Warum besteht die Haupttätigkeit des Jurastudenten im Lernen?

Weil ein Prädikatsexamen als erfolgreicher Abschluss Ihres Jurastudiums ausschließlich die Summe Ihrer jurastudentischen erkenntnisgewinnenden Anstrengungen im Lernen ist. Und dieses Lernen will gelernt sein! Ob Sie Jura richtig lernen oder nicht, können nur Sie entscheiden. Man kann vieles ändern im Erlernen der Juristerei – und das werden wir auch gleich tun – die Tatsache des Lernens selbst allerdings nicht! Jura ist traditionell sehr lernintensiv. Die größte Idee dieses Studiums lässt sich eindeutig auf sechs Buchstaben reduzieren: L.e.r.n.e.n! Das fraglose Entgegennehmen fertiger Erkenntnisse in den Vorlesungen und aus den Lehrbüchern, das bienenfleißige Mit- und Herausschreiben gerade der Studenten der Anfängersemester, das Herumstochern im Nebel der Gutachten- und Subsumtionstechnik, die Aussage „Ich hab es ja gewusst, aber nicht gewusst, wo und wie und warum ich es in der Klausur unterbringen sollte“, dürfen gar nicht erst aufkommen. Von Anfang an muss diese Aufgabe des juristischen Lernens allerdings unter zwei Beschränkungen gelöst werden:

  • Erstens: Ohne entsagende Askese, denn der Weg der asketischen Entsagung ist für normalsterbliche Jurastudenten nicht begehbar. Zwar erfolgreich, aber nicht zu schaffen.

  • Zweitens: Ohne hedonistische Ausschweifung, denn der Weg des unbeschränkten Genusses führt schnurstracks ins jurastudentische Scheitern. Zwar zu schaffen, aber nicht erfolgreich.

Die Kunst des juristischen Lernens liegt zwischen beiden Extremen. Sie muss lehren, wie man ohne allzu große Entsagung und Selbstüberwindung und ohne nur den Genuss als ausschließliches Mittel für seinen Lebenszweck zu achten, den Weg in das juristische Lernen gehen kann, um für sich Lerntechniken und Lernstrategien für das Jurastudium zu entdecken. Stressfreies Jurastudium ist ein Hirngespinst! Lernen ist bei aller Freude immer auch anstrengend. Die Kunst Ihres Lernens muss darin bestehen, die Lernanstrengung nicht in einen übertriebenen Lernstress ausarten zu lassen, der nur lähmt und die Motivation vernichtet. Wichtig ist es, dass Sie gleich zu Beginn des Weges in die Juristerei die Lust zum Lernen gegen die Last des Lernens ankurbeln. Gelingt Ihnen das, dann sind Sie auch motiviert, und Sie werden aus sich selbst mehr machen als alle Lektionen, Dozenten, Kapitel und Vorlesungen aus Ihnen zu machen imstande sind.

Sie müssen den Mut haben, in der juristischen Lern-Welt sehr schnell zu sich selbst zu finden – durch Ihre eigene persönliche Lern-„Erfahrung“, also durch Ihr individuelles bewusstes „Erfahren“ der Lernwege zu einem mündigen „juristischen Menschen“ zu werden mit Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Die Förderung Ihres aktiven, primär selbstgesteuerten Studierens ist ein zentrales Anliegen von mir. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie juristische Problemfindungs-, Problemlösungs- und juristische Anwendungskompetenz gelernt werden können.

Sich Lern-Aufgaben und Lern-Tätigkeiten zu suchen, gelingt allerdings nicht jedem:

Dem Ersten fehlt es an Kraft, sich gegen die süße Versuchung der Trägheit anzustemmen.

Dem Zweiten gebricht es an der Gelegenheit, die ansprechenden und motivierenden professoralen und literarischen juristischen Lernmedien zu finden.

Dem Dritten mangelt es ganz einfach an Interesse, Fleiß und Disziplin, wie sie für ein erfolgreiches juristisches Lernen von Nöten sind.

  • Der Vierte hat nicht begriffen, dass die Entscheidung fürs Lernen gleichzeitig eine Entscheidung zu Lasten anderer Aktivitäten ist.

Lernen bedeutet nichts anderes, als zu bestimmten festgelegten Zeiten bestimmte Wissensgebiete zu erarbeiten, das juristische Wissen durch Wiederholung und Falltraining zu festigen, zu üben, sich selbst zu überprüfen und … besser zu werden (Feed-back-Schleife). Und das alles unabhängig von der eigenen Befindlichkeit, unabhängig davon, wie man „gerade drauf ist“. Es bedeutet ganz schlicht, das „Notwendige“ zu einer bestimmten Zeit sachgerecht, verantwortungsvoll, gut und aufmerksam zu tun. Die „Not“ ist Ihr juristischer Stoff, das „Not-Wendige“ ist dieses juristische Lernen! Wenn Sie Ihr Juragebiet immer besser beherrschen – und das wird nun einmal nur durch „Lernen“ gehen – macht es Ihnen auch bald Spaß. Das Lernen in der Juristerei wird dann von Ihnen nicht mehr als harte Last empfunden, die verlangt, sich selbst Gewalt anzutun, sondern mehr und mehr als Lust. Wichtig ist, dass Sie schnell Zutrauen zu Ihren eigenen Fähigkeiten, Ihrer Motivation, Ihrem individuellen Lernen, Ihrer Intelligenz, zu Fleiß, Disziplin und Ausdauer finden.

Wichtig ist auch, die juristische Welt nicht als Bedrohung, sondern als Stätte Ihres jurastudentischen Aufbruchs und bald Ihrer Erfolgserlebnisse in Klausuren zu begreifen.

Der Kluge tut deshalb gleich anfangs, was der Träge erst am Ende tut. Alle erfolgreichen Studenten tun dasselbe. Nur in der Zeit liegt der Unterschied. Der eine tut es zur rechten, der andere zur unrechten Zeit. Viele Studenten leben lieber in ihrem bekannten depressiven Unglück des Nichtlernens, als zu dem ihnen (noch) unbekannten Glück des erfolgreichen juristischen Lernens aufzubrechen.

Im ewigen Kontinuum von Ursache und Wirkung fühlt sich der Jurastudent, wie jeder Mensch, dann besonders unwohl, wenn er nicht mehr wegschauen kann und erkennt:

Das da bin ja ich! Und das ist, was ich tu! Und das ist, was ich nicht tue! Und wenn ich so weitermache, dann … “.

Wahrheiten, die Sie über Ihr Studium zu sagen versuchen, können allerdings nur das Produkt einer gewissenhaften Selbstprüfung sein.

Tja, sieht so aus, als könne man dagegen nichts machen! Sieht aber nur so aus! Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie zu einer kurzen Bestandsaufnahme den folgenden Selbsterkundungsbogen gewissenhaft auszufüllen (keine mehrfachen Ankreuzungen!).

Bestandsaufnahme über meine bisherige Ausbildung, mein Selbsterkundungsbogen

P u n k t e

4

3

2

1

1

Ich habe Schwierigkeiten, mit der Nacharbeit in Lehrbüchern und Skripten

überhaupt zu beginnen

immer

meistens

selten

nie

2

Das zeigt sich in Ablenkun- gen wie Tennisspielen, Stadtbummel, Musikhören, Cafébesuchen, Parties

oft

manchmal

kaum

fast nie

3

Ich erreiche beim Lernen das, was ich mir vorgenommen habe

nie

selten

häufig

meistens

4

In welcher Reihenfolge ich

arbeite, überlasse ich dem Zufall

immer

meistens

selten

nie

5

Der Zeitdruck in Klausuren macht mir zu schaffen

sehr

gelegentlich

kaum

überhaupt

nicht

6

Am Tag vor einer Klausur lerne ich

besonders

intensiv

etwas mehr

als üblich

gezielter

genau wie

sonst

7

Meine Schwächen in den einzelnen Fächern kenne ich

nicht

ungefähr

ziemlich genau

ganz genau

8

Vor Klausuren habe ich Angst

immer

meistens

manchmal

ganz selten

9

In der Klausur habe ich

Denkblockaden

fast

regelmäßig

kommt oft

vor

gelegentlich

kaum

10

Einen festen (Arbeits)Platz zum Lernen habe ich und sorge dafür, dass ich Ruhe habe

nie,

mal hier,

mal dort

manchmal

meistens

immer

11

Meine Mitschriften in der Vorlesung/Lehrgespräch sind

wertlos

kaum

lesbar

gut lesbar

brauchbar

12

Ich arbeite nach einem

täglichen Stundenrhythmus. Ich lege die Stunden, die ich täglich mit Lernen verbringe, durch einen Zeitplan fest

nie

sehr selten

regelmäßig

fast immer

13

Neben dem Studium jobbe ich

regelmäßig

häufig

gelegentlich

nie

14

Zu Bett gehe ich regelmäßig

nach 2 Uhr

nach 24 Uhr

nach 23 Uhr

vor 23 Uhr

15

Die erarbeiteten Themen

strukturiere ich (gliedere ich)

nie

selten

regelmäßig

immer

16

Als „Anschaulichkeitsmacher“ setze ich Baumdia-gramme ein

nie

kaum

manchmal

regelmäßig

17

Die 4 Teile eines Wochen-endes (Samstag 8-12; 14-18; Sonntag 8-12; 14-18) nutze ich zum Studium

gar nicht

allenfalls vor einer Klausur

zu 2/4

zu 1/4

18

Die Wochenenden stehen für Freizeit

genau

überwiegend

zur Hälfte

jeweils alle

4 Wochen

19

Bei der Erarbeitung des

Stoffes erkenne ich das

Wesentliche auf Anhieb

fast nie

sehr selten

manchmal

häufig

20

Ich versuche, Unbekanntes

mit Bekanntem zu vernetzen und stelle die Inhalte in einen Sinnzusammenhang

nie

selten

häufig

fast immer

21

Von dem Gelernten habe ich vieles nach einigen Tagen wieder vergessen

ja

oft

nur in einem Fach

nein

22

Ich mache genau festgelegte Pausen beim Lernen

nein

gelegentlich

oft

immer

23

Nach der Pause wieder

anzufangen, fällt mir

sehr schwer

schwer

nicht immer ganz leicht

leicht

24

Ich lerne mit Musik, Internet oder FS-Untermalung

immer

meistens

manchmal

nie

25

Aus der Vorlesung/dem Lehrgespräch lerne ich

überhaupt nicht

viel

häufig

kaum

26

Ich arbeite mit Kommilitonen zusammen und nehme mir auch die Zeit, mit ihnen zu diskutieren

nie

ganz selten

manchmal

häufig

27

Wieviel Spaß ich an einem Fach habe, hängt vom

jeweiligen Dozenten ab

nein

sehr stark

überhaupt nicht

etwas

28

In einem Gericht habe ich mich aufgehalten

noch nie

sehr selten

manchmal

öfter

29

Es gibt Studienfächer, für die arbeite ich gerne

kein einziges

eins

zwei

mehrere

30

Ich bin faul, und darüber

ärgere ich mich

nein

ich bin nicht faul

so ist es

manchmal

31

Wenn ich ein Thema verstanden habe, macht es mir Spaß

trotzdem

nicht

manchmal

immer

so ist es

32

Wenn ich ein Thema nicht verstanden habe, bemühe ich mich um den Durchblick. Mich verwirrende Stellen gehe ich erneut nach

nie

manchmal

öfter

regelmäßig

33

Eigentlich macht mir Jura Spaß

nein

manchmal

na ja

stimmt

34

Ich weiß, was ich mit Jura später anfangen werde

nein

ganz genau

so ungefähr

fast genau

35

Ich studiere Jura und weiß eigentlich nicht genau, warum

genau

frage mich oft, was soll das

ein bisschen stimmt das

stimmt nicht

Summe der angekreuzten Felder

Multiplikationsfaktor

x 4 =

x 3 =

x 2 =

x 1 =

Zwischenergebnis

Gesamtergebnis

Wenn Sie insgesamt zwischen 34 und 50 Punkten erreicht haben, macht Jura Ihnen Spaß und Freude, haben Sie keine echten Lernschwierigkeiten, und ich kann Ihnen nur raten: Machen Sie weiter, Sie sind auf dem richtigen Weg! Liegt Ihre Gesamtpunktzahl zwischen 115 und 136, können Ihnen meine Lern-Ratschläge kaum noch helfen. Ihr Einstieg in die Juristerei ist nicht gelungen! Sie müssen Ihr Studium von Anbeginn neu konzipieren, Ihr Lernverhalten völlig ändern, sich besser motivieren und vor allem: lernen wollen. Falls Ihr Gesamtergebnis zwischen 51 und 114 Punkten liegt, werden Sie sehr viel Nutzen aus diesem Buch ziehen können.

Es geht mit auch gar nicht so sehr um die Punkte. Wichtig ist, dass Sie beim Ausfüllen des Fragebogens festgestellt haben, wie Sie bisher gelernt haben. Sie wurden mit Ideen konfrontiert und haben reflektiert! Dadurch ist Ihnen klar geworden, woran Ihr Studium „krankt“, worin Ihre Unlust, Ihre Fehler, Ihre Fluchttendenzen aus den wahren Lernaktivitäten in Scheinaktivitäten möglicherweise begründet sind. Es nutzt kein allgemeines Lamento. Stattdessen die Ihnen durch den Fragebogen anempfohlene genaue Selbstanalyse, das schonungslose Beschreiben Ihrer Fehler und durch die in der Bestandsaufnahme „versteckten“ „Auf-die-Sprünge-Helfer“ gegebenenfalls ein Umsteuern Ihres Lernens.

Denken Sie daran: Wer A, wie Jurastudium, sagt, der muss nicht B, wie Weitermachen, sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war. Jetzt, im Angesicht des Selbsterkundungsbogens, stellt sich spätestens die Frage nach A und B und, wenn B, dann nach der Optimierung Ihres juristischen Lernens. Die Antwort beginnt mit der ehrlichen Einsicht in Ihre eigene Begrenztheit oder in Ihre vielleicht nach oben offene Unbegrenztheit. Und: einem gesunden Misstrauen oder aber Vertrauen in Ihre eigene Disziplin und Ihren eigenen Fleiß.

Die Schicksalsfrage des Jurastudenten scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es seiner Studentenkultur möglichst frühzeitig gelingt, der Störung seines Studiums durch Trägheit, fehlende Lernfähigkeit und Lernbereitschaft, einer widerstrebenden Motivation und einer „Sekundärtugendresistenz“ gegen Fleiß, Ordnung und Disziplin zu erkennen und ihr Herr zu werden. Des Studenten anhänglichstes Haustier ist nicht die Katze, sondern der innere Schweinehund, neben dem beißenden Gewissenswurm.

Ein kluger Italiener (Pareto mit Namen) hat vor ca. 150 Jahren die ökonomische 20:80-Regel aufgestellt. Sie besagt zweierlei:

  • Positiv: 20 % des Aufwandeinsatzes für eine 100 %-Sache reichen schon für 80 % des Weges zum vorgenommenen Ergebnis.

  • Negativ: Um die restlichen 20 % des Weges zum vorgenommenen Ergebnis noch zu erreichen, muss man 80 % des Aufwandes einsetzen. (Daraus folgt die Volksweisheit: Das Ende trägt die Last.)

Also ran an den Weg zum „Juristischen Lernen“. Mit den ersten 20 % fangen wir an, um den Rest kümmern Sie sich später.

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