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Was Rechtswissenschaft bedeutet?

Bekommt man es wie Sie mit der Rechtswissenschaft zu tun, können damit drei verschiedene Dinge gemeint sein, durch die wir jetzt gemeinsam durch müssen:

1. Rechtswissenschaft heißt zunächst das Resultat wissenschaftlichen juristischen Arbeitens.
Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Tätigkeit schlägt sich dann in schriftlicher Form, z.B. in juristischen Aufsätzen, Büchern, Zeitschriften und Urteilskritiken nieder. Bei uns heißt das Resultat „Die juristische Literatur“ und findet sich seriös in den Bibliotheken der Unis und Gerichte wieder.

2. Rechtswissenschaft bezeichnet aber auch die organisatorische Zusammenfassung von lehrenden Personen (Jura-Dozenten und Jura-Professoren), lernenden Personen (Jura-Studenten) und Institutionen (juristische Fakultäten an Universitäten, Fachhochschulen, Institute).
In der Alltagssprache findet man die Aussage: „Es ist Aufgabe der Rechtswissenschaft …“. Diese Art der Rechtswissenschaft teilt sich in zwei Bereiche:
Zum einen das Sammeln, Vergleichen, Auswerten und Verwerfen von juristischem Wissen und seine didaktisch geschulte Weitergabe an die Jura-Studenten – also Sie (juristische Lehre).
Und zum anderen das Erschließen neuen theoretischen oder empirischen juristischen Wissens, das Vergleichen mit altem und benachbartem juristischem Wissen und die kritische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung. Hier ist die Jurisprudenz auf Erkenntnissuche (juristische Forschung).
Beide Teilbereiche sollten von jeder rechtswissenschaftlichen Hochschule gleichermaßen (!) bedient werden. Werden sie aber nicht, da die Forschung zu stark die Lehre dominiert!

3. Rechtswissenschaft ist aber vor allem die Tätigkeit wissenschaftlich-juristischen Arbeitens. Darunter versteht man alle Bemühungen, um in organisierter, methodisch abgeleiteter Form systematisch Kenntnisse über „Gesetz und Recht“ zu sammeln, zu erforschen und auszuwerten. Dazu gehört das Erarbeiten eines vorgefundenen Stoffgebietes, wie bei uns das Recht und das Gesetz. Dazu gehört aber auch die kritische Auseinandersetzung mit den Aussagen und Ergebnissen dieser Disziplin – etwa denen der Rechtsprechung und juristischen Literatur – und schließlich die Weiterentwicklung dieser Erkenntnisse auch und gerade durch Studenten in Klausuren, Hausarbeiten und Referaten.

Unsere Rechtswissenschaft sollten wir zunächst in das allgemeine Bild der Wissenschaften eintäfeln. Ganz allgemein ist Wissenschaft das Streben nach Erkenntnis über einen bestimmten Gegenstand dieser Welt. Diese Erkenntnis kann man auch als „Wahrheit“ bezeichnen (ironisch: Wahrheit ist immer nur der vorläufig letzte gültige Irrtum). „Jede Tätigkeit, die nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit angesehen werden kann“, ist nach BVerfG 90, 1 (12) Wissenschaft. Da niemand alles wissen kann, ergab sich schon früh der Zwang, Teilbereiche des Strebens nach Erkenntnis über die Welt abzugrenzen. Auf diese Weise wurden die Felder einzelner Wissenschaften abgesteckt. Die exakte Abgrenzung ist freilich oft schwer, da die Übergänge fließend sind. Obwohl es keine allgemein anerkannte Systematik der Wissenschaft gibt, haben sich doch zwei verschiedene Einteilungen durchgesetzt:

  • Eine erste Unterteilung grenzt die Formalwissenschaften von den Realwissenschaften ab.
    Gegenstand der Formalwissenschaften, Mathematik und Logik sind die wichtigsten Beispiele, ist die Bildung und Verknüpfung von theoretischen Aussagen und das Ziehen von Schlüssen. Sie beschäftigen sich als theoretische oder „reine“ Wissenschaft mit abstrakten Aussagen ohne Bezug auf reale Erscheinungen.
    Die Realwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik, Psychologie, Soziologie) beschäftigen sich dagegen mit realen, also der Beobachtung prinzipiell zugänglichen, Erscheinungen als angewandte oder „praktische“ Wissenschaft.
    Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Rechtswissenschaft, die sich um das Streben nach Wahrheit über den beobachtbaren Gegenstand „Recht“ bemüht, eher den Realwissenschaften zuzurechnen ist, wobei sie sich allerdings häufig der Formalwissenschaft „Logik“ bedient.

 Eine zweite Unterscheidung grenzt die Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften ab.
Als Naturwissenschaften bezeichnet man alle Wissenschaften von der anorganischen und organischen Natur einschließlich der Naturbezogenheit von uns Menschen, also all das, was die „Natur“ erschaffen hat.
Ihnen werden die Geisteswissenschaften gegenüber gestellt. Gegenstand dieser Wissenschaften sind die verschiedenen Bereiche geistigen und kulturellen Lebens, also all das, was der „Geist“ erschaffen hat.
Zu den Geisteswissenschaften gehört auch die Rechtswissenschaft, da ihr Gegen-stand, das Recht, nach moderner Auffassung vom Menschen gesetzt wird.

Was macht die juristische Wissenschaft aus?

Angesichts der Unmöglichkeit, den scheinbar unumstößlichen, ewigen Naturgesetzen vergleichbare unumstößliche, ewige Rechtsgesetze entgegen zu setzen, will niemand (manche tun es doch) so vermessen sein, gleich der ganzen juristischen Disziplin, unserer Juristerei, den Wissenschaftscharakter abzusprechen. Obwohl – ein wenig entmutigen sie schon, die nicht immer einheitlichen Urteile der Gerichte quer durch die Republik und die sich schnell überholenden und manchmal auch sich widersprechenden Gesetze. Man blickt angesichts der Unmöglichkeit sicherer juristischer Urteile neidvoll auf die unvergänglichen, ewigen Gesetze der Naturwissenschaftler.

Jeder, der einmal mit einem Naturwissenschaftler darüber gesprochen hat, weiß, wie schwer es ist, diesem zu erläutern, was juristische Wissenschaft beinhaltet. Die Diskussion um die Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft existiert seit langem und ist ebenso wenig neu wie die Frage nach der Ausrichtung der rechtswissenschaftlichen Ausbildung hin zu mehr Wissenschaftlichkeit oder eher zu mehr Rechtsanwendung. Die Zeitgebundenheit und Relativität des Rechts sind allerdings von vornherein ein Problem der Rechtswissenschaft („Drei Worte des Gesetzgebers machen Bände von Rechtswissenschaft zur Makulatur“, v. Kirchheim). Auch die Fülle an Entscheidungen und die rasante Geschwindigkeit der Gesetzesänderungen, die die Rechtswissenschaft manchmal an der systematischen Ordnung hindern, stellen ein Problem für die Rechtswissenschaft dar. Dennoch dürfen die gewaltige Dynamik des internationalen, europäischen und nationalen Gesetzesausstoßes sowie die Explosion der gerichtlichen Entscheidungen die Rechtswissenschaft nicht in die Knie zwingen.

Die Rechtswissenschaft gliedert sich nach ihren unterschiedlichen Gegenständen und Inhalten in folgende zwei Unterbereiche:

  • Die Rechtswissenschaft im engeren Sinn:

Was die Anforderungen anbelangt, lassen sich drei mögliche Funktionen der Rechtswissenschaft im engeren Sinn herausstellen:

Die normbeschreibende Funktion: Hierbei geht es vor allem darum, die Gesetze des materiellen Rechts auszulegen, darzustellen, zu systematisieren, zu kommentieren und zu zeigen, dass die bisherigen Normen einen (nicht) logischen, sich (nicht) widersprechenden Zusammenhang bilden.
Die normvorschlagende Funktion erfüllt eine soziale Steuerungsleistung, indem sie bei entstehenden gesellschaftlichen Fragestellungen dem Gesetzgeber Vorschläge für Regelungsmodelle durch Gesetze unterbreitet.
Die normkontrollierende Funktion der Rechtswissenschaft besteht darin, Gesetzgebung und Rechtspraxis durch Schaffung objektiver Maßstäbe kritisch zu bewerten und somit auch Aussagen über die Güte und Beständigkeit von Gesetzen und Urteilen zu treffen.

Leider begnügt sich die Rechtswissenschaft in aller Regel damit, das zu interpretieren und zu kontrollieren, was der Gesetzgeber und die Gerichte produzieren. In dieser rein deskriptiven Interpretation der Rechtswissenschaft haben sich die juristischen Fakultäten in Forschung und Lehre gut eingerichtet. Auf die Gesetzgebung nimmt die Rechtswissenschaft (normvorschlagende Funktion) leider ebenso wenig Einfluss wie auf die Beobachtung der Entstehung der sozialen Konflikte, auf die die Gesetze dann wirken sollen. Sie sollte ihrem eigenen Anspruch folgend mehr im ständigen „Dialog“ mit der Rechtsprechung, mit der Gesetzgebung und der gelebten sozialen Wirklichkeit stehen.

  • Die Rechtswissenschaft im weiteren Sinn:
  • Sie fächert sich auf in:
    Rechtsgeschichte, die die Ursprünge des Rechts und seine geschichtliche Entwicklung behandelt. Aufgabe der Rechtsgeschichte ist es, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, Rechte und normativen Sätze für die unterschiedlichen Geschichtsepochen zu erforschen, darzustellen und zu erklären. Im Gegensatz zur Rechtsvergleichung stellt sie nicht die horizontalen, sondern die vertikalen Vergleiche an.
  • Rechtsvergleichung, die unterschiedliche Rechtssysteme auf internationaler Ebene gegenüberstellt. Ohne eine Grenzen überschreitende Rechtsvergleichung besteht die Gefahr der nationalen Engstirnigkeit.
  • Rechtssoziologie, die feststellt, wie das Recht in der Realität ankommt und gelebt wird.
  • Rechtsphilosophie, die das Wesen des Rechts zu erforschen versucht. Ein noch zu weites Feld! Im Zentrum der Rechtsphilosophie stehen Versuche, die „menschlichen“ Gesetze in einer übergeordneten Geltungssphäre zu verankern.

Sie haben es im Anfang Ihrer juristischen Ausbildung ganz überwiegend mit der „Rechtswissenschaft im engeren Sinn“ zu tun, da Sie sich mit der Anwendung und Auslegung von Gesetzestexten für das Gebiet BGB, StGB und Staats- und Verfassungsrecht sowie den entsprechenden Urteilen und der entsprechenden Literatur beschäftigen.

Auch die Bereiche der „Rechtswissenschaft im weiteren Sinn“ sollten Basisfächer für den Jurastudenten sein, die man zwar nicht zur Lösung von Klausuren benötigt, die man aber zum tieferen Verständnis des deutschen und des europäischen Rechts braucht, um rechtliche Fragen und Antworten weiterzuentwickeln. Ohne die Wurzeln der Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte besteht die Gefahr, zum technokratischen Rechtsanwender zu degradieren (Stichwort: „Rechtsingenieur“). Es besteht die Gefahr, dass sich keine gemeinsame Schnittmenge über die Grundlagen und das Wesen des Rechts mehr im gemeinsamen Bewusstsein aller das Recht Anwendenden findet.

Leider sieht die Praxis anders aus! Alle Studenten fokussieren ihren Blick sehr schnell ausschließlich auf die Lösung von Fällen und das positive vorgefundene Recht. Von den durch Professoren und Altstudenten kommunizierten schweren Anforderungen der Semesterklausuren und des Examens geht eine erhebliche Sogwirkung auf ihr Lernverhalten aus. Die überragende Relevanz der Examensnote zwingt die Studenten dazu, Lehrveranstaltungen in Frage zu stellen, deren Inhalte mit dem Examen als nicht kompatibel wahrgenommen werden. Wichtig sind für die Studenten die Grundlagen für die Fallbearbeitungen der ersten Klausuren, nicht die Grundlagenfächer, deren Bezeichnung ohnehin verwirrend wirkt, da sie eben gerade nicht die notwendigen Grundlagen für die Rechtsanwendung legen und die man besser deshalb als Quellenfächer bezeichnen sollte.

Häufig werden Sie dem Begriff der Rechtsdogmatik begegnen. Rechtsdogmatik ist die wissenschaftliche Behandlung und Darstellung des geltenden Rechts. (griech.: dógma, Meinung, Lehrsatz). Sie legt die geltenden Rechtsgrundsätze fest. Das geltende Recht umfasst dabei nicht nur die Gesetze mit Geltungsanspruch, also die Gesetzestexte, sondern auch deren Konkretisierung in der Anwendung durch Rechtsprechung und Rechtswissenschaft. Das geltende Recht zu kennen und zu verstehen, ist die Aufgabe der Rechtsdogmatik. Kurz: Die Rechtsdogmatik ist die juristische Arbeit am vorgefundenen Gesetz. Die Dogmatik hat zwei wichtige Funktionen:
Sie hat eine Stabilisierungsfunktion für die Rechtsanwendung, da alle Gesetze mit gleichen Methoden und im gleichen Geist anzuwenden sind.
Sie hat eine Entlastungsfunktion, damit man das juristische Rad nicht immer wieder neu erfinden muss.
Die Rechtsdogmatik mit ihrer Falllösungstechnik hat die Monopolstellung für Ihr „Lernziel Staatsexamen“. Rechtswissenschaft ist für Sie überwiegend eine Rechtsanwendungswissenschaft. Bewährt sich nicht vielleicht in der Falllösung die eigentliche Wissenschaftlichkeit der Jurisprudenz?

Mein Rat: Sie sollten am Anfang Ihres Jurastudiums eine mehr geschlossene Orientierung an der juristischen Form der Fallbearbeitung und am dogmatischen Rechtswissen anstreben. Um den Rest der „Grundlagenfächer“ kümmern Sie sich später auf sicherer „Grundlage“ der ersten Semester. Es muss nicht alles zugleich und an (noch) nicht dazu bereiter Stelle studiert werden.

Welche Kommilitonen neben einem auf den Hörsaalbänken sitzen?

Schauen Sie einmal schmunzelnd nach links und rechts! Kann man sie vielleicht da sitzen sehen? – Erkennen Sie sie? – Und welchem Exemplar entsprechen Sie selbst am ehesten? Hier nun einige Proto-Kommilitonen, mit denen Sie es nach meinen Erfahrungen im Laufe Ihres Studiums neben sich auf den harten Hörsaalbänken, im Seminar, beim Repetitor oder in der Bibliothek bald zu tun bekommen. Einige Urbilder– ohne eine Garantie für die Vollständigkeit und Richtigkeit zu übernehmen. Studenten sind eben nicht „so“, sie sind auch so und so und so wieder nicht und auch nicht so und wieder ganz anders.

Der Bösartige – sitzt bildlich immer mit einem Messer zwischen den Zähnen im Studentenraum. Er fühlt sich durch jede Bemerkung angegriffen und wird leicht ausfallend.

Der Alleswisser – hat geistig immer einen Doktorhut auf. Er weiß nicht nur alles, sondern alles besser und muss das an den Dozenten und die Kommilitonen bringen.

Der Schwätzer – stellen Sie sich ihn immer mit einem riesigen Schnabel vor. Er hört sich gerne reden, auch wenn er nichts zu sagen hat und findet kein Ende.

Der Schüchterne – immer in Deckung, verborgen und vergraben hinter seinem Schönfelder. Er traut sich trotz guter Kenntnisse nicht, vor den anderen seine Meinung zu sagen. Er leidet an Kontaktscheu und Hierarchie-Scham.

Der Widerspenstige – fährt immer die Stacheln aus. Er hat gegen alles Bedenken, ist misstrauisch und voreingenommen gegenüber neuen Ideen.

Der Uninteressierte – blickt den Dozenten nie an, sondern immer woanders hin. Er beteiligt sich nicht, fühlt sich durch das Thema nicht angesprochen, spielt immer den Beleidigten.

Der Vorsichtige – hockt in einem großen Schneckenhaus. Er hört immer erst einmal, was die anderen sagen, ohne sich selbst festzulegen. Meist ein guter Jurist, traut sich aber nichts zu und schämt sich seiner Fehler.

Der Hochnäsige – sein Kopf ragt über die Wolken der prophanen juristischen Welt. Er will nur „beobachten“, um dann hinterher die Besprechungsergebnisse zu kritisieren, lässt sich aber nicht herab, selbst mit zu arbeiten.

Der Positive – von Dozenten bekränzt mit einem Heiligenschein. Er macht gut mit, sucht ehrlich nach Lösungen der juristischen Probleme, ist sachlich und aufgeschlossen. Der ideale Partner für einen partizipativen Lehrstil.

Der Ehrgeizige – studiert Jura nur aus Karrieregründen; sein Blick ist starr auf das Punkten gerichtet. Folgt keinen Interessen, sondern nur der Frage: „Was bringt mir das für das Examen?“

Der Perfektionist – wird mit dem Fall, dem Arbeitspensum nie fertig, sieht nur Bäume, aber keinen Wald. Zerbröselt jedes Problem in fünfzig Unterprobleme und trifft nur selten den Punkt.

Der Generalist – Gegenspieler des Perfektionisten. Der Wald hat für ihn keine Bäume, ein Fall kaum Probleme. Liebt die Stammtischargumentation, denkt nicht ableitend, sondern mehr aus dem Bauch.

Der BGH-Gläubige – zitiert im Überfluss Leitsätze, die sein eigenständiges Urteilsvermögen stark eintrüben. Schlägt immer mit der Autoritätsklatsche zu und empfindet Kritik am BGH als Gotteslästerung.

Der Nicker – autoritätssuchender, ausschließlich den Dozenten durch beifälliges Nicken bestätigender Ja-Sager. Eckt nie an, weil er nie Kritik äußert. Fragt man ihn, weiß er trotz Nickens meist keine Antwort. Hat eine Senk- und Hebevorrichtung im Nacken installiert.

Der Gerechtigkeitsfanatiker – gefährliche Abart des juristischen Hartholzbohrers. Muss allen Dingen auf den ethischen Grund und den Mitstudenten auf den Zeiger gehen. Die knüppelharte juristische Dogmatik mag er gar nicht, ihn interessieren die Trias des Wahren, Guten und Gerechten, die großen Fragen von Schuld und Sühne, Menschenwürde und Freiheit. Der Rest ist für die juristisch Niederen da.

Der Morgen-geht-es-richtig-los-Typ – verfehlt das richtige juristische Lernen todsicher, weil er ständig neue, bessere Lern- und Arbeitspläne macht und dabei keine Zeit zum Lernen findet.

Der Selbstbetrüger – fürchtet nichts mehr als Fehler. Löst Übungsfälle nie selbst, sondern schreibt ab oder schaut in die Lösungsskizze. Tröstet sich anschließend mit dem Satz: „Hätte ich auch so gemacht!“

Der Verströmer – Opfer seiner Talente. Kann Vieles und macht Vieles und nichts richtig. Sein Pech: multibegabt zu sein, mühelos durch die Schule gekommen zu sein, erfolgsverwöhnt, locker, von allem eine Ahnung – reicht für den harten juristischen Alltag leider nicht aus.

Der Abenteurer – wissbegierig und neugierig dringt er in juristisches Neuland vor. Entdeckt neue juristische Kontinente. Alte Routen sind unter seiner Würde. Vergisst nur leider meist, seine neuen Entdeckungen zu kartografieren, so dass er sich mangels wiederholbarer Lern- und Methodenwege häufig verirrt. Idealer Referat’ler und Hausarbeit’ler, schlechter Klausurenschreiber.

Der Verdrießliche – arbeitet freudlos, lustlos und erfolglos. Nur mit Verdruss, Widerwillen gegen alles, was mit „Jura“ anfängt, und grimmiger Wut gegen die Besseren kommt man nicht weiter. Solche Masochisten sollten über den Abbruch nachdenken. Es gibt andere Studien!

Der Minimalist – meist kluger Studentenkopf, der sich aber leider durch Trägheit nur zu einem Minimum an juristischem Aufwand hinreißen lässt. Schade! Kann durch gewecktes Interesse und spannende Lehre aus seiner Minimum-Mentalität geweckt werden. Geschieht das nicht, sieht er regelmäßig keine Veranlassung, mehr zu arbeiten. „Befriedigend“ ist ja auch eine Note!

Am besten gefällt der „Blended Student“, diese feine Mischung aus Ehrgeiz und Minimalismus, aus Perfektionismus und Generalismus, aus Multitalent und Nickertum, aus Hochnäsigkeit und Vorsicht. Aber er ist nur schwer zu finden! Vielleicht werden Sie ja ein solcher?! Wer weiß!

Wie man sich für das Jurastudium motivieren kann?

Indem Sie sich selbst motivieren und nicht vergeblich auf die Motivation von außen warten.
Der allererste Schritt zu Ihrem erfolgreichen Studium führt über Ihre Selbstmotivation für Jura, zu Ihrer Freude an Jura und damit auch zu Ihrer Freude am erfolgreichen Jurastudium. Die Selbstmotivation zu aktivieren, zeugt von einem hohen Maß an emotionaler Intelligenz. Wer weiß, was er tut und warum er es tut, gewinnt Sicherheit. Denn die „Warum-Was-Frage“ ist immer die eigentliche Frage nach dem Grund!
Sie müssen sich fragen:
„Warum will ich eigentlich die juristische Ausbildung betreiben?“ –
„Warum will ich das machen und wozu?“ –
„Was treibt mich an?“ –
„Was mag ich an dem Jurastudium?“ –
„Was kann ich tun, um es noch mehr, noch intensiver zu mögen?“ –
„Was macht mein Jurastudium besonders interessant für mich?“ –
„Was stärkt mein Vertrauen, dass das Jurastudium für mich erfolgreich wird?“

Die Motivation ist als Treibstoff für den Studienbeginn von besonderem Interesse für Sie. Gerade sie ist eine starke Verbündete im Anfang des Anfangs des juristischen Lernens zur Ankurbelung Ihrer Studierlust und zur Überwindung Ihrer Angst vor der unbekannten Juristerei.

Ihre jurastudentische Motivation muss allerdings mehr sein als nur ein Strohfeuer. Sie muss Sie auch über mögliche Motivationslöcher im Anfang hinweg tragen:
„Mir sind Zweifel daran gekommen, ob ich zum Jurastudium wirklich tauge.“ – „Ich bin weder von meinen Fähigkeiten recht überzeugt noch von meiner Inspiration und Motivation genügend beseelt zum Jurastudium.“ – „Ich sehe bei meinen ehemaligen Mitschülern, die ebenfalls Jura studieren, dass alle viel besser, klüger und fleißiger sind als ich.“ – „Eigentlich wollte ich ja etwas anderes studieren, Jura war ja nur mein Zweite-Wahl-Studium“.

Der unmotivierte Träge hat immer eine Entschuldigung. Der motivierte Wache hat immer eine Lösung für seine Probleme.

Nicht diese schwarzseherischen Gedanken! Unglücklicherweise gibt es keine magische Formel, um Studenten zu motivieren. Hier käme der Förderung Ihrer Motivation durch Ihre Professoren in den Vorlesungen eine herausragende Bedeutung zu. Professoren aber, die Probleme mit ihrer Lehre haben, selbst freudlos unterrichten und deren Lehrveranstaltungen deshalb immer mehr zu Leerveranstaltungen verkommen, können nicht motivieren. Sie neigen dazu, die mangelnde Motivation auf das Totschlagargument der fehlenden Studierfähigkeit ihrer Studenten zurückzuführen. Sie übersehen dabei, dass vielmehr ihr fehlender Enthusiasmus, der oft viel zu hohe Schwierigkeitsgrad ihrer Vorlesungen, ihr fehlendes Verständnis für die studentischen Lernschwierigkeiten, die fehlende Offenlegung der Klausurenkriterien und die fehlende Entschleierung der juristischen Notengebung wenig motivierend wirken auf ihre Studenten, wenn nicht sogar demotivierend.

Während Sie also auf die Motivation durch die Dozenten nicht allzu sehr vertrauen sollten, sollten Sie umso mehr auf Ihre eigene bauen. Machen Sie sich also möglichst schnell auf die Suche nach Ihren eigenen Motiven, befragen Sie sich selbst nach dem Warum und Was Ihres Studierens!

Es gibt zwei unterschiedliche, grundlegende Motivbündel zum Studium:
Die Motive von innen her (intrinsische), sie sind selbstbelohnend: Das Studium wird aus eigenem Antrieb durch natürliches, echtes Interesse an der Sache, am aktiven Lernen selbst betrieben. Es wird hier aus Freude um seiner selbst willen ausgeführt und selbstbestimmt erlebt.
Die von außen gesetzten (extrinsische) Motive, sie sind fremdbelohnend: Das Studium wird hier durchgeführt, um damit positive, belohnende Folgen herbeizuführen (gute Klausurenergebnisse) oder negative, bestrafende Folgen zu vermeiden (Nichtbestehen der Prüfung).

Wozu neigen Sie? – Meist sind die Jurastudenten eher extrinsisch motiviert, auf das Erzielen von Prädikatsnoten und auf die Erfüllung sozialer Erwartungen („Ich muss das tun, weil …“) ausgerichtet. Je mehr Sie sich mit dem Grund Ihres Jurastudiums identifizieren und je intrinsischer Sie motiviert sind, desto besser wird Ihre Studienleistung.

Ihre Motivation wird größer, wenn zu den intrinsischen verstärkend und absichernd extrinsische Motive hinzutreten. Die Belohnung in den vielen Gesprächen mit Freunden über Ihr Jurastudium und seine Inhalte, ihre Anerkennung über Ihre juristischen Erklärungen, die Beachtung in Ihrer Familie durch Ihre rechtlichen Beiträge, die Bewunderung durch Ihre Bekannten, wenn Sie über Notwehr- und Notstandfälle philosophieren, der Neuzugang zu Kriminal-Literatur und Film und nicht zuletzt ein gewisser Ehrgeiz nach einer guten Note in der Klausur, durch die Sie Ihren Mitstudenten und Ihren Dozenten „gefallen“ wollen. All das gehört zu einer Untergruppe der extrinsischen Motive, den sozialen Motiven.

Nehmen wir drei Beispiele:

Beispiel 1 – StGB:

Beim Strafrecht schieben Sie schon bald starke Anreize von innen, nämlich das durch diese spannende Materie selbst bedingte Interesse, über Ihre Lernanstrengungen und Schwierigkeiten beim Lernen hinweg: das allgemeine Interesse an „Mord und Totschlag“, die Verbindung zu Ihrer Vorliebe für Krimis und zu Ihren eigenen Beobachtungen in Strafprozessen, die unmittelbare Umsetzung des Gelernten auf aktuelle Zeitungsberichte über laufende Strafverfahren und Straftaten, das Wiedererkennen der Lerninhalte in Kriminalreihen des Fernsehens, die Möglichkeit der Diskussion über Teilgebiete auch mit Nichtjuristen, die Freude an neuen Einsichten über „Schuld und Sühne“, „Sinn der Strafe“, „Aufbau des Verbrechens“, „Ethik und Strafe“.

Solche Motive von innen sind uns gerade in der Juristerei häufig gar nicht bewusst, wir bemerken nur, dass wir etwas „ganz von selbst tun“, dass uns das damit verbundene Lernen angenehm scheint und dass wir uns selbst belohnen durch das Verstehen von bisher unverstandenen Vorgängen. Man muss sich selbst nicht nach dem „Warum“ seiner Begeisterung für das Strafrecht fragen. Sie ist einfach da! Der Nachteil dieser intrinsischen Motive ist allerdings, dass man nicht beschließen kann: „Ab jetzt interessiert mich BGB wahnsinnig!“ Man kann sie nur sehr schwer beeinflussen. Sie sind auch unbeständig, flüchtig, man kann sich nicht langfristig auf sie verlassen. Das ist aber auch eine Chance für den Wechsel. Ein plötzliches Interesse oder Spaß von innen kann man zwar nicht herbeizaubern, aber durch Willensanstrengung und Ideen anregen!
Beispiel 2 – BGB:

Kann man intrinsische Motive nicht auch auf das weniger geliebte BGB übertragen? Nur scheinbar nicht! Es scheint nun einmal „anerkanntermaßen“ niemanden besonders zu interessieren, wie ein Vertrag zustande kommt, wie man eine Anfechtung durchführt, wie eine Aufrechnung klappt. Es scheint aber nur so! Bald werden Sie Ihrer Großmutter anlässlich eines Brötchenkaufs das Abstraktionsprinzip und die Anzahl der vorzunehmenden drei Rechtsgeschäfte mit ihren sechs Willenserklärungen erklären können. Sie werden ihr erklären, dass Télos keine griechische Insel ist, sondern das Ziel eines Gesetzes. Sie werden die Diskussion auf die Frage: „Was passiert eigentlich mit eurem Vermögen bei der gesetzlichen Erbfolge, was bei der gewillkürten?“ bringen können. Zugegeben: Das Eigentümer-Besitzer-Verhältnis und die Bereicherungsansprüche werden kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, aber eine arglistige Täuschung beim Autokauf, ein Irrtum über die Eigenschaften einer Einbauküche, die Konstruktion des „Leasings“ eines PKW oder die Finanzierung eines Häuschens oder einer Eigentumswohnung mittels eines Darlehns, das durch Grundpfandrechte gesichert ist? Grundbuch – in welcher Buchhandlung gibt’s das? Eine Sicherungsübereignung – was ist das eigentlich? „Bürgen ist erwürgen?“ – warum diese Volksweisheit? „Augen auf beim Kauf“ – warum? Ein Vertrag ist auch ohne Form wirksam? Eheschließung ist der weitesttragende und gefährlichste Vertrag überhaupt – wieso? Warum dann keine notarielle Beurkundung, warum nur Standesamt? Scheidung und ihre rechtlichen Folgen? Warum hier Richter und nicht auch nur Standesamt? Ehevertrag: Aha! „Vertrag“ kommt von „vertragen“? Testament ohne Notar, das geht? Üben Sie sich in der Fähigkeit, Vorlesungs- und Lehrbuchwissen mit dem „Leben draußen“ zu verknüpfen! Überall wird geheiratet und geschieden, gekauft und gemietet, geleast, gebürgt, angefochten und erfüllt, geerbt, vererbt und verpfändet. Und das alles soll keinen interessieren?

Beispiel 3 – Öffentliches Recht:

Das alles gilt auch für das öffentliche Recht. Auch hier kann man eine rationale Motivation erzeugen. Flachen Sie von Anfang an die oft bei Anfängern zu beobachtende Unwilligkeit gegen das öffentliche Recht ab! Übertragen Sie mögliche negative Erfahrungen aus der Schule nicht zu Unrecht auf diese neue Studienrichtung. „Grundgesetz, Staat, Stadtverwaltung, Politik überhaupt – interessieren mich nicht.“ Doch, tun sie! Sie sind schließlich ein Mitglied dieser staatlichen Gemeinschaft, die sich Bundesrepublik Deutschland nennt. Wollen Sie da nicht wissen, wie sie funktioniert? Tausende von Beamten wenden täglich Gesetze an. Sind Sie da gar nicht neugierig, wie sie entstehen? Verwaltungsrecht ist nicht das Recht der Verwaltung, sondern überwiegend das Recht des Bürgers gegen die Verwaltung. Polizeirecht, Sozialrecht, Ausbildungsförderung, Daseinsvorsorge in Form von Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen, Unis, Friedhöfen – alles, alles ist öffentliches Recht. Das interessiert Sie nicht?

Ihre gesamte Motivation können Sie selbst entscheidend steuern, indem Sie Ihre bestehenden positiven Motive verstärken (welche bringen Sie mit?), Ihren alten Motiven neue Motive hinzufügen (welche gewinnen Sie an der Uni hinzu?), Ihre entgegengesetzt wirkenden negativen Motive abbauen (welche sind das bei Ihnen überhaupt?).

Wie das geht? – Fangen wir gemeinsam an mit der Suche! Hier ein paar Motivationstipps für Sie:

 Warum lohnt es sich eigentlich, Jura zu studieren? Machen Sie sich öfter als bisher klar, warum Sie eigentlich ein Jurastudium betreiben: „Ich will einen guten, sicheren Beruf haben, Sozialprestige und Unabhängigkeit im weiteren Leben erlangen.“ „Ich will mit meinem Studium ein großartiges Bildungsabenteuer erleben mit einem prestigeträchtigen Abschluss.“ „Ich will meine Persönlichkeit zumindest bereichern, wenn nicht formen.“ – „Ich will mich für den Kampf um Gerechtigkeit vorbereiten.“ Verstärken Sie diese Motive! Beim Berufswunsch spielen rationale, ebenso wie moralische, soziale und emotionale Beweggründe eine Rolle. Manche tragen durchs ganze Leben, manche zerplatzen wie Seifenblasen schon im ersten Semester. Wichtig ist, dass Sie Ihre Motive öfter überdenken, nachjustieren oder sich auch eingestehen müssen, dass Sie einem Irrtum aufgesessen sind. Denn: Viele haben Jura auch mangels besserer Alternativen gewählt.

 Suchen Sie nach neuen Motiven! Häufig ist das unmittelbare Anwenden des Erlernten eine gute Chance, um kleinere Erfolge und Belohnungen für sich zu schaffen. Lösen Sie mehr kleine Fälle, diskutieren Sie mehr auch über privatrechtliche, strafrechtliche oder öffentlich-rechtliche Themen mit Freunden, lesen Sie eine überregionale Tageszeitung, sehen Sie die Tagesschau und politische Sendungen mehr und mehr unter juristischen Blickwinkeln, versuchen Sie Ihre Familie in erbrechtlichen Fragen zu beraten, bilden Sie mit Kommilitonen eine Lern- und Diskutiergruppe.
Wozu man vom Erlebnis her keinen Zugang hat, dafür hat man meist keine Lust. Schaffen Sie sich bald solche vergnüglichen Erlebnisse! Gehen Sie einmal in eine strafrechtliche und zivilrechtliche Hauptverhandlung. Die sind öffentlich und es ist nicht „peinlich“, einfach „hinein“ zu gehen. Ich werde Sie am Ende des Blogs dahin begleiten.

 Bauen Sie die Abneigungen gegen das BGB mehr und mehr ab! Diese Abneigung hat wahrscheinlich eine lange Vorgeschichte. Analysieren Sie ihre Entstehung! Ihre Eltern waren auch schon immer gegen den „Papierkrieg“, den „Geschäftskram“, das verdammte „Kleingedruckte“? Forschen Sie nach, ob Sie nicht deren Vorurteile einfach nur übernommen haben, die für Sie heute aber nicht mehr gelten. Alles, was Sie an Aversionen abbauen können, verstärkt automatisch Ihre Lernmotivation.

 Auch die Neugier auf das, was alles Recht ist und die immer wiederkehrende Spannungssuche im „System Jura“, das Aufspüren der Gerechtigkeit und der Moral in „Recht und Gesetz“, die detektivische Erkundungsfreude im Lösen von Fällen, das Spielerische im Gutachtenstil und das Logische in der Subsumtionstechnik, der sportliche Wettkampfcharakter in Klausuren können motivieren.

 Der Triumph des ersten Verstehens der oft schwierigen, zu einem komplexen Gesetzestext zusammengesetzten Wortzeichen bringt ebenso Motivation wie die erste erfolgreiche Klausur. Verstehen und Erfolg bereiten ein unerhörtes Vergnügen, das Ihr Geist Ihrem Körper immer häufiger bereiten wird und sind eine starke Motivation.

 Die Angst vor der Langeweile, vor dem Gefühl des Nichtausgefülltseins jetzt und im ganzen Leben – ohne den vorgenommenen Abschluss – erzwingt ebenfalls starke Lernmotive. Mit Begeisterung zu studieren, heißt, sich nie wieder zu langweilen.

 Machen Sie aus jedem juristischen Fall, den Sie lösen, eine Denksportaufgabe! Auch bei ihr ist sowohl die Erkenntnis das Vergnügen (Das Ziel ist das Ziel), als auch der Weg des Erkennens (Der Weg ist das Ziel). Legen Sie beide Ziele frei!

 Ein idealistisches Motiv: Die jungen Jurastudenten können sich zwar die Traditionen der Juristen, die noch nie die Speerspitze der Revolution waren, nicht aussuchen, aber sie könnten als die neue Generation von Jurastudenten wissen, dass es an ihnen liegt, ob und wie sie sie fortsetzen.

 Das Motiv der Motive ist und bleibt aber: Vergessen Sie nie, dass Sie etwas Besonderes werden wollen! Dass das Jurastudium die Basis für Ihr weiteres Leben in Staat und Gesellschaft ist, Ihnen eine große Lebenschance eröffnet und das Studium ein Geschenk der Gesellschaft an Sie ist.
Ich weiß: Diese Motivationstipps genügen nicht immer für die tägliche Überwindung jenes gesunden Selbstmechanismus, den man in gutem altem Soldatendeutsch den „inneren Schweinehund“ nennt. Aber eines hilft schon mal: Stecken Sie sich einen Zettel hinter Ihren Badezimmer-Spiegel mit dem Satz: „Vergiss nie, dass du Jurist werden willst!“ – dann müssen Sie sich vielleicht die tägliche Arbeit am juristischen Stoff in Zukunft weniger als „Gewaltakt“ abringen. Die Zugkraft von Zielen wächst, wenn man sie aufschreibt und sichtbar macht. Das weckt Optimismus, der das zieldienliche Erlernen des Brückenwissens vom Abiturienten zum Jurastudenten erleichtert und die Motivation stärkt.

Es wird sich nie ganz verhindern lassen, dass im Laufe des Studiums immer mal wieder leichte Aversionen gegen die Erkenntnismethoden der juristischen Wissenschaft, ihre manchmal motivationshemmende Rationalität und Abstraktion, ihren Reduktionismus und gestelzten Stil, ihre Methodik, ihre Pedanterie und ihre aufgeblähten Vertreter auftauchen. Auch wird sich nicht verhindern lassen, dass sich irgendwann stumme Ängste einstellen. Ängste vor unverstandenen Vorlesungen und Lehrbüchern. Ängste vor einer manchmal als unüberschaubar erscheinenden Flut von gesagten und gelesenen juristischen Dingen. Ängste vor dem Auftauchen all jener Aussagen, die dunkel und zwielichtig sind und im Nachfassen leider auch bleiben. Ängste vor allem davor, was es im Anfang der juristischen Ausbildung da alles Neues, Plötzliches, scheinbar Ordnungsloses und undurchschaubar Komplexes gibt. Ängste vor jenem großen und unaufhörlichen Rauschen der Paragraphen.

Gegen diese Aversionen, Demotivationsschübe und stummen Ängste setzen Sie Ihre Antriebe, Ihren Willen und ab heute Ihr Können! Ihre juristischen Lernerfolge werden Sie beflügeln. Wie schön, wenn man mit Mut, Schwung und hoher Motivation ein Studium anpackt. Und wie schade wäre es, schon am Anfang des Studiums im „Legehennenbatteriedasein“ der Lehr- und Hörsäle motivationslos und ängstlich stecken zu bleiben, nur weil man allein ist und keiner einem sagt, wie die Studieneingangsphase geht, wie man juristisches Verstehen erzeugt und wie man die Feuertaufe der ersten Juraklausur übersteht.

Was sich auf dem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten ändert?

Alles! Nichts bleibt wie es ist! Vor allem Sie selber nicht. Sie werden ein neuer Mensch, ein Jurastudent!

Wir sprechen häufig von „dem“ Studenten oder „den“ Studenten, vergessen dabei aber, dass es „den“ Studenten gar nicht gibt. Wie das Leben die sieben Lebensalter – das Kind, den Jugendlichen, den Heranwachsenden, den Erwachsenen, den reifen Älteren, den alten und den ganz alten, senilen Menschen – kennt, so durchläuft auch jeder Jurastudent ganz verschiedene Entwicklungsphasen: vom „kindlichen“ Anfang in der Studieneingangsphase, über die juristische „Jugend“, über die Studentenfiguren des erfahreren „Heranwachsenden“ bis hin zum mündigen und reifen „Erwachsenen“ und schließlich zum studentisch „hochbetagten“ juristischen Examenskandidaten. Die Unbedenklichkeit, mit der Dozenten in Bezug auf ihre Studenten von „den“ Studenten reden, unterschlägt die Stadien dieser „Entwicklung“. Auch übersieht man leicht die zwischen diesen studentischen Entwicklungsphasen liegenden typischen Krisen. Wie zwischen Kind und Jugendlichem die Krise der Pubertät, zwischen Jugend und Erwachsensein die Krisen der Erfahrung, der Grenzerlebnisse und der Loslösung liegen, so gibt es auch in den Studiengestalten der Studenten tiefgreifende Problemsituationen. Sie reichen vom Zweifel am richtigen Studium bis zur Verzweiflung vor der Klausur oder dem Examen, an der guten und schlechten Erfahrung mit Dozenten, Kommilitonen und Lehrstoff, über die Krise der akademischen und späteren beruflichen Desillusionierung, des Leidens an Stoff- und Arbeitsüberlastung bis hin zur Lebensfigur des ernüchterten, reifen Studenten, der erfährt, was Misserfolg und auch was eigene Grenzen heißen: Er erfährt die Eingeschränktheiten und Unzulänglichkeiten des einstigen akademischen Himmelsstürmers. Das Studium ist kein bloßes Anstückeln dieser Phasen, sondern ein evolutionäres Ganzes, bei dem eine jede Phase und eine jede Krise aus der vorherigen wachsen und positiv oder negativ auf das Ende des Studiums hin wirksam sind.

Sie verlassen jetzt die Phase des Schülers und wechseln in die Lebensphase des Jurastudenten. Sie charakterisieren sich mit dem Beginn Ihrer juristischen Ausbildung neu. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt von Schule zu Hochschule, von Geborgenheit in der Familie zu studentischer Freiheit. Sie sollten sich möglichst schnell in Ihrer neuen Lebensphase einrichten und sich zur Lebensgestalt des freien Studenten emanzipieren. Ihre neu beginnende jura-studentische Lebensphase ist als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet und Ihr Studium gewinnt seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann, wenn sie sich auch wirklich auf Ihr Leben hin auswirkt. Wahrscheinlich ist das juristische Studium der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament.

Ist im Anfang der juristischen Ausbildung dem Jurabeginner „Jurististan“ noch nicht einmal in Umrissen bekannt, so schrumpfen die Geheimnisse dieser Welt mit dem Fortschritt im Auffinden und Entblößen der unbekannten Juristerei auf ein Minimum zusammen. Mit der Bezwingung der juristischen Lerngegenstände BGB, StGB und GG, dem Erkunden der richtigen Lernwege und der Etablierung der gesetzesüberspannenden Rechtsanwendungs-Methodik werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die „Decke“ der Nichtkenntnis mit bleibendem Erfolg aufzuheben – Jura eben zu „entdecken“! Es ist eine schöne neue Welt, die Sie entdecken werden. Ich lade Sie ein zu entdecken, wozu Sie selbst in Wirklichkeit fähig sind, wenn Sie erst einmal entdeckt haben, dass hinter der Vielzahl der Paragraphen eine Einheit steht, die viel einfacher ist als ihre Vielheit.

Hier einige Gedanken zu Ihrem Übergang vom Schüler zum Jurastudenten:

● Der Student ist diejenige Person, die sich beim juristischen Lernen durch das hochschulbasierte juristische Lehren helfen lassen will. Er kommt mit bestimmten Erwartungen in die Hochschule: Er hofft auf gute Lehre, optimale Examensvorbereitung, didaktische Konzepte, bestmögliche Betreuung und Beratung, Mitsprache und eine gute Berufsorientierung. Der junge Student muss aber zunächst lernen, was es bedeutet, Jura zu studieren. Er kommt mit seiner schulischen Lernerfahrung, mit seiner bisherigen Lernbiographie und … mit keinerlei gegenwärtigem Vorverständnis des neuen Studienfaches in die juristische Ausbildung. Dort trifft er in seinem Bildungs- und Ausbildungsgang auf eine fremde Lernumgebung, die charakterisiert ist durch unbekannte „vorlesende“ Lehrveranstaltungen und Lehrmethoden, auf eine Art zu denken, die er so nicht kennt, und auf Klausuren in Form von Falllösungen, denen er noch nie begegnet ist. Im ungünstigsten Fall trifft er auf ein rein dozentenzentriertes, rechtsdidaktisch nicht bestelltes Lernumfeld, im günstigsten Fall auf ein solches, in dem Dozenten lehren, die rechtsdidaktisch gebildet sind und zu aktivem juristischem Lernen einladen.

● Abiturienten, die die juristische Ausbildung in Angriff nehmen wollen, sind zwar durch das Abitur akademisch geboren, aber noch nicht auf die juristische Welt gekommen. Unvorbereitet zu sein vor dem ersten Schritt in das Studium der Rechtswissenschaft, ist eines ihrer wesentlichsten Gattungsmerkmale. Der Übergang vom Schüler zum Jurastudenten ist nicht einfach ein bloßes Hinübergleiten von Schule zu Hochschule. Es handelt sich um etwas ganz Großes an der Schnittstelle zweier Lebensphasen: das zuversichtliche Hineingehen ins eigene Studium. Der Zustrom neuen Wissens im ersten Semester ist gewaltig. Sie haben die Lebensphase des Schülers verlassen und sind in die Lebensphase des Jurastudenten gewechselt. Ihr seelischer und geistiger Zustand wechselt in dieser „Bildungspassage“. Sie werden zu einer neuen Person!

● Der Start in das Jurastudium soll ein ultimativer Neuanfang werden. In der neuen Lebensphase soll alles besser laufen als in der grauen Vorzeit: Neue Freunde, studentische Freiheit, viel Party, interessanter Lehrstoff und Autonomie stehen ganz oben auf der Wunschliste. Und am besten weit, weit weg von Zuhause. Aber Vorsicht! Alles Bisherige wird in einem solchen Rundumschlag für diese Illusion gekappt: Der soziale Rückhalt durch den langjährigen Freundeskreis, die direkte Beziehung zu den Eltern und meist auch Großeltern, natürlich auch die gewohnte Umgebung. Ich möchte Sie vor einer jedenfalls unkontrollierten Flucht von zu Hause direkt nach dem Abitur warnen. Beim Wechsel auf die Hochschule auf den Heimvorteil zu verzichten, ist eine riskante Strategie und nicht immer die beste Wahl. Die wertvolle Anfangseuphorie vieler Erstsemestler verpufft schon beim Versuch, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, Orientierung in einer fremden Stadt zu finden und mit der „großen Freiheit“ zurecht zukommen. Die Energie der ortstreuen Studenten kann dagegen ohne Nebenkriegsschauplätze auf sicherer Alltagsbasis direkt in die schwierigen Anfangsgründe der Juristerei eingesetzt werden. Eine heimatnahe Ortswahl ist auch keine verspielte Chance auf die große weite Welt: Haben Sie sich in Stoff und Studium eingelebt, können Sie immer noch „ausziehen“.

● Mit Ihrer juristischen Ausbildung beginnen Sie einen neuen, auf Jahre hin angelegten, einmaligen Lebensabschnitt. Die neue jura-studentische Lebensphase wird als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet sein. Die Zeit an der Uni kann eine der schönsten im Leben eines Menschen sein und man bekommt sie nie mehr zurück. Das Jura-Studium wird aber seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann gewinnen, wenn es sich auch wirklich auf Ihr Leben hin erfolgreich auswirkt. Wahrscheinlich wird es der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament. Gleichzeitig erwächst aber aus der Einmaligkeit des studentischen Erlebens auch die Schwere der Erkenntnis, dass Versäumtes nicht nachgeholt, Vergangenes nicht eingeholt werden kann und man im Falle des Scheiterns für immer an der Not des Verloren-Habens leiden wird.

● Wenn Sie sich bewusst machen, mit welchen juristischen Mängeln ein Abiturient als hilfloser Anfänger in die neue Welt seiner juristischen Ausbildung hineingeboren wird, dann wird die ungeheure Bedeutung des juristischen Anfangs erst deutlich. Welches Wissen und welche Erfahrungen sind erforderlich, um einer ersten juristischen Klausur erfolgreich zu trotzen? Noch fehlen die meisten derjenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kompetenzen also, die man für den juristischen Erfolg zur Verfügung haben muss. Gleichsam als Ersatz hierfür besitzt jeder Abiturient aber als „homo sapiens“ die unschätzbare menschliche Fähigkeit, lernen zu können. Er kann sein Verhalten jeweils den neuen Erfordernissen und Herausforderungen der Umwelt, d.h. jetzt konkret seiner juristischen Ausbildung, anpassen, um ein guter Jurastudent zu werden.

● Ihr juristischer Wissens- und Problemzuwachs in Vorlesungen und Literatur wächst schnell an. Er darf aber niemals schneller steigen als Ihre juristischen Problem- und Wissensverarbeitungskapazitäten. Es geht deshalb im Übergang vor allen Dingen darum, möglichst stufenweise methodischen und materiellen juristischen Sachverstand in Ihren Anfänger-Lern-Prozess einzubringen, um das notwendige juristische Denk-, Speicherungs- und Fassungsvermögen langsam aufzubauen. Dies ist notwendig, um den Problem- und Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten. Später kann dann alles offen und weit werden, der juristische Geist von der Kette gelassen werden. Aber erst dann!

● Lassen Sie sich bitte nichts von einem Jura-Gen erzählen, das man habe oder eben nicht habe! Eine angeborene Anlage für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ganz selten. Ungewöhnlich kluge und kreative Studenten haben einfach besser, disziplinierter, systematischer, geduldiger und fleißiger gelernt als die anderen. Sie verfügen schlicht über mehr erarbeitetes Wissen, Methodik, haben Falltraining und Systemkenntnis und den Mut, diese auch einzusetzen. Wissen, Systemkenntnis, Methodik und Übung teilen sich in die Klausurenherrschaft, und es gibt für Sie nur einen Weg zu ihrer Erkenntnis: den Weg des ernsthaften Studiums von Anfang an. Der Mythos vom „Jura-Gen“ ist eine irrige Vorstellung. Jeder der beginnenden Abiturienten hat das Zeug, ein guter Jurist zu werden. Es fallen weit mehr Studenten einem schleichenden Niedergang der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin zum Opfer als einer Minderbegabung für Jura.

● Sie betreten nun den offenen Raum des Jurastudiums und müssen sich darin einquartieren. Sie müssen sich dabei in eine Ihnen noch weitgehend unbekannte studentische Existenz neu eingewöhnen. Sie müssen lernen, akademisch selbst zu gehen. Der Schutz der Lehrer und Eltern, der zwischen Ihnen und der äußeren Welt stand, fällt langsam weg. Auch akademische Freiheit muss man lernen! Sie müssen dafür sorgen, Ihr Studentenleben nach Ihren Plänen entsprechend Ihren Lebensverhältnissen, Ihren Anforderungen an sich, Ihren Finanzen, Ihren Hobbys und Ihren Energieressourcen zu gestalten.

● Sie haben längst entdeckt, wie Sie sich als Individuum von den anderen unterscheiden. Die Verletzlichkeit Ihres jungen Selbstgefühls, die übersteigerte Selbstbetonung, das Misstrauen gegen das, was andere sagen, bloß weil es andere sind, haben Sie längst abgelegt. Noch nicht entdeckt haben Sie, als neue Person „Jurastudent“ in studentischer Freiheit und Selbstverantwortung dazustehen und ein eigenes Urteil über Ihre neue studentische Welt und Ihren eigenen Stand in ihr zu gewinnen. Sie werden diesen festen Stand bald finden, indem Sie beginnen, in Ihrer neuen Jurawelt Ihr erfolgreiches studentisches Werk zu tun.
● Sie dürfen nicht der Gefahr unterliegen zu meinen, für Sie sei die studentische Welt „unendlich“ offen, Ihre junge Vitalität sei „unbegrenzt“. Manchmal fehlt Ihnen noch die Kenntnis der Zusammenhänge, der Maßstab für das, was man selbst kann, aber auch der für das, was andere können. Es fehlt das Wissen von der ungeheuren Zähigkeit der Trägheit so mancher Studenten und vom Widerstand, den die Trägheit dem Willen zum Studium entgegensetzt. Sie werden bald entdeckt haben, wie man der Gefahr widersteht, sich in Fleiß und Disziplin zu überschätzen, sich zu täuschen, seinen Willen zum Studium mit der Kraft seiner Durchsetzung zu verwechseln. „Ich will das!“ heißt noch lange nicht „Ich kann das!“

● Sie werden schnell begreifen, dass Ihre neue Lebensphase als Jurastudent bestimmt wird durch eine ganz neue Wertmitte, eine alles beherrschende Dominante. Diese Dominante ist das disziplinierte, organisierte und planmäßige Lernen. Das Wort „Lernen“ ist schnell gesagt, aber sehr reich an Inhalt. In gewisser Weise bedeutet es Ihre ganze studentische Betätigung. Das Problem des richtigen Übergangs in die neue Jura-Welt ist eigentlich zunächst ein Problem Ihrer dozentischen Juravermittler. Studium aber bedeutet, dass es immer mehr zu Ihrem Problem wird. Der Dozent ist nur am Anfang der Sachwalter Ihres studentischen Anliegens, er kann Ihnen das Studieren nicht abnehmen. Sie werden Ihr juristisches Studium selbst in die Hand nehmen müssen. Da heißt es: Disco iura ergo studio iura, lat.: Ich lerne Jura, also studiere ich Jura!

● Eine der Schwierigkeiten des Übergangs vom Schüler zum Jurastudenten besteht in Ihrer inneren Unsicherheit, im Wissen und Doch-noch-nicht-Wissen, im Können und Doch-noch-nicht-Können. Der Übergang wird dann vollzogen sein, wenn Sie die nötige Erfahrung gesammelt haben, um mit juristischen Inhalten, fachlichen Kompetenzen und Falllösungstechniken juristisch zu denken, methodisch zu arbeiten und emanzipiert zu studieren. Dieser Übergang kann gelingen, aber auch misslingen. Ihr Schritt von der Schule zur Hochschule ist erst dann gelungen, wenn Sie eigene Erfahrungen in der neuen Welt gemacht, diese für sich ausgewertet und dann auch angenommen haben. Er wird gelingen, wenn Sie zu würdigen wissen, wie eine wirkliche juristische Lernleistung aussieht und nicht nur eine phantasierte.

● Zu Ihrem studentischen Wesensbild gehört der jugendlich-passionierte Elan des aufsteigenden Studiums. Die psychologische Wirkung dieses Elans, dieser Vitalität, ist das Gefühl unendlicher Möglichkeiten, das Vertrauen in das, was Sie sein werden und leisten und was das Studium Ihnen schenken mag. Dann aber tritt die jura-studentische Wirklichkeit allmählich ins Bewusstsein, vor allem dadurch, dass auch Misserfolge eintreten. Sie entdecken die elementare, aber anfangs nicht wahrgenommene Tatsache, dass die anderen Studenten ebenfalls ihr Können und ihre Fähigkeiten haben, dass sie ebenfalls vorstoßen in neue Räume und nicht bereit sind, sich von Ihnen übertrumpfen zu lassen. Sie entdecken, wie kompliziert die neue Jura-Welt ist, wie wenig Sie mit Ihrem Schulwissen durchkommen. Sie erfahren, was die Vorbedingung für alles ist, was Jura-Studium heißt: Geduldiges Lernen und lernende Geduld.

● Der erste Schritt zum erfolgreichen Wechsel hinüber zum Jurastudium fängt allerdings bei Ihnen selbst an: Sie sollten möglichst schnell den Entschluss fassen, von Anfang an etwas für Ihre juristisch-methodische Ausbildung zu tun. Dazu müssen Sie Ihren Gesichtskreis anfangs möglichst eng halten, innerhalb dessen sich jedoch die Grundstrukturen, Grundbegriffe und Grundmethoden der Juristerei deutlich und prägend beibringen (lassen).

Lassen Sie sich auf Ihrem entdeckenden Übergang in Ihre neue juristische Welt von niemandem entmutigen. Jedem Anfänger präsentiert sich das Recht mit seinen Gesetzen und Methoden als uneinnehmbare Wehrburg, deren Mauern scheinbar keinerlei Eindringen erlauben. Wenn Ihnen aber auf wundersame Weise mit den „Waffen“ der juristischen Denk- und Arbeitsweise, einer spezifischen juristischen Lernsystematik, einer Klausurentechnik, vor allem aber Ihrer Motivation und Beharrlichkeit der Zutritt gelungen ist, werden Sie die Erfahrung machen, dass die meisten Trakte der „Trutzburg Recht und Gesetz“ zwar hervorragend gebaut, aber durchaus „einnehmbar“ sind.

Seien Sie aber gewarnt: Viele Juraprofessoren meinen, es sei nicht Aufgabe der Universitäten – im Gegensatz zu Schule und Fachhochschule – den Stoff des Anfangs umfassend zu vermitteln. Die „vorlesenden“ Damen und Herren Ihrer Fakultät geben Ihnen keine Garantie für die vollständige Behandlung des relevanten und semesterbegleitenden Lehrstoffes. Sie sehen ihre Vorlesungen nur als Angebot, Anreiz, Hilfestellung, Leitfaden zur Vervollkommnung „Ihres“ Wissens. Seien Sie sich von Beginn an Ihrer Eigenverantwortung bezüglich der Aneignung der juristischen Inhalte immer bewusst. „Hat er nicht gebracht!“ geht nicht! Sie können tun und lassen, was Sie wollen an der Uni! Aber nur Sie allein haben ihr Studium auch zu „vertreten“ (juristischer Fachausdruck für „verantworten“). Nur Sie allein sind dafür verantwortlich, sich die zentralen juristischen Studienkompetenzen anzueignen. Übersetzt heißt das, die Fähigkeit zu erwerben, ungeheure juristische Stoffmengen zu verarbeiten, die Fähigkeit, Rechtswissenschaft zu betreiben, die Fähigkeit, juristische Klausuren erfolgreich zu schreiben und … irgendwann das Examen erfolgreich zu bestehen.

Ich weiß: Weit ist oft der Weg vom Hören oder Lesen zum Verstehen und noch weiter der zum veränderten Verhalten. Der Hoffnung, dass nicht allein dem Anfang, wie Hermann Hesse dichtete, „ein Zauber innewohne“, kann man optimistisch hinzufügen: Er wohnt, wenn der Student es klug anstellt, dem ganzen Jurastudium inne!

Warum so viele Jurastudenten bereits in den ersten zwei Semestern scheitern?

Weil sie die Studieneingangsphase leider nicht genutzt haben, um ihre Studienkompetenz aufzubauen. Viele trotten einfach zu oft der Herde der Vorlesungsschafe hinterher. Und: „Scheitern?“ – Das tun doch nur die anderen. Falsch! Auch Sie sind gefährdet. Der „Andere“ ist nämlich nicht anders als Sie. Verkrampfen, verbeißen, verzweifeln, verzagen – scheitern. Abbruch! Traurige Studenten! Dabei handelt es sich meist um solche Studenten, die zu lang am althergebrachten, disziplinlosen Schul- und Studienschlendrian festhalten und die Kurve zum Studium nicht kriegen. Sie werden gleich einem steuerlosen Schiff – anfangs langsam, später immer schneller – vom Sog des Wasserfalls angezogen. Der Sturz über das Kliff ist das Ende einer hartnäckigen Resistenz gegen die Ursachen des Scheiterns. Wenn der Student sich dem Kliff dann bedrohlich nähert, ist es bereits zu spät. Es gibt Gründe für ein Scheitern schon gleich im Anfang des Jurastudiums. Ihre Existenz zu leugnen, hilft nicht über die Tatsache ihres Daseins hinweg. Aber wer die häufigsten Gründe kennt, kann sie bekämpfen. In Ihnen darf das lähmende Gefühl, die Stufe der Inkompetenz, die zum Scheitern führt, erreicht zu haben, gar nicht erst aufsteigen.

Aber zunächst: Warum sollte es sich für einen jungen Jurastudenten überhaupt lohnen, sich mit „Gründen für ein Scheitern“ im Jurastudium herumzuschlagen?

Vielleicht deshalb, weil man vom Scheitern lernen kann, wie man nicht scheitert?
Vielleicht deshalb, weil man nicht nach zwei oder mehr Semestern wieder da ankommen will, wo man aufgebrochen ist?
Vielleicht deshalb, weil einem dann die Not des deprimierenden „Sich-für-dumm-Haltens“ erspart bleibt?
Vielleicht deshalb, weil man vor Sinnfragen im Studium bis auf Weiteres sicher ist?
Vielleicht deshalb, weil sich dadurch ein „langer Wille“ konstituiert, um ein hochkomplexes Jurastudium über weite Zeitstrecken erfolgreich zu bestehen?
Vielleicht deshalb, weil man befähigt wird, ohne Angst, aber mit klarem Blick, den langen Marsch auf den entdeckenden Wegen der Juristerei und ihrer juristischen Denk- und Arbeitsweisen erfolgreich anzutreten?
Oder vielleicht deshalb, weil die Kenntnis über Maßnahmen zur Abwendung oder zumindest Eindämmung schwebender Scheiterungsgründe zu den studentischen Klugheitsregeln eines geglückten Juraeinstiegs gehören?

Vielleicht? – Nein, ganz und gar nicht vielleicht, sondern gerade deshalb!

Beim Weiterlesen sollten wir folgende Unterschiede des Scheiterns im Hinterkopf behalten:
Etwas scheitert: ein Projekt, ein Vorhaben, es ist das Scheitern einer Sachlage, sie fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aber alles bleibt auf Distanz, rückt Ihnen nicht zu Leibe. Das Projekt „Jurastudium“ scheitert an anderen Umständen als an Ihnen.
Ich scheitere an etwas: an einem Ziel, einer Aufgabe, einer Idee oder der Durchführung eines bestimmten Plans. Vielleicht reicht meine Fähigkeit nicht hin, vielleicht ist auch die Zeit noch nicht reif. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht auch an den Umständen. Hier muss ich mich meiner Unzulänglichkeit stellen, meine eigene Verantwortlichkeit mit ins Spiel bringen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert.
Ich selbst bin gescheitert: mit meinem Leben, meinen Ideen, meinem Glauben an mich. Hier dehnt sich das Scheitern auf die ganze Existenz aus, es ist in das Innere meiner Persönlichkeit eingezogen. Sie sind am Projekt „Jurastudium“ gescheitert und an Ihrem Leben.

Es gibt kaum ein Studium, ein studentisches Unterfangen, das mit so viel Erwartungen und Neugier begonnen wird und das mit solcher Häufigkeit fehlschlägt wie das juristische Studium. 50 % Abbrecher? – 30 % Durchfallquote? – In jeder anderen Fakultät würde man bei solchen Zahlen in der Luft zerlegt. In der juristischen nimmt man es einfach hin. Dies ist in allen drei Formen des Scheiterns ein fahrlässiger bis leichtfertiger Umgang mit der Lebensplanung und der Lebenszeit junger Menschen.

Student Eddie

8 Uhr
Eddie sitzt am Frühstückstisch, im Sender seine Lieblingsmusik. Gesundes Müsli, Kaffee – schmeckt und ist gesund. Er blättert die Zeitung durch und stellt fest, wie gut es ihm doch geht. Diese Momente vor dem Aufbruch am Morgen in den Jurastudenten-Alltag genießt er.

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni lacht die Sonne, Eddie flirtet in der U-Bahn mit einer Kommilitonin, er freut sich auf seine Jura-Vorlesungen, die vor ihm liegen, auf das Wiedersehen mit den Kommilitonen. Er hat Lust, loszulegen!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Eddie ist froh, sich gestern auf die neuen juristischen Themen der Vorlesungen durch leichte Einarbeitung im Lehrbuch vorbereitet zu haben. Er kann gut folgen, freut sich über sein Verstehen, vergnügt sich an der „Zeitgenossenschaft“ mit seinen Profs, hält den roten „Faden“ in der Hand und begnügt sich nicht mit der Rolle des passiven Zuhörers, sondern bringt sich aktiv in die Begegnung mit dem neuen Stoff ein.

Ganz anders ergeht es Student Vincent

8 Uhr
Vincent sitzt am Frühstückstisch. Neben sich ein Nutella-Weißbrötchen, mein Gott, wie ungesund ich lebe! Die Zeitungslektüre zieht ihn runter, wie böse die feindliche Welt doch ist. Seine schlechte Laune ist sicht-, spür- und greifbar. Was habe ich mit diesem Jura-Studium zu schaffen? Was verbindet mich mit den Kommilitonen, was mit dem juristischen Stoff?

9 Uhr
Auf dem Weg zur Uni scheint die Sonne. Vincent hasst nach durchzechter Nacht das grelle Licht. Missmutig sitzt er in der U-Bahn, glotzt vor sich hin, hat Angst vor der vor ihm liegenden Vorlesung, die wiederum nur an ihm vorbeirauschen wird, sieht nicht den kecken Blick seiner Kommilitonin. Mir reicht es schon, denkt er, die immer gleich dumpfen Gesichter seiner Kommilitonen, ihre immer gleich dummen Sprüche ertragen zu müssen. Wie ich das alles hasse!

10 Uhr bis 13 Uhr
Im Hörsaal. Genau wie immer: Nichts verstanden. Als Alibi ein paar Satzfetzen mitgeschrieben, obwohl er genau weiß, nichts nacharbeiten zu wollen, weil das noch nie was gebracht hat. Zur Passivität verdammt, i-Pad raus und rumgedaddelt. Gott sei Dank! Es ist vorbei! Wenn das „ich“ bin und das so weitergeht, werde ich scheitern!

Scheitern ist immer der Endpunkt einer Fehlerkette. Fehler sind durch das Nichterfüllen bestimmter Anforderungen gekennzeichnet. Man muss sich also von Anfang an mit den Anforderungen auseinander setzen, die aus dem Umkehrschluss der folgenden „Zwölf Gründe für ein Scheitern“ herrühren. Nehmen Sie das „Auseinandersetzen“ mit den „Zwölf Gründen“ ruhig einmal wörtlich. Setzen Sie jeden der nachfolgenden Punkte auf einen Stuhl und sich selbst gegenüber und schauen Sie das Gegenüber genau und abspeichernd an! Zeigen Sie Ihre Klugheit und bringen Sie die „Zwölf Gründe“ jeweils in die Ich-Form mit zwölf Mal: „Ich nicht!“, um nicht auf dem „Scheiter“haufen Ihres Jurastudiums zu enden.

Die „Zwölf Gründe“ für ein frühes Scheitern im Jurastudium

1. Der Student („Ich nicht“) leidet an der Unfähigkeit, die außergewöhnliche Komplexität des rechtlichen Lernspektrums zu reduzieren und immer wieder auf einfache Alternativen zurückzuführen. Die Reduzierung ist mitnichten eine Banalisierung der Juristerei, sondern die via regis. Dem schlechten Beispiel mancher Lehrbücher folgend, drängt er danach, die juristische Komplexität immer komplexer und verwirrender zu machen, bis er aus dem Labyrinth nicht mehr herausfindet. Ein sicherer Weg zum Scheitern! Am Ende ist man nicht mehr in der Lage, irgendwelche entwirrenden Entscheidungsalternativen zu erkennen. Die juristische Welt ist mit wuchernder Komplexität überzogen.

2. Der Student („Ich nicht“) scheitert am Übergang vom Schüler zum Jurastudenten, weil er zu lange an der ausgelebten Schülergestalt festhält und die wichtige Studieneingangsphase verpasst. Er hat die Neigung zur Beibehaltung bestehender, oft antiquierter, schulischer Wissensaneignungsverfahren, statt sich von Anfang an eine moderne, völlig neue Lernorganisation durch spezifisch-juristische Lernregeln zu schaffen. Man versucht, seine angelernten Schuleigenheiten von einem System ins andere mitzunehmen. Diese erweisen sich aber im Hochschulsystem als höchst unzuverlässig.

3. Der Student („Ich nicht“) scheitert an dem notorischen Mangel von fundierter und vor allem fundierender Ausbildungsliteratur und rechtsdidaktisch qualifiziertem Lehrpersonal. Am Anfang müssten die besten Professoren lehren und schreiben, danach genügen auch die schlechteren. Der Student sucht sich die falschen Lehrmeister, auch und gerade in der wuchernden Literatur.

4. Der Student („Ich nicht“) strauchelt an der Schwierigkeit, den Nutzen von Vorlesungen und Lehrbüchern optimal für sich zu realisieren. Zu Deutsch: Der Dozent redet und schreibt vor sich hin und an den Studenten vorbei. Der Student sitzt die Zeit auf den Hörsaalbänken ohne Gewinn für sich ab. Er hat keine Anleitung, mit diesen Zeitfressern umzugehen, um aus manch einer „Leerveranstaltung“ eine „Lehrveranstaltung“ zu machen.

5. Der Student („Ich nicht“) verinnerlicht nicht die Erkenntnis, dass nicht das Wort des Professors sondern das des Gesetzes im Mittelpunkt des Interesses stehen muss. Die Primärliteratur ist und bleibt das Gesetz, das A und O der Juristerei; alles andere ist Bei- und häufig genug Blendwerk. Der Student geht zu selten den richtigen Weg vom Gesetz zur Literatur, vielmehr zu häufig den falschen in umgekehrter Richtung.

6. Dem Student(„Ich nicht“) mangelt es an dem Bewusstsein, wie man mit juristischen Gesetzen handwerklich umgeht und Probleme auseinander nehmen, strukturieren und Schwerpunkte setzen muss. Hinzu kommt eine unsystematische juristische Denk- und Arbeitsweise mit dem Gesetz und dem Fall. Er beherrscht seine methodischen Werkzeuge nicht.

7. Dem Student („Mir nicht“) fehlt eine Studienstrategie in Form kurz-, mittel- und langfristiger Studien- und Lernziele. Eine dauerhafte Analyse und Planung (das heißt Strategie) und eine notwendige Priorisierung werden vermisst. Er findet keine Antworten auf die Fragen „Wie bewältige ich die Stofffülle?“ – „Welche Vorlesungen erwarten mich?“ – „Wie ist mein Studium aufgebaut?“ – „Wie organisiere ich mein Studium?“ und „Wie teile ich meine Zeit ein?“ Er fühlt sich nackt, noch durch keinerlei Studienkonzept geschützt.

8. Der Student („Ich nicht“) scheitert an seiner fehlenden Klausurentechnik. Es mangelt an der notwendigen Umsetzungskompetenz von globalem Wissen auf lokales Anwenden in Klausuren. Der Student hat nicht gelernt, wie er sein Wissen klausurentechnisch auf den Fall lenken muss. Ihm fehlt die Rechtsanwendungsmethode! Er kann sein „Schreibwerk“ nicht gut genug „verkaufen“. Will man in einer Klausur nicht scheitern, muss man zunächst das juristische theoretische Wissen beherrschen. Das genügt aber nicht! Das wahre Können kennt nur einen Beweis: das Tun! Und das Tun besteht in der Juristerei in der Anfertigung von Klausuren und Hausarbeiten. Man wird erst dann die juristische Klausuren-Kunst beherrschen, wenn man die Ergebnisse seines theoretischen Wissens mit der praktischen Technik des Klausurenschreibens und des Hausarbeitenerstellens verschmelzen kann. Die „Theorie“ wird in der Vorlesung vermittelt, die „Praxis“ zu häufig mit „mangelhaft“ in der Klausur. Sie können noch so viel Wissen haben, wenn Sie es nicht in einer Klausur oder Hausarbeit zu Papier bringen können, werden Sie scheitern!

9. Der Student („Ich nicht“) ist den Weg zur flüssigen Darstellung und zur überzeugenden Präsentation seiner Gedanken nie zu Ende gegangen. Sprachlosigkeit und Konturlosigkeit in seinem juristischen Schreibwerk führen zu Erfolglosigkeit. Er ist zu wenig in der Lage, in Klausuren sein Wissen so aufzubereiten, dass es in „Form“ kommt und dem Korrektor gefällt.

10. Der Student („Ich nicht“) fällt seiner Ignoranz gegenüber den überlebensnotwendigen Sekundärtugenden zum Opfer: Ordnung, Fleiß und vor allem Disziplin. Er weiß nicht, dass diese Sekundärtugendresistenz noch verheerendere Folgen hat als fehlende Intelligenz. Sekundärtugendgesteuerte Studenten sind erfolgreicher als die nur Intelligenten. Sich ausschließlich auf die Intelligenz zu verlassen, ist der verlässlichste Ausgangspunkt des Scheiterns. Lernscheu und Trägheit sind keine Eigenschaften, sondern Entscheidungen, die nur durch den Studenten selbst revidiert werden können durch bewusste Stärkung der Gegenkräfte.

11. Der Student („Ich nicht“) merkt zu spät, dass die Anwendung des Gesetzes auch handwerkliche Tätigkeit ist und nur am Fall erfolgen kann. Das ewig wiederkehrende Spiegeln des Lebensausschnitts (Fall) im Gesetz, das methodische Spiel mit Gutachten und Subsumtion, Auslegungen und Definitionen, Analogien und Umkehrschlüssen kann der Student nicht mitspielen. Er scheitert im Chaos der methodischen Spielregeln, weil er nicht von Anfang an „am Fall“ arbeitet, und zwar am Normalfall und nicht professorenverführt am „Exoten“.

12. Der Student („Ich nicht“) schaut dem Korrektor niemals über die Schulter. Er gewinnt keine Klarheit über den Sinn der Leistungsnachweise und die Genealogie einer Note. Er entwickelt keine Vorstellungen über ihre Entstehung, die Bewertungskriterien, die ent-„scheidenden“ Maßstäbe der juristischen Benotung.

Seit es das Studium der Rechtswissenschaft gibt, gibt es das „Massensterben“ vieler Studenten gleich im Anfang. Das Unbehagen in der rechtswissenschaftlichen Nachwuchsgeneration über das „Unternehmen Jura“ ist so alt wie die rechtswissenschaftlichen Fakultäten. Sollten Sie also das Gefühl haben, die Anforderungen im ersten Semester des juristischen Studiums wüchsen Ihnen manchmal über den Kopf, dann sind Sie in bester vergangener wie gegenwärtiger studentischer Gesellschaft! Müssen Sie aber nicht sein, wenn Sie das Steuer Ihres Studiums selbst in die Hand nehmen, mit deren Hilfe Sie dorthin gelangen, wohin Sie vielleicht sonst nie gekommen wären: das 1. Semester mit aufbruchsfroher Lust und gelungenen Klausuren erfolgreich zu beenden.

Aber vielen Jurastudenten fehlt es gerade im Übergang an diesem Wissen und Können, weil es ihnen niemand erklärt hat, sie es nie so richtig gelernt und verstanden haben und die Ziele ihres Studiums nicht kennen. Also:

“Ich studiere Jura“ heißt für Sie ab sofort, folgende Studienziele ständig im Auge zu haben:

 Erstens: „Ich erlerne das rechtstheoretische Wissen des Juristen, zwischen strafbar oder nicht strafbar (Strafrecht), anspruchsbejahend oder anspruchsverneinend (Privatrecht), verwaltungsgemäß oder verwaltungswidrig (Öffentliches Recht), unterscheiden zu können.“

 Zweitens: „Ich lerne Jura als spannende Rechtsanwendung kennen. Ich lerne, die unzähligen denkbaren und undenkbaren rechtlich relevanten Probleme in menschlichen Situationen – der Jurist nennt sie Lebenssachverhalte – mit der großen, aber überschaubaren Zahl von Gesetzen aus Privatrecht, Strafrecht oder öffentlichem Recht unter Zuhilfenahme einer Handvoll juristischer Methoden (Gutachten-, Subsumtions- und Auslegungsregeln) in Klausuren in Einklang zu bringen.“

 Drittens – ganz wichtig: „Ich lerne, mich und mein Studium von Beginn an streng an den Sekundärtugenden Fleiß, Ordnung und Disziplin auszurichten.“

 Und viertens: „Ich werde mir vornehmen, mich vom 1. Tag meines Jurastudiums an den zehn Kriterien aller erfahrenen Prüfer zum juristischen Können der Examenskandidaten zu orientieren. Sie lauten (großes Geheimnis):
1. Der Kandidat kann die Besonderheiten der vorgegebenen Lebensausschnitte von Menschen (Sachverhalte) ausschöpfen.
2. Der Kandidat kann konkrete Probleme im menschlichen Zusammenleben erkennen und zielgenau ansprechen.
3. Der Kandidat kann die einschlägigen Gesetze auffinden.
4. Der Kandidat kann die juristischen Handwerkzeuge konsequent anwenden. Er kann sauber innerhalb des Gutachtens unter die jeweiligen Gesetze subsumieren. Er kann die Gesetze lückenlos und widerspruchsfrei auslegen.
5. Der Kandidat kann unter Konzentration auf die Schwerpunkte des konkreten Falles stimmig argumentieren.
6. Der Kandidat kann die erkannten und angesprochenen Probleme einer überwiegend am Gesetz orientierten, logisch aufgebauten tragfähigen und praktisch brauchbaren Lösung zuführen.
7. Der Kandidat kann neue Rechtsgebiete selbständig und zügig erarbeiten.
8. Der Kandidat kann seine Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeiten beweisen.
9. Der Kandidat kann die Gesetze in ihren gesellschaftlichen Bezügen kritisch reflektieren.
10. Der Kandidat kann mit der juristischen Sprache umgehen.“

Also von wegen: „Das Jurastudium ist ein Paukstudium!“ – „Ich studiere Jura“ – die „Jurisprudenz“ – ist immer spannende Rechtsanwendung. Rechtsanwendungsfragen entstehen immer dann, wenn einzelne Menschen oder Zusammenschlüsse von Menschen sich eigensüchtig nicht an die Gesetze halten, wenn jemand die Gültigkeit eines Gesetzes bestreitet oder Streit darüber entsteht, wie ein abstraktes Gesetz in einem konkreten Fall zu interpretieren ist. Das ist spannend! Da lohnt es doch, sich daran mitzubeteiligen. Oder?

Warum ist die Studieneingangsphase der wichtigste Teil der Examensvorbereitung?

Erfolgreich ist der Jurastudent, der sich klar definierte End- und Zwischenziele setzt, sich genau überlegt, in welcher Schrittfolge er sie wann erreichen will und welche Fehler es zu vermeiden gilt. Dazu gibt es viele Ansätze! Nur eines muss man eben immer: den ersten Schritt in die richtige Richtung tun. Und der liegt in der Studien-eingangsphase. Die Studieneingangsphase ist nicht zum Sich-mal-Umsehen da, sondern zum genauesten Hinsehen auf Studium und Examen. Sie werden es kaum glauben: Es ist der wichtigste Teil Ihrer Examensvorbereitung! Sie müssen den Anfang Ihres Studiums mehr vom Ende Ihres Studiums her denken, einem erfolgreichen Examen, und klar stellen, welch überragend wichtige Anteile davon in der Studieneingangsphase erreicht werden sollen. Das Planungsmotto: „Wir fangen erst mal mit Jura an, dann sehen wir weiter“ mag sich für die Planung eines kreativen Events eignen, nicht aber für die Strategie eines Jurastudiums. Es gibt zu viele, die scheitern. Die Ursachen lassen sich fast immer auf Fehler zurückführen, die in den ersten 90 Tagen gemacht worden sind, eben in der Studieneingangsphase.

Und deshalb gleich zu Beginn die sechs Hauptfehler in der Studieneingangsphase, die man für einen gelungenen Anfang unbedingt kennen muss, um sie zu vermeiden.

1. Der Student fängt zu spät mit dem disziplinierten „Studieren“ an. Der Studienbeginn mit seinem juristischen Denken und Arbeiten muss vorverlagert werden auf den ersten Tag des ersten Semesters. Der Berg darf sich gar nicht erst aufbauen. Der Student erfasst nicht, dass das 1. Semester bereits ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Teil seiner Examensvorbereitung ist.

2. Der Student begreift sich selbst nicht als verantwortlich für seine Lernerfolge. „Irgendwann werde ich es schon packen, dafür sind die Professoren doch da!“ Nein, Sie sind auch dafür da! Schuld sind nicht immer die Anderen.

3. Der Student erkennt – wenn überhaupt – zu spät die Kernbereiche und das für das Examen Relevante, verliert sich in den Weiten des Nebensächlichen und hält sich für dumm. Die Dissoziierung tut dem Studenten des Anfangs besonders weh.
4. Der Student beherrscht nicht das Lernen des juristischen Lernens. Das wäre aber angesichts der unfassbaren Stoffmengen besonders wichtig. Ohne das gelernte Lernen „säuft“ er ab.

5. Dem Studenten fällt die Wissensübertragung auf unbekannte Fälle schwer. Er beherrscht nicht den Blick für den Transfer von abstraktem Wissen auf den konkreten Fall. Ihm fehlt die Klausurentechnik!

6. Der Student unterschätzt die alles ent-„scheidende“ Bedeutung der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin und glaubt zu lange, mit schulischen Lerngewohnheiten durchzukommen.

Und damit wird der Berg dann unbezwingbar.

Was in den Juristischen Fakultäten fehlt, ist das „Missing Link“ zwischen der „Schul-Welt“ der frischen Abiturienten und der „Hochschul-Welt“ der jungen Jurastudenten. Der juristische Geist wird viel zu früh von der Kette gelassen und irrt in den ersten Klausuren ziellos umher. Das Allmähliche ist die passende Gangart für das Orientierungswissen des ersten Semesters, nicht der Galopp. Schritt vor Schritt, der Aufbau des Studiums entwächst aus der Logik der Schritte.

Das 21. Jahrhundert wird von Algorithmen beherrscht. Auch die Studieneingangsphase in das juristische Studium ist ein solcher Algorithmus. Ein Algorithmus ist eine methodische Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe Berechnungen angestellt, Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können.

Eine algorithmische Schrittfolge für die Studieneingangsphase könnte in etwa so aussehen:
1. Schritt: Ich muss feststellen, ob ich für Jura motiviert und geeignet bin.
2. Schritt: Ich muss mich über die Länge des Jurastudiums, seine Inhalte, seine Anforderungen, seinen Ablauf und seine Leistungskontrollen umfänglich vorab informieren.
3. Schritt: Ich muss mir klar darüber werden, was sich auf meinem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten für mich persönlich ändert.
4. Schritt: Ich muss wissen, was die Vielfältigkeit der Juristen ausmacht und wie man ein solcher Jurist wird.
5. Schritt: Ich muss den Studienaufbau kennen, einen Überblick über die Vorlesungen, deren Inhalte und deren Quantitäten gewinnen und wissen, was mich an Professoren, Kommilitonen und Curricula erwartet.
6. Schritt: Ich muss eine individuell angepasste Studienstrategie entwickeln, mir meinen ganz persönlichen Studienplan zusammenstellen und beides mit meinen privaten Freizeitbeschäftigungen abgleichen.
7. Schritt: Ich muss entdecken, was es mit den juristischen Gegenständen „Recht“, „Gesetz“, „Rechtssprache“ und „Rechtswissenschaft“ auf sich hat.
8. Schritt: Ich muss das System der Rechtsordnung erfassen und die ersten Studieninhalte aus BGB, StGB und GG darin einordnen können.
9. Schritt: Ich muss die Paragrafen aus den Gesetzen BGB AT, StGB AT und die Artikel der Grundrechte auseinandernehmen und wieder zusammenbauen können.
10. Schritt: Ich muss einüben, juristisch zu denken und zu arbeiten, also lernen, mit den Antwortnormen der Anspruchsgrundlagen und Straftatbeständen umzugehen, sie zu erschließen und in Fällen zu bearbeiten.
11. Schritt: Ich muss das Handwerk der juristischen Methodik in Gestalt von Gesetzeskunde, Auslegung, Gutachten und Subsumtion beherrschen.
12. Schritt: Ich muss Definition definieren, Tatbestandsmerkmale nach allen Richtungen hin auslegen und gutachtliche Präsentationen in BGB und StGB inszenieren können.
13. Schritt: Ich muss wissen, wie ich Vorlesungen optimieren, die Literaturlawine bändigen und juristische Texte individuell erarbeiten kann.
14. Schritt: Ich muss lernen, juristisch zu lernen, indem ich meinen Studienalltag plane, Lerneinheiten intensiviere, das Assoziations- und Baumdiagrammlernen schule, die Komplexität reduziere und … mir die Erfahrungen Erfahrener zu eigen mache.
15. Schritt: Ich muss ständig die Klausurentaktik und Klausurentechnik erst am Normalfall, dann erst am Exoten erproben.
16. Schritt: Ich muss die Sekundärtugenden Fließ, Disziplin und Ordnung aufbauen.
17. Schritt: Ich muss der Rechtswirklichkeit bei einem Gang durch die Gerichtstempel einen Besuch abstatten, um auch die Praxis einmal zu schauen.

Es gibt Tausende von Juraeinsteigern an Hunderten von Universitäten und Hochschulen. Der Algorithmus der Studieneingangsphase aber bleibt für alle der gleiche! Und genau den werden wir ab jetzt einhalten!
Ein wesentliches Merkmal des misslungenen Studieneingangs ist das Hineinstolpern in diese beschriebene Schrittfolge. Wenn der juristische Problemzuwachs schneller steigt als die juristischen Problemverarbeitungskapazitäten des Studenten, ist die methodische Abfolge missglückt. Eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten erlebt man im Hörsaal: Der juristische Stoff bewegt sich viel schneller als das jurastudentische Bewusstsein. Weite Kreise der jungen Juraeinsteiger sind deshalb gerade im Anfang ständig Misserfolgserlebnissen ausgesetzt. Sie fühlen sich geradezu überrumpelt. Sie verstehen wenig und werden mutlos. Hinzu kommt, dass die Anfänger sich meist selbst für dumm halten, so dass schwer verständliche, ja geradezu vorbeifliegende Informationen in Vorlesung und Literatur sie nicht nur nicht informieren, sondern darüber hinaus ihr Selbstwertgefühl beschädigen. Die Verzweiflung wächst! Manch einer scheitert! Das muss keineswegs so sein. Es ist eben nicht normal, nach dem 1. Semester überhaupt keinen Durchblick zu haben.

Nach den ersten 90 Tagen des Jurastudiums (Studieneingangsphase) müsste jeder Jurastudent sagen können:
„Ich kann mir das juristische Wissensangebot aus Vorlesung und Literatur selbstständig und individuell aneignen!“ (Juristische Lerntechnik)
„Ich kann einen juristischen Fall mit meiner Klausurentechnik methodisch sicher und angstfrei angehen!“ (Juristische Klausurentechnik)
„Ich habe das juristisch-subsumierende Denken und gutachtliche Arbeiten im Prinzip begriffen!“ (Juristische Denk- und Arbeitsweise)
„Ich kann die wesentlichen Inhalte des GG, BGB und StGB jeweils in einen Gesamtzusammenhang stellen und blicke durch deren allgemeine Teile durch!“ (Juristisches Wissen)

Das kann aber leider kaum einer sagen! Denn es fehlt schlicht eine propädeutisch-juristische Orientierungsphase als erfolgreiche Studieneingangsphase. Der Studierende findet oft auf seine Frage „Wo und wie, bitte, geht’s zur Juristerei?“ nicht die richtige Antwort. Der erste Elan ist schnell verpufft. Seine Bereitschaft, kluge Gedanken anderer über das Jurastudium als klug zu erkennen und den Rat und die Erfahrung dieser anderen anzunehmen, ist da, aber findet zu wenig Gegenliebe.

Zusammenfassend lassen sich m.E. sechs Funktionen dieser den Anfang fundierenden Studieneingangsphase für das Jurastudium ausmachen.

1. Funktion: Orientierung an der Universität

Der Jurastudent muss seine neue Rolle an der Uni kennenlernen und annehmen. Dazu muss er seine Universität als Organisation, sich als „freien“ Studenten, seinen individuellen Studienaufbau an seine Uni und seine Wissenschaft der Jurisprudenz wahrnehmen. Eine wesentliche Aufgabe kommt dabei dem Hineinwachsen in die Hochschulgemeinschaft (Sozialisation), der allmählichen Vereinigung mit dem Fach Jura (Integration), der Begegnung mit den Lehrinhalten in Vorlesung und Literatur (Lehr-Lern-Kultur) und der Art und Weise der Präsentation und Darstellung in Klausuren (Klausurentechnik) zu.

2. Funktion: Einführung in die Studiengegenstände

Hier geht es um die Überblicke und Einblicke in den juristischen Lehrstoff des ersten Semesters, nämlich die drei Säulen Bürgerliches Recht, Strafrecht und Verfassungsrecht, und speziell um tiefere Ein- und Durchblicke in deren allgemeine Teile BGB AT, StGB AT und die Grundrechte.

3. Funktion: Erlernen der juraspezifischen Denk- und Arbeitsweise

Dieser Teil des Studienanfangs dient dem Erlernen der juristischen Handwerkskunst, hochtrabender: der Methodik, um Lebenssachverhalt und Gesetz in problemlösende Stellung bringen zu können. Zu Deutsch: Fälle lösen zu können. Die unsichtbaren Methoden des Gutachtens und der Subsumtion machen diese Frontstellung erst sicht-bar.

4. Funktion: Selektion

Man muss sich in dieser Statuspassage zwischen Schüler und Jurastudent kritisch überprüfen, ob die Erwartungen, die man an sich und das Jurastudium gestellt hat, der vorgefundenen Realität entsprechen. Man muss testen, ob die Vorstellungen zum Jurastudium eingelöst worden sind. Die rationale Welt, wie sie unsere Juristerei beherrscht, ist nicht jedermanns Sache.

5. Funktion: Juristisches Verständnis anstreben

Das „Juristische Verständnis“ geistert als verwaschener Standardbegriff bis ins Examen um den Studenten herum, ohne dass er jemals weiß, was damit genau gemeint ist. Juristisches Verständnis bedeutet, den Inhalt einer Norm oder einer Normengruppe erkannt, die dahinter stehenden Interessen, Zwecke und gesellschaftlichen Kompromisse ihrer Entstehung hinterfragt, einen Überblick über die Gesetzessystematik erworben und Andockstellen im Langzeitgedächtnis für neue Informationen geschaffen zu haben. Es ist die Überwölbung der Fachsäulen: BGB, StGB, Öffentliches Recht und kann auf sämtliche jurafachbezogenen Bereiche übertragen werden. Um dieses Verständnis muss man sich frühzeitig bemühen.

6. Funktion: Erlernen des juristischen Lernens

Alle Juristen wissen, wie schwer das Erlernen dieser „Juristerei“ ist und wie leicht man scheitern kann. Vielen Studenten fehlt es an einer klaren kurz-, mittel- und langfristigen Konzeption des Lernens und damit an einem sicheren Fundament für ihr juristisches Studium. Studienstrategien für die Juristerei und „fundiertes fundierendes“ Wissen sind aber kein Naturprodukt, das man hat oder nicht hat. Man kann es sich aneignen! Das juristische Studium funktioniert nicht von selbst. Man muss in ihm mit viel Fleiß und viel Disziplin üben, planen, organisieren, variieren, optimieren, trainieren – kurz: viel lernen. Das Jurastudium ist eine Freude für den, der seine Ziele, Arbeitsweisen und Methoden von Beginn an gelernt hat, und es ist eine Qual für den, der ihnen widerstrebt.

Was Sie heute in Hochschulen sofort vermittelt bekommen, ist viel abstraktes Wissen, meist Spezialwissen. –Das juristisch unvorbereitete studentische Gehirn vermag so viele Gesetze, Paragraphen, ihre Absätze, Sätze und Wörter, ihre Ziele und Bedeutungen, ihre Kombinationen und Verweisungen, gar nicht einzeln zu speichern, geschweige denn bei Bedarf in der Klausur ins Bewusstsein zu holen. Was es aber leisten kann, ist, die generellen Weisen der Verknüpfung, die Knoten der Fäden, die die konkrete Methodik unter diesen Gesetzen und für die zu entscheidenden Fälle herstellen kann, zu verstehen. Damit kann der Student, der diese Kompetenzen früh beherrscht, jederzeit erkennen, dass jedes ihm neu begegnende Gesetz immer nach derselben Methodik (Konditionalprogramm) gebildet und nach derselben Methodik (Subsumtion) auf einen Lebenssachverhalt, einen Fall nämlich, sinnvoll anwendbar sind.

Die wahrhaft staunenswerte Fähigkeit des Juristen ist es
aus einem endlichen Reservoir von Gesetzen
unter Benutzung einer relativ kleinen Anzahl von methodischen Regeln,
eine unendliche Zahl von Fällen zu lösen.

Diese Fähigkeit ist das wahrhaft Bewunderungswerte an der Juristerei. Das Geheimnis der Juristen besteht eben in der Beherrschung dieser Formel.

Und diese spezifischen Fähigkeiten muss man sich möglichst früh im Jurastudium aneignen, „zu eigen“ machen, um ein guter Jurist zu werden. Und das passiert in der Studieneingangsphase!

Die anfängliche enorme Breite und Tiefe von juristischen Wissens- und Paragrafenangeboten aus BGB und StGB stiftet ständig neue Verwirrungen in den Studentenköpfen. Im raschen Pulsieren des juristischen Anfangs verlieren sie immer mehr den Überblick, wenn sie diese wuchernde Komplexität nicht durch ein fundierendes Orientierungswissen und einen systematischen Orientierungsrahmen reduzieren würden. Ich werde Ihnen beim Aufräumen des anfänglichen Durcheinanders ab jetzt helfen. Gesetze überleben sich. Die Sternbilder der Methodik und Systematik aber schimmern in ewiger Unvergänglichkeit über den Friedhöfen der Paragraphen, Gesetze und Entscheidungen. Aber nur an ihnen kann man sich orientieren.

Die fundierende Herstellung klarer Stufungen und methodischer Ordnungsstrukturen hat die Bedeutung einer Schutzmaßnahme gegen psychische und kognitive Des-organisation bei allen Nachfragern von juristischem Ausbildungswissen. Deshalb müssen wir jetzt den juristischen Anfängerstoff methodisch aufbauen und für Sie systematisch ordnen, um ihn dann für Ihre juristisch geschärften Augen sehen zu machen.

Das Ganze der juristischen Anfangs-Welt ist ohne Hilfe für den Anfänger ganz einfach nicht mehr zu fassen, es ist zuviel geworden. Die zunehmende Stofffülle und zunehmende Kompliziertheit des Rechts lassen sich ohne Fremderfahrung nicht bewältigen. Im Anfang der juristischen Ausbildung gibt es – so wie in der Kindheit auch – bestimmte „Entwicklungsfenster“, d.h. optimale Zeitpunkte für den Erwerb bestimmter kognitiver Grundfähigkeiten und eines Wissens, auf dem man aufbauen muss. Diese „Fenster“ muss man nutzen! Nach Ablauf bestimmter Zeitintervalle schließt sich nämlich ein solches Fenster, und der junge Student läuft ohne diese schützenden juristischen Prägungen seiner Studienzeit hinterher. Entwicklungsfenster für den Anfang der juristischen Ausbildung sind Entwicklungsfenster mit der Aufschrift „Juristische Denk- und Arbeitsweise“, „Juristische Wissensinhalte“, „Juristisches Lernen“ und „juristische Klausurentechnik“. Die Traumstraßen und Irrwege zigtausender frustrierter Studienabbrecher in Jura haben mir die Erkenntnis hinterlassen, dass ganz am Anfang das Fundament gebaut werden muss, um darauf die Säulen der Juristerei zu errichten.

Ein Überblick über das oft ungeliebte Schuldrecht

Der Wirtschaftsverkehr, der Waren- und Güterverkehr, letztlich der gesamte rechtsgeschäftliche Verkehr musste irgendwie geregelt werden. Die Verpflichtung

  • zur Erbringung von Sachleistungen (Kauf, Tausch, Schenkung),
  • die zeitweilige Überlassung von Sachen (Miete, Pacht, Leihe, Darlehen),
  • die Erbringung von Dienst- und Werkleistungen (Dienstvertrag, Werkvertrag, Reisevertrag, Auftrag),
  • die Leistung von Sicherheiten (Bürgschaft, Schuldmitübernahme)
    mussten in geordnete Bahnen gelenkt werden. Die Rechtsbeziehungen zwischen zwei (manchmal auch mehr) Personen, aufgrund derer mindestens eine Person der anderen eine bestimmte Leistung schuldet und diese von jener diese Leistung auch verlangen kann, nannte er „Schuldverhältnisse“ (s. § 241 Abs. 1), denjenigen, der die Leistung schuldet „Schuldner“, denjenigen, der die Leistung fordern kann „Gläubiger“, und das dies alles ordnende Recht nannte er „Schuldrecht“. Aus dem Schuldverhältnis ergibt sich das Recht des Gläubigers auf die Leistung, die Forderung; ihr entspricht als Kehrseite die Leistungsverpflichtung des Schuldners, die Schuld. Durch das Schuldverhältnis werden grundsätzlich nur die an ihm Beteiligten berechtigt und verpflichtet (Relativität der Schuldverhältnisse). Der Teil des Privatrechts, der im 2. Buch des BGB die Schuldverhältnisse behandelt, ordnet einen ganz wichtigen Bereich des sozialen Lebens.

Die zwei Arten von Schuldverhältnissen:
Solche Rechtsbeziehungen zwischen dem Bürger „Gläubiger“ und dem Bürger „Schuldner“ können nun zum einen als wichtigstem Entstehungsgrund durch Vertrag begründet werden, indem sich die Bürger freiwillig zu einer bestimmten Leistung (Schuld) verpflichten, z.B. durch Abschluss eines Kaufvertrages (s. §§ 311, 433).
Zum anderen können sie aber auch durch das Gesetz selbst begründet werden, indem der Gesetzgeber „ex cathedra“ festlegt, dass beim Vorliegen bestimmter Voraussetzungen, der sog. Tatbestandsmerkmale, der eine Teil dem anderen Teil kraft Gesetzes etwas schuldet.
Ergebnis dieser Überlegungen war es, ein Buch in das BGB einzustellen, welches dieses Recht der Schuldverhältnisse durchnormierte. Das Resultat war das Schuldrecht. Seine Aufgabe besteht also vornehmlich darin, den vertraglichen Rechtsverkehr zu regeln und ungerechtfertigte Vermögensverschiebungen durch Rückabwicklungen sowie Schädigungen durch Schadenersatz auszugleichen. Es bereitet durch vertragliche Verpflichtungen den Umsatz von Waren und Gütern sowie die Erbringung von Arbeitsleistungen (im weitesten Sinn) auf anderer Ebene – der sog. Verfügungsebene – vor.

  • Vertragliche Schuldverhältnisse
    Bei den rechtsgeschäftlichen, also vertraglichen Schuldverhältnissen lassen sich grob fünf Schuldvertragstypen unterscheiden:
    Umsatzverträge, d.h. Verträge, bei denen eine Sache oder ein Recht aus dem Vermögen des Schuldners in das Vermögen des Gläubigers endgültig übertragen werden soll. Sie bereiten also den Umsatz an Waren verpflichtend vor, der sich dann auf abstrakter sachenrechtlicher Ebene durch Verfügungsgeschäfte (§§ 929, 873 Abs. 1, 398) vollzieht.
    – Kauf, §§ 433-479 mit Sondervorschriften für den Handelskauf im HGB
    – Tausch, § 480
    – Schenkung, §§ 516-534
  • Gebrauchsüberlassungsverträge, d.h. Verträge, bei denen dem Gläubiger vom Schuldner der Gebrauch oder die Nutzung von Sachen, Rechten oder Geld zeitweilig überlassen werden soll.
    – Miete, §§ 585-580 a
    – Pacht, §§ 581-597
    – Leihe, §§ 598-606
    Geld-Darlehen, §§ 480-507
    Sach-Darlehen, §§ 607-609
  • Tätigkeitsverträge, d.h. Verträge, bei denen der Schuldner dem Gläubiger seine Arbeitskraft (in der Regel gegen Entgelt) zur Verfügung stellen will.
    – Dienstvertrag (Arbeitsvertrag), §§ 611-630
    – Werkvertrag, §§ 631-651
    – Reisevertrag, §§ 651a-651m
    – Maklervertrag, §§ 652-656
    – Auftrag, §§ 662-674
    Verwahrung, §§ 688-700
  • Gesellschaftsverträge, d.h. Verträge, bei denen sich mehrere Personen zusammenschließen, und durch gemeinsames Handeln, ggf. auch durch Einsatz gemeinsamer Mittel, einen bestimmten gemeinsamen Zweck erreichen wollen.
    – So die BGB-Gesellschaft, §§ 705-740, die für alle Personenzusammenschlüsse die Grundform darstellt.
    – Auf ihr aufbauend die beiden Personenhandelsgesellschaften des HGB: OHG (offene Handelsgesellschaft) und KG (Kommanditgesellschaft).
    – Davon zu unterscheiden ist die Bruchteilsgemeinschaft, § 741 ff..
  • Verträge über die Sicherung und Bestärkung einer Schuld, d.h. Verträge, die an einen bereits vorhandenen Zahlungsanspruch anknüpfen und diesen sichern oder einen Streit über die Existenz des Anspruchs vermeiden wollen.
    – Bürgschaft, §§ 765-778
    – Schuldversprechen oder Schuldanerkenntnis, §§ 780-782
  • Gesetzliche Schuldverhältnisse
    Bei den gesetzlichen Schuldverhältnissen war Ausgangspunkt der gesetzgeberischen Überlegung, dass schuldrechtliche Beziehungen nicht allein durch Verträge, d.h. durch bewusstes und gewolltes Zusammenwirken begründet werden können, sondern es auch möglich ist, dass unabhängig irgendwelcher Willensentschließungen allein durch die Verwirklichung bestimmter gesetzlicher Tatbestandsmerkmale Ansprüche begründet werden.

Das Gesetz stellt drei solcher gesetzlichen Schuldverhältnisse im 2. Buch zur Verfügung (abgesehen von § 987 ff. im Sachenrecht und im Familienrecht die Unterhaltspflicht gem. § 1601 ff.).
 Unerlaubte Handlungen, §§ 823-853 BGB – Diese Bestimmungen stellen darauf ab, dass einer Person in rechtswidriger Weise meist vorsätzlich oder fahrlässig Schaden zugefügt worden ist und wollen einen Ausgleich dieses Schadens herbeiführen. Das System des „Deliktsrechts“ ist zunächst recht einfach zu durchschauen. Am Anfang nimmt das Gesetz eine Aufstellung einzelner, mehr oder weniger festumschriebener Tatbestände der unerlaubten Handlungen vor (§§ 823-825; 831-839). Daneben stellt es eine allgemeine Regel in § 826 BGB auf (Generalklausel). Die Verantwortlichkeit des Täters beruht bei § 826 darauf, dass er vorsätzlich, d.h. wissentlich und willentlich, einem anderen Schaden zugefügt hat und dabei gegen die guten Sitten (Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden) verstoßen hat. Der Nachteil dieser generellen Anspruchsgrundlage für den Geschädigten liegt auf der Hand; er muss den Vorsatz nachweisen.
Besser gestellt ist der Geschädigte daher durch die Anspruchsgrundlagen der einzelnen Deliktstatbestände, wie z.B. bei § 823 Abs. 1, bei denen bereits fahrlässiges Handeln (§ 276) zur Verantwortlichkeit des Täters führt.
Noch besser gestellt ist der Geschädigte in den Fällen, in denen der Gesetzgeber die Schadenersatzpflicht, ohne Rücksicht auf ein irgendwie geartetes Verschulden des Täters, allein aufgrund der Tatsache eintreten lässt, dass jemand die wirtschaftliche Verantwortung für mögliche Schadensfolgen eines gefährlichen Zustandes oder einer erlaubten aber gefährlichen Tätigkeit tragen muss, wie z.B. bei § 833, der Tierhalterhaftung, oder bei dem praktisch heute wichtigsten Fall der Gefährdungshaftung, der des Kraftfahrzeughalters gem. § 7 StVG (sog. Gefährdungshaftung, d.h. Haftung ohne Verschulden).

  • Ungerechtfertigte Bereicherung
    Hierbei geht es um die Erlangung eines Vermögensvorteils ohne Rechtsgrund. Die Vorschriften des § 812 ff. begründen ein gesetzliches Schuldverhältnis und haben gemeinsam den Grundgedanken, einen Anspruch auf Rückgängigmachung eines Rechtserwerbs zu gewährleisten, der z.B. aus Gründen des Abstraktionsprinzips oder zum Schutz eines gutgläubigen Erwerbes zwar gültig vollzogen ist, aber im Verhältnis zu dem Benachteiligten des rechtfertigenden Grundes entbehrt. Ziel der ungerechtfertigten Bereicherung ist es, dort einen gerechten und billigen Ausgleich durch Herausgabe des Erlangten bzw. Wertersatz zu schaffen, wo das Recht zunächst einen wirksamen Vermögenserwerb herbeiführt, obwohl dieser mit den Anforderungen materieller Gerechtigkeit nicht in Übereinstimmung steht.
    Die ungerechtfertigte Bereicherung des § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt. setzt tatbestandlich voraus, dass der Anspruchsgegner ein „Etwas“ durch die „Leistung“ des Anspruchsstellers „ohne Rechtsgrund“ erlangt hat und ordnet als Rechtsfolge die Herausgabe des „Etwas“ an.

Beispiel: Bei dem Erwerb eines Fahrrades ist der Kaufvertrag zwischen V und K wegen Wuchers gem. § 138 Abs. 2 unwirksam. Kaufpreiszahlung und Übereignung des Fahrrades sind aber wirksam erfolgt.

Den erforderlichen Ausgleich schafft § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt.. Dieser Anspruch, der Leistungskondiktion genannt wird, dient dazu, rechtsgrundlose, also „ungerechtfertigte“ Zuwendungen, also Bereicherungen (TBM „etwas“ in § 812 Abs. 1 S. 1) rückgängig zu machen. Das ist sein einziger Zweck! Wer A – wie Abstraktionsprinzip – sagt, muss auch B – wie Bereicherungsrecht – sagen!
Der Tatbestand dieser Anspruchsgrundlage des § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt. enthält drei Voraussetzungen:

  • Der Anspruchsgegner muss „etwas“ erlangt haben, er muss also bereichert sein. Eine Bereicherung liegt vor, wenn ein irgendwie gearteter Vermögensvorteil feststellbar ist. Im Beispielsfall ist der Käufer um das Eigentum und den Besitz an dem Fahrrad bereichert.
  • Die Bereicherung muss durch eine „Leistung des Anspruchsstellers“ eingetreten sein. Dabei wird unter Leistung jede bewusste und zweckgerichtete Vermehrung fremden Vermögens zur Erfüllung einer bestehenden oder vermeintlich bestehenden Verbindlichkeit verstanden. Im Fallbeispiel wollte der Verkäufer V das Vermögen seines Käufers K zum Zwecke der Erfüllung des Kaufvertrags durch Übereignung des Fahrrades und Besitzverschaffung vermehren.
  • Schließlich muss diese Vermögensmehrung „ohne rechtlichen Grund“ (lat.: sine causa) erfolgt sein. Rechtsgrund für die Vermögensverfügung könnte hier der Kaufvertrag über das Fahrrad gewesen sein (§ 433). Ist der Kaufvertrag jedoch unwirksam, so fehlt es an einer Causa für die Eigentumsübertragung.
    Für diesen Fall des kumulativen Zusammentreffens der drei Tatbestandsmerkmale bestimmt § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt. als Rechtsfolge, dass das Erlangte, im Beispielsfall also das Eigentum und der Besitz am Fahrrad, wieder an den ursprünglichen Berechtigten herauszugeben ist. V hätte gegen K also einen Anspruch auf Rückübereignung des Fahrrades aus § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt., wenn der Kaufvertrag aus irgendeinem, vom Klausurersteller in dem Sachverhalt versteckten Grund unwirksam gewesen wäre. K ist dann „ungerechtfertigt“, d.h. ohne Rechtsgrund auf Verpflichtungsebene, „bereichert“ auf Verfügungsebene um Eigentum und Besitz. Die Rückabwicklung rechtsgrundloser Zuwendungen (das Gesetz nennt dies „ungerechtfertigte Bereicherung“), also wirksamer Verfügungsgeschäfte ohne wirksame Verpflichtungsgeschäfte, erfolgt über den Anspruch des § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt., der Leistungskondition genannt wird.
    Es handelt sich um ein gesetzliches Schuldverhältnis, das eine nicht gerechtfertigte (ungerechtfertigte) Vermögensverschiebung (Bereicherung) ausgleichen will (§§ 812-822). Die bereicherungsrechtlichen Rückgabeansprüche werden als Kondiktionen bezeichnet. Die Bereicherung kann durch folgende Umstände zustande gekommen sein:
  • Die Bereicherung beruht auf der Leistung eines anderen, d.h. eine bewusste und zweckgerichtete Handlung des Gläubigers des § 812 Abs. 1 S. 1, 1. Alt. hat zur Vermehrung des Vermögens des Schuldners geführt, ohne dass ein Rechtsgrund (causa), z.B. ein Vertrag, bestanden hat.
  • Die Bereicherung ist in „sonstiger Weise“ auf Kosten des Gläubigers erfolgt, § 812 Abs. 1 S. 1, 2. Alt. (Max schmuggelt sich ins Kino – Blinder Passagier), also ohne eine „Leistung“ i.S.d. § 812 Abs. 1 S. 1 1. Alt., aber ebenfalls ohne Rechtsgrund.
  • Die Bereicherung beruht darauf, dass ein gutgläubiger Erwerb einer z.B. von Max unterschlagenen Sache stattgefunden hat, die der Eigentümer im Interesse der Rechtssicherheit gem. §§ 929, 932 hinnehmen muss. Vom Erwerber kann somit die Sache nicht gem. § 985 BGB herausverlangt werden. Hier ist der Nichtberechtigte Max um den Verkaufspreis, den er vom gutgläubigen Erwerber erhalten hat, ungerechtfertigt bereichert: Er hat eine Sache, die ihm gar nicht gehört, veräußert und dafür die Gegenleistung erlangt. Diese ungerechtfertigte Bereicherung muss er an den Eigentümer gem. § 816 Abs. 1 S. 1 herausgeben. Hätte Max die fremde Sache nicht verkauft, sondern verschenkt (unentgeltliche Verfügung), so wäre der Erwerber selbst auf Kosten des Eigentümers ungerechtfertigt bereichert und müsste die Sache an den Eigentümer herausgeben. Max hätte ja nichts erlangt, § 816 Abs. 1 S. 2.
  • Die Bereicherung beruht darauf, dass jemand durch die Annahme einer Leistung gegen ein gesetzliches Verbot oder die guten Sitten verstößt, wobei das abstrakte Erfüllungsgeschäft auf Grund des Trennungsprinzips als wertneutral eingestuft wird, also wirksam, das zugrundeliegende Kausalgeschäft aber wegen §§ 134, 138 unwirksam ist. Hier hat der Empfänger dem Leistenden das Erlangte herauszugeben, es sei denn, ihm fällt gleichfalls ein solcher Verstoß zur Last, § 817.

Rechtsfolge aller Bereicherungsansprüche ist die Verpflichtung zur Herausgabe des Erlangten einschließlich gezogener Nutzungen und desjenigen, was auf Grund des Rechts erworben wurde, § 818 Abs. 1. Ist die Herausgabe unmöglich, ist stattdessen der Wert zu ersetzen. Ist die Bereicherung weggefallen, der Schuldner also entreichert, entfällt sowohl der Herausgabeanspruch als auch der Wertersatzanspruch,
§ 818 Abs. 3.

 Geschäftsführung ohne Auftrag – Ein drittes gesetzliches Schuldverhältnis erfasst Lebenssituationen, in denen jemand im Interessenbereich eines anderen tätig wird, ohne hierzu aufgrund eines Vertrages oder einer gesetzlichen Regelung, etwa elterlicher Sorge oder Betreuung, verpflichtet und berechtigt zu sein. Grundsätzlich darf man sich nämlich in fremde Angelegenheiten nicht einmischen, ohne Schadenersatzansprüche zu riskieren (vgl. § 678). Man kann aber auch für einen anderen tätig werden, um ihm zu helfen, um sich im wirklichen oder mutmaßlichen Willen des Betroffenen um seine Interessen zu kümmern. Besorgt man also ein Geschäft für einen anderen in dessen Interesse, ohne von ihm beauftragt zu sein, so nennt man dieses dadurch begründete Schuldverhältnis „Geschäftsführung ohne Auftrag“ (vgl. § 677 ff.).

Nehmen Sie an, Max findet auf seiner Nachhausefahrt den durch einen Verkehrsunfall schwer verletzten Otto, der bewusstlos in seinem Pkw liegt. Max bringt ihn ins Krankenhaus, wodurch seine Polster im Wagen durch Blut verschmutzt werden. Gem. §§ 683, 670 BGB (die Geschäftsführung ohne Auftrag ist in ihrer gesetzlichen Ausgestaltung sehr stark dem Auftragsrecht angenähert) könnte Max von Otto daher Ersatz der Reinigungskosten verlangen.

Zusammenfassend: Das Schuldrecht enthält Vorschriften über die persönlichen Rechtsbeziehungen von Person zu Person, aufgrund derer mindestens eine Person der anderen Person eine bestimmte Leistung schuldet („Schuldverhältnisse“) und teilt sich in zwei Teile („Vor-die-Klammer-ziehen-Methode“):
Allgemeiner Teil des Schuldrechts
 Begriff und Inhalt von Schuldverhältnissen
 Stationen der Entwicklung von Schuldverhältnissen
 Entstehung von Schuldverhältnissen
 Erlöschen von Schuldverhältnissen
 Störungen bei Schuldverhältnissen
(Leistungsstörungen: Nicht-, Spät-, Schlechterfüllung)
 Übertragung von Forderungen aus Schuldverhältnissen auf Gläubigerseite
 Übertragung von Schulden aus Schuldverhältnissen auf Schuldnerseite
 Mehrheit von Gläubigern und Schuldnern
Besonderer Teil des Schuldrechts
 Typische vertragliche Schuldverhältnisse in Entstehung und Rechtsfolgen wie
Kauf, Miete, Dienstvertrag, Werkvertrag, Darlehen etc. …
 Typische gesetzliche Schuldverhältnisse in Entstehung und Rechtsfolgen
 Unerlaubte Handlung
 Ungerechtfertigte Bereicherung
 Geschäftsführung ohne Auftrag

Wie kann man feststellen, ob man für Jura überhaupt geeignet ist?

Von bösen Zungen wird der juristische Erstsemesterhörsaal oft als Biotop für Studenten bezeichnet, die nirgendwo wirkliches Talent hätten, Party machen wollten oder von Mama und Papa hiereingesetzt worden wären. Okay, es gibt keine typisch Berufenen für Jura, kein talenttreibendes Schulfach „Jura“ und keine absoluten Alleinstellungskriterien, um die Begabung für das Studium der Rechtswissenschaft exakt beurteilen zu können. Aber es gibt einige Indizien. Die jungen Studenten wissen zu wenig über ihre Eignung für das Jurastudium. Was sind ihre Stärken für Jura, was ihre Schwächen für die Juristerei? – Die Tragik eines Lebens ist die nicht erkannte Begabung. Da sie allerdings ein Leben lang verborgen bleibt, hält sich die Tragik in Grenzen. Schlimmer ist die erkannte, aber nicht ausgelebte Begabung. Deshalb testen Sie sich!

Gibt es ein jurastudentisches Profil, in dem man sich wiederfinden kann?

Ja, das gibt es!

Hier aber zunächst die von Professoren empfohlenen Voraussetzungen und Fähigkeiten für ein Studium im Fach Jura. (Quelle: Professor(inn)enbefragung im Rahmen des CHE Rankings 2014/2015.):

Kommunikationsfähigkeit – Sprachkompetenz – Ausdrucksfähigkeit – Argumentations- und Diskussionsfähigkeit – Lese- und Schreibkompetenz – Textverständnis – Freude am Lesen – abstraktes, logisches, analytisches Denkvermögen – selbstständiges, selbstorganisiertes und -diszipliniertes Lernen und Arbeiten – Selbstmanagement – Bereitschaft zum Selbststudium – Lernbereitschaft – Einsatz- und Leistungsbereitschaft – Belastbarkeit – Ausdauer – Durchhaltevermögen – gute Deutsch- und Fremdsprachenkenntnisse – gute Allgemeinbildung.

Okay!? Peinliche Frage: Welches Studium kann man mit dieser Rundum-Sorglos-Palette von abstrakten Super-Ideal-Eigenschaften eigentlich nicht studieren? – Und was ist daran typisch für ein Jurastudium?

Wir machen es jetzt genauer! Hier sind meine sieben Eignungskriterien, um eine fast verlässliche Vorhersage für Ihr Jurastudium treffen zu können. Sie müssen werden, was in Ihnen steckt. Überschätzen Sie sich, wird es peinlich, unterschätzen Sie sich, ist es schade. Auch hier gilt der weise Spruch des Orakels: Erkenne Dich selbst! Spiegeln Sie sich doch mal!

1. Schulische Voraussetzungen

In einer einschlägigen Studie des Landesjustizprüfungsamtes München wurde vor Jahren einmal versucht, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Abiturnoten und Examensergebnissen des ersten juristischen Staatsexamens aufzuzeigen. Prämisse war die Annahme, dass spezielle Noten in bestimmten Fächern für ein juristisches Studium besonders bedeutsam sind, dass es also schulische Noten-Markierungen auf dem Weg zum Juristen gibt. Die Fächer sind: Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen.

  • Was liegt dieser Annahme zugrunde?
    Die Fähigkeit zum abstrakten logischen Denken wird in der juristischen Ausbildung immer in besonderem Maße gefordert (Mathematik). Die Korrelation von guten mathematischen und herausragenden juristischen Leistungen ist sicher nicht von der Hand zu weisen.
  • Die Fähigkeit, sich in der Juristensprache „Deutsch“ klar, verständlich, knapp, präzise und orthografisch und grammatikalisch sicher auszudrücken, „Fälle“ vernünftig aufzubauen und zu gliedern, Gedanken stringent zu entwickeln, ist bei der gutachtlichen Fallbearbeitung im Jurastudium gefordert (Deutsch). Sprachliche, rhetorische Ausdrucksfähigkeit, Grammatik, Orthographie, Darstellungskunst, Diktion, Stil und Form nehmen einen immer höheren Stellenwert bei der Beurteilung juristischer Arbeiten ein. Sprache ist und bleibt nun einmal das Medium jedes Juristen, manche sagen, die „Waffe“ des Juristen für seine Argumentationskünste.
  • Die Fähigkeit, Gedanken aus der eigenen Sprache zutreffend und unzweideutig in eine andere Sprache, die Juristensprache, zu übertragen – und umgekehrt -, erfordert sprachliches Einfühlungsvermögen und Phantasie, Fähigkeiten, über die ein Jurist ebenfalls verfügen muss. Die Umsetzung der Gesetzessprache in die Alltagssprache und der Alltagssprache in juristische Gutachten, Hausarbeiten, Referate, später in Relationen und Urteile, Schriftsätze und Anklagen, ist in der Tat ein mit der Fremdsprachentechnik vergleichbarer Vorgang (Fremdsprachen).

Die Ergebnisse der Studie waren verblüffend: Je schlechter die Abiturnote in den erwähnten Fächern war, desto länger war die Studiendauer und um so höher war die Misserfolgsquote im Examen (die Abbruchquote wurde zwar nicht untersucht, würde die Prämisse aber mit Sicherheit ebenfalls bestätigen). Natürlich wäre es Unsinn, wenn Sie jetzt Ihr Abiturzeugnis zur Hand nähmen und die entsprechenden Noten aufaddierten, um sich anschließend als hoffnungslosen oder hoffnungsvollen Fall einzustufen. Man sollte aber die Tendenz ernst nehmen.

2. Juristische Intelligenz

Einer der umstrittensten Begriffe in der Psychologie, Didaktik und Pädagogik ist „Intelligenz“! Als Fremdwort bedeutet Intelligenz ganz allgemein: rasche Auffassungsgabe, Klugheit, geistige Begabung, Scharfsinn, Verstandeskraft und leitet sich ab von lat.: intelligentia, d.h. Einsicht, Verständnis.

Gibt es nun eine juraspezifische Intelligenz, die mit der allgemeinen Intelligenz korrespondiert? Die sehr große Anzahl vorliegender abstrakter theoretischer Definitionen der Intelligenz sollte nicht hindern, dem Begriff für die Juristerei eine mehr pragmatische Zuschreibung zu geben. Es ist nämlich zu fragen, ob die juristische Intelligenz überhaupt ein stabiles Merkmal ist (Macht der Gene) oder ob sie sich nicht vielmehr durch die kumulative Wirkung von juristischer Lernerfahrung, durch die Entwicklung effektiver Lernstrategien und durch die richtige, weil lerndidaktisch logische Abfolge der juristischen Lernschritte (Algorithmus) steigern lässt, ob also die juristische Intelligenz nicht von Lernprozessen abhängig ist (Macht des Lernens). Juristische Intelligenz ist dann nicht nur Voraussetzung für das Studium, sondern mehr dessen Wachsen im Studium. Kurz: Das ganze Jurastudium ist für Sie ein einziger Intelligenztest! Und anders als bei der allgemeinen Intelligenz ist die juristische Intelligenz auch klar messbar: durch die Noten im Examen!

Intelligenz lässt sich allgemein als die „Fähigkeit zum Problemlösen“ definieren.
Etwas salopp: Ein intelligenter Mensch ist ein Mensch, der (schnell) sieht, was Sache (Problem) ist, und dem (schnell) einfällt, was jetzt zu tun ist (Problemlösung) … und dabei meist Erfolg hat.
Übertragen auf einen Jurastudenten: Ein intelligenter Jurastudent ist ein Mensch, der (schnell) sieht, wo das Problem im Fall steckt und dem (schnell) einfällt, wie das Problem juristisch zu lösen ist … und dabei in Klausuren gute Noten schreibt.

Man könnte auch argumentieren, dass mit juristischer Intelligenz Fertigkeiten gemeint sind, die in den Ablauf des juristischen Denkens eingehen. Juristische Intelligenz wäre dann mehr die Summe spezifischer juristischer Fertigkeiten (Begabungen).

1. Es ist die Fertigkeit, abstrakte oder konkrete Probleme in Gestalt komplexerer Lebenssachverhalte (Klausur) unter Zeitdruck lösen zu können und damit eine schnelle Bewältigung neuer Fallkonstellationen zu ermöglichen. (What is the problem? What is to be done?)
2. Es ist die Fertigkeit zu optimaler Wissensaneignung. Das bloße Herumprobieren und das herumstochernde Lernen an sich zufällig einstellenden Erfolgen wird damit minimiert, wenn nicht erübrigt. (Keine bloße Trial-and-Error-Methode)
3. Es ist die Fertigkeit, juristische Systeme und übergreifende Sinnzusammenhänge assoziativ zu erfassen, anzuwenden, zu deuten und selbst herzustellen. (Nennt man klassisch: juristisches Verständnis)
4. Es ist die Fertigkeit, die Sekundärtugenden von Disziplin, Fleiß und Geduld für den Studienalltag aufzubauen. (Nennt man gehoben: Dekomposition der Sekundärtugendresistenz)

Und das kann fast jeder Abiturient schaffen, denn es geschieht (fast) ausschließlich durch Training. Juristische Fertigkeiten sind anders als vielleicht mathematische, naturwissenschaftliche, sportliche oder künstlerische Begabungen durchaus erlernbar. Überprüfen Sie immer wieder die Passung zwischen Ihrem Studienstand und diesen vier im Jurastudium geforderten Fertigkeiten zur fundierten Überprüfung Ihrer Studienwahlentscheidung.

3. Bestimmte Interessen und Vorlieben

Viele Juristen haben in ihren Berufen Verantwortung für Staat und Gesellschaft. Wer glaubt, ihn gingen die öffentlichen Belange nichts an, sollte sich nach einem anderen Studium umsehen. Unpolitisch, ahistorisch, uninteressiert sind juristische Antieigenschaften.
Ein wenig Sinn für Recht und Gerechtigkeit, ein Interesse an Fragen nach Freiheit, Staat, Gemeinwohl und Ethik sollte man schon mit in das Studium bringen, auch wenn man deren Kern noch nicht erfasst, aber doch erahnt.
Da es ein Jurastudent, wie später der Jurist, sein ganzes berufliches Leben lang, mit Rechtsfällen zu tun hat, muss er ständig Entscheidungen treffen. Dass es von den vier Möglichkeiten: „Ja“ – „Ja, aber“ – „Nein, aber“ – „Nein“ nur noch „Ja“ oder „Nein“ gibt, beruhigt nur auf den ersten Blick. Denn eine davon muss er wählen. Wer sich gern um Entscheidungen drückt, wird es als Jurist nicht sehr weit bringen.
Ganz entscheidend ist die Lust zum logischen Denken. Man muss ein Interesse am Knobeln und Tüfteln, eine Neigung zum Grübeln und Klügeln haben. Bei jedem noch so kleinen Rechtsfall muss der Jurist den Sachverhalt zum einen in einem logisch geordneten, methodisch geregelten Verfahren zum Gesetz in Stellung bringen (das nennen wir später Subsumtion) und dabei zum anderen in einem erneuten logisch geordneten, methodisch geregelten Verfahren (das nennen wir später Gutachten) folgerichtige Schlüsse ziehen.
Die Sprache ist ein wichtiges Instrument der Juristerei: Der Jurist muss vortragen, begründen, plädieren, Gesetze allgemeinverständlich machen, streiten, Recht behalten wollen, diskutieren. Wer mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht, wer bei Fachdiskussionen Langeweile verspürt, Argumentieren hasst, Rhetorik als Rabulistik verteufelt, sollte von Beginn an ein anderes Pferd satteln.

4. Handwerkliche Fertigkeiten

Gute Juristen verfügen über eine Freude an den handwerklichen juristischen Fertigkeiten. – Handwerk? – In den USA herrschte bis 1870 ein erbitterter Kampf um die Fragen: „Wie lehrt man Recht am besten?“ – „Wie, von wem und wo werden Juristen am besten ausgebildet?“ Bis zu diesem Zeitpunkt galt Jura in Amerika als ein Handwerk – „Law is a craft“ – und also in Universitäten „theoretisch“ schlicht nicht erlernbar und folglich nicht lehrbar, vielmehr ausschließlich „praktisch“ vermittelbar in einer Lehre bei einem Rechtsanwalt. Erst allmählich setzte sich in der Eliteuniversität Harvard der kontinentaleuropäische Gedanke durch (Exportschlager war zu dieser Zeit nicht das Auto, sondern die deutsche Universitätsverfassung), dass Jura eine Wissenschaft sei und von den praktischen Lehrwerkstätten der Kanzleien in die wissenschaftlichen Lehrwerkstätten der Universitäten verlegt werden müsse. Aber egal! Ob Lehre oder Studium, immer bleibt das wesentliche Werk der Juristen der zu lösende „Fall“, und der muss auch handwerklich bearbeitet werden mit den Werkzeugen der Gesetze, den Instrumenten der Methoden und der Arbeitshilfe der Sprache.

Der Jurist ist einerseits ein „Sprachwerker“, andererseits ein „Methodenwerker“. Sprache und Methode sind nichts weiter als juristische „Werkzeuge“ zur „Bearbeitung“ von Gesetzen und Lebenssachverhalten (Fällen). So wie es für die unterschiedlichen handwerklichen Gewerke „Hand“-Werkzeuge gibt, so gibt es für die juristischen Gewerke „Kopf“-Werkzeuge zur Anwendung und Auslegung von Gesetzen und zur praktischen Fallbearbeitung. Hier nennt die Wissenschaft sie nur hochfliegend Methoden. Man muss als Jurist folglich eine Liebe zum Handwerklichen, zur Konstruktion, zur Genauigkeit und zum Tüfteln mitbringen.

Die handwerkliche Aufbereitung des abstrakten Gegenstandes „Gesetz“ und des konkreten „Falles“ auf der einen Seite und ihre konkrete methodische Gegenüberstellung im „Gutachten“ durch die handwerkliche Operation der „Subsumtion“ auf der anderen Seite sind eine juristisch-handwerkliche Kunstfertigkeit. Je besser das Handwerk gelernt ist, desto leichter fällt Ihnen der Weg zum Erfolg. Das muss man können und mögen!

In der juristischen Ausbildung geht es immer und immer wieder um Falllösungen, also um die Anwendung, Auslegung, Erklärung von Gesetzen und die Unterordnung von Sachverhalten unter Gesetze. Dieses ewige Spiegeln des Lebensausschnitts im Gesetz, dieses Spiel mit der Subsumtion bewältigt man nur mit dem gekonnten Handwerk des fallorientierten, beispielorientierten und gesetzesorientierten Arbeitens. Auch das muss man können und mögen!

Alles globale juristische Wissen im Kopf nützte letztendlich nichts, wenn es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt fallbezogen umgesetzt und handwerklich sauber lokal angewendet werden könnte. Wer sich auf das Jurastudium einlässt, wacht eben schnell in Klausurensälen wieder auf. Jede „Klausuren- und Hausarbeitsteufelei“ findet ein jähes Ende, wenn man das Handwerk des Klausuren- und Hausarbeitenschreibens gelernt und verinnerlicht hat. Insbesondere das muss man können und mögen!

5. Ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale

Wie jemand studiert, wird auch durch seine Persönlichkeit bestimmt. Studieren findet immer im Rahmen der Persönlichkeit des Jurastudenten statt. Gesucht ist eher der lebhafte Sanguiniker als der träge Phlegmatiker oder der trübsinnige Melancholiker, eher der auf die Außenwelt gerichtete Extrovertierte als der scheue, zurückgezogene Introvertierte, mehr der Gewissenhafte als der leichtsinnig Sorglose und ganz besonders der offene, breit interessierte, wissbegierige, geistreiche, einfallsreiche, erfinderische Jurastudent. – Weniger erfolgreich ist der ängstliche, entscheidungsschwache, verschlossene, nur einseitig interessierte, verzagte, sich häufig selbst bemitleidende Student. Ein gewisser Erlebnishunger nach Neuem und Neuartigem (Neugier) sollte ihm ebenso zu Eigen sein wie eine Empfänglichkeit für Lern- und Studienerfolge (Ehrgeiz), ein entsprechendes hohes Durchhaltevermögen (Geduld) und eine starke Resistenz dieser Eigenschaften gegen eine Löschung durch Misserfolge, gegen ein Aufgeben, wenn sich der Erfolg nicht einstellt (Frustrationstoleranz).

6. Lust am Argumentieren

Zu einem Großteil besteht professionelle juristische Arbeit aus Argumentieren (lat.: argumentum, stichhaltige Entgegnung, Beweisgrund).
Argumentieren, um Streit zu schlichten
Argumentieren, um einen Streit anzuheizen

Argumentieren, um einen Angeklagten zu entlasten
Argumentieren, um einen Angeklagten zu belasten

Argumentieren, um eine Forderung durchzusetzen
Argumentieren, um eine Forderung abzustreiten

Argumentieren, um ein Gesetz zu verteidigen
Argumentieren, um ein Gesetz anzugreifen

Argumentieren, um einer Mindermeinung zur Mehrheitsmeinung zu verhelfen
Argumentieren, um den Angriff einer Mindermeinung abzuwehren

Argumentieren, um ein Urteil zu begründen
Argumentieren, um ein Urteil zu Fall zu bringen
Aber nicht erst der Berufsjurist wird mit solcher Argumentationskunst konfrontiert, sondern schon der Jurastudent wird dazu herausgefordert. Daran sollten Sie Spaß haben. Das Argumentieren stellt den Höhepunkt jeder juristischen Tätigkeit dar. Sie sind hier in Ihren schöpferischen Fähigkeiten und Ihrer Rhetorik angesprochen. Zahl und Art von Argumentationsqualitäten sind unbegrenzt: kreative Qualitäten, Fantasie, die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und die vielen Facetten komplexer Sachverhalte zu erkennen, Urteile oder Sachthemen von allen Seiten auszuleuchten, pointiert zu formulieren, zu analysieren und argumentativ wieder zu synthetisieren. All das spielt beim Argumentieren eine entscheidende Rolle. Und ganz wichtig: Sich vom Schwätzer, Wichtigtuer und Phrasendrescher abzugrenzen.

7. Sie sollten Gefallen am Denken finden.

Denken bedeutet allgemein, geistig zu arbeiten. Juristisches Denken ist die geistige Arbeit an der Beziehung zwischen Gesetz und Fall und an der Reflexion über das Gesetz. In der Juraausbildung kommt es zu einer Menge juristischer Denkableitungen:

  • Durchdenken: Das systematische Durchdringen und Ergründen juristischer Institute, Gesetze und Netzwerke.
  • Eindenken: Die forschende, neugierige Arbeit am Anfang eines zu erarbeitenden Falles mit einem Schuss von Motivationsfunktion.
  • Erdenken: Die Aufgabe, Assoziationsketten zu knüpfen, Baumdiagramme zu entwickeln und Kreativität zu entfalten.
  • Herausdenken: Der Mut, eingefahrene juristische Wege zu verlassen.
  • Hineindenken: Das Einbuchstabieren in juristische Probleme sowie das Einfühlen in juristische Autoritäten.
  • Mitdenken: Die notwendige überlebenswichtige, begleitende Tätigkeit beim „Vorlesen“ des Dozenten oder beim „Selbstlesen“ der juristischen Autoren.
  • Nachdenken: Der Vorgang des schleichenden Nachgehens schon durch Gerichte und Wissenschaftler vorgedachter juristischer Gedanken.
  • Querdenken: Die innovative, Alternativen suchende, kreative Fähigkeit, juristisch Neues im juristisch Alten zu finden.
  • Teildenken: Die Fähigkeit, juristische Systeme zu reduzieren und die Einzelteile wieder zu synthetisieren (Puzzle-Technik).
  • Überdenken: Die sinnierende Arbeit am Ende eines Erarbeitungsabschnitts mit einem Schuss von Sicherungsfunktion.
  • Umdenken: Das Übersetzen fremder juristischer Gesetzes-, Literatur- und Rechtsprechungstexte in die eigene Sprachwelt.
  • Vorausdenken:
    Das planmäßige, zeitlich und räumlich organisierte und systematische Herangehen an die juristischen Arbeiten.
  • Weiterdenken: Das Schließen von Gesetzeslücken auf der Fährte der Analogie, des Umkehrschlusses und der teleologischen Reduktion.
  • Zerdenken: Das immer wieder neue Sezieren der Gesetze in ihre Konditionalprogramme und das Herausstanzen der Tatbestandsmerkmale und Rechtsfolgen.
  • Zurückdenken: Das reproduzierende Erinnern juristisch gespeicherter Stoffgebiete und das Memorieren gemachter Erfahrungen.
  • Zusammendenken: Das Zusammenstellen juristischer Einzelheiten zu einem juristischen Ganzen.

Laufen Sie nicht gleich weg! Es gibt Tausende von exzellenten Juristen, die über das viele „Geeignetsein“ und „Nichtgeeignetsein“ am Anfang genauso verzweifelt waren wie manch einer der Jurabeginner. Das nur zum Trost! Auch kann niemand einen mittelmäßigen Schüler hindern, als exzellenter Jurastudent sein Lernverhalten zu ändern. Alle stehen am jurastudentischen Start unter den gleichen Bedingungen! Selbstdisziplin, Selbstschulung, Ausdauer, Ehrgeiz und konzentriertes Training sind für den Erfolg im Jurastudium bedeutsamer als (vermeintlich?) angeborene Begabungen oder Geeignetheiten, Intelligenz oder Nichtintelligenz. Und, ganz wichtig: Intelligenz, Begabungen, Fertigkeiten und Kompetenzen sind nicht stabil, sie wachsen! Und jeder Jurastudent kann von Beginn an aus dem noch mehr machen, was Umwelt, Erziehung und Schule schon aus ihm gemacht haben, jenseits aller Verdrängungen und Verklemmungen.

Welche Fragen muss man sich von Anfang an stellen?

Aus Ihrem Interesse an Jura wird ab jetzt schnell Neigung werden! Die magische Zeit zwischen Abitur und Studiumsbeginn, die Zeit der unbekümmerten Planlosigkeit ist durchlebt. Die einzige Zeit im Leben, in der alles offen steht! Eine Zeit, in der aber auch wichtige Entscheidungen reifen mussten, sonst säßen Sie heute nicht hier, wo Sie sitzen. Irgendwann auf der Überlegungsschiene von Pläne-Machen und Pläne-über-den-Haufen-werfen haben Sie dann die Weiche für das Jurastudium gestellt, für ein klassisches Studium, das Ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

Hier die wichtigen 10 Fragen, denen Sie sich von Anfang an gestellt haben sollten, sich aber spätestens nach dem 1. Semester in einem „Reality Check“ gewissenhaft stellen müssen. Mit denen sollten Sie ehrlich und ernsthaft mit sich selbst zu Rate gehen. Entwickeln Sie Ihren ganz persönlichen individuellen Plan, das heißt, eine dauerhafte und tragende Strategie für Ihren juristischen Anfang.

1. Warum will ich Jura studieren? – Es sind die Fragen nach den Motiven.

Einige Stichpunkte: Sozialprestige, breites Betätigungsfeld, gutes Geld, günstige Berufsaussichten, „Was anderes fällt mir nicht ein“, Wunsch der Familie, Macht.

2. Passt Jura überhaupt zu mir? – Es sind die Fragen nach Ihren Eignungen und Fähigkeiten.

Einige Stichpunkte: Was bin ich für ein Persönlichkeitstyp? Was bin ich für ein Lerntyp? – Welche Eignungskriterien gibt es für Jura? – Welche bringe ich davon mit? – Kann ich mich an einem Anforderungsprofil messen?

3. Ist das Jurastudium mein Wunschstudiengang, oder was kommt sonst noch in Frage? – Die Fragen nach den Alternativen.

Einige Stichpunkte: Habe ich ein bestimmtes Talent, bin ich ein Gerechtigkeitsfanatiker, wie stand ich in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen, ein schon lange gehegter Wunsch?
4. Weiß ich, welchen juristischen Beruf ich nach dem Juraabschluss ergreifen kann und will? – Die Frage nach den Perspektiven.

Einige Stichpunkte: Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Richter, Verwaltungsjurist, Wirtschaftsjurist, Polizei oder sonstige Behörde, Notar?

5. Wie stelle ich mir meine Studienbedingungen vor? Wie lange will ich studieren? – Die Frage nach den Situativen.

Einige Stichpunkte: „Stromlinienförmig“ oder breit angelegt? Freischuss oder zehn und mehr Semester? Wo will ich studieren, Massenuni oder kleine Universitätsstadt, zu Hause oder außerhalb, wie und wo kann ich wohnen, wie finanziere ich mein Studium?

6. Wie will ich mein Studium organisieren? – Die Frage nach den Regulativen.

Auch hier einige Stichpunkte: Studienplan, akademische Freiheit oder strenge Disziplin? – Eigene Planung? –Repetitor ja oder nein – Wenn ja, ab wann? – Wann mache ich welche Scheine? – Wie halte ich es mit dem Freischuss? – Hochschulwechsel ja oder nein? Wenn ja, wann? Auslandssemester? Wenn ja, wo und wann?

7. Welches Examensergebnis will ich erzielen? – Die Frage nach den Berufsabsichten.

Reicht mir für die väterliche oder mütterliche Kanzlei ein „ausreichend“ aus? Oder strebe ich in eine Unternehmensberatung, internationale Wirtschaftskanzlei oder in den Richterberuf?

8. Was spricht gegen das Jurastudium? – Die Frage nach den negativen Seiten.

Stichpunkte: Dominanz des Staatsexamens, Zweistufigkeit (weil in Studium und Referendarzeit gesplittet), fehlender Praxisbezug, Vermassung, Trennung von Theorie und Praxis, Juristenschwemme, zu schweres Examen, teurer Repetitorwahn, fehlendes Propädeutikum im Anfang des Studiums, Fehlen einer begleitenden Kontrolle, Klausurenteufelei, viel zu lange Ausbildung.

9. Was spricht für das Jurastudium? – Die Frage nach den positiven Seiten.

Denken Sie in Ruhe nach! Ihnen fällt bestimmt eine Menge ein, ganz individuell. Und wenn nicht, lesen Sie langsam weiter. Haben Sie die letzte Seite gelesen, aber erst dann, wissen Sie mehr über die „Positiven“. „Jura“ kann echt Spaß machen! Das begehrteste Bildungsangebot unserer Gesellschaft ist ein Studium. Nehmen Sie ihr Angebot in Form eines Jurastudiums an!

10. Was zehrt am meisten an den Nerven? – Die Frage nach den Stressoren.

Folgende Stichpunkte sollten Sie kennen:
Das Notensystem: Juranoten sprechen für sich, aber nur wenn man deren Vergabepraxis kennt. In juristischen Prüfungen kann man bis zu 18 Punkte erreichen. Ab 4 Punkte gelten Klausuren als bestanden. Danach staffelt es sich: bis 6 Punkte „ausreichend“ (ca. 50 % aller Studenten), 7 bis 9 Punkte „befriedigend“ (ca. 30 % der Kandidaten) und von 10 bis 12 Punkte ein „vollbefriedigend“, eine Notenstufe, die fast alle anstreben, gerade noch erreichbar erscheint, aber nur von ca. 10 % tatsächlich erreicht wird. Darüber wird es extrem dünn: 13 bis 15 Punkte „gut“ (ca. 2 % aller Studenten), eine Bewertung, die nicht nur „gut“ ist, sondern „hervorragend“, 16-18 Punkte bleibt den Genies vorbehalten, einer von 1000!!! Passen Sie auf: Wer diese Note erreicht, gilt als zumindest verhaltensgestört, wenn nicht schon als geistig behindert. Versuchen Sie einmal, Ihren Mitabiturienten aus anderen Fakultäten klar zu machen, warum Sie bei 10 von 18 Punkten jubeln. Abfälliges Abwinken erwartet Sie. Dieses Notensystem macht Stress: Die Erkenntnis, dass man voraussichtlich allenfalls mit „vollbefriedigend“ abschneiden wird, kränkt das von der Schule verwöhnte Ego und bedarf eines langen Denkprozesses. Ein ungesunder Noten-Konkurrenzdruck entsteht innerhalb der Kommilitonenschaft wie außerhalb mit Freunden. Diese Juranoten sind nämlich nicht vermittelbar.

Die Stofffülle: Eine Unmenge von Stoff muss verarbeitet werden. Sie werden sehr bald zu der Erkenntnis kommen: „Ich werde niemals alles wissen können!“ Sie sehen es auf sich zukommen: „Es kann in den Klausuren alles dran kommen!“ Folge: Sie sind ständig unsicher. Das stresst ungemein!

Der Vergleich: Irgendeiner ist immer besser, hat mehr Punkte in den Klausuren, vielfältigere Zusatzqualifikationen, bringt bessere „soft kills“ mit, ist weiter im Studium und hat schon Auslandssemester hinter sich. Diese Sorgen kennt jeder Jurastudent: Die Topleistungen des Mensa- oder Hörsaalnachbarn bereiten Stress. Sie kennen aber auch die wichtigtuerische Selbstreklame: „Meine Noten, meine Stärken, meine Scheine, mein Fleiß“.

Es stimmt schon: Jura ist ein hartes Studium. Ihre überschaubare Schülerwelt wird geflutet von einer zuvor nicht für denkbar gehaltenen Menge an Informationen und Möglichkeiten, die zu hoher seelischer und körperlicher Belastung führen, die einfach stressen. Mit diesen stressigen Verunsicherungsfaktoren der Außenwelt müssen Sie umzugehen lernen und sich gegen sie wappnen.

Gerade zu Beginn des Studiums wird vieles auf Sie einstürmen, auf das Sie niemand vorbereitet hat und was Ihnen Angst macht.

  • Stofffülle
  • Alleskönner
  • Panikkommilitonen (Furcht steckt an)
  • Zeitdruck
  • Informationslawine der Ausbildungsliteratur
  • Vorlesungsunverständnis
  • Selbstüberforderung
  • Curriculare Unübersichtlichkeit
  • Hörsaalüberfüllung
  • Dozentendrohungen
  • Klausurengespenster
  • Bücherprobleme
  • Einschreibeformalitäten
  • Finanzierungsfragen
  • Nebenjobs
  • Studienplan
  • Infos en masse
  • Hörsaalsuche
  • Massenansturm
  • Mensaschlangen
  • Ein neues soziales Umfeld
  • Keine Ahnung von der Studienliteratur
  • Fehlende eigene Studienplanung
  • Horrorerzählungen der Altsemester
  • Anonymität
  • Isolationsangst
  • Ein Vorbeirauschen der Vorlesungsmonologe
  • Keine Lernkontrollen
  • Keine Lernstrategien
  • Akademische Freiheit oder Repetitorverlockungen
  • Keine Strukturierungen
  • Zeitdruck
  • Stoffdruck

Aber getrost! Die meisten Probleme lassen sich lösen! Machen Sie alles „nach und nach“ und nicht „alles gleichzeitig“ und „sofort“. Für den Studienanfänger ist das Studium gerade dann, wenn man am Anfang der juristischen Leiter steht, am härtesten. Dass im Anfang Zweifel an der Wahl auftauchen, Ängste vor den Klausuren, dem Lernstoff, manch einer Doppelbelastung, schlechten Noten bestehen oder Sorgen über die Finanzen oder beruflichen Chancen aufkommen, ist nur allzu verständlich. Unser Blog hilft Ihnen über diese Anfängerbefürchtungen hinweg und hält sie in Schach.

Allerdings sollten Sie sich mit meinem nächsten Beitrag zunächst einmal durch den Kopf gehen lassen, ob Sie für Jura überhaupt geeignet sind.

Warum kommt es so entscheidend auf den Anfang an?

Weil Sie im ersten Semester alles falsch machen und alles für das weitere Studium Wesentliche verpassen können. Man kann aber auch alles richtig machen! Machen wir uns nichts vor: „Ich mach dann mal Jura“, ist schnell gesagt, aber für den unvorbereiteten Abiturienten nur schwer in die Tat umzusetzen.

Auch Sie sind also unter die Juristen gefallen! Sie haben das Abi gerade hinter sich gebracht? Sitzen mit dem „Schönfelder“ auf dem Schoß in den Vorhallen der Hochschule und grübeln, was Sie hier eigentlich machen sollen? „Jura studieren!“ – Ja! Aber was ist das, „Jura“? – Und wie funktioniert dieses „Studieren“? – Was ist das Besondere an der „Juristerei?“ – Und: „Was kann man damit werden?“ – „Was ist ein Jurastudent? Und was nicht?“ – Und: „Warum scheitern so viele Jurastudenten?“ – „Wer hilft mir?“ – „Gibt es ein Geheimnis des juristischen Anfangs?“ Es gibt kein Geheimnis des juristischen Anfangs. Es gibt nur Erstsemestler, die sich nicht darum bemühen und die deshalb dummen Vorurteilen aufsitzen. Und helfen? Das tue ich gerade mit diesem Blog!

Gleich zu Beginn zwei hoffentlich heiter stimmende Aufmunterungen für Sie: Der Nachteil dessen, dass man aus der Schule fast nichts für Jura mitbringt, ist umgekehrt auch ein großer Vorteil: Alle stehen am Start des Jurastudiums unter den gleichen Bedingungen! Jeder hat die gleiche Chance! Und: Denken Sie an den Allgemeinplatz, er gilt auch im Jurastudium: Ein Kilometer besteht aus 1000 Schritten. Es braucht jeden Schritt, um zum angestrebten Ziel des Examens zu kommen, und die ersten erfolgreichen Schritte tun Sie gerade mit diesem Blog, und zwar in die richtige Richtung.

Der Dumme tut erst am Ende das, was der Kluge am Anfang tut, nämlich sich zu informieren und eine Strategie für sein Jurastudium zu entwickeln, d.h. immer einige Schritte voraus zu sein. Zu einer solchen Strategie gehört die Kenntnis über und die gewissenhafte Planung des Studiums.

Um Studienerfolg zu haben, benötigen Sie von Beginn an Planungskompetenz! „Planen brauchen nur die Gestressten und die ständig an Zeitnot Leidenden.“ Umgekehrt wird ein Schuh draus: „Um nicht gestresst zu sein oder ständig in Zeitnot zu geraten, muss ich planen“. Studentische Freiheit heißt keineswegs Planlosigkeit. Ein gutes Examen hängt immer mit einer optimalen Studienplanung, mit Strategie und Zeitmanagement zusammen. Außerdem haben Sie ohne Planung ständig Gewissensbisse. Sie müssen vom ersten Tag an planen! Allgemeingehaltene Hinweise helfen allerdings kaum weiter. Gute Planung setzt voraus, dass Sie genau wissen, was von Ihnen wann verlangt wird. Sich von Semester zu Semester zu hangeln, ist jedenfalls keine Erfolg versprechende Strategie. Sie müssen sich zeitliche Ziele setzen für die Abarbeitung der Studieninhalte, die semesterbegleitenden Klausuren, für die Zwischenprüfung, die Examensvorbereitung, den Freischuss, den Repetitor und das Examen.

Sie ergreifen mit dem Jurastudium wohl das lernintensivste Studium. Nun müssen Sie nur noch den dazu geeigneten Jura-Studenten schaffen, dem es gelingt, es mit Freude und zügigem Kompetenzzugewinn in Angriff zu nehmen.
Das Jurastudium ist nicht besser und schlechter als andere Studien auch. Es ist ein Himmel für den, der über den rechten Eintritt seine Inhalte, Wege, Ziele und Methoden kennen lernt und juristisches Verstehen selbstbewusst hervorbringt, und eine Hölle für den, der den Eintritt verpasst hat und nichts begreift. Wer das erste Knopf-loch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande. Ja, auf den Anfang kommt es an! Von meinem Standpunkt aus besteht mein rechtsdidaktischen Ziel darin, Ihre anfänglich undifferenzierten und unspezifischen schulischen Anlagen und Fertigkeiten für das juristische Studium aufzuschließen und mehr und mehr in den juristischen Erfordernissen und klausurentechnischen Bedürfnissen punktgenau angepasste Verhaltensformen zu überführen („Ich lerne nicht wild drauflos, sondern weil ich weiß, wohin ich unterwegs bin.“).

Manche, die frisch nach dem Abitur in die juristische Ausbildung gehen, verspüren jeden neuen Tag bei jedem Schritt durch das Hochschulportal das Gefühl von Frust, Alleingelassensein, Enttäuschung, Nicht-mehr-weiter-Wissen – ja: manchmal Ver-zweiflung.

Wie kann man das alles schaffen? – Von selbst jedenfalls nicht! Dafür benötigen Sie zum Auftakt Wegbereiter, Hilfe von außen, da Jura nicht auf dem Lehrplan Ihres Gymnasiums gestanden hat. Während die angehenden Studenten fast aller anderen Fakultäten schon in der Schule zumindest einen Einblick in ihr künftiges Studiengebiet erhalten, wird dem angehenden Juristen außer spärlichen Rechtskunde-AG‘s nichts geboten, was ihm sein späteres Juragebiet näher brächte. Es ist fast wie bei einem „blind date“! Viele fragen:

„Was muss ich eigentlich tun, um wirkungsvoll, schnell und erfolgreich in die ‚juristische Anfangsszene‘ einzusteigen? – Es gibt so viele schlaue Bücher über alles Mögliche, aber kaum eines über das Brückenwissen vom Abi hin zum juristischen Denken und Arbeiten, keines über die Passagen von der Schule hin zu den speziellen Lehr- und Lernmethoden in der Juristerei, keines, das mit mir den Kampf gegen das Vergessen aufnimmt, keines, das praktisches juristisches Lernen vermittelt, keines, das meinen juraspezifischen Arbeitsalltag rhythmisiert, das Vorlesungslernen und Literaturlernen optimiert, keines, das bei Klausuren souffliert. Hinzu kommen meine Fragen: Wie studieren? – Was studieren? – Womit studieren? – Wofür studieren? – Wann studieren? – Wo studieren? – Wie lange studieren? – Fragen über Fragen, durch die ich mich meist selbst navigieren muss, um Enttäuschungen und Umwege zu vermeiden. Schließlich geht es doch um das Fundament für mein ganzes Berufsleben.“

Das Jurastudium ist eine leere Studienchance, wenn die Koordinaten fehlen, die ihm Struktur geben. Zwar sind die für die angehenden Juristen einschlägig-anfänglichen, altehrwürdigen Gesetzeswerke, wie z.B. das GG, das BGB, die ZPO, die StPO und das StGB, beinahe von dem Augenblick ihres In-Kraft-Tretens an und dann durch die Jahrzehnte hin, studiert und bis in die letzten Winkel ausgeleuchtet, kommentiert, gefeiert, verflucht, richterlich und rechtswissenschaftlich durchpflügt und geistig erörtert worden wie – mit Ausnahme der Bibel – wohl kaum ein anderes Werk in Deutschland. Allein das gilt nicht für einfühlsame, rechtsdidaktisch angelegte Einführungswerke in die Kunst des Entdeckens des Anfangs in der Juristerei. Der neugierige Student bleibt meist allein! Zwar gibt es einige Einführungen in die für den Studenten neue Juristerei. Aber nur wenige davon werden von Ihnen freiwillig gelesen. Das liegt an ihrer Rezeptur: Kein „An-die-Hand-nehmen“ der Abiturienten, kein „Brückenbau“ von Schule zur Hochschule, keine „Brückenköpfe“ im fremden „Jurististan“ werden gebaut, zu denen man dann die Brücken des Verstehens schlagen könnte.

In den ersten Tagen und Wochen werden Sie als Student allzu oft mit Horrormeldungen von Dozenten, Assistenten und älteren Semestern überhäuft: Wie schwer ein Jurastudium sei. Wie schnell man für den „Freischuss“ studieren müsse. Wie hoch die Durchfallquote sei. Wie unendlich wichtig ein „Prädikatsexamen“ als Wertmarke für den juristischen Arbeitsmarkt sei. Wie unlösbar die Klausuren oft seien. Und so weiter und so fort. – Die Angst schleicht sich ein! Daraus kann leicht der Eindruck entstehen: „Das schaffe ich nie!“

Falsch! Jura ist keineswegs ein Studium nur für intellektuelle Überflieger, sondern lässt jedem Abiturienten eine Chance. Aber dann müssen die „Ersten Tage der Schöpfung der Jurawelt“ auch ganz überwiegend dem Entdecken unumstößlicher juristischer Gewissheiten, methodisch-ewiger „Wahrheiten“, jurastudentischer Lern-Strategien, dem erlernbaren und nachvollziehbaren juristischen Denken und dem methodischen Arbeiten am zivilrechtlichen und strafrechtlichen Fall gehören.

Und genauso machen wir es! Denn auf den Anfang kommt es an!