informationen für sich persönlich seine eigene Erfahrung und Erkenntnis ableiten und der dann darauf aufbauend auf seinen selbstgesteuerten Lernpfaden pilgern sollte.

Aber ich gebe zu: Es wird Ihnen als Student verdammt schwer gemacht.

Das Paradestück unserer Ausbildung an den juristischen Fakultäten ist die sog. „Große Vorlesung“, eine Massenveranstaltung in den Kernbereichen der Rechtsordnung. Diesem Wahnsinnswissen, was in diesen Veranstaltungen auf die armen Erstse-mest(l)er zuströmt, ist keiner gewachsen.

Der Student kann in den ersten Vorlesungen außer ungeordneten und unverstandenen Wissensdaten nichts erfassen, das einfachste juristische Vokabular fehlt ihm und sein rechtswissenschaftliches Niveau ist nahezu Null. Diese „Große Vorlesung“ ist ein Kardinalhindernis auf dem Weg einer guten Juraausbildung, denn sie verschwendet wertvolle Ressourcen aufseiten der Hochschullehrer, der Steuerzahler und besonders der Studenten, denn viele von ihnen gehen der Juristerei gleich hier verloren.

Was ist die „Große Vorlesung“?

  • Praxisnah ist sie nicht. Zu theoretisch und abstrakt.

  • Klausurorientiert ist sie nicht. Allenfalls strukturlose Kleinst-Fällchen zur Illustration ohne harte Subsumtionsarbeit.

  • Wissenschaftlich ist sie nicht. Es wird im Wesentlichen reiner Pflichtstoff gelesen, ohne Lehre und Forschung zu verbinden.

  • Didaktisch ist sie nicht. Bei der Masse von Stoff und Studenten und der mangelhaften diesbezüglichen Bildung der Dozenten auch unmöglich.

  • Leidenschaftlich ist sie nicht. Weil von einem Professor, der zum siebten, achten oder neunten Mal seine Vorlesung „liest“, keine Leidenschaft mehr zu erwarten ist.

Was ist sie dann? – Eigentlich überflüssig in dieser Form!!

Strukturkonserative Hochschullehrer sträuben sich gegen Reformen dieser Form der Vorlesungen, weil sie dann nicht mehr wie bisher in bequemer Art (BGB AT zum x-ten Male gelesen) und den Studenten gegenüber in rücksichtsloser Weise ihre „Lehrverpflichtung“ abspulen könnten. (Anm.: Viele betrachten sie in der Tat als „Pflicht“ und nicht als „Recht“.)

Und dennoch: Betrachten Sie die Vorlesung als eine „Zeitgenossenschaft“ mit Ihrem Professor. Sie kommen nicht um sie herum. Ohne diese Umsetzung von fremdgesteuerter Vorlesung in selbstgesteuerte juristische Erfahrungs- und Wissensbildung ist die Vorlesung allerdings für die Katz! Das eigentliche Lernen findet in Ihnen statt. Sie leisten immer die Hauptarbeit. Der Professor sollte allerdings für die notwendigen systematischen Verknüpfungen und Einbettungen sorgen, so dass Sie den neuen Stoff unschwer in Ihr bestehendes Wissensnetz einweben können. Tut er das nicht, müssen Sie es aktiv selber tun!

Was also tun in der Vorlesung? – „Etwas tun!“ – Vielleicht der wichtigste Grundsatz für einen erfolgreichen Vorlesungsstart! Begnügen Sie sich nicht mit der Rolle des passiven Zuhörers, sondern bringen Sie sich aktiv in die Vorlesung ein. Das rein passive Zuhören in Ihren Vorlesungen ist die ineffektivste Art, Jura zu studieren. Vordergründig ist so ein Verhalten zwar bequem, für beide Seiten des Katheders, weder der Dozent noch der Student werden gefordert. Aber für Sie ist es reine Zeitverschwendung!

Versuchen Sie den Gewinn aus den Vorlesungen für sich zu optimieren! – Wie?

Hier 14 wichtige Vorschläge zu Ihrer aktiven Vorlesungsoptimierung. Nie mehr: Nichts verstehen!

      1. Bemühen Sie sich von Beginn der Vorlesung an um die Fragen, die Ihnen der Dozent konkret beantworten soll.

Sie müssen von Anfang an die juristischen Probleme, juristischer Ausdruck für Fragen, deutlich vor Augen sehen, um deren Lösung in der Vorlesung gerungen wird. Anderenfalls werden Sie einem rechtswissenschaftlichen Fließen von Worten begegnen, das an keinem Thema haftet. Sie müssen wissen, wohin die Reise gehen wird, sonst kommt das Thema in Ihrer Kurzzeitgedächtnis-Erkenntniswelt gar nicht erst an. Die Kurzzeitgedächtnisse arbeiten brutal. Wenn Sie nach einer Vorlesung auf die Frage Ihrer schwänzenden Kollegen „Worüber hat der Professor denn heute geredet?“ verdrießlich antworten müssen: „Das hat er gar nicht gesagt!“, ist die Vorlesung eine Fahrt ins Blaue gewesen – vertane Zeit. Sie wussten gar nicht, wohin Ihr Professor unterwegs war. Sie müssen eine Reiseroute haben!

2. In Vorlesungen ist das einfachste Mittel für Ihr aktives Lernen das Mitschreiben. Das sollten Sie aber sinnvoll tun: nicht Satz für Satz, sondern strukturiert.

Jetzt denken Sie bitte nicht: Der ist ja aus der Zeit gefallen! Ich habe schon mitbekommen, dass es still geworden ist in manchem Hörsaal, nur das leise Tippen auf dem Laptop oder dem Tablet ist zu hören. Zwischendurch rascheln ein paar Blätter bei den wenigen Studenten, die sich noch mit einem Stift Notizen machen. Tastatur schlägt Stift? Schlägt Zeitgeist den praktischen Nutzen? Nein! Solange es noch Stift und Papier gibt, sollten Sie Ihre Vorlesungsmitschriftbögen (s.u.) ausdrucken und vollschreiben. Schließlich ist Ihre Handschrift viel persönlicher als ein eingetippter Text, ein Stück Ihrer selbst, und zweitens können Sie Ihre Notizen besser sortieren, leichter Ergänzungen an den richtigen Stellen machen, mit schnell gezogenen Strichen, Markierungen und Pfeilen Ihre Gedanken ordnen. Deshalb: Bleiben Sie beim Mitschreiben und nicht beim Mittippen.

Wenn Sie viel mitschreiben, tragen Sie viel Papier nach Hause. Sie haben das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Es ist ja so verführerisch, Seite um Seite vollzukritzeln und sich zu belügen: „Zu Hause, zu Hause – da werde ich alles lernen“. Man tut es nicht! Die studentische Weisheit: „Pinn ich – dann bin ich“ taugt für Sie nicht. Die Vorlesung ist kein passives Rumhocken und kein simples Festhalten der gesprochenen Sätze des Dozenten. Nicht sammeln, stapeln und abheften heißt die Devise, sondern gewichten, wägen, sortieren und zuordnen. Bemühen Sie sich, auch wenn es schwer fällt, groß und deutlich zu schreiben. Freilich, nicht jeder hat eine Schönschreibschrift, aber das ist auch gar nicht nötig. Zumindest jedoch müssen Ihre Aufzeichnungen für Sie ohne Lupe lesbar sein, damit Ihre Schrift Ihnen nicht selber Rätsel aufgibt. Anderenfalls können Sie das hektische Mitschreiben gleich ganz sein lassen. Weiterhin müssen Sie die Notizzettelmethode aufgeben und für jede Vorlesungsreihe einen gesonderten Sammelordner anlegen. Unübersichtliche Zettelwirtschaft und Mitschriften auf dem nächstbesten Papier sind nutzlos. Derartige Notizen haben die Eigenschaft, sich zu verflüchtigen, denn oft sind sie spurlos verschwunden. Und sollten sie zufällig doch wieder auftauchen, kann man sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, in welchen Zusammenhang sie gehören.

Damit Ihnen das alles nicht passiert, probieren Sie doch einmal folgende Methode aus: Fertigen Sie sich nach eigenem Gutdünken Vorlesungsmitschriftbögen an, auf denen Sie mit System und Pfiff ein Gerüst zu dem besprochenen Stoff aufbauen. Gut notiert ist halb gelernt! Das hat nach einer gewissen Eingewöhnungsphase drei ganz wichtige, unschätzbare Vorteile, nämlich

  • erstens, dass Sie besser mitdenken können,

  • zweitens, dass Sie in Ihrem Kopf ein immer gleiches Abbild schaffen und

  • drittens, dass Ihnen dieses Gerüst beim Nacharbeiten zu Hause wertvolle Hilfe leistet.

Das will geduldig geübt werden. Lernen besteht nicht nur aus Neugierde! Es verlangt auch Ausdauer, Übung und handfeste Arbeit! Da ist Routine notwendig, Rhythmisierung unvermeidbar und hilfreich! Alle Menschen haben eine Vorliebe für Rituale, sie verleihen ihnen Sicherheit. Die wiederkehrende, festgelegte Ordnung Ihrer Mitschriften ist ein solches Ritual. Es hilft Ihnen, sich zurechtzufinden. Auf die räumliche Ordnung Ihrer Aufzeichnungen müssen Sie sich verlassen können, soll Ihre juristische Anfängerwelt nicht ins Wanken geraten. Haben Sie die Vorlesungsinfos irgendwo extern gespeichert, ohne sie wiederzufinden, entlasten Sie die Mitschriften überhaupt nicht. Gewöhnen Sie sich deshalb von Anfang an eine einheitliche Mitschrift an, bei der das Datum ebenso seinen festen Platz hat wie der Name des Dozenten und die Überschrift seiner Thematik, also die Frage, um die es hier und heute konkret geht, um das Ziel, zu dem man unterwegs ist.

Folgende Vorlesungsmitschrift (A4-Format) könnte Ihr Vorlesungslernen rhythmisieren:

Band IV Seite 80

Es ist ganz einfach sinnlos, Wörter niederzupinseln, die keinen Wert für Ihr Langzeitgedächtnis haben!Die Ziffern bis dienen der selbstverständlichen Feststellung: Wer hat wann

  • über was gesprochen?

  • Wenn Ihnen zum ersten Mal alle Ihre Zettel bei einer Vollbremsung gänzlich durcheinander geraten sind, wissen Sie, wie wichtig Ziffer ist.

  • Ziffer ist nicht ohne Probleme: Jede Vorlesung weist eine innere Struktur auf; diese gilt es zu finden, auch wenn es manchmal sehr schwer fällt! Gelingt es Ihnen nicht, den roten Faden in der Vorlesung zu entdecken, müssen Sie ihn in der Nacharbeit suchen. Orientieren Sie sich dabei an der Gesetzessystematik, an den Paragraphen und an Tatbestandsmerkmalen. Gleichzeitig zwingen Sie sich dabei, Ihre Notizen auch wirklich anzuschauen, wodurch Sie sich eine bestmögliche Wiederholung sichern. Diese Kolumne muss zum Inhaltsverzeichnis Ihrer Vorlesung werden! Ihr Motto lautet: Ordnung und Struktur. Auch ist das Gebot der Verknappung ganz wichtig. Denn je mehr Nebensächliches Sie hier festhalten, desto schwerer fällt es Ihnen, die wirklich wichtigen Punkte klar vor dem geistigen Auge zu sehen. Hier müssen die Punkte auf den Punkt gebracht werden!

  • Ziffer weist das größte Problem auf: Was soll ich mitschreiben? Zunächst gilt: Die Kunst, alle zu langweilen, besteht darin, alles zu sagen. Das gilt für Ihren Professor! Die Kunst, nichts zu begreifen, besteht darin, alles mitzuschreiben. Das gilt für Sie als Studenten! Das liegt ganz einfach daran, dass Sie Ihr Gedächtnis und insgesamt Ihr Gehirn beim Niederpinseln total ausschalten und sich zum tumben Stenographen, zum Federhalter Ihres Profs degradieren. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass bei der wortprotokollarischen Aufzeichnung 90 % der Wörter für Ihre Erinnerungszwecke unnötig sind. Sie brauchen sie einfach nicht! Die satzförmigen Notizen haben nur zur Folge, dass Sie wertvolle Zeit damit vergeuden, ins gedankliche Stolpern geraten und bald entnervt vom Hinterherhecheln aufgeben.

  • Es ist noch sinnloser, dieselben unnötigen Wörter wiederzusuchen und zu lesen!

  • Es ist absolut sinnlos, ständig mühsam nach denjenigen Wörtern, die Schlüsselfunktionen für Sie haben, im Wirrwarr Ihrer Aufzeichnungen zu fahnden.

Zuviel Mitschreiben verhindert das Mitdenken. Nicht wahllos Wort für Wort, sondern nur Wesentliches ist zu notieren. Diesen Blick für die Scheidung von unwesentlich und wesentlich müssen Sie schulen, Sie brauchen ihn für Ihr gesamtes juristisches Leben. Wer gut unterscheidet, lernt auch gut! Das Stichwort für Ziffer lautet: Inhalt.

  • Ziffer dient der Sammlung eigener Erkenntnisse und Ergänzungen sowie offen gebliebener Fragen: Wo steht das besprochene Thema in meinem Begleitlehrbuch? (Skriptum gilt auch!) Wie ordne ich es in die Gesamtstruktur ein? Was findet sich dazu im Gesetz? (Das Gesetz ist der Anfang und das Ende der Juristerei!) Wie ist dieses Gesetz aufgebaut? (Modell Konditionalprogramm, Seziertechnik!) Gelingt mir die einwandfreie Subsumtion oder komme ich (wo?) ins Stolpern? Welche Rechtsprechung gibt es dazu? Was interessiert mich daran am meisten? Ist das Thema einer Vertiefung in der Literatur wert? Kleiner Übungsfall im Gutachtenstil gefällig?

3. Achten Sie in der Vorlesung auf Gliederungen des Professors!

Wenn er sagt: „Die Frage lässt sich in drei Unterpunkte unterteilen“, notieren Sie unter Ziffer Ihres Mitschriftbogens „1., 2., 3.“ mit genügend großem Abstand und fügen dann die Kernaussagen stichwortartig ein! Auch dann, wenn er auf 1., 2., 3. Nicht mehr zurückkommt.

4. Stimmen Sie sich auf die Vorlesung ein, indem Sie den durchzunehmenden Stoff schon einmal grob vorbereiten!

Je intensiver Ihre Vorbereitung, desto besser blicken Sie durch. Sie sollten ganz einfach wissen, was in der nächsten Vorlesung auf dem Programm steht und sich im Lehrbuch einarbeiten. Jede Vorlesung knüpft an Voraussetzungen an, deren Kenntnis zum Verständnis notwendig sind. Schon sind Sie aktiv! Hauptsache, Sie haben einen roten Faden an der Hand. Sie haben sich motiviert. Sie sind gespannt, sind auf Empfang. Wo kommt „er“ her – Wo will „er“ hin? In deutschen Juravorlesungen hält man die Vorbereitung leider für Luxus. Ganz anders in den USA. 300 Seiten Text vorher (!) lesen zu müssen, ist für den Studenten dort keine Seltenheit. Und wer den Text nicht beherrscht (Aufrufen und Drannehmen sind die Regel) fliegt! „Zumutung“ und „Eingriff in die akademische Freiheit“ schallt es da von deutschen Hörsaalbänken und Kathedern. Wer so denkt, denkt falsch! Die Vorbereitung ist wichtiger als die Nachbereitung. Vordenken ermöglicht Mitdenken, Vorverständnis schafft Verständnis. Nur diese „Planung“ ist gewinnbringend für die Vorlesung.

5. Hören Sie richtig zu! Versuchen Sie von Beginn an, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen!

Auch Professoren sagen manchmal Unwesentliches. Konzentrieren Sie sich auf Strukturen – nicht auf schöne Formulierungen. Die Vorlesung muss im Moment verstanden werden – es gibt kein Zurückblättern mehr, nur das Nachblättern zu Hause. In der klassischen Vorlesung hat der Student eben keinerlei Gelegenheit dazu, Fragen zu stellen oder eigene Überlegungen denjenigen des Professors gegenüberzustellen. Schade!

6. Fragen Sie stets: „Was ist gefragt?“! Und: „Was will er mir damit sagen?“ Und: „Was will mir das Gesetz sagen?“

Alle Argumentationsstränge Ihres Professors sollten an Prämissen des Gesetzes anknüpfen. Wenn nicht, suchen Sie sie selber herauszufinden.

7. Ihre Vorlesungsmitschrift sollten Sie grundsätzlich noch am selben Tage, spätestens am Folgetage, überdenken, nachbereiten und in Reinschrift übertragen, denn dies erbringt den notwendigen Wiederholungs- und Einprägeeffekt.

Hier haben Sie noch die Chance zu rekonstruieren, in wenigen Tagen ist das Gehörte für immer verloren, weg, ganz einfach weg. Die Verankerung der Lehrinhalte im Langzeitgedächtnis ist umso intensiver, je mehr Wahrnehmungskanäle Sie aktivieren. Beschriebene Blätter in Ihrem Ordner nützen gar nichts – der Inhalt muss ins Langzeitgedächtnis. Mitschreiben und in Reinschrift übertragen öffnen bei Ihnen drei Eingangskanäle: Hören, Schreiben und Sehen des Geschriebenen! Mitschreiben – lochen – abheften darf nicht Ihr Stil sein.

8. Setzen Sie auch in der Vorlesung Baumdiagramme ein! Jedes Gelernte besteht nun einmal aus vorhandenen alten Kenntnissen und dem neuen, bisher fremden Material.

Wichtig ist die Verknüpfung. Übersetzen Sie die komplizierten Strukturen Ihres Professors in Ihre eigene Baumstruktur!

9. Benutzen Sie Kurzzeichen für die Vorlesungsmitschrift!

Etwa so: Def. = Definition; Sub. = Subsumtion; Rspr. = Rechtsprechung; h.M. = herrschende Meinung; Prof. = eigene Meinung des Professors; z.B. = Beispielsfall; K = Kernaussage; Up = Unterpunkt; Arg. = Argument; ? = unklar, fraglich; ! = super, leuchtet ein; § = s. im Gesetz nach; P = Problem.

10. Als äußere Form empfiehlt sich die Loseblattsammlung per Ordner oder Ringbuch.

Diesen Tipp müssen Sie mit dem vorgeschlagenen, besonders übersichtlich angelegten Modell eines optimalen Vorlesungsmitschriftbogens paaren. Vorlesungsbogen hinter Vorlesungsbogen heften und nummerieren!

11. Neue Begriffe müssen Sie immer notieren.

Zu Hause können Sie diese dann anhand Ihrer Nachschlagewerke klären. Gerade in der Anfängervorlesung werden Sie damit überhäuft. Denken Sie an Ihr etymologisches Lexikon und unsere „Kleine Lateinschule“.

12.Suchen Sie nach der Struktur in der Vorlesung!

Selbst die Vorlesung des schlechtesten Professors muss eine Struktur haben – diese gilt es zu entdecken. Vorlesungen sind manchmal Veranstaltungen, die in der Abstraktion der Begrifflichkeit verharren. Deshalb müssen Sie nicht selten Detektiv spielen, was konkret gemeint ist. Je intensiver Ihre Suche, desto ertragreicher ist der Besuch der Vorlesung für Sie. Drei Fragen an den Professor sollten Sie deshalb unbeirrbar von Anfang an in jeder Vorlesung zu entdecken versuchen:

  • Woher kommt „er“? –

Woran knüpft das Thema an?

  • Wohin geht „er“?!

Zu welchem Ziel wird das Thema fortgeführt?

  • Wo steht „er“ jetzt?!

Welchen Platz nehmen die Einzelheiten des Themas im Gesamtbild („System“) meiner juristischen Materie ein?

Die Beantwortung dieser drei Fragen ist wichtig für Sie, damit Sie nicht irgendwo im Nirgendwo auf dem zivilrechtlichen, verfassungsrechtlichen oder strafrechtlichen Vorlesungsozean herumlavieren und verloren gehen. An irgendeinem Punkt steht „der Prof“, von irgendeinem Punkt kommt „der Prof“ und zu irgendeinem Punkt will „der Prof“ hin! Diese Antworten müssen Sie jeder Vorlesung abtrotzen. Das ist spannender als auf dem Smartphone rumzutippen.

13. Eine Vorlesung ist nur mit Nachbereitung fruchtbar, sonst sitzt man nur Zeit ab.

Der schnellen Denkwelt des juristischen Hörsaals müssen Sie mit Hilfe Ihres Mitschrift-bogens die langsamere Denkwelt Ihrer Studierstube entgegensetzen, welche durch ihre Langsamkeit die Schnelligkeit kompensiert. Inhalte, die unmittelbar im Begriff sind, Ihre Kurzzeitspeicher wieder zu verlassen, können nur so im Langzeitgedächtnis verdrahtet werden. Arbeiten Sie die Vorlesungen nach, ganz wichtiger Tipp!

14. Abschließende Frage: „Wie kann ich meine bisherigen hinderlichen Vorlesungsgewohnheiten abbauen und mich an die 13 neuen Vorschläge heranwagen?“

Sagen Sie sich ganz einfach:

  • „Ich probiere das mit den Vorlesungsmitschriftbogen jetzt einmal zwei Wochen lang aus! Mal sehen, wie das ist!“
  • „Ich versuche, in jeder Vorlesung die ihr eingeborene Gliederung und Struktur zu erkennen – und mag sie noch so versteckt sein!“
  • „Ich orientiere mich an den 3 Fragen: Woher kommt „er“, wo steht „er“, wohin geht „er“ anhand meines aufgelisteten kartographischen Erfassungsmittels!“
  • Ich bereite mich mal eine halbe Stunde vor und arbeite mal eine Stunde nach. Zeit hätte ich ja!“

Alles ist schwer, bevor es leicht wird! Wer mitmachen will, findet Wege zur Vorlesungsop-timierung, wer nicht will, findet Gründe, sie nicht mitzugehen. 400 Studenten im Hörsaal? – Wichtiger als solche Oberflächenmerkmale ist es, wie ausdauernd und, vor allem, wie intensiv und aufmerksam Sie Ihrer Vorlesung folgen und wie ernst Sie Ihre Mitschriften und Ihre Vor- und Nachbereitung nehmen.

Ein letzter Tipp: Quälen Sie sich nie durch Vorlesungen, die Ihnen nicht liegen oder die Sie nicht verstehen. Sie behalten einfach nichts. Reine Zeiträuber! Gehen Sie aus dem Hörsaal! Das allein ist die richtige Tat.

Die geplante jurastudentische Lerneinheit

Nichts versäumt der junge Jurastudent so unwiederbringlich wie die Gelegenheit, die sich täglich zum Lernen bietet. Eine solche Gelegenheit ist die juristische Lerneinheit.

Unter einer juristischen Lerneinheit verstehe ich eine abgeschlossene zweistündige konzentrierte Lernphase, in der das Juragedächtnis gefüttert wird. Wenn das Wissen bei der Vorlesung stehen bleibt, löst es sich schnell in Nichts auf. Sie müssen deshalb schnell die Kraft erzeugen, Ihr eigener juristischer Lehrer zu sein, um das Wissen in Ihrer Erinnerung festzuhalten. Diese Kraft wird ins Rollen gebracht durch solche selbst geplante und eigen verantwortete Lerneinheiten. Sie liefern die Kriterien für die zieladäquate Verlaufsform Ihrer Wochenplan- und Tagesplanziele. Durch deutlich hervortretende Zäsuren in der Abfolge „portionierter“ Lerneinheiten gewinnt der Studienalltag seine Kontur. Machen Sie sich dabei eine wichtige Erfahrung zunutze: Das „Streben nach Abgeschlossenheit des Vorgenommenen“ ist ein auch im studentischen Gedächtnis tätiges Grundprinzip menschlichen Handelns: Man will Leistungen zum Abschluss bringen. Gerade eine Zwei-Stunden-Lerneinheit ist ein solches nach Abgeschlossenheit strebendes Ziel. Das macht sie für uns so wertvoll. Setzen Sie sich solche effektiven, aber erreichbaren Ziele! Und: Keine Entschuldigung: Jeder Student kann mehrere Stunden lang bei einer Sache bleiben! Leider hat diese wunderbare Fähigkeit einen hohen Preis. Man muss sie diszipliniert üben, wie alles, was man wirklich beherrschen will.

Doch zunächst drei Tipps zum Wohlfühlen aus der kognitiven Psychologie vorweg:

  • Lernen Sie die Bereiche, die Sie als schwierig empfinden, am Anfang oder Ende Ihrer Lerneinheit. Das Gehirn merkt sich frühe Dinge und solche am Ende besonders gut. „Der erste Eindruck und die Art des Abschieds“ bleiben haften. Jeder Filmemacher weiß das!

  • Wenn Sie in einen „Flow“ geraten, unterbrechen Sie ihn möglichst nicht. Einen Flow erreichen Sie, wenn Sie aktiv mitdenken, alles um sich herum vergessen und ohne Druck lesen oder schreiben. In einem solchen („Glücks“-)Zustand steigern Sie Ihre Aufnahmefähigkeit erheblich. Leider selten, aber produktiv!

  • Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist“. Diese Weisheit ist auch für Ihre Lerneinheit Gold wert! Schließen Sie, wenn immer möglich, mit einem Erfolgserlebnis ab! Das heißt, immer dann, wenn Ihr Körper Ihrem Geist durch Verstehen Vergnügen bereitet hat. Der Abschluss auf einem Tiefpunkt schadet der neuen Lerneinheit.

Also: Ihr Agieren an Ihrem Arbeitsplatz muss in einer solchen „Zwei-Stunden-Lern-Portion“ eine innere Bewegtheit, eine Spannung, eine gewisse Dramatik für Sie entwickeln.

  1. Zuerst kommt die motivierende Eröffnung mit ihren anregenden Momenten.

An der Spitze steht die Frage: Was will ich lernen?“ – Ist diese Frage geklärt, richtet sich die Aufmerksamkeit nämlich ganz von selbst auf jene Dinge, die für diese Lerneinheit wichtig sind. In dieser öffnenden Phase geht es um Ihre Aktivierung. Sie sollten sich in dieser Zeit in eine Erwartungshaltung versetzen, die kurz, konzentriert und logisch zwingend zum anvisierten Stoff ist, ohne schon wesentlichen Kraft- und Zeitverbrauch mit sich zu bringen.

Stellen Sie sich dazu die folgenden vier Fragen:

  • Was weiß ich schon über dieses von mir zu bearbeitende juristische Gebiet?

  • In welchem systematischen Zusammenhang steht es in meinem Baumdiagramm?

  • Was interessiert mich daran besonders?

  • Was weiß ich von dem Umfeld – Habe ich „Andockpunkte“ im Langzeitgedächtnis?

Tipps zur Aktivierung für Ihre Eröffnung:

  • Konzentrieren Sie sich! Stimmen Sie sich ein! Motivieren Sie sich: „Ich will jetzt etwas Neues lernen.“
  • Inhaltsverzeichnis des Lehrbuchs/ Skripts aufschlagen und das Gebiet dort aufsuchen! Nehmen Sie die Konfrontation mit dem neuen Gegenstand vor! Um was soll es gehen?
  • Zwei Kapitel davor – zwei Kapitel dahinter nur in den Überschriften lesen! In welchem systematischen Zusammenhang steht das Neue?
  • Lerneinheit in Ihre „Jura-map“ einpassen! Was hat „das Neue“ für einen Platz in meinem „Jura-System-Diagramm“? Blick nach oben, Blick nach unten, Blick zur Seite!
  • Unbedingt Gesetz aufschlagen (sollte aufgeschlagen neben Ihnen liegen bleiben)! Wo steht es?
  • Einschlägige Paragraphen vorweg genau mit dem Zeigefinger lesen und sezierend auseinandernehmen
  • Tatbestandsmerkmale und Rechtsfolge herausarbeiten! Wenn was vorliegt, dann tritt was ein?
  • In welchem Abschnitt und Titel des Gesetzes stehen die neuen Paragraphen? (Gesetzliche Systematik!)
  • Fragen Sie schon mal ganz leise nach dem Grund, dem Télos des neuen Lernstoffes. Was soll das bringen? Was hat sich der Gesetzgeber dabei gedacht?

2. Was folgt, ist die Anspannungsphase.

Es kommt der Höhepunkt Ihrer Lerneinheit, auf dem Sie mit dem neuen Lehrstoff durch das „Bekanntschaftsarrangement“ Ihres Lehrbuchs/ Skripts zusammenkommen – mal besser geführt, mal schlechter. In diesem Moment der Anspannungsphase müssen Sie sich mit den neuen Lehrinhalten vertraut machen. Dabei genügt eine oberflächliche Behandlung nicht. Wenn man hier nicht ehrlich und verantwortlich sich selbst gegenüber vorgeht, ist die Chance für eine ergiebige Sachbegegnung verpasst. Es geht nicht ohne Verweilen, ohne Abziehen der Gedanken von allem anderen, zumindest für eine Zeit lang. Ohne ein konzentriertes Versenken in die neue juristische Materie klappt es nicht! Seine Aufmerksamkeit kann man in der Regel nur einer Sache zuwenden. Alles andere blendet die wahre Aufmerksamkeit aus.

Tipps für die Begegnung mit dem Neuen:

  • Höchste Konzentrationsphase! (Tunnelblick!)
  • Lehrbuch oder Skript langsam lesen, Zeile um Zeile ohne Eile, Wort um Wort; am besten mit begleitendem, öfter verweilendem Zeigefinger! (Zeigefingerlernen)
  • Markierungen farblich vornehmen! (Buntstiftlernen) Gefällt mir: gelb; versteh ich nicht: rot; Definitionen: grün – oder so.
  • Jedes unbekannte Fremd- oder Fachwort im Duden nachschlagen! (Lexikalernen.)
  • Auch deutsche Wörter, die Tatbestandsmerkmale sind, im etymologischen Lexikon suchen! Aber immer nur das eine Wort, nicht etwa noch zehn weitere. Von Interesse ist nur Ihr Pensum! Das „Etymologische“ ist wichtig, um sämtliche begrifflichen Komponenten des Tatbestandsmerkmals zu erfassen, seinen Wortkern und seinen Worthof. (Herkunft der TBMe)
  • Sämtliche erwähnten Paragraphen lesen! („Den kenn ich ja“, gibt es nicht.)
  • Ständig den Blick zum Gesetzestext halten und den Lehrbuchtext am Gesetzestext messen und kontrollieren! Das Gesetz ist als Zentralgestirn, um das alles Lernen kreist, immer der Mittelpunkt Ihrer Lerneinheit – Sie sein ständiger Begleiter. Was Sie aus dem Gesetz sichtbar im Text nehmen können, das nehmen Sie; das „Unsichtbare“ und „Ewige“ nehmen Sie aus der Methode! (Gesetz steht im Mittelpunkt)
  • Eindringliche Auseinandersetzung mit dem Zweck des zu lernenden Rechtsinstitutes. „Was soll das?“; „Wozu ist das gut?“; „Hätte ich das als Gesetzgeber auch so gemacht?“ (Ratio und Tèlos des Gesetzes)
  • Schwierige Sätze dreimal lesen! (Verweilen statt eilen.)
  • Nach einem Abschnitt innehalten und reflektieren! Grund: Der Lehrinhalt des Abschnitts soll sich zur allgemeinen Erkenntnis verdichten, sich setzen, sich vertiefen. Machen Sie mal die Augen zu! Reflektieren Sie! (Stillphase)
  • Wiederholen Sie das Gelesene im Selbstgespräch zur Ergebnissicherung! Hierbei entdecken Sie Verständnisschwierigkeiten, hier werden Sie veranlasst, Verdeutlichungs-versuche zu starten. Fragen Sie sich selbst ab! (Lerndialog mit sich selbst führen)
  • Erstellen Sie eine eigene Gliederung – nicht etwa ein Protokoll – des Gelesenen unter Zuhilfenahme des Lerntextes. (Rahmen Sie alles in ein Schema!)
  • Zwingen Sie sich zur Anlegung eines System-Baumdiagramms. Bestimmt, es geht immer! Lassen Sie einen Erkenntnisbaum wachsen! (Baumdiagramm)
  • Rekapitulieren Sie die Tatbestandsmerkmale und Rechtsfolgen mit ihren begrifflichen Inhalten! (Wiederholung)
  • Überhöhen Sie das Gelernte durch einen Merkspruch, eine Eselsbrücke. (Langzeitgedächtnis aktivieren!)
  • Vergleichen Sie das Gelernte mit Bekanntem, Ähnlichem! Nehmen Sie bewusst Vergleiche vor! (Parallelen suchen)
  • Stellen Sie die Rechtsfolge der Norm noch einmal klar heraus! (Blick auf das „Dann“)
  1. Zum Schluss steht der Lernabschluss – der Abschwung.

Hier überragt die Kontrollfrage: „Kann ich jetzt über das in der Anspannungsphase juristisch Gelernte frei verfügen?“ „Ist der Nebel über diesem Paragraphenfeld klarer geworden?“ Sie müssen vor sich selbst ganz ehrlich Rechenschaft ablegen, ob Sie sich den juristischen Lerngegenstand zu „eigen“ gemacht haben, ob er wirklich Ihrem Langzeitgedächtnis „gehört“, so dass Sie zukünftig als „Juristischer Eigentümer“ frei darüber verfügen können. Lesen Sie noch einmal die durchgenommenen Paragraphen nach, lassen Sie sie auf der Zunge zergehen. Vielleicht sind Sie motiviert für eine weiterführende Entdeckungsreise. Wenn ja, dann nehmen Sie jetzt den grauen „Palandt“-Kommentar oder den rosaroten „Schönke-Schröder“ zur Hand und stöbern darin ein bisschen über das Gelernte herum.

4. Und jetzt halten Sie bitte inne für einen Moment!

Sie sollten sich jetzt konzentrieren und mit mir acht Schritte der Sammlung gehen:

Ich finde eine entspannte Körperhaltung.“ – „Mein Atem fließt ruhig und regelmäßig“ – „Ich nehme die Geräusche meiner Umgebung wahr.“ – „Ich lasse sie los und achte auf meinen Atem.“ – „Ich verspüre die Ruhe in mir.“ – „Ich schließe die Augen und höre, was in mir ist, höre ausschließlich auf das Gelernte.“ – „Ich wiederhole die Lerneinheit in drei Leitsätzen.“ – „Ich komme langsam zurück.“

Nennen Sie es, wie Sie wollen, ich nenne es „Jura-Yoga“. Jedenfalls: Es hilft zu behalten!

5. Eine Pause haben Sie sich jetzt verdient.

Zwei Stunden sind vorbei – eine Zweistunden-Lerneinheit ist beendet. Nicht nur effektives Lernen will gelernt sein, sondern auch effektives Pausenmachen. Je strikter man die Pausen einhält, desto mehr nimmt die Zahl der unbewussten Pausen – kurzes Abschalten lässt sich eben nie vermeiden – ab. Zum anderen kommt bei genauer Pausenplanung eine gewisse Endspurtmentalität vor der Pause hinzu, die Sie beim Lernabschluss noch einmal auf Höchstleistung bringt. Am Anfang jeder Pause machen Sie sich dann klar, dass Sie einen Teil Ihres Jura-Tages-Lernprogramms hinter sich gebracht haben. Bei jeder weiteren Pause wird dieser Teil größer, der vor Ihnen liegende immer kleiner. Diese kleinen Erfolgserlebnisse helfen sowohl bei der genüsslichen Entspannung während, als auch beim erneuten Lerneinstieg nach der Pause. Lassen Sie sich keinesfalls durch die Menge der noch auf dem Tagesplan stehenden Aufgaben aus der Ruhe bringen – wichtig ist nur, dass Sie einen Teil des juristischen Tagespensums planmäßig erledigt haben und im Rhythmus sind. Da Sie den Sinn der Pause kennen, brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn: Arbeitszeit ist Lernzeit plus Pause! Es bringt überhaupt gar nichts, die Lerneinheiten krampfhaft zu verlängern, indem Sie Pausen streichen. Massiertes Lernen bis zur Erschöpfung („Der Tag hat 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nimm die Nacht dazu“!) ist ineffektiv. Gönnen Sie sich etwas in der Pause. Man lernt besonders gut, wenn das Gehirn eine Belohnung erwartet. Denken Sie aber auch daran, dass zu angenehme Pausenaktivitäten die Gefahr in sich bergen, die juristische Arbeit nicht wieder aufzunehmen!

Noch ein Fazit:

  • Jede Studieneinheit sollte auf einer anderen aufbauen und die nächste vorbereiten.

  • Jede Studieneinheit sollte als eine 2-Stunden-Lern-Einheit inszeniert werden.

  • Jede Studieneinheit sollte ein Ziel haben.

  • Jede Studieneinheit braucht eine halbstündige Pause.

Um Jura erfolgreich zu studieren, sollten Sie Ihren Studienalltag planen.

Wie? – So, dass Sie Ihre Studienaufgaben durch zweckmäßige Verteilung Ihrer Energien erledigen. Da der kluge Jurastudent weiß, dass er nicht über unbegrenzte Quantitäten physischer und psychischer Energie verfügt, folgt er dem Zwang der energieökonomischen Notwendigkeit. Er plant Handlungsabläufe strategisch, geht Bündnisse mit seinen Lern- und Lehrmedien ein und gibt seinem Studienalltag mehr und mehr eine stabile Ordnung, hochtrabend: eine Verfassung!

Sie erinnern sich: Man will wieder anfangen zu joggen, besorgt sich neue Laufschuhe, kann es kaum erwarten, endlich loszulegen. Die Strecke, die man sich vornimmt, ist jedoch viel zu lang, man will mit einem Lauf gleich hundert versäumte Läufe wieder gutmachen. Man bekommt Seitenstechen, beißt die Zähne zusammen, muss sich Meter für Meter ins Ziel quälen. Endlich! Statt sich über einen kleinen Erfolg freuen zu können, denkt man mit Verdruss an das nächste „Jogging“ und sucht bald nach einer plausiblen Ausrede, warum es besser ist, auf die Joggerei gleich ganz zu verzichten. Die Neigung zum Nichtstun wird, wie die Psychologen sagen, „rationalisiert“, d.h. es wird mit „guten (falschen) Gründen“ erklärt, warum man nicht joggt, um damit vor sich selbst und anderen die „wahren Gründe“ zu verbergen. Die Ursachen sind klar: falsche Selbsteinschätzung, Überforderung, zu hoch gesteckte Ziele.

Setzen Sie statt „joggen“ „studieren“ und statt „Laufschuhe“ „Lehrbücher“ ein und Sie erkennen die Parallelität.

Wie Sie Ihren Arbeitsplatz gestalten, ist eine Frage Ihres persönlichen Geschmacks. Wie Sie Ihre Arbeitsplanung vornehmen und wie Sie Ihre Arbeitszeit einteilen aber nicht: Für diese Außenfaktoren gibt es Regeln und Rezepte. Sich zu organisieren ist nicht immer einfach. Denn im Jurastudium gibt es nur wenige feste Strukturen. Man muss sie selbst schaffen durch Selbstorganisation wie Vorlesungsoptimierung, Vor- und Nachbereitung, Studienplanung, Lehrphasen alternierend mit Lernphasen, Klausuren- und Falltraining, Wiederholungen.

Irgendwann kommt jeder erfolgreiche Student zu der Einsicht, dass zum richtigen Studieren neben den Prozessen der juristischen Informationsverarbeitung und -gewinnung in den Lehrsälen und aus den Lehrbüchern auch so profane Dinge gehören wie:

  • Strukturierung seines Arbeitstages und Organisieren seines eigenen Studierbetriebes
  • sowie Disziplin und Ordnung bei der Einteilung und Einhaltung seiner Arbeitszeit.

Wischen Sie diese Rahmenbedingungen, die großen Einfluss auf Ihre juristischen Studienleistungen haben, nicht gleich zur Seite. Patentrezepte gibt es nicht, aber es gibt ein Prinzip und das heißt: verantwortliches Studieren. Dem sollten Sie folgen!

Ihr Studienalltag muss eine Struktur bekommen, eine Rahmung, für die Sie vor sich selbst die Verantwortung übernehmen. Keine Beliebigkeit, heute dies und morgen das, mal so und mal anders. Ein guter Studienalltag wird von Routinen getragen. Routinen geben wegen ihres Wiederholungscharakters Sicherheit und Zuverlässigkeit im Studium. Das routinierte, aufmerksame Studieren ist eine enorme Anstrengung, deshalb muss es zeitlich begrenzt und durch Pausen entlastet werden. Wenn Sie sich für eine bestimmte Studienplanung entschieden haben, müssen Sie diese dann konsequent einüben. Bis Ihnen Ihr täglicher Studienrhythmus zur Gewohnheit wird, müssen Sie mit einer längeren Trainingszeit rechnen. Das Bedürfnis nach dem Lernen darf nicht nur wie ein Gast auftreten, der plötzlich erscheint und nach seiner Abreise lange nichts mehr von sich hören lässt, sondern muss sich als Dauermieter bei Ihnen einquartieren. Das ist hart – aber nicht zu ändern. Der gute Vorsatz ist schnell gefasst, aber nur schwer einzuhalten. Die schnelle Begeisterung enden leider zu häufig in einem Strohfeuer. Sie müssen sich Handlungsstrategien schaffen, die Ihre Studienstimmung und Studienhaltung für das Jurastudium stimulieren und Lernstörungen minimieren.

Einem misslungenen Einstieg ins Jurastudium liegt oft ein Teufelskreis zugrunde: Fehlplanung Verdrängung Ablenkung Frust Selbstzweifel Selbstbestrafung durch strengere und noch unrealistischere (Fehl-)Neuplanung (immer wieder!) Versagensängste Vermeidung Stillstand Studienabbruch Scheitern!

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Pokern“ Sie im Folgenden mit! Dann bekommen Sie auch kein juristisches Seitenstechen mehr und brauchen nicht irrationale Rechtfertigungen zu suchen, warum es besser sei, auf das juristische Lernen gleich ganz zu verzichten.

Um bei der juristischen Stoffmenge nicht zu resignieren, müssen Sie sich Ihr Studium in Fernziele, Nahziele und Feinziele aufteilen, kurz-, mittel- und langfristig denken und planen.

  • Fernziel ist das Bestehen des Examens: Das ist noch weit, weit weg.
  • Nahziele sind Ihre begleitenden Semesterleistungskontrollen: Die sind schon näher.
  • Feinziele sind Ihre studentischen Tages- und Wochenetappen: Das sind die jetzt entscheidenden Zeiteinheiten.

Auf diese Feinziele kommt es mir hier entscheidend an. Sie müssen sich überlegen, wie sich Ihr Tagespensum (lat.: pensum, das Abgewogene) in sinnvolle und überschaubare Portionen einteilen lässt. Abwägen und gewichten müssen Sie Ihren Tageslernstoff, das bringt Erfolg und damit motivierende Freude. Ein solches portioniertes Lernen wirkt wie ein Verstärker, denn Ihr Lernen wird nicht nur erfreulicher, sondern auch wirksamer, weil es aus einer Kette von Erfolgserlebnissen besteht. Jeder Tagesetappensieg belohnt Sie innerlich. Kein Student darf am Abend so ins Bett gehen, wie er am Morgen aufgestanden ist – er muss schlauer geworden sein, einen juristischen Mehrwert erfahren haben. Lernerfolge erhöhen die Lust an der Juristerei am meisten und heben die Stimmung. Sie sind für Sie die größten Motivatoren. So entsteht gleichsam von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche eine Kettenreaktion von Erfolg zu Erfolg, bei der sich Ihr Lernen von selbst belohnt.

Die folgenden Zeitpläne sind Hilfsmittel zur Strukturierung Ihres effektiven Studierens. Sie müssen lernzielorientiert und nachprüfbar sein. Sie müssen Ihre Pläne zu Ihren eigenen Studien-Instrumenten machen!

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Klar, auch Misserfolge werden sich einstellen: Das Pensum war zu schwer, das Ziel der Lerneinheit zu weit entfernt. Unter keinen Umständen verbohren Sie sich aber in Ihren Misserfolg. Solch ein Verhalten senkt die Motivation auf den Gefrierpunkt und vermiest Ihnen den ganzen restlichen Tag. Weglegen! Mut zur Lücke im Tagespensum! Am nächsten Tag mit neuer Kraft (und vielleicht neuem Lern-Medium?) zu neuen Taten. Mit den verdaulichen Tagesportionen nehmen Sie Ihrem Tagesablauf etwas von seinem „Wurschtel-Charakter“. Schenken Sie sich im Übrigen reinen Wein ein: Sie müssen es ganz einfach einsehen, dass eine verfasste Tageseinteilung richtig, sinnvoll und nützlich ist – und: kleine Erfolge für Sie bereithält: „Ich habe in der von mir selbst gesetzten Lerneinheit etwas gelernt.“ „Ich kann jetzt mehr als vorher“.
Im Übrigen kann das „Minimum 1/4“ der Wiederholung dienen. Je weiter Ihr Lernprozess fortschreitet, desto mehr „Viertele“ werden Sie opfern müssen.Das Wochenende darf nicht ausschließlich Freizeit sein. Zerlegen Sie Ihr Wochenende in vier Einheiten: Samstag Vormittag, Samstag Nachmittag, Sonntag Vormittag, Sonntag Nachmittag. Ein Viertel dieser Wochenendzeit müssen Sie mindestens (Minimum) für Ihr Studium zur Verfügung stellen. Nutzen Sie dieses Viertel als Pufferzeit zur Nachholung von Lernausfallzeiten in der Woche. So vermeiden Sie Unlustgefühle, die auftauchen, weil Sie Ihren Wochenplan nicht eingehalten und Ihre Lernziele nicht erreicht haben. Den „Idealplan“ kann man eben nicht einhalten. Wohl aber von vornherein einen „Realplan“. Sollte sich auch dieser Realplan einmal als undurchführbar erweisen, so verlegen Sie das Lernen des ausgefallenen Stoffes eben auf die Wochenendeinheit.

Entwickeln Sie für sich ein „Studienalltag-Optimierungs-Programm“!

Legen Sie fest, zu welchen Zeiten Vorlesungsstunden und wann Eigenstudien stattfinden sollen. Nicht immer wieder neu planen, sondern einmal für das ganze Semester. Sie müssen dann nicht jeden Tag und jede Woche neu entscheiden, ob und wann und wie Sie lernen wollen.

  • Die Studienpläne der Fakultäten gehen von 18 bis 24 Wochenstunden an Vorlesungen aus.

  • Die Erfahrung der examinierten Experten geht von der gleichen Zeit an Nach- und Vorbereitung aus.

  • Maximal also 48 Wochenstunden zu 45 Minuten-Einheiten

  • Also 36 Zeitstunden-Einheiten (Anm.: 48 x 45 = 2160 Minuten = 36 Stunden)

  • Also ca. 7 Zeitstunden täglich. Davon mindestens eine zweistündig eigenständige Lerneinheit im „Kämmerlein“.

  • Hinzukommen sollten 5 Zeitstunden am Wochenende zur Wiederholung

Das ist zu schaffen.

Ziehen wir das Fazit zu Ihrem Studienalltag:

  • Ein Jurastudium verlangt bereits im 1. Semester vollen Einsatz. Ein erfolgreiches Jurastudium hängt von einem erfolgreichen Start ins Jurastudium ab.

  • Ihr oberstes Ziel muss sein: täglich 6 bis 8 Stunden Vorlesung und Eigenstudien, netto, nach Abzug aller Pausen, Wege und Gespräche. Darunter leiden weder Ihre Lebensqualität noch Ihre Lernqualität.

  • Der Tagesplan soll Ihnen den entscheidenden Erfolg für diese allmähliche Entwicklung Ihres individuellen juristischen Lernverhaltens ermöglichen.

  • Der Wochenplan soll Ihnen helfen, die juristischen Tätigkeitsschwerpunkte für die fünfeinhalb Tage festzulegen, zu planen und zu kontrollieren.

  • Beide „Pläne“ müssen mit Ihren Freizeitinteressen und anderweitigen Verpflichtungen abgestimmt und realistisch gewichtet werden.

  • Jura frei“ sind die Abende, die Sonntage und die Samstagnachmittage.

  • Der beste Masterplan taugt allerdings nichts, wenn er in der Schreibtischschublade verschwindet.

  • Streben Sie unbedingt eine Rhythmisierung an! Aus einer Regelmäßigkeit entwickelt sich eine günstige Lerngewohnheit (Automatisierung).

  • Haben Sie Ihr Soll einmal nicht erreicht, sind Sie noch lange kein Versager, sondern ein „Nächstes-Mal-mach-ich-es-besser-Typ“.

  • Entwickeln Sie eine Art von „Jobmentalität“! Sie sollten sich mehr als Manager Ihres kleinen „Unternehmens Jurastudium“ mit Projektzielen und festen Arbeitseinheiten verstehen.

  • Machen Sie sich keine Illusionen! Man soll seine Vorausplanungen und Präparationen nicht überschätzen.

  • Rechnen Sie eher mit einem Minimum an verfügbarer Zeit (Zeitfresser lauern überall)!

  • Rechnen Sie eher mit einer abgeschwächten Motivation Ihrerseits (alles andere ist ja dringender)!

  • Rechnen Sie eher mit einer schmalen Palette verfügbaren, behaltenen Wissens (alles schon wieder vergessen)! Der Kampf gegen das Vergessen ist noch nicht gewonnen!

  • Rechnen Sie eher mit weniger didaktischer Kompetenz Ihrer juristischen Lehrmeister (versteh ich nicht)!

  • Machen Sie keine Sonntagsplanung, sondern eine Alltagsplanung!

  • Eine realistische Studieneinteilung schafft motivierende Erfolgserlebnisse. Eine unrealistische Arbeitseinteilung verfehlt die überzogenen Ziele und ist damit demotivierend und entmutigend.

  • Im Gegensatz zu manch einem studentischen Vorurteil: Zeitpläne schaffen Freiräume und verstopfen sie nicht.

  • Sie sollten Ihre Zeitpläne in ein Ringbuch heften. Das bringt Ihnen die notwendige Kontrolle.

  • Sie müssen Ihre Planvorgaben kontrollieren und abschließen! Immer wieder neu anzufangen, bringt nichts.

  • Die Pläne sollten Sie an Ihren Lerntyp anpassen: Tagmensch – Nachtarbeiter, Lerche oder Eule

  • Verbringen Sie Ihre beste Lernzeit nicht beim Arzt oder auf einem Amt.

  • Wenn Sie am Abend erledigt, aber unzufrieden sind, haben Sie etwas falsch gemacht.

Das alles zusammen unterscheidet Ihren erfolgreichen Studienalltag vom erfolglosen zufälligen Studienalltag Ihrer Kommilitonen.

Zum Schluss: Hart, aber herzlich: Semesterferien sind keine „Ferien“. Sechs Wochen sind okay, der Rest fällt auf Praktika, Hausarbeiten und das Wiederholen. Es heißt schlicht „vorlesungsfreie Zeit“, lediglich im Studentenjargon heißt es „Ferien“.

Und nun ein paar Tricks, um Jura im Gedächtnis zu behalten

Wie jedes Wissen entsteht auch juristisches Wissen aus Erfahrung, d.h. aus erinnerten Ergebnissen über Versuch und Irrtum. Hier eine Erfahrung, die Sie sich immer wieder selbst bestätigen können.

  • Der Versuch: „Ich will eine juristische Vorlesung nach einem Tag rekonstruieren.“

  • Der Irrtum: „Ich muss leider feststellen, dass sehr wenig hängen geblieben ist.“

Nach einem Tag verfügen Sie nur noch über Erinnerungsinseln. Nach einer Woche? – Nach einem Monat? – Alles weg! Die Vergessenskurve rast dramatisch in den Keller, sie neigt sich gegen Null. – Wie oft noch? – Aus Versuch und Irrtum wird Ihre Erfahrung: „Den Wirkungsgrad kann ich erhöhen, wenn ich den Lernkanal „Hören“ mit dem Lernkanal „Sehen“ kombiniere, also Vorlesung einerseits und Skripten, Lehrbücher sowie meine in der Vorlesung gefertigten Aufzeichnungen andererseits durcharbeite.“ Eine weitere Steigerung erreichen Sie durch aktives Tun, z.B. die Fallbearbeitung. Versuchen Sie es: Sie merken sich 10 % von dem, was Sie hören, 20 % von dem, was Sie lesen, 60 % von dem, was Sie lesen und hören, 70 % von dem, worüber Sie selbst sprechen und 90 % von dem, was Sie selbst ausprobieren und ausführen. Vergessen beschreibt die unbestreitbare Tatsache, dass gelernte juristische Inhalte bei dem Versuch des Wiedererinnerns entweder fehlerhaft, unvollständig oder aber gar nicht mehr reproduziert werden können. Der Hauptverlust fällt auf den Zeitraum unmittelbar nach der Informationsaufnahme. Im Verlaufe von maximal zwei Tagen wird nur noch ein Fünftel behalten.

Was ist zu tun? – Wiederholen!

Ein richtig gutes Gegengift gegen das Gift des Vergessens, gegen das Ausfiltern und Ausfällen Ihres gelernten juristischen Wissens aus Ihrem Gedächtnis, ist das Wiederholen. Es gibt kein besseres! Wiederholen heißt hier nichts anderes als etwas „wieder“ hervor„holen“, sich etwas „wieder“ zurück„holen“. Dazu muss allerdings etwas da sein, was „hervor“- bzw. „zurückgeholt“ werden kann. Wissen ist naturgemäß nur abrufbar, wenn das Wissen dauerhaft gespeichert wurde.

Im permanenten Kampf gegen das Vergessen ist die Wiederholung des Erlernten das einzige Gegenmittel, und das so oft wie möglich. Nur so bleibt Jura im Gedächtnis!

Nur das, was man ständig wiederholt, sich vorsagt, mit „Bäumen der Erkenntnis“ fest verankert und in juristischer assoziativer Gesellschaft verknüpft hat, wird nicht vergessen. Beim Wiederholen muss man gleichsam „sich selbst besprechen“.

Am besten lernen die Studenten, die sich mit der Einsamkeit des Wiederholens schnell und problemlos abfinden. Letztlich führt am Wiederholen nämlich kein Weg vorbei. Ein einmaliges Verstehen und Können bei der Neudurchnahme juristischen Stoffes, auch bei den besten didaktischen Lehrmeistern, gelingt nur Genies. Lernen ist im Wesentlichen eben ein Behaltensphänomen; immer ein Bewahren, ein „Aufheben“, ein Speichern – kurz: ein Nichtvergessenwollen ist beabsichtigt.

Das entscheidende Mittel für die Verhinderung jedweden Lernerfolges ist es, den Stoff nur einmal aufzunehmen. Es hilft allen Studenten nur eines zum nachhaltigen Erfolg: Lernen – Wiederholen – Behalten – Üben – Aktuelle Form verbessern! Lernen – Wiederholen – Behalten – Üben – Aktuelle Form verbessern! Wie in jeder Kultur des übenden Trainings zählt auch im juristischen Lerntraining nur die aktuelle „Form“, in die müssen Sie sich bringen!

Einige Tipps zum Thema Wiederholen! So bleibt Jura im Gedächtnis.

1. Da das Vergessen innerhalb der ersten 12 Stunden nach dem Lernen am stärksten ist, sollte die erste Wiederholung möglichst früh stattfinden.

Faustregel:

  • Wiederholen Sie am Abend den Tagesstoff in einer übergreifenden Zusammenfassung!

  • Wiederholen Sie an den reservierten Wochenendvierteln (Min.: 1/4) den Wochenstoff!

  • Wiederholen Sie nach einem Monat an einem ganzen Wochenendtag den Monatsstoff!

  • Wiederholen Sie in der Zeit zwischen den Semestern den Semesterstoff! Sie wissen: Es heißt nicht „Semesterferien“, sondern „Vorlesungsfreie Zeit“.

Ihre Abwehr nehme ich vorweg: „Da komme ich ja aus dem Wiederholen nie heraus!“ Dem ist eben nicht so! Eine hoffnungsfrohe Lernerfahrung besagt, dass die für das Wiederholen benötigte Zeit im Verlaufe der Wiederholungen immer mehr abnimmt. Sehr bald genügt ein einzelnes Stichwort über das Zustandekommen eines Vertrages, und alles ist wieder präsent. Das Wiederholen ist überflüssig geworden. Ein Teil entfacht das Ganze!

2. Man muss nicht alles wiederholen. Sie bemerken sehr schnell, was für Sie persönlich schwierig und schwer merkbar ist und was recht flott von der Hand geht. Zum Beispiel die Anfechtung oder das Abstraktionsprinzip oder der § 812 ff. BGB sitzen bei Ihnen überhaupt nicht? – Dann müssen Sie hier eben öfter ran. Dagegen können Sie das Zustandekommen eines Vertrages zwischenzeitlich im Schlaf? – Also weglassen!

3. Zum Wiederholungslernen eignet sich die Lernkartei sehr gut. Der Lernstoff, die Rechtsinstitute mit ihren Einzelheiten, die Puzzlesteine werden in Frage-Antwort-Form auf Karteikarten übertragen – auf die Vorderseite kommt die Frage, auf die Rückseite die Antwort. Der Wanderweg der Lernkärtchen kann beginnen. Am Anfang sollten Sie möglichst schriftlich antworten – denken Sie an Ihre verschiedenen Lernkanäle. Glauben Sie nicht, dass das Beschriften der Karten eine sinnlose Tätigkeit sei: Sie müssen sich nämlich durch die stringente Formulierung der juristischen Frage mit dem Lernstoff auseinandersetzen – und dabei lernen Sie. Großer Vorteil der Karteikarten: Mit Karteikarten kann überall gelernt und wiederholt werden: im Bett, im Zug, im Wartezimmer.

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4. Sehr gut bewährt hat sich bei vielen auch ein sog. Flipchart. Auf den großen Blättern dieses Mediums kann man wichtige, für das weitere Lernen notwendige, memorierungswürdige Grundschemata, Pakete, Puzzlesteine, Baumdiagramme, Schubladen – farbig markiert – auftragen, die man dann bei der Wiederholung zu jedwedem Anlass aufblättern kann. Ein Flipchart, das ist so etwas wie ein ewiges Gedächtnis.

Mit der Lernkartei und dem Flipchart schlagen Sie drei Fliegen mit einer Klappe:

Fliege 1: Sie lernen bereits beim klaren, übersichtlichen, präzisen, vollständigen und einfachen Auftragen der Frage- und Antwort-Strukturierungen (schreiben).

Fliege 2: Sie gewinnen einen treuen Begleiter, der Fixiertes fix, zuverlässig und insbesondere einprägsam aus der Erinnerung hervorholt (Wiederholung).

Fliege 3: Sie können ein Ihnen nur schwer zugängliches Paket eine Zeit lang vor Ihrem Auge stehen lassen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

5. Auch die Partnerarbeit, respektive Gruppenarbeit, eignet sich gut zu juristischen Wiederholungen – und beugt so ganz nebenbei der Isolation beim Lernen vor. Lernen vereinsamt nun einmal! Gegen die Einsamkeit des Lernens gründet man eine gesellige Lern-AG. Hier zeigen sich Kapazitäten zur Selbsthilfe und Selbstheilung. Eine solche Partnerarbeit kommt nicht für neuen Wissenserwerb und auch nicht als stundenlange Dauerform in Betracht, sondern lediglich als willkommene Abwechslung und Zwischenstufe des Lernens. Sie und Ihr Freund sprechen sich ab: „10 Minuten Zeit! Erlöschen durch Erfüllung! §§ 362 Abs. 1, 2, 364 Abs. 1 BGB, Abgrenzung zu § 364 Abs. 2 BGB.“ Gesetz raus, und Sie schreiben stichwortartig untereinander, was Ihnen beiden dazu einfällt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es entsteht ein gewisser Wettbewerb, es gestaltet sich alles mehr als ein Spiel (Spaß!), zweien fällt mehr ein als einem; im dialogischen Gespräch tauchen neue (alte) Erinnerungen auf. Und sie schulen ungemein die Schlüsselkompetenzen der Sprache und Kommunikation.

Als gute weitere Möglichkeiten für die Partnerarbeit seien erwähnt:

  • Das wechselseitige Vorlesen kleiner, in sich geschlossener Kapitel (Zuhören üben!);
  • Das gemeinsame Lösen von Fällen als Denksportaufgaben;
  • Das gegenseitige Erklären (wichtig!) von Problemen;
  • Das freie Vortragen der Falllösungen;
  • Das „Ich-unterrichte-dich – Du-unterrichtest-mich-Spiel“ frei nach dem römischen Motto: Docendo discimus: beim Lehren lernen wir;
  • Formulierungsübungen;
  • Das wechselseitige Abrufen gespeicherten Wissens;
  • Jura-Quiz.

Partnerarbeit macht einfach mehr Spaß als das isolierte Brüten, birgt aber auch die große Gefahr oberflächlichen Zeitvertreibs und blödelnder Ablenkung.

6. Der beste Lernerfolg ist keineswegs dadurch zu erzielen, dass man die zur Verfügung stehende tägliche oder wöchentliche Gesamtwiederholungszeit nur einseitig durch reine Wiederholung in Form erneuten „Durcharbeitens“ nutzt. Die „stumpfe“ Wiederholung ist eine unproduktive Wiederholung und führt nicht zur bestmöglichen, längerfristigen Einprägung. Sie ist auf Dauer langweilig. Besser ist es, wenn Sie die Gesamtwiederholungszeit im fliegenden Wechsel in die angeführten alternativen „Vergissmeinnicht-Möglichkeiten“ aufteilen. Varietas delectat, lat.: Abwechslung erfreut: Karteikarten, Partnerarbeit, Ich-unterrichte-dich–du-unterrichtest-mich-Spiel, Quiz, Flipchart-Arbeit, Erneutes Durcharbeiten, Selbstprüfung im Selbstgespräch.Dadurch verhindern Sie am wirkungsvollsten, dass sich Lernhemmungen aufbauen und dass Sie dem ewigen Vergessen hilflos ausgeliefert sind. Durch abwechslungsreiche Wiederholungen sind Sie es gerade nicht!

7. Wiederholungen haben nicht nur den unbestreitbaren Sinn, Sie im Abwehrkampf gegen das Vergessen zu unterstützen. Vielmehr auch den, Sie in Ihrem Wissen zu bestätigen (Belohnungseffekt), Sie aber auch mit Ihrem Nichtwissen zu konfrontieren (Bestrafungseffekt) und Sie dadurch zu einem lernstrategischen Weiter-so oder einem Umdenken und vielleicht neuen Lernansätzen zu animieren.

8. Ein letzter Tipp zum Wiederholen: Teilen Sie das Wiederholungsprogramm so ein und grenzen Sie es zeitlich so ab, dass es nicht zu stark mit den anderen Phasen des Lernens in Konflikt gerät. Wichtig ist die Wiederholung! Wichtiger die Eroberung neuen Stoffes! Noch wichtiger, dass man das, was man wiederholt, verstanden hat! Man kann nämlich nur wiederholen, wieder hervorholen, was man sich angeeignet und bewahrt hat. Also trennen Sie die Phasen scharf voneinander ab, damit nicht alles zerfließt.

  • Ohne neue Begegnung mit Jura (Aneignungsphase) – kein Aufheben des Erlernten (Bewahrungsphase).
  • Ohne Aneignung und Bewahren – kein Wiederhervorholen (Wiederholungsphase).
  • Ohne gezielte Wiederholung – kein Verstehen und keine Verankerung im LZG (Fixierungsphase)
  • Ohne Verankerung im LZG kein kompetenter Einsatz der erworbenen Lernpotentiale im Ernst-Fall der Klausur (Reproduktionsphase).

9. Der wichtigste Tipp: Am wichtigsten ist das Training am Fall! Jura ohne Fall, Gesetz ohne prägenden Sachverhalt darf es in Ihrem Wiederholungs-Lernen eigentlich nicht geben! Sie wissen schon: Zunächst am Normalfall, dann erst am Exoten!

10. Eine kleine, hoffentlich hilfreiche Lebensweisheit zum ewigen Wiederholen für Sie: Begehre nicht nur das, was du nicht weißt! Genieße öfter das, was du schon weißt! Das ist Balsam für die geschundene Juraanfängerseele. Also wiederholen Sie öfter das Alte!

Was macht die bunte Vielfältigkeit der Juristen aus?

Zunächst sollten Sie immer der Tatsache eingedenk sein, dass es den „Juristen“ als Beruf bis auf die drei Klassiker: Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt gar nicht gibt. Das Berufsbild ist unscharf und diffus. Der streng einheitlichen Ausbildung folgt eine völlig uneinheitliche, aber juristisch vielfältige Berufswelt. Die Palette ist weit bunter als die ziemlich eindeutig eingefärbter Berufe, wie Arzt, Lehrer, Pfarrer oder auch Betriebswirt. Mit diesen Berufsbezeichnungen verbindet sich eine fest umrissene Vorstellung. Ganz anders bei dem Beruf „Jurist“. Dieser kann verschiedenen Professionen nachgehen. Wenn Sie noch kein konkretes Berufsziel vor Augen haben, ist es hilfreich, sich die Juristenberufe einmal anzusehen. Ein „Traumberuf“ motiviert und lässt den begonnenen Weg unerschrocken weitergehen.

Hier ist sie nun, die bunte Schar unserer Juristen, die die Fahne des Rechts in die täglichen „Rechtsschlachten“ tragen. Juristen arbeiten meistens:

Als Richter: Die Befähigung zum Richteramt erlangt nach § 5 DRiG (Deutsches Richtergesetz), wer ein rechtswissenschaftliches Studium an einer Universität mit der ersten juristischen Staatsprüfung und einen anschließenden Vorbereitungsdienst (Referendariat) mit der zweiten juristischen Staatsprüfung abschließt. Laut Artikel 92 und 97 GG (Grundgesetz) ist die rechtsprechende Gewalt den Richtern anvertraut, die unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen sind. Der Richter ist damit an keinerlei Weisungen gebunden und nur seinem Gewissen verantwortlich, unversetzbar und unabsetzbar. Er muss entscheiden, versuchen, eine intersubjektive Verbindlichkeit in seinen Urteilen herzustellen, wenn möglich auch noch zu überzeugen und Rechtsfrieden herzustellen.

Als Staatsanwalt: Der Aufbau der Staatsanwaltschaft als wesentliches Organ der Strafrechtspflege ist in § 141 ff. GVG (Gerichtsverfassungsgesetz) geregelt. Sie ist streng monokratisch und hierarchisch organisiert, die Beamten der Staatsanwaltschaft haben den dienstlichen Weisungen ihrer Vorgesetzten nachzukommen. Der Staatsanwalt ist Beamter, also versetzbar und weisungsgebunden. „Staatsanwalt“ ist sicher der juristische Beruf, der in der Öffentlichkeit die kontroversesten Meinungen auslöst. Einerseits wird er als konsequenter Strafverfolger gefürchtet, andererseits als Vertreter von Recht und Ordnung gewünscht.

Als Rechtsanwalt: Er ist gem. § 1 BRAO (Bundesrechtsanwaltsordnung) ein unabhängiges Organ der Rechtspflege. Jeder, der die Befähigung zum Richteramt nach § 5 DRiG erworben hat, kann den Antrag auf Zulassung zum Rechtsanwalt stellen. Zur Zeit (1.1.2014) bewegen wir uns in der Bundesrepublik auf die Zahl von über 160.000 zugelassenen Rechtsanwälten zu. (Jeder 500. Bundesbürger ist Rechtsanwalt!) Für den Rechtsanwalt ist als dienstleistender Freiberufler der Umgang mit und das Verhältnis zu seinen Mandanten von herausragender Bedeutung, da sein Einkommen von deren Zufriedenheit abhängig ist.

Als Notar: Gem. § 1 BNotO (Bundesnotarordnung) werden Notare als unabhängige Träger eines öffentlichen Amtes „für die Beurkundungen von Rechtsvorgängen und andere Aufgaben auf dem Gebiete der vorsorgenden Rechtspflege in den Ländern“ bestellt. Anders als der Rechtsanwalt ist der Notar kein Vertreter einer Partei, sondern unparteiischer Betreuer aller Beteiligten. Er ist nicht freiberuflich tätig, sondern nimmt staatliche Aufgaben in Form eines öffentlichen Amtes wahr. Seine Mitwirkung und die Form seiner Mitwirkungshandlung sind jeweils gesetzlich ausdrücklich vorgeschrieben. Sie sollen dazu beitragen, dass Rechtsklarheit herrscht und Fehler bei Geschäften von endgültiger oder weitreichender Bedeutung, z.B. bei Testamenten, Gesellschaftsverträgen oder Grundstücksübertragungen, vermieden werden. Voraussetzung auch für diesen Beruf ist die Befähigung zum Richteramt. Darüber hinaus wird eine Bedürfnisprüfung von der Landesjustizverwaltung durchgeführt, um eine Notarschwemme im jeweiligen Bundesland (wie etwa bei den Rechtsanwälten) zu vermeiden.

Als Verwaltungsjurist: Er hat kaum ein typisches Berufsbild. Das öffentliche Recht besteht aus unzähligen von einander unabhängigen Bereichen, die wegen ihrer vermeintlichen Unüberschaubarkeit schon in der Ausbildung resignierende Seufzer, wenn nicht gar Ablehnung hervorrufen. Dementsprechend vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten für Juristen, die mit bestandenem Assessorexamen auch die Befähigung zum höheren allgemeinen Verwaltungsdienst erworben haben. Beispiele für Beschäftigungsbehörden auf staatlicher Ebene sind etwa die Ministerien von Bund und Ländern, Sondereinrichtungen wie Finanzverwaltung, Bundeswehr, Arbeits- und Sozialverwaltung. Auf der kommunalen Ebene kommen als Dienstherren die Gemeinde-, Stadt- und Kreisverwaltungen und alle übrigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts in Betracht. Viele Verwaltungsgesetze räumen den betreffenden Behörden einen Entscheidungsspielraum ein, z.B. „kann“ eine bestimmte Genehmigung erteilt werden, im Gegensatz zu „muss“. Die Verwaltungsjuristen sorgen insoweit für den zweck- und rechtmäßigen Gebrauch von Ermächtigungsnormen für hoheitliches Handeln.

Die freie Wirtschaft bietet dem Juristen ein vielfältiges, z.T. von den Anforderungen her sehr unterschiedliches Tätigkeitsfeld. Als Arbeitgeber kommen Wirtschaftsunternehmen jeder Art und Größe in Betracht, die einer dauernden rechtlichen Beratung und Interessenwahrnehmung bedürfen. Der Jurist arbeitet als Justitiar in der hauseigenen Rechtsabteilung oder arbeitsrechtlich ausgerichteten Personalabteilung und beschäftigt sich im wesentlichen mit den durch Art und Aufgabenstellung des Unternehmens entstehenden Rechtsfragen. Er ist in der Position eines innerbetrieblichen Hausanwalts, der nur noch einseitig die Interessen eines einzigen Klienten, nämlich seines Unternehmens, wahrnimmt. In der Hauptsache handelt es sich um eine beratende Tätigkeit für den Arbeitgeber. Justitiare werden besonders von Banken, Versicherungen, Verbänden, wie Arbeitgeber- und anderen Berufsverbänden, sowie von Gewerkschaften gesucht.

  • Neben dem Volljuristen gibt es im Justizwesen den Diplom-Rechtspfleger. Maßgebend für die Stellung des Rechtspflegers ist das RPflG (Rechtspflegergesetz). Der Aufgabenkreis des Rechtspflegers umfasst nach § 3 RPflG vorwiegend Bereiche der freiwilligen Gerichtsbarkeit und der Zwangsvollstreckung: so das Grundbuchwesen, die Registersachen, die Immobiliarzwangsvollstreckung, die Forderungspfändung, Vormundschafts-, Betreuungs- und Nachlasssachen. Daneben sind dem Rechtspfleger einzelne Aufgaben auf dem Gebiet des Zivil- und Strafprozesses und im Rahmen der Strafvollstreckung übertragen. Er hat als sog. „Spezialist der freiwilligen Gerichtsbarkeit“ eine richterähnliche, sachlich unabhängige Stellung. Seine erforderlichen Kenntnisse erwirbt er in einem Studiengang an einer Fachhochschule. Dieses Studium steht der Verantwortung entsprechend, die dem Rechtspfleger mit der Übertragung ehemals vom Richter wahrgenommener Geschäfte erwächst, auf einem hohen Niveau. Die sorgfältige und gründliche Ausbildung auf wissenschaftlicher Grundlage dauert mindestens 3 Jahre. Sie könnte mit ihrem beispielhaftem Wechsel von Theorie und Praxis Modellcharakter für eine neue Juristenausbildung haben.

Was verbindet sie alle?

Zum einen, dass sie sämtlich eine gemeinsame Juristensprache sprechen, die abstraktesten Abstrakta beherrschen, die Sprache als ihre Waffe benutzen, eine einheitliche Ausbildung zum sog. Einheitsjuristen durchlaufen, dadurch einen gewissen Korpsgeist entwickelt haben und gemeinsame zeremonielle und prozessuale Rituale in Behörden, Gerichten und Verwaltungen betreiben. Das Leitbild zum Einheitsjuristen, der eine externe staatliche Prüfung ablegt, ist ein deutsches Markenzeichen und „fest gemauert“ im Deutschen Richtergesetz (DRiG).

Zum anderen, dass sie beeindruckt und beherrscht sind von Methodiken und Ordnungssystemen, von einer ganz speziellen, nur ihnen eigenen gutachtlichen Arbeitsweise und ihren geheimnisvollen „subsumierenden“ Denkstrategien. Sie lieben das „Klein-Klein“, das Trennende, das haargenaue Unterscheiden nach ihrem Motto: „Jeder Fall ist anders!“ Die Gesetze werden zerlegt, zerdacht, es wird interpretiert und definiert, und alles auch wieder im Schlusssatz ihres „heiligen“ Gutachtens zusammengefügt. Dies alles werfen sie wie Netze über unsere Gesetze, das ständig neue juristische Sachverhalte produzierende Leben, ihr Arbeiten, ihr Denken, Sprechen und Schreiben und fangen darin alle, aber auch alle Fälle.

Die bestaunenswerte Fähigkeit aller guten Juristen ist es,

  • aus einem zwar riesengroßen, aber doch endlichen Reservoir an Gesetzen

  • unter Benutzung einer relativ kleinen Anzahl ewiger methodischer Regeln

  • eine unendliche Zahl von Fällen lösen zu können.

Diese Fähigkeit ist das wahrhaft Bewunderungswerte an den „Juristen“. Dieses Denken und Sprechen, diese verflochtenen Systeme und ihre alles steuernden Methoden verehren sie wie Götter in ihren „Gerichtstempeln“, Geschäftsstellen, Büros, Verwaltungsetagen und Kanzleien. Sie halten sie am Leben, um mit ihnen die Möglichkeit zu haben, auf den Willen Anderer Einfluss zu nehmen, was man herkömmlich als „Macht“ bezeichnet. Die Juristen achten in ihren geheimen Zirkeln wie Gurus peinlich darauf, dass kein Fremder ihre Systeme und ihre Methoden so schnell durchschaut, denn sie wissen: Wissen ist Macht.

  • Zum Dritten, dass sie dank ihrer wirklich schweren Examina durch eine Grenzerfahrung miteinander verbunden sind, die durch Unsicherheit, ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertsein und der Unterlegenheit gekennzeichnet ist. Die traumatisierenden gemeinsamen Examenserfahrungen schmieden die professionelle Einheit zusammen, stiften Identität und ermöglichen eine recht wirksame soziale Grenzziehung von Zugehörigen und Nichtzugehörigen zu der Profession. Was diese juristischen Examina von anderen unterscheidet ist die Länge der Prüfungen, eine fehlende Abstufung und Abschichtung der Fächer, das Wissen der gesamten Ausbildung punktgenau in einer Woche (schriftlich) und an einem Tag (mündlich) abrufbereit zur Verfügung haben zu müssen, dadurch bedingt ständige Selbstzweifel und die Verkümmerung sozialer Kontakte während der intensiven und langen, ca. einjährigen Vorbereitungsphase allein für das 1. Examen. Die Examina sind prägende Lebensepisoden aller Juristen. Dadurch erfolgt die bedingungslose Identifikation mit der neuen Gruppe der Juristen und dem durchlittenen Ritual. Mitglieder der eben verlassenen Studenten- bzw. Referendargruppe sollen gleichfalls durch diese harte Schule gehen müssen, die rückblickend als „lehr- und erfahrungsreich“ betrachtet und als prägendes Erlebnis verbucht wird. „Die sollen am Abstraktionsprinzip genauso kauen, wie wir es auch mussten!“

Im öffentlichen Ansehen ist das Berufsbild der Juristen nicht einheitlich.

Einerseits gelten die Juristen als

  • autoritätshörig, weil sie immer von der Autorität „Gesetz“ abhängig seien,

  • haarspalterisch, weil sie einem das Wort im Munde herumdrehen könnten, was sie bei ihren Gesetzesinterpretationskunststücken und Argumentationstricks geübt hätten,

  • wertfrei, weil sie sich jedem neuen Gesetz schnell anpassten, ohne Moral, Kultur, Religion oder Parteigrundsätze zu achten,

  • pessimistisch, weil sie immer schon den Konflikt mit Gegner und Gesetz antizipierten und bei Verträgen immer an das Scheitern statt an den Bestand dächten,

  • arrogant, weil sie ständig alles besser wissen wollten.

Andererseits sagt man ihnen genau das Gegenteil nach, sie seien

  • gesetzestreu, weil sie sich an Recht und Gesetz ausrichteten,

  • gute Rhetoriker, weil sie gelernt hätten, ihren Standpunkt und den des Gesetzes zu vertreten und argumentativ zu verteidigen,

  • neutral, weil sie keiner Instanz unterworfen und nur der Freiheit des Einzelnen und dem Gesetz verpflichtet seien,

  • optimistisch, weil sie wüssten, dass das Gesetz Freiheit, Recht und Gleichheit im Einzelfall immer schaffen könnte,

  • arrogant, weil sie zwar die Besser- und Bescheidwisser seien, aber nur deshalb, weil sie nun einmal aufgrund ihrer Gesetzeskunde besser Bescheid und vieles besser wüssten.

Wie man ein solcher Jurist wird? – Ganz einfach! Als Jurastudent durch ein Jurastudium an einer Universität oder einer Fachhochschule für Rechtspflege.

Zur Aufmunterung: Juristische Berufe sind „globalisierungssicher“. Deutsches Recht lässt sich nicht nach China auslagern, und indische Juristen können kein deutsches Recht.

Wie kann ich feststellen, ob ich für Jura geeignet bin?

Von bösen Zungen wird der juristische Erstsemesterhörsaal oft als Biotop für Studenten bezeichnet, die nirgendwo wirkliches Talent hätten, die nichts Besseres vorhätten, Party machen wollten oder von Mama und Papa hierein gesetzt worden wären. Okay, es gibt keine typisch Berufenen, kein Schulfach „Jura“ und keine absoluten Alleinstellungskriterien, um die Begabung für die Juristerei exakt beurteilen zu können. Aber es gibt einige Indizien. Die jungen Studenten wissen zu wenig bis nichts über ihre Eignung für das Jurastudium. Was sind Ihre Stärken für Jura, was Ihre Schwächen?

Und jetzt checken Sie sich einmal! Es sind acht Eignungskriterien, um eine Vorhersage für Ihr Jurastudium treffen zu können. Eine Prognose (ja, ja ihr ständiger Begleiter ist der Irrtum, ich weiß) ist immer gewagt, denn sie ist eine Mischung aus Erfahrungswerten, gesundem Menschenverstand und Wunschdenken. Trotzdem ist sie ein wertvoller und notwendiger Eckpfeiler für Ihre juristische Zukunftsplanung.

  1. Schulische Voraussetzungen

In einer einschlägigen Studie des Landesjustizprüfungsamtes München wurde vor Jahren einmal versucht, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Abiturnoten und Examensergebnissen des ersten juristischen Staatsexamens aufzuzeigen. Prämisse war die Annahme, dass spezielle Noten in bestimmten Fächern für ein juristisches Studium besonders bedeutsam sind, dass es also schulische Noten-Markierungen auf dem Weg zum Juristen gibt. Die Fächer sind: Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen.

Was liegt dieser Annahme zugrunde?

  • Die Fähigkeit zum abstrakten logischen Denken wird in der juristischen Ausbildung immer in besonderem Maße gefordert (Mathematik).
  • Die Fähigkeit, sich in der Juristensprache klar, verständlich, knapp, präzise und orthografisch und grammatikalisch sicher auszudrücken, „Fälle“ vernünftig aufzubauen und zu gliedern, Gedanken stringent zu entwickeln, ist bei der gutachtlichen Fallbearbeitung im Jurastudium gefordert (Deutsch).
  • Die Fähigkeit, Gedanken aus der eigenen Sprache zutreffend und unzweideutig in eine andere Sprache, die Juristensprache, zu übertragen – und umgekehrt -, erfordert sprachliches Einfühlungsvermögen und Phantasie, Fähigkeiten, über die ein Jurist ebenfalls verfügen muss. Die Umsetzung der Gesetzessprache in die Alltagssprache und der Alltagssprache in juristische Gutachten, Hausarbeiten, Referate, später in Relationen und Urteile, Schriftsätze und Anklagen, ist in der Tat ein mit der Fremdsprachentechnik vergleichbarer Vorgang (Fremdsprachen).

Die Ergebnisse der Studie waren verblüffend: Je schlechter die Abiturnote in den erwähnten Fächern war, desto länger war die Studiendauer und um so höher war die Misserfolgsquote (die Abbruchquote wurde zwar nicht untersucht, würde die Prämisse aber mit Sicherheit ebenfalls bestätigen).

Natürlich wäre es Unsinn, wenn Sie jetzt Ihr Abiturzeugnis zur Hand nähmen und die entsprechenden Noten aufaddierten, um sich anschließend als hoffnungslosen oder hoffnungsvollen Fall einzustufen. Man sollte aber die Tendenz ernst nehmen. Die Korrelation von guten mathematischen und herausragenden juristischen Leistungen ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Auch sprachliche, rhetorische Ausdrucksfähigkeit, Grammatik, Orthographie, Darstellungskunst, Diktion, Stil und Form nehmen einen immer höheren Stellenwert bei der Beurteilung juristischer Arbeiten ein. Sprache ist und bleibt nun einmal das Medium jedes Juristen, manche sagen die „Waffe“ des Juristen für seine Argumentationskünste.

2. Juristische Intelligenz

Einer der umstrittensten Begriffe in der Psychologie, Didaktik und Pädagogik ist „Intelligenz“, und ebenso umstritten ist die Brauchbarkeit von Intelligenztests. Intelligenz lässt sich allgemein als „Fähigkeit zum Problemlösen“ definieren.

Etwas salopp:

  • Ein intelligenter Mensch ist ein Mensch, der (schnell) sieht, was Sache (Problem) ist, und dem (schnell) einfällt, was jetzt zu tun ist (Problemlösung) – und dabei meist Erfolg hat.

  • Übertragen auf einen Jurastudenten: Ein Jurastudent ist ein Mensch, der (schnell) sieht, wo das Problem im Fall steckt und dem (schnell) einfällt, wie das Problem juristisch zu lösen ist – und dabei gute Noten schreibt.

Als Fremdwort bedeutet Intelligenz ganz allgemein: rasche Auffassungsgabe, Klugheit, geistige Begabung, Verstandeskraft und leitet sich ab von lat.: intelligentia, d.h. Einsicht, Verständnis. Soweit besteht Einigkeit in der Fachwelt. Streit besteht allerdings darüber, ob sie angeboren oder erworben ist und ob und wenn ja, mit welchen Verfahren man diese Eigenschaft des Menschen zu messen in der Lage ist.

Gibt es eine juraspezifische Intelligenz, die mit der allgemeinen Intelligenz korrespondiert? Die sehr große Anzahl vorliegender abstrakter theoretischer Definitionen der Intelligenz sollte nicht hindern, dem Begriff für die Juristerei eine mehr pragmatische Zuschreibung zu geben. Es ist nämlich zu fragen, ob die juristische Intelligenz überhaupt ein stabiles Merkmal ist (Macht der Gene) oder sie sich nicht vielmehr durch die kumulative Wirkung von juristischer Lernerfahrung, durch die Entwicklung effektiver Lernstrategien und durch die richtige Abfolge der juristischen Lerninhalte steigern lässt, ob also die juristische Intelligenz nicht von Lernprozessen abhängig ist (Macht des Lernens). Juristische Intelligenz ist dann nicht nur Voraussetzung für das Studium, sondern mehr dessen Ergebnis. Kurz: Das ganze Jurastudium ist ein einziger Intelligenztest! Und anders als bei der allgemeinen Intelligenz ist diese juristische Intelligenz auch klar messbar: durch die Noten im Examen!

Die innerhalb der juristischen Ausbildung Erfolgreichen verfügen jedenfalls gemeinsam über vier ganz bestimmte Fertigkeiten:

  • Es ist die Fertigkeit, abstrakte oder konkrete Probleme in Gestalt komplexerer Lebenssachverhalte (Klausur) unter Zeitdruck lösen zu können und damit eine schnelle Bewältigung neuer Fallkonstellationen zu ermöglichen. (What is the problem? What is to do?)
  • Es ist die Fertigkeit zu optimaler Wissensaneignung. Das bloße Herumprobieren und das herumstochernde Lernen an sich zufällig einstellenden Erfolgen wird damit minimiert, wenn nicht erübrigt. (Keine bloße Trial-and error-Methode)
  • Es ist die Fertigkeit, juristische Systeme und übergreifende Sinnzusammenhänge assoziativ zu erfassen, anzuwenden, zu deuten und selbst herzustellen. (Nennt man klassisch juristisches Verständnis)
  • Es ist die Fertigkeit, die Sekundärtugenden von Disziplin, Fleiß und Geduld für den Studienalltag aufzubauen. (Nennt man gehoben Dekomposition der Sekundärtugendresistenz)

Die Schmitz hat eine Super-Klausur geschrieben! Intelligentes Mädchen!“ ist eine diskriminierende Verallgemeinerung, ihre hart erarbeiteten juristischen Fähigkeiten zu genetischen Gaben zu degradieren. Nicht allein ihre Intelligenz hat die Klausur geschrieben, sondern, und vor allem, ihr Fleiß, ihre Begabung und ihre Disziplin.

Und das kann fast jeder Abiturient schaffen, denn es geschieht (fast) ausschließlich durch Training.

3. Bestimmte Interessen und Vorlieben

  • Viele Juristen haben in ihren Berufen Verantwortung für Staat und Gesellschaft. Wer glaubt, ihn gingen die öffentlichen Belange nichts an, sollte sich nach einem anderen Studium umsehen. Unpolitisch, ahistorisch, uninteressiert sind juristische Antieigenschaften.

  • Ein wenig Sinn für Recht und Gerechtigkeit, ein Interesse an Fragen nach Freiheit, Staat, Gemeinwohl und Ethik sollte man schon mit in das Studium bringen, auch wenn man deren Kern noch nicht erfasst, aber doch erahnt. Mit dem kühnen Griff zu Recht und Gerechtigkeit müsste ein Studium beginnen – und … enden. Dazwischen liegen viel Lust und Frust an juristischer Handwerkskunst.

  • Da es ein Jurastudent, wie später der Jurist, sein ganzes berufliches Leben lang, mit Rechtsfällen zu tun hat, muss er ständig Entscheidungen treffen. Dass es von den vier Möglichkeiten: „Ja“ – „Ja, aber“ – „Nein, aber“ – „Nein“ nur noch „Ja“ oder „Nein“ gibt, beruhigt nur auf den ersten Blick. Denn eine davon muss er wählen. Wer sich gern um Entscheidungen drückt, wird es als Jurist nicht sehr weit bringen.

  • Ganz entscheidend ist die Lust zum logischen Denken. Bei jedem noch so kleinen Rechtsfall muss der Jurist den Sachverhalt zum einen in einem logisch geordneten, methodischen Verfahren zum Gesetz in Stellung bringen (nennen wir später Subsumtion) und dabei zum anderen in einem erneuten logisch geordneten, methodischen Verfahren (nennen wir später Gutachten) logische Schlüsse ziehen. Man muss ein Interesse am Knobeln und Tüfteln, eine Neigung zum Grübeln und Klügeln haben.

  • Die Sprache ist ein wichtiges Instrument der Juristerei: Der Jurist muss vortragen, begründen, plädieren, Gesetze allgemeinverständlich machen, streiten, Recht behalten wollen, diskutieren. Wer mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht, wer bei Fachdiskussionen Langeweile verspürt, Argumentieren hasst, Rhetorik als Rabulistik verteufelt, sollte von Beginn an ein anderes Pferd satteln oder … schnell umsatteln.

4. Handwerkliche Fertigkeiten

Gute Juristen verfügen über eine Freude an den handwerklichen juristischen Fertigkeiten. – Handwerk? In den USA herrschte bis 1870 ein erbitterter Kampf um die Fragen: „Wie lehrt man Recht am besten?“ – „Wie, von wem und wo werden Juristen am besten ausgebildet?“ Bis zu diesem Zeitpunkt galt Jura in Amerika als ein Handwerk – „Law is a craft“ – und also in Universitäten „theoretisch“ schlicht nicht erlernbar und folglich nicht lehrbar, vielmehr ausschließlich „praktisch“ vermittelbar in einer Lehre bei einem Rechtsanwalt. Erst allmählich setzte sich in der Eliteuniversität Harvard der kontinentaleuropäische Gedanke durch (Exportschlager war zu dieser Zeit die deutsche Universitätsverfassung), dass Jura eine Wissenschaft sei (was das ist, sehen wir gleich) und von den praktischen Lehrwerkstätten der Kanzleien in die wissenschaftlichen Lehrwerkstätten der Universitäten verlegt werden müsse. Aber egal! Ob Lehre oder Studium, immer bleibt das wesentliche Werk der Juristen der zu lösende „Fall“, und der muss auch handwerklich bearbeitet werden mit den Werkzeugen der Gesetze, den Instrumenten der Methoden und der Arbeitshilfe der Sprache. Das Zusammenspiel von Gesetz und Fall löst der Jurist, indem er

  • aus einer endlichen Menge von Gesetzen (das ist das juristische Material)

  • mit Hilfe weniger handwerklicher Methoden (das sind die juristischen Kopfwerkzeuge)

  • eine unendliche Menge von Sachverhalten (das ist das lebendige Material)

  • mit seiner geschulten Sprache (das ist die juristische Diktion)

bewältigt. Die Lösung des Falles ist dann das juristische Werk. Der Jurist ist einerseits ein „Sprachwerker“, andererseits ein „Methodenwerker“. Sprache und Methode sind nichts weiter als juristische „Werkzeuge“ zur „Bearbeitung“ von Gesetzen und Lebenssachverhalten (Fällen). So wie es für die unterschiedlichen handwerklichen Gewerke „Hand“-Werkzeuge gibt, so gibt es für die juristischen Gewerke „Kopf“-Werkzeuge zur Anwendung und Auslegung von Gesetzen und zur praktischen Fallbearbeitung. Hier nennt die Wissenschaft sie nur hochfliegend Methoden. Man muss als Jurist folglich eine Liebe zum Handwerklichen, zur Konstruktion, zur Genauigkeit und zum Tüfteln mitbringen.

Die handwerkliche Aufbereitung des abstrakten Gegenstandes „Gesetz“ und des konkreten „Falles“ auf der einen Seite und ihre konkrete methodische Gegenüberstellung im „Gutachten“ durch die handwerkliche Operation der „Subsumtion“ auf der anderen Seite sind eine juristisch-handwerkliche Kunstfertigkeit. Je besser das Handwerk gelernt ist, desto leichter fällt Ihnen der Weg zum Erfolg. In der juristischen Ausbildung geht es nun einmal immer und immer wieder um Falllösungen, also um die Anwendung, Auslegung, Erklärung von Gesetzen und die Unterordnung unter Gesetze, schlicht – den Umgang mit Gesetzen einerseits und Sachverhalten andererseits. Dieses ewige Spiegeln des Lebensausschnitts im Gesetz, dieses Spiel mit der Subsumtion bewältigt man nur mit dem gekonnten Handwerk des fallorientierten, beispielorientierten und gesetzesorientierten Arbeitens. Das muss man können und mögen!

Alles globale juristische Wissen im Kopf nützte letztendlich nichts, wenn es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt fallbezogen umgesetzt und handwerklich sauber lokal angewendet werden könnte. Wer sich auf das Jurastudium einlässt, wacht eben schnell in Klausurensälen wieder auf. Jede „Klausuren- und Hausarbeitsteufelei“ findet ein jähes Ende, wenn man das Handwerk des Klausuren- und Hausarbeiten-schreibens gelernt und verinnerlicht hat. Insbesondere das muss man können und mögen!

5. Ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale

Wie jemand studiert, wird auch durch seine Persönlichkeit bestimmt. Studieren findet immer im Rahmen der Persönlichkeit des Jurastudenten statt.

  • Gesucht ist eher der lebhafte Sanguiniker als der träge Phlegmatiker oder der trübsinnige Melancholiker,

  • eher der auf die Außenwelt gerichtete Extrovertierte als der scheue, zurückgezogene Introvertierte,

  • mehr der Gewissenhafte als der leichtsinnig Sorglose

  • und ganz besonders der offene, breit interessierte, wissbegierige, geistreiche, einfallsreiche, erfinderische Jurastudent. Weniger erfolgreich ist der ängstliche, entscheidungsschwache, verschlossene, nur einseitig interessierte, verzagte, sich häufig selbst bemitleidende Student.

  • Ein gewisser Erlebnishunger nach Neuem und Neuartigem (Neugier) sollte ihm ebenso zu Eigen sein wie eine Empfänglichkeit für Lern- und Studienerfolge (Ehrgeiz), ein entsprechendes hohes Durchhaltevermögen (Geduld) und eine starke Resistenz dieser Eigenschaften gegen eine Löschung durch Misserfolge, gegen ein Aufgeben, wenn sich der Erfolg nicht einstellt (Frustrationstoleranz)

  • Ganz entscheidend für das Jurastudium ist aber der angesprochene Hang zu den Sekundärtugenden: Fleiß, Ordnung und vor allem Disziplin.

6. Lust am Argumentieren

Zu einem Großteil besteht professionelle juristische Arbeit aus Argumentieren (lat.: argumentum, stichhaltige Entgegnung, Beweisgrund):

  • Argumentieren, um Streit zu schlichten

  • Argumentieren, um einen Streit anzuheizen

  • Argumentieren, um einen Angeklagten zu entlasten

  • Argumentieren, um einen Angeklagten zu belasten

  • Argumentieren, um eine Forderung durchzusetzen

  • Argumentieren, um eine Forderung abzustreiten

  • Argumentieren, um ein Gesetz zu verteidigen

  • Argumentieren, um ein Gesetz anzugreifen

  • Argumentieren, um einer Mindermeinung zur Mehrheitsmeinung zu verhelfen

  • Argumentieren, um den Angriff einer Mindermeinung abzuwehren

  • Argumentieren, um ein Urteil zu begründen

  • Argumentieren, um ein Urteil zu Fall zu bringen

Aber nicht erst der Berufsjurist wird mit der Argumentationskunst konfrontiert, sondern schon der Jurastudent wird dazu herausgefordert. Daran sollten Sie Spaß haben. Das Argumentieren stellt den Höhepunkt jeder juristischen Tätigkeit dar. Es spielt im Jurastudium eine entscheidende Rolle.

7. Sie sollten Gefallen am Denken finden.

Denken bedeutet, geistig zu arbeiten. Juristisches Denken entsteht aus der Beziehung zwischen Gesetz und Fall und aus der Reflexion über das Gesetz. In der Juraausbildung kommt es zu einer Menge juristischer Denkableitungen. Ich führe sie Ihenen einmal vor:

  • Durchdenken: Das systematische Durchdringen und Ergründen juristischer Institute, Gesetze und Netzwerke.
  • Eindenken: Die forschende, neugierige Arbeit am Anfang eines zu erarbeitenden Falles mit einem Schuss von Motivationsfunktion.
  • Erdenken: Die Aufgabe, Assoziationsketten zu knüpfen, Baumdiagramme zu entwickeln und Kreativität zu entfalten.
  • Herausdenken: Der Mut, eingefahrene juristische Wege zu verlassen.
  • Hineindenken: Das Einbuchstabieren in juristische Probleme sowie das Einfühlen in juristische Autoritäten.
  • Mitdenken: Die notwendige überlebenswichtige, begleitende Tätigkeit beim „Vorlesen“ des Dozenten oder beim „Selbstlesen“ der juristischen Autoren.
  • Nachdenken: Der Vorgang des schleichenden Nachgehens schon durch Gerichte und Wissenschaftler vorgedachter juristischer Gedanken.
  • Querdenken: Die innovative, Alternativen suchende, kreative Fähigkeit, juristisch Neues im juristisch Alten zu finden.
  • Teildenken: Die Fähigkeit, juristische Systeme zu reduzieren und die Einzelteile wieder zu synthetisieren (Puzzle-Technik).
  • Überdenken: Die sinnierende Arbeit am Ende eines Erarbeitungsabschnitts mit einem Schuss von Sicherungsfunktion.
  • Umdenken: Das Übersetzen fremder juristischer Gesetzes-, Literatur- und Rechtsprechungstexte in die eigene Sprachwelt.
  • Vorausdenken:

Das planmäßige, zeitlich und räumlich organisierte und systematische Herangehen an die juristischen Arbeiten.

  • Weiterdenken: Das Schließen von Gesetzeslücken auf der Fährte der Analogie, des Umkehrschlusses und der teleologischen Reduktion.
  • Zerdenken: Das immer wieder neue Sezieren der Gesetze in ihre Konditionalprogramme und das Herausstanzen der Tatbestandsmerkmale und Rechtsfolgen.
  • Zurückdenken: Das reproduzierende Erinnern juristisch gespeicherter Stoffgebiete und das Memorieren gemachter Erfahrungen.
  • Zusammendenken: Das Zusammenstellen juristischer Einzelheiten zu einem juristischen Ganzen.

Laufen Sie nicht gleich weg! Es gibt Tausende von exzellenten Juristen, die über das viele „Geeignetsein“ und „Nichtgeeignetsein“ am Anfang genauso verzweifelt waren wie manch einer der Jurabeginner. Das nur zum Trost! Auch kann niemand einen mittelmäßigen Schüler hindern, ein exzellenter Jurastudent zu werden. Alle stehen am jurastudentischen Start unter den gleichen Bedingungen! Selbstdisziplin, Selbstschulung, Ausdauer, Ehrgeiz und konzentriertes Training sind für den Erfolg im Jurastudium bedeutsamer als (vermeintlich?) angeborene Eigenschaften oder Geeignetheiten, Intelligenz oder Nichtintelligenz. Und, ganz wichtig: Intelligenz, Begabungen, Fertigkeiten und Kompetenzen sind nicht stabil, sie wachsen! Und jeder Jurastudent kann von Beginn an aus dem etwas machen, was Umwelt, Erziehung und Schule schon aus ihm gemacht haben, jenseits aller Verdrängungen und Verklemmungen.

Und wann und wie stellt man seine „Ungeeignetheit“ fest?

  • Im 1., spätestens 2. Semester stellt man sie anhand seiner Selbstkritik und Reflexion hoffentlich noch selbst fest.

  • Im 4. Semester bei der Zwischenprüfung bekommt man sie festgestellt.

  • Im Examen ist es jedenfalls zu spät.

Warum scheitern so viele Jurastudenten bereits im ersten Semester?

Weil sie die 12 „Guten Gründe“ für ein Scheitern nicht zur Kenntnis nehmen.

Doch zunächst: Warum sollte es sich für einen jungen Jurastudenten überhaupt lohnen, sich mit „Guten Gründen für ein Scheitern“ im Jurastudium herumzuschlagen?

  • Vielleicht deshalb, weil man vom Scheitern lernen kann, wie man nicht scheitert?
  • Vielleicht deshalb, weil man nicht nach zwei oder mehr Semestern wieder da ankommen will, wo man aufgebrochen ist?
  • Vielleicht deshalb, weil einem dann die Not des deprimierenden „Sich-für-dumm-Haltens“ erspart bleibt?
  • Vielleicht deshalb, weil man vor Sinnfragen im Studium bis auf Weiteres sicher ist?

  • Vielleicht deshalb, weil sich dadurch ein „langer Wille“ konstituiert, um ein hochkomplexes Jurastudium über weite Zeitstrecken erfolgreich zu bestehen?
  • Vielleicht deshalb, weil man befähigt wird, ohne Angst, aber mit klarem Blick, den langen Marsch auf den entdeckenden Wegen der Juristerei und ihrer juristischen Denk- und Arbeitsweisen erfolgreich anzutreten?
  • Oder vielleicht deshalb, weil die Kenntnis über Maßnahmen zur Abwendung oder zumindest Eindämmung schwebender Scheiterungsgründe zu den studentischen Klugheitsregeln eines geglückten Juraeinstiegs gehören?

Vielleicht? – Nein, ganz und gar nicht vielleicht, sondern gerade deshalb!

Es gibt kaum ein Studium, ein studentisches Unterfangen, das mit so viel Erwartungen und Neugier begonnen wird und das mit solcher Häufigkeit fehlschlägt wie das juristische Studium. 60 % Abbrecher, 30 % Durchfallquote: In jeder anderen Fakultät würde man bei solchen Zahlen in der Luft zerlegt. In der juristischen nimmt man es einfach hin. Ein fahrlässiger bis leichtfertiger Umgang mit der Lebensplanung und der Lebenszeit junger Menschen.

Verkrampfen, verzweifeln, verzagen, verbeißen – scheitern. Traurige Studenten! Dabei handelt es sich meist um solche Studenten, die zu lang am althergebrachten, disziplinlosen Schul- und Studienschlendrian festhalten und die Kurve zum Studium nicht kriegen. Sie werden gleich einem steuerlosen Schiff – anfangs langsam, später immer schneller – vom Sog des Wasserfalls angezogen. Der Sturz über das Kliff ist das Ende einer hartnäckigen Resistenz gegen die Ursachen des Scheiterns. Wenn der Student sich dem Kliff dann bedrohlich nähert, ist es bereits zu spät. Es gibt „Gute Gründe“ für ein Scheitern schon gleich im Anfang des Jurastudiums. Ihre Existenz zu leugnen, hilft nicht über die Tatsache ihres Daseins hinweg. Aber wer die „Guten Gründe“ kennt, kann sie bekämpfen. In Ihnen darf das lähmende Gefühl, die Stufe der Inkompetenz, die zum Scheitern führt, erreicht zu haben, gar nicht erst aufsteigen.

Scheitern ist immer der Endpunkt einer Fehlerkette. Fehler sind durch das Nichterfüllen bestimmter Anforderungen gekennzeichnet. Man muss sich also von Anfang an mit den Anforderungen auseinandersetzen, die aus dem Umkehrschluss der 12 „Guten Gründe“ für ein Scheitern herrühren. Nehmen Sie das „Auseinandersetzen“ mit den „Guten Gründen“ ruhig einmal wörtlich. Setzen Sie jeden der nachfolgenden Punkte auf einen Stuhl und sich selbst gegenüber und schauen Sie das Gegenüber genau und abspeichernd an! Ich werde Sie an jeden dieser Gründe heranführen, damit Sie eine Grundimpfung gegen ein Scheitern mit auf Ihren entdeckenden Weg bekommen.

Eine allgemein anerkannte Formel für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ebenso wenig wie ein diesbezügliches „Jura-Gen“.

Jurastudentische Klugheit gibt es aber sehr wohl! – Was das ist? – Es ist das Vermeiden der folgenden 12 „Guten Gründe“ für ein frühes Scheitern im Jurastudium. Nicht mehr – und nicht weniger! Zeigen Sie Ihre Klugheit und bringen Sie die 12 „Guten Gründe“ jeweils in die Ich-Form mit zwölf Mal: „Ich nicht!“

  1. Der Student („Ich nicht“) leidet an der Unfähigkeit, die außergewöhnliche Komplexität des rechtlichen Lernspektrums zu reduzieren und immer wieder auf einfache Alternativen zurückzuführen. Die Reduzierung ist mitnichten eine Banalisierung der Juristerei, sondern die via regis. Dem schlechten Beispiel mittelmäßiger Professoren folgend, drängt er danach, die juristische Komplexität immer komplexer und verwirrender zu machen. Ein sicherer Weg zum Scheitern! Am Ende ist man nicht mehr in der Lage, irgendwelche entwirrenden Entscheidungsalternativen zu erkennen. Die juristische Welt ist mit wuchernder Komplexität überzogen.
  2. Der Student („Ich nicht“) hat die Neigung zur Beibehaltung bestehender, oft antiquierter, schulischer Wissensaneignungsverfahren, statt sich eine moderne, völlig neue Lernorganisation durch spezifisch-juristische Lernprozesse zu schaffen. Der Student scheitert am Übergang vom Schüler zum Jurastudenten, weil er zu lange an der ausgelebten Schülergestalt festhält. Man versucht, seine angelernten Schuleigenheiten von einem System ins andere mitzunehmen. Diese erweisen sich aber im Hochschulsystem als höchst unzuverlässig.

  3. Der Student („Ich nicht“) scheitert an dem notorischen Mangel von fundierter und vor allem fundierender Ausbildungsliteratur und didaktisch qualifiziertem Lehrpersonal. Am Anfang müssten die besten Professoren lehren, danach genügen auch die schlechteren. Der Student sucht sich die falschen Lehrmeister

  4. Der Student („Ich nicht“) strauchelt an der Schwierigkeit, den Nutzen von Vorlesungen und Lehrbüchern zu realisieren. Zu Deutsch: Der Dozent redet und schreibt vor sich hin und an den Studenten vorbei.
  5. Der Student („Ich nicht“) verinnerlicht nicht die Erkenntnis, dass nicht das Wort des Professors, sondern das des Gesetzes im Mittelpunkt des Interesses stehen muss. Die Primärliteratur ist das Gesetz, das A und O der Juristerei; alles andere ist Bei- und häufig genug Blendwerk. Der Student geht zu selten den Weg vom Gesetz zur Literatur, vielmehr zu häufig den in umgekehrter Richtung.
  6. Dem Student(„Ich nicht“) mangelt es an dem Bewusstsein, wie man mit juristischen Gesetzen umgeht und Probleme auseinandernehmen, strukturieren und Schwerpunkte setzen muss. Hinzu kommt eine unsystematische juristische Denk- und Arbeitsweise mit dem Gesetz und dem Fall. Er beherrscht seine Werkzeuge nicht.

  7. Dem Student („Mir nicht“) fehlt eine Studienstrategie in Form kurz-, mittel- und langfristiger Studien- und Lernziele. Eine dauerhafte Analyse und Planung (Strategie) und eine notwendige Priorisierung wird vermisst. Er findet keine Antworten auf die Fragen „Wie bewältige ich die Stofffülle?“ – „Wie organisiere ich mein Studium?“ und „Wie teile ich meine Zeit ein?“

  8. Der Student („Ich nicht“) scheitert an seiner Klausurentechnik. Es mangelt an der notwendigen Umsetzungskompetenz von globalem Wissen auf lokales Anwenden in Klausuren. Der Student hat nicht gelernt, wie er sein Wissen klausurentechnisch auf den Fall lenken muss. Ihm fehlt die Methode! Er kann sein „Schreibwerk“ nicht gut genug „verkaufen“. Will man in einer Klausur nicht scheitern, muss man zunächst das juristische theoretische Wissen in Inhalt und Umgang mit den Gesetzen erlernen, die Methoden ihrer Anwendung und Auslegung beherrschen. Das genügt aber nicht! Das wahre Können kennt nur einen Beweis: das Tun! Und das Tun besteht in der Juristerei in der Anfertigung von Klausuren und Hausarbeiten. Ich werde erst dann die juristische Klausuren-Kunst beherrschen, wenn ich die Ergebnisse meines theoretischen Wissens mit der praktischen Technik des Klausurenschreibens und des Hausarbeitenerstellens verschmelzen kann. Die „Theorie“ wird in der Vorlesung vermittelt, die „Praxis“ zu häufig mit „mangelhaft“ in der Klausur. Sie können noch so viel Wissen haben, wenn Sie es nicht in einer Klausur oder Hausarbeit zu Papier bringen können, werden Sie scheitern!

  9. Der Student („Ich nicht“) ist den Weg zur flüssigen Darstellung und zur überzeugenden Präsentation nie zu Ende gegangen. Sprachlosigkeit und Konturlosigkeit im juristischen Schreibwerk führen zu Erfolglosigkeit. Er ist zu wenig in der Lage, in Klausuren sein Wissen so aufzubereiten, dass es in „Form“ kommt und dem Korrektor gefällt.

  10. Der Student („Ich nicht“) fällt seiner Ignoranz gegenüber den überlebensnotwendigen Sekundärtugenden: Ordnung, Fleiß und vor allem Disziplin zum Opfer. Er weiß nicht, dass diese Sekundärtugendresistenz noch verheerendere Folgen hat als fehlende Intelligenz. Sekundärtugendgesteuerte Studenten sind erfolgreicher als die nur Intelligenten. Sich ausschließlich auf die Intelligenz zu verlassen, ist der verlässliche Ausgangspunkt des Scheiterns. Faulheit und Fleiß sind keine Eigenschaften, sondern Entscheidungen, die nur durch den Studenten selbst revidiert werden können durch bewusste Stärkung der Gegenkräfte.

  11. Der Student („Ich nicht“) merkt zu spät, dass die Anwendung des Gesetzes auch handwerkliche Tätigkeit ist und nur am Fall erfolgen kann. Das ewig wiederkehrende Spiegeln des Lebensausschnitts (Fall) im Gesetz, das methodische Spiel mit Gutachten und Subsumtion, Auslegungen und Definitionen, Analogien und Umkehrschlüssen kann der Student nicht mitspielen. Er scheitert im Chaos der methodischen Spielregeln.

  12. Der Student („Ich nicht“) schaut dem Korrektor niemals über die Schulter. Er gewinnt keine Klarheit über den Sinn der Leistungsnachweise und die Genealogie einer Note. Er entwickelt keine Vorstellungen über die Bewertungskriterien, die ent-„scheidenden“ Maßstäbe der juristischen Benotung.

Die traurige Erkenntnis einer Analyse dieser Scheiterungsgründe ist, dass an den meisten Gründen nicht nur der Student, sondern mehr die juristischen Fakultäten die Schuld tragen: Sie sorgen in der Studieneingangsphase nicht für eine tragfähige propädeutische Brücke zwischen Gymnasium und Jurastudium. Wir tun das!

Denn leicht wird man zum wehrlosen Opfer der Massenfakultät Jura, wenn man nicht schon im Anfang planerische Vernunft und kontrollierende Disziplin zu ihrem Recht kommen ließe. Die Axt der ersten Semester des Jurastudiums würde den Anfänger fällen, wenn er in seinem Studium nicht gut informiert und diszipliniert in einer selbstgegebenen Verfassung zu Werke ginge.

Ein wesentliches Merkmal des misslungenen Anfangs ist es, wenn der juristische Problemzuwachs schneller steigt als die juristischen Problemverarbeitungskapazitäten des Studenten. Eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten: Der Stoff bewegt sich viel schneller als das studentische Bewusstsein. Weite Kreise der jungen Juraeinsteiger sind deshalb gerade im Anfang ständig Misserfolgserlebnissen ausgesetzt. Sie verstehen wenig und werden mutlos. Hinzu kommt, dass die Anfänger sich meist selbst für dumm halten, so dass schwer verständliche, ja geradezu vorbeifliegende Informationen in Vorlesung und Literatur sie nicht nur nicht informieren, sondern darüber hinaus ihr Selbstwertgefühl beschädigen. Die „Lehrwerkstätten“ der juristischen Ausbildung lassen die Studenten nicht selten am Anfang ihres Weges mutterseelenallein. Sie setzen offenbar stillschweigend voraus, dass der Anfänger die juristischen Fertigkeiten „irgendwie“ von selbst herausbekommt, dass es ihm zufliegt, wie er seine Energie und Zeit im Umgang mit der juristischen Anfangsmaterie wirkungsvoll einsetzt. Die Verzweiflung wächst! Man scheitert! Das muss keineswegs so sein. Es ist eben nicht normal, nach dem 1. Semester überhaupt keinen Durchblick zu haben.

Was ändert sich auf Ihrem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten?

Alles! Nichts bleibt wie es ist! Vor allem Sie selber nicht.

Es stimmt schon: Jura ist ein hartes Studium. Ihre überschaubare Schülerwelt wird geflutet von einer zuvor nicht für denkbar gehaltenen Menge an Informationen und Möglichkeiten, die einfach stressen. Drei wichtige Stressoren muss kennen, wer es mit ihnen aufnehmen will!

1. Stressor: Das Notensystem

Juranoten sprechen für sich, aber nur wenn man deren Vergabepraxis kennt. In juristischen Prüfungen kann man bis zu 18 Punkte erreichen. Ab 4 Punkte gelten Klausuren als bestanden. Danach staffelt es sich: bis 6 Punkte „ausreichend“ (ca. 50 % aller Studenten), 7 bis 9 Punkte „befriedigend“ (ca. 30 % der Kandidaten) und von 10 bis 12 Punkte ein „vollbefriedigend“, eine Notenstufe, die fast alle anstreben, gerade noch erreichbar erscheint, aber nur von ca. 10 % tatsächlich erreicht wird. Darüber wird es extrem dünn: 13 bis 15 Punkte „gut“ (ca. 2 % aller Studenten), eine Bewertung, die nicht nur „gut“ ist, sondern „hervorragend“, 16-18 Punkte bleibt den Genies vorbehalten, 1 von 1000!!! Passen Sie auf: Wer diese Note erreicht, gilt als zumindest verhaltensgestört, wenn nicht schon als geistig behindert. Versuchen Sie einmal Ihren Mitabiturienten aus anderen Fakultäten klar zu machen, warum Sie jubeln bei 10 Punkten von 18. Abfälliges Abwinken erwartet Sie. Dieses Notensystem macht Stress: Die Erkenntnis, dass man voraussichtlich allenfalls mit „vollbefriedigend“ abschneiden wird, kränkt das von der Schule verwöhnte Ego und bedarf eines langen eingewöhnenden Denkprozesses. Ein ungesunder Noten-Konkurrenzdruck entsteht innerhalb der Kommilitonenschaft wie außerhalb mit Freuden. Diese Juranoten sind nämlich nicht vermittelbar.

2. Stressor: Die Stofffülle

Eine Unmenge von Stoff muss verarbeitet werden. Sie werden sehr bald zu der Erkenntnis kommen: „Ich werde niemals alles wissen können!“ Sie sehen es auf sich zukommen: „Es kann in den Klausuren alles dran kommen!“ Folge: Sie sind ständig unsicher. Das stresst ungemein!

3. Stressor: Der Vergleich

Irgendeiner ist immer besser, hat mehr Punkte in den Klausuren, vielfältigere Zusatzqualifikationen, bringt bessere „soft kills“ mit, ist weiter im Studium und hat schon Auslandssemester hinter sich. Diese Sorgen kennt jeder Jurastudent: Die Topleistungen des Mensa- oder Hörsaalnachbarn bereiten Stress. Sie kennen aber auch die wichtigtuerische Selbstreklame: „Meine Noten, meine Stärken, meine Scheine, mein Fleiß“.

Mit diesen stressigen Verunsicherungsfaktoren der Außenwelt müssen Sie umzugehen lernen und sich gegen sie wappnen. Wie? – Lesen Sie einfach weiter!

  • Abiturienten, die mit „Hurra!“ die juristische Ausbildung in Angriff nehmen wollen, sind zwar durch das Abitur akademisch geboren, aber noch nicht auf die juristische Welt gekommen. Unvorbereitet zu sein vor dem ersten Schritt in das Studium der Rechtswissenschaft, ist eines ihrer wesentlichsten Gattungsmerkmale. Der Übergang vom Schüler zum Jurastudenten ist nicht einfach ein bloßes Hinübergleiten von Schule zu Hochschule. Es handelt sich um etwas ganz Großes an der Schnittstelle zweier Lebensphasen: das zuversichtliche Hineingehen ins eigene Studium. Der Zustrom neuen Wissens im ersten Semester ist gewaltig. Sie haben die Lebensphase des Schülers verlassen und sind in die Lebensphase des Jurastudenten gewechselt. Sie werden in dieser „Bildungspassage“ zu einer neuen Person!

  • Der Start in das Jurastudium ist ein ultimativer Neuanfang. In der neuen Lebensphase soll alles besser laufen als in der grauen Vorzeit: Neue Freunde, viel Party, interessanter Lehrstoff, Autonomie und am besten weit, weit weg von Zuhause stehen ganz oben auf der Wunschliste. Alles Bisherige wird in einem Rundumschlag für diese Illusion gekappt: Der soziale Rückhalt durch den langjährigen Freundeskreis, die direkte Beziehung zu den Eltern und meist auch Großeltern, natürlich auch die gewohnte Umgebung. Ich möchte Sie vor einer jedenfalls unkontrollierten Flucht von zu Hause direkt nach dem Abitur warnen. Beim Wechsel auf die Hochschule auf den Heimvorteil zu verzichten, ist eine riskante Strategie und nicht immer die beste Wahl. Die wertvolle Anfangsemphorie vieler Erstsemestler verpufft schon beim Versuch, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, Orientierung in einer fremden Stadt zu finden und mit der „großen Freiheit“ zurecht zukommen. Die Energie der ortstreuen Studenten kann dagegen ohne Nebenkriegsschauplätze auf sicherer Alltagsbasis direkt in die schwierigen Anfangsgründe der Juristerei eingesetzt werden. Eine heimatnahe Ortswahl ist auch keine verspielte Chance auf die große weite Welt: Haben Sie sich in Stoff und Studium eingelebt, können Sie immer noch „ausziehen“.

  • Mit Ihrer juristischen Ausbildung beginnen Sie einen neuen, auf Jahre hin angelegten Lebensabschnitt. Die neue jura-studentische Lebensphase wird als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet sein. Die Zeit an der Uni ist eine der schönsten im Leben eines Menschen und man bekommt sie nie mehr zurück. Das Jura-Studium wird aber seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann gewinnen, wenn es sich auch wirklich auf Ihr Leben hin erfolgreich auswirkt. Wahrscheinlich wird es der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament.

  • Wenn Sie sich bewusst machen, mit welchen juristischen Mängeln ein Abiturient als hilfloser Anfänger in die neue Welt seiner juristischen Ausbildung hineingeboren wird, dann wird die ungeheure Bedeutung des juristischen Anfangs erst deutlich. Und welches Wissen und welche Erfahrungen erforderlich sind, um einer ersten juristischen Klausur erfolgreich zu trotzen. Noch fehlen die meisten derjenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kompetenzen also, die man für den juristischen Erfolg zur Verfügung haben muss. Gleichsam als Ersatz hierfür besitzt jeder Abiturient aber als „homo sapiens“ die unschätzbare menschliche Fähigkeit, lernen zu können. Er kann sein Verhalten jeweils den neuen Erfordernissen und Herausforderungen der Umwelt, d.h. jetzt konkret seiner juristischen Ausbildung, anpassen, um ein guter Jurastudent zu werden.

  • Ihr juristischer Wissens- und Problemzuwachs in Vorlesungen und Einführungsbüchern wächst schnell an. Er darf aber niemals schneller steigen als Ihre juristischen Problem- und Wissensverarbeitungskapazitäten. Es geht deshalb im Anfang vor allen Dingen darum, möglichst stufenweise methodischen und materiellen juristischen Sachverstand in Ihren Anfänger-Lern-Prozess einzubringen, um das notwendige juristische Denk-, Speicherungs- und Fassungsvermögen langsam aufzubauen, was notwendig ist, den Problem- und Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten. Später kann dann alles offen und weit werden, der juristische Geist von der Kette gelassen werden. Aber erst dann!

  • Lassen Sie sich bitte nichts von einem Jura-Gen erzählen, das man habe oder eben nicht habe! Eine angeborene Anlage für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ganz selten. Ungewöhnlich kluge und kreative Studenten haben einfach besser, disziplinierter, systematischer, geduldiger und fleißiger gelernt als die anderen. Sie verfügen schlicht über mehr erarbeitetes Wissen, Methodik, haben Falltraining und Systemkenntnis und den Mut, diese auch einzusetzen. Wissen, Systemkenntnis, Methodik und Übung teilen sich in die Klausurenherrschaft, und es gibt für Sie nur einen Weg zu ihrer Erkenntnis: Den Weg des ernsthaften Studiums von Anfang an. Der Mythos vom „Jura-Gen“ ist eine irrige Vorstellung. Jeder der beginnenden Abiturienten hat das Zeug, ein guter Jurist zu werden. Es fallen weit mehr Studenten einem schleichenden Niedergang der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin bis hin zum Scheitern zum Opfer als einer Minderbegabung für Jura.

  • Sie betreten den offenen Raum des Jurastudiums und müssen sich darin einquartieren. Sie müssen sich dabei in eine Ihnen noch weitgehend unbekannte studentische Existenz neu eingewöhnen. Sie müssen lernen, akademisch selbst zu gehen. Der Schutz der Lehrer und Eltern, der zwischen Ihnen und der äußeren Welt stand, fällt langsam weg. Auch akademische Freiheit muss man lernen!

  • Die neue Jura-Welt ist Ihnen fremd. Ihre immer wiederkehrenden Fragen: „Was ist das für ein Gesetz?“ – „Was ist das für ein Fall?“ – „Wie bringe ich die beiden in Einklang?“ sind die Fragen Ihres Fremdseins. Sie sollten behutsam aus Ihrer schulischen Anschauungswelt durch befähigte, Vertrauen und Zutrauen spendende Instanzen in Lehre und Literatur in das neue Fremde geführt werden. Suchen Sie sich solche Lehrmeister!

  • Sie haben längst entdeckt, wie Sie sich als Individuum von den anderen unterscheiden. Die Verletzlichkeit Ihres jungen Selbstgefühls, die übersteigernde Selbstbetonung, das Misstrauen gegen das, was andere sagen, bloß weil es andere sind, haben Sie längst abgelegt. Noch nicht entdeckt haben Sie, als die neue Person „Student“ in studentischer Freiheit und Selbstverantwortung dazustehen und ein eigenes Urteil über Ihre neue studentische Welt und Ihren eigenen Stand in ihr zu gewinnen. Sie werden diesen festen Stand bald finden, indem Sie beginnen, in Ihrer neuen Jurawelt Ihr erfolgreiches studentisches Werk zu tun.

  • Sie dürfen nicht der Gefahr unterliegen zu meinen, für Sie sei die studentische Welt unendlich offen, Ihre junge Vitalität sei unbegrenzt. Manchmal fehlt Ihnen noch die Kenntnis der Zusammenhänge, der Maßstab für das, was man selbst kann, aber auch der für das, was andere können. Es fehlt das Wissen von der ungeheuren Zähigkeit der Trägheit des Studenten und vom Widerstand, den die Trägheit dem Willen zum Studium entgegensetzt. Sie werden bald entdeckt haben, wie man der Gefahr widersteht, sich in Fleiß und Disziplin zu überschätzen, sich zu täuschen, seinen Willen zum Studium mit der Kraft seiner Durchsetzung zu verwechseln. „Ich will das!“ heißt noch lange nicht „Ich kann das!“

  • Sie werden schnell begreifen, dass Ihre neue Lebensphase als Jurastudent bestimmt wird durch eine ganz neue Wertmitte, eine alles beherrschende Dominante. Diese Dominante ist das disziplinierte, organisierte und planmäßige Lernen. Das Wort „Lernen“ ist schnell gesagt, aber sehr reich an Inhalt. In gewisser Weise bedeutet es Ihre ganze studentische Betätigung. Das Problem des richtigen Einstiegs in die neue Jura-Welt ist eigentlich zunächst ein Problem Ihrer dozentischen Juravermittler. Studium aber bedeutet, dass es immer mehr zu Ihrem Problem wird. Der Dozent ist nur am Anfang der Sachwalter Ihres studentischen Anliegens, er kann Ihnen das Studieren nicht abnehmen. Sie werden Ihr juristisches Studium selbst in die Hand nehmen müssen. Da heißt es: Disco iura ergo studio iura, lat.: ich lerne Jura, also studiere ich Jura!

  • Eine der Schwierigkeiten des Übergangs vom Schüler zum Jurastudenten besteht in Ihrer inneren Unsicherheit, im Wissen und Doch-noch-nicht-Wissen, im Können und Doch-noch-nicht-Können. Der Übergang wird dann vollzogen sein, wenn Sie die nötige Erfahrung gesammelt haben, um mit juristischen Inhalten, fachlichen Kompetenzen und Falllösungstechniken juristisch zu denken, methodisch zu arbeiten und emanzipiert zu studieren. Dieser Übergang kann gelingen, aber auch misslingen. Ihr Schritt von der Schule zur Hochschule ist erst dann gelungen, wenn Sie eigene Erfahrungen in der neuen Welt gemacht, diese für sich ausgewertet und dann auch angenommen haben. Wenn Sie den realen Kontakt zum juristischen Studium gefunden haben. Wenn Sie zu würdigen wissen, wie eine wirkliche juristische Lernleistung aussieht und nicht nur eine phantasierte.

  • Zu Ihrem studentischen Wesensbild gehört der jugendlich-passionierte Elan des aufsteigenden Studiums. Die psychologische Wirkung dieses Elans, dieser Vitalität, ist das Gefühl unendlicher Möglichkeiten, das Vertrauen in das, was Sie sein werden und leisten und was das Leben Ihnen schenken mag. Dann aber tritt die jura-studentische Wirklichkeit allmählich ins Bewusstsein, vor allem dadurch, dass auch Misserfolge eintreten. Sie entdecken die elementare, aber anfangs nicht wahrgenommene Tatsache, dass die anderen Studenten ebenfalls ihr Können und ihre Fähigkeiten haben, dass sie ebenfalls vorstoßen in neue Räume und nicht bereit sind, sich von Ihnen übertrumpfen zu lassen. Sie entdecken, wie kompliziert die neue Jura-Welt ist, wie wenig Sie mit Ihrem Schulwissen durchkommen, es vielmehr häufig heißt: kenne ich nicht, weiß ich nicht, verstehe ich nicht; einerseits – andererseits; sowohl – als auch; jeder Fall ist anders. Sie erfahren, was die Vorbedingung für alles ist, was Jura-Studium heißt: Geduldiges Lernen und lernende Geduld.

Der erste Schritt zum erfolgreichen Wechsel hinüber zum Jurastudium fängt allerdings bei Ihnen selbst an: Sie sollten möglichst schnell den Entschluss fassen, von Anfang an etwas für Ihre juristisch-methodische Ausbildung zu tun. Dazu müssen Sie Ihren Gesichtskreis anfangs möglichst eng halten, innerhalb dessen sich jedoch die Grundstrukturen, Grundbegriffe und Grundmethoden der Juristerei deutlich und prägend beibringen (lassen). Erst wenn nichts Halbverstandenes oder Schiefverstandenes mehr vorhanden ist, dürfen Sie den Gesichtskreis allmählich erweitern, allerdings stets dafür sorgend, dass alles darin Gelegene richtig verarbeitet, verstanden und erkannt ist. Infolge dessen sollten Sie zwar anfangs die juristischen Stoffmengen beschränken, dafür aber die Methoden und Strukturen, die richtigen Strategien zum Lernen des juristischen Lernens und die ehernen Grundgesetze unserer Wissenschaft in Form von Gutachten und Subsumtion deutlich und fest in sich verankern. Nur dann bedarf das nach dem ersten Semester stets nur der Erweiterung, nicht aber ständiger Berichtigung!

Lassen Sie sich auf dem entdeckenden Weg in Ihre neue juristische Welt von niemand entmutigen. Jedem Anfänger präsentiert sich das Recht mit seinen Gesetzen und Methoden als uneinnehmbare Wehrburg, deren Mauern scheinbar keinerlei Eindringen erlauben. Wenn Ihnen aber auf wundersame Weise mit den „Waffen“ der juristischen Methodik, einer spezifischen juristischen Lernsystematik, einer Klausurentechnik, vor allem aber Ihrer Motivation der Zutritt gelungen ist, werden Sie die Erfahrung machen, dass die meisten Trakte der „Trutzburg Recht und Gesetz“ zwar hervorragend gebaut, aber durchaus „einnehmbar“ sind.

Ist der Erfolg im Jurastudium vorhersagbar? – Wenn Sie weiter mitmachen: Ja! Der Hoffnung, dass nicht allein dem Anfang, wie Hermann Hesse dichtete, „ein Zauber innewohne“, kann man optimistisch hinzufügen: Er wohnt, wenn der Student es klug anstellt, dem ganzen Jurastudium inne!